Pause

Mit Prüfungen und mir ist es wie mit Schalke 04 und der Meisterschale: Sie stoßen sich ab wie zwei Pole. Meistens verhält es sich dann in Prüfungen genau so wie im Leben, man fällt auf die Fresse. Genau aus diesem Grund verbringe ich viel Zeit an meinem Schreibtisch. Ich lerne und versuche so den Fall auf die Fresse zu vermeiden.

Den Kopf frei bekommen, damit man sich sinnlose Sachen in den Kopf pauken kann, die man eben braucht, um nicht auf die Fresse zu fallen, weil irgendjemand einmal beschlossen hat, dass man Intelligenz darin misst, wer am besten auswendig lernen kann. Es bleibt beim Versuch, da ich immer wieder abgelenkt werde von einem weißen Vogel auf blauem Grund. Ich sitze da, lerne, bekomme plötzlich einen Gedanken in den Kopf und ich verwandle ihn sofort in 140 Zeichen um, um ihn dann durch das Netz zu jagen. Bin ich wirklich nicht mehr fähig, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Bin ich nur noch ein digitaler gesichtsloser Account? Kein analoger Mensch mehr, sondern eine Tweetmaschine gefangen in einer App? Ich möchte das nicht und kann es mir auch nicht erlauben.

Ich habe die Macht über meinen Account abgegeben und bekomme sie auch so schnell nicht zurück. Dies ist keine “Ich lösche meinen Account und komme gefeiert wieder zurück”-Aktion, sondern nur für mich und mein analoges Leben. Aber kümmert euch nicht. Heute ist nicht aller Tage, ich komme wieder und schreib nen Blog über 40 twitterfreie Tage, keine Frage.

Sonderbayern

Der Fußball in der Kreisklasse ist das, was Marcel Reif “vom Kampf geprägt” nennt. Ich sitze auf der Terrasse des Fußballplatzes, trinke ein Radler, lasse mir die Sonne in das Gesicht scheinen und sehe den Betreuern dabei zu, wie sie jede erdenkliche Verletzung mit Eisspray wieder heilen. Zerrung, Prellung, gebrochene Wirbelsäule, alles kein Problem. Eisspray drauf und es geht wieder. Bei jeder gelben Karte brüllt irgendwer: “Schiri, der hat schon gelb!” Weil es eben so sein muss. Hier habe ich einmal in der B-Jugend auf den Ball gekotzt, weil Sonntagmorgen um 10 der Trainer immer einfach die elf Nüchternsten aufgestellt hat. Wir waren zu zwölft im Kader und einer immer verletzt. Hier schoss ich bei einer 2:1-Niederlage mal drei Tore (ja, der Tweet ist wahr). Hier habe ich mit unzähligen Mädchen geknutscht, keins geliebt. Auf dem Feld nebenan haben wir Mofarennen veranstaltet und ab und zu mal ein paar kleine Prügeleien. Die Verletzungen konnte man ja mit Eisspray wieder heilen.

Als das Spiel aus ist, verabschiede ich mich und laufe nach Hause. Unzählige Male bin ich diesen Weg gegangen, mit Promillewerten zwischen 0,2 (ein Radler geht immer) und 2,2. Ich komme an der Bushaltestelle vorbei und rieche wieder das Gras, das hier einst beim ‘Chillen’ nach der Schule die Luft schwängerte. Ich laufe vorbei an dem Hügel, an dem sich immer an Silvester das ganze Dorf trifft, weil man dort das Feuerwerk bis zur Autobahn sehen kann. Vor dem Wirtshaus kotzen sich gerade Männer, die Vatertag feiern, ohne Väter zu sein, aber trotzdem einen Grund brauche sich mittags zu betrinken, die Seele aus dem Leib. Ich bin stolz, irgendwie nicht so zu sein. Hinter der Gaststätte ist der Spielplatz, an dem wir schaukelten, knutschten, kifften, uns stritten und uns wieder versöhnten. Hier haben wir unsere ersten Mentholzigarette geraucht. Eine Zigarette, vier Leute. Ein paar Jahre später haben wir einen Zigarettenautomaten mit einem Traktor von der Wand gezogen. Ich weiß noch immer, wer ihn im Keller hat. Ich laufe bei meiner Mutter vorbei, bekomme Kaffee, Liebe, einen Brief von der Versicherung und bin glücklich.

Als ich endlich zu Hause bin, sehe ich die Bewerbungen, die überall hingehen, nur nicht hier in die Nähe und finde das gerade super. Dieses Dorf hat mir alles gegeben und manchmal sollte man wirklich was Neues machen, wenn das Alte am schönsten ist.

Die Neon: Ein Selbstversuch.

Ich betrete die Bahnhofsbuchhandlung mit dem Vorsatz mir was Vernünftiges zu kaufen. Vielleicht eins dieser Bücher, die man sich nicht auf seine elektronisches Buchausgabegerät laden will, sondern eins, das man im Regal stehen haben will, das man anfassen will und in die Badewanne fallen lassen. Oder ich kaufe mir eine Zeitung, die mich im Zug wirklich intelligent wirken lässt. Auf dem Titel der ‘Zeit’ ist Uli Hoeneß. Ich verwerfe den Gedanken wieder. Die Bücher, die ich besitzen will, stehen schon in meinem Bücherregal oder liegen zum Trocknen nach einem Bad auf der Heizung. Also lande ich vor den Magazinen. Der Spiegel, die BILD für Lehrer. Der Stern, Bilderbuch für Erwachsene. Und die Neon, Möchtegernstimme einer Jugend, die es nie gab. Ich blättere sie durch. ‘Selbstversuch ‘, ‘Selbstversuch’, ‘Unser Redakteur war da’, ‘Eine Nacht bei einem Sodomisten’. Neonredakteure müssen immer alles selbst versuchen. Eine Idee wächst. Kann man die Neon lesen? Jedes Wort, ohne dabei zu einem sabbernden Möchtegernhipster in Strickjacke zu werden? Ich zahle 3,80€ und beginne zu lesen. Die Neon wird an diesem Tag mein ständiger Begleiter. Der härteste Selbstversuch der Menschheitsgeschichte beginnt.

Der Morgen:

Das Inhaltsverzeichnis und ein freundliches ‘Liebe Leserinnen und Leser…’. Politisch korrekt, die weibliche Form natürlich zuerst, starte ich in diesen Tag. Wotan Wilke Möhring wird von seinem Urlaub erzählen, erfahre ich. Wer ist Wotan Wilke Möhring?

Auf Seite 8 berichten hippe Jugendliche, die älter sind als ich, in bunten Pullovern, wovon sie sich nicht trennen können. Ich kann mich nicht von meinen Zweifeln bezüglich dieses Projekts trennen.

Wotan Wilke Möhring ist Raucher und Schauspieler und wäre im Urlaub in Neuseeland fast von Bären gefressen worden. In Neuseeland gibt es Bären? Das soll mir Wotan Wilke Möhring bitte mal beweisen. Und was ist Wotan Wilke überhaupt für eine Name?

Seite 12. Geil, ein Test. Ich muss meinen Job nicht kündigen, sagt der Test. Ist ja super. Weiter.

Seite 14. Unnützes Wissen. Hey, ich weiß, dass Wotan Wilke Möhring fast von Bären gefressen worden wäre. Unnützer kann es doch nicht mehr werden. Oh. “Pro Jahr werden hundert neue Froscharten entdeckt.” Wahrscheinlich neuseeländische Froschbären. Schnell weiter.

Paula Scheidt ist freie Journalistin, steht da. Sie war selbst in Bangladesch. Natürlich ‘selbst’, sonst dürfte sie ja nicht für die Neon schreiben. Ich weiß jetzt, dass die T-Shirts von H&M nicht von glücklichen Kindern kommen. Jede zweite Seite ist übrigens Werbung. Für Klamotten aus Bangladesch. Politisch korrekt natürlich von glücklichen Kindern.

‘In was für einem Land leben wir eigentlich?’ fragt die Neon und begründet die Frage mit der Tatsache, dass man Smartphones nicht als Navi verwendeten darf. Zumindest nicht wenn der Herr Wachmeister kommt. Wieder was gelernt. Wie Wotan Wilke Möhring das wohl findet? Oder wurde der schon von Bären gegessen?

Mit meiner Neon unter dem Arm bin ich der Coolste. Langsam wird es Mittag.

Der Mittag:

Über einen Comic mit afghanischen Soldaten, den ich nicht verstehe, wahrscheinlich weil es niemand selbst probiert hat, komme ich zu Agnieszka Brugger. Wer ist Agnieszka Brugger? Vielleicht die Freundin von Wotan Wilke Möhring? Nö. Sie ist bei den Grünen. Also der Partei. Nicht Werder Bremen. Und auch voll crazy, weil sie ein Piercing hat und alles selbst ausprobiert. Sie spricht über “coole Aktionen im Wahlkampf”. Ziemlich krass drauf. Ich würde sie gerne mit Farbbeuteln bewerfen.

‘Mann liebt Hund’. Die Autorin hat es selbst ausprobiert. Ich lieber nicht. Weiter.

Seite 51. Meredith Haaf hat es selbst ausprobiert: Deutschland ist uncool. Sie zeigt am Flughafen immer lieber ihren amerikanischen Pass. Wahrscheinlich weil die USA so ein cooles Waffenrecht hat.

44 Tipps für die große Liebe: Tipp 1. Schreibe dir die Kleidergröße deines Partners auf. 7. Schreibe Liebesbriefe auf Papier. 43. Pro Porno. 44. Entspannen. Und Zack! weiß ich wieder, warum ich Single bin. Weil ich auch ohne Freundin mit Pornos entspannen kann.

Auf Seite 66 findet die gleiche Meredith Haaf, die Deutschland so doof findet, es auch doof ihre Freunde zu kritisieren. Ich finde Meredith Haaf doof.

Der Nachmittag:

Die Nachkommen von KZ-Überlebenden lassen sich die KZ-Nummer ihrer Verwandten nachtätowieren. Erst schüttel ich im Beat der Musik in meinem Ohr mit dem Kopf. Dann finde ich das doch irgendwie bewegend. Die erste Geschichte, dann die zweite, dann die dritte. Dann blättere ich nach vorne und schaue, wie viele KZ-Nummer-Geschichten da noch kommen. Noch zwei Seiten. Oh Mann. Ich kämpfe mich durch und lese noch 57 Mal die gleiche traurige Geschichte.

‘Die ehrliche Kontaktanzeige’. Ganz ehrlich: Kein Wunder, dass ihr Kontaktanzeigen braucht.

‘Darum ist das so’. ‘Darum schmeißen wir Batterien ungern weg.’ Wer? Wotan Wilke Möhring?

Bis Seite 80 dachte ich immer Pick-up sei ein Schokoriegel. Stimmt aber nicht. Pick-uper sind böse Männer, die Frauen aufreißen. Die Interviewpartnerin hat es selbst probiert. Sicherheitshalber.

Eine Seite später berichtet Lina Schrag, was sie so selbst ausprobiert. Ich bin kurz davor die Neon aus dem Fenster zu werfen. Kommen da jetzt mal Titten oder der Sport?

Kein Sport. Nur Burn-Out. Die Schreiberin hat es selbst… Ihr wisst schon.

Wie werde ich Veganer? In der Oberpfalz gar nicht. In der Oberpfalz verhungern Veganer nämlich. Ich lese von der Autorin, die es versucht hat, und bestelle mir eine Pizza mit Salami und Schinken. Die Sonne geht langsam unter.

Das Einzige, was noch seltsamer ist als Veganer, ist die Waffenlobby. Die wird eine Seite später abgearbeitet. Ich sehne mich zurück nach Wotan Wilke Möhring. Der könnte mit den Waffen seinen Bären töten und dann essen. Das ist aber wahrscheinlich nicht politisch korrekt.

Der Abend:

Hochdeutsch für Anfänger. Die Neon-Autorin hat sich für einen Deutschkurs angemeldet. Selbst. Natürlich. So schreibt sie auch.

Ich verstecke die Neon unter meiner Bettdecke. Wenn das die Stimme meiner Generation ist, will ich Rentner sein. Oder tot. 100 Seiten habe ich schon. Die letzten 60 werden eine Qual. Wir essen keine Schokolade, weil das Pickel macht, und in OPs läuft klassische Musik. Was für ein Glück.

Oh, Nackte. Vielleicht ist dieses Heft doch ganz okay. Der ‘globalisierte Tourismus’ wird mit Brüsten bekämpft, was zwar komisch ist, aber die Brüste sind okay. Der Tourismus, der gerade noch bekämpft wurde, wird eine Seite später beworben. “Kommen Sie nach Bergen”. Die Autorin war auch schon da.

Seite 116. Zur Abwechslung mal ein Selbstversuch. Ein Besuch im Hofbräuhaus Berlin. Ein Philipp Schwenke schreibt, er hätte ein Helles bestellt, lässt sich aber mit Radler fotografieren. In meinem Kopf erhängt sich mein bayrisches Ich.

Dann kommt Werbung. Seitenlange Werbung für die Kleidung aus Bangladesch. Vor lauter Werbung hat die Neon-Redaktion ganz die Selbstversuche verge…. Oh ne. Da ist ja wieder einer. Lars findet Heavy Metal scheiße. Gleich mal auf ein Kreuzfahrtschiff mit 2000 Metalern. Waren alle total cool, schreibt Lars.

Dann noch Musik, die ich nicht kenne, und Filme ohne Wotan Wilke Möhring. Es neigt sich dem Ende zu.

Ganz am Schluss sagt Silvana Koch-Mehrin: “Wenn man richtig fertig ist, braucht man eine Banane.”

Die beste Idee des Tages. Ich habe 12 Stunden Neon überlebt. Jedes Wort gelesen. Ihr gebt mit Marathons an? Ich schmeiße das Heft in den Müll. Für immer. Morgen kaufe ich mir ein Buch. Oder einen Film mit Wotan Wilke Möhring.

Freiheit für die Liebe!

Jeden Tag hole ich mir eine Kaffee zum Mitnehmen bei der hübschen Verkäuferin am Hauptbahnhof. Ich lächle ihr freundlich zu; manchmal glaube ich, dass sie sich freut, wenn sie mich sieht. Dann mache ich einen Spruch oder einen kleinen Witz. Sie lacht dann noch mehr und freut sich. Glaube ich. Im Ohrläppchen trägt sie diese Tunnel, die klein noch ganz süß aussehen, aber mit steigendem Durchmesser suggestiv befremdender werden. Seit einem Jahr kaufe meinen Kaffee. Seitdem stagniert der Durchmesser und das mag ich. Die Tinte unter der Haut zeigt Schwalben am Hals, damit jeder sieht wie frei sie ist.

Ich stecke den Deckel auf den Becher, bedanke mich und drehe mich um. Ich glaube, der Bahnhof wurde von Hitler gebaut. So sieht er zumindest aus. Überall stehen Säulen, die die Armee der Pendler zerteilen und dahinter wieder zusammenführen. Hinter einer dieser Säulen geben sich zwei verschleierte Frauen einen Kuss auf den Mund. Wie sich Liebende zum Abschied küssen, mit den Armen um den Körper der jeweils anderen. Ich stehe da und starre auf das Bild, das wirkt wie inszeniert. Eine Sekunde lang. Die Hitze des Kaffees kommt langsam heiß durch den Becher und verbrennt meine Hand. Die Frauen lösen sich. Für einen Moment sehe ich in traurige braune Augen, bevor sie in dem Gewühl von kaputten Rolltreppen und Bahnsteigen verschwinden. Zwei Frauen, die sich lieben und dabei verstecken müssen. Wie jeder Mensch bin ich nur ein wandelnder Haufen von Vorurteilen. Ich denke sofort an Dinge wie Ehrenmord und Zwangsheirat. Was wäre die Strafe der Taliban für einen lesbischen Kuss in der Öffentlichkeit?

Die Frauen sind lange weg. Ich stehe noch immer da wie eine dieser Säulen von Hitler. Alles, was man heimlich tun muss, ist irgendwie blöd. Egal ob die ersten Zigaretten auf dem Schulklo, der Schnaps am Morgen oder das Retweeten von Favstarmentions. Lieben sollte man nicht heimlich müssen. Ich denke daran, dass ich jetzt seit einem Jahr dieser Kaffeeverkäuferin nur zulächle. Ich drehe mich um und plappere einfach drauf los. Unsere Eltern tauschten noch Nummern, wir Facebooknamen.

Als ich zehn Minuten später wieder in der U-Bahn stehe, vibriert mein Handy. “Die Kaffeebecherfrau mit den Schwalben am Hals und den kleinen, süßen Tunneln möchte mit dir befreundet sein.” Yes! Ein erster Schritt ist getan! Freiheit für die Liebe!

Auswärtsspiel

Als wir in Regensburg umsteigen, sind wir eine laute, singende Menge. “Wenn du mich fragst, wer deutscher Meister wird, dann sage ich: ‘Wir scheißen auf den Rest der Welt, neunmal Meister sind nur wir’.” Am Gleis nach München sind wir die einzigen Glubberer. Es dominieren Lederhosen und Meisterschalen. Wir sind die lautesten und hüpfen, denn ‘Wer nicht hüpft, der ist ein Münchner’. Wir sind ein Fanclub aus unserem Ort, die jüngsten Mitglieder 14, die ältesten 26 Jahre alt. Wir passen aufeinander auf, bleiben immer zusammen. Plötzlich kommen 30 schwarz Gekleidete die Rolltreppe zum Gleis hinunter. Die Spannung ist spürbar. Man spuckt auf uns. Ich weiß nicht, was das soll. Spucken tun für mich nur kleine Mädchen. Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Teil der Münchner Ultras war oder nur Wannabes. Auf jeden Fall sind wir lauter. Ein Polizist funkt panisch in sein Walkie Talkie. Im Zug gehen wir uns aus dem Weg. Als wir den Hauptbahnhof erreichen, warten 100 Polizisten auf einen Fanclub mit 15 Leuten. Wir werden gefilmt, beobachtet und archiviert, sind Teil des Überwachungstaats.

Man begleitet uns zur U-Bahn, denn Fußballfans finden den Weg nicht alleine. In Richtung des Stadions wird die Bahn gerockt. Eine Bahn voller Menschen mit Sternen über dem Emblem. Und wir. “FC Nürnberg aalle, FC Nürnberg aalle…”

Wir wissen, wir können nicht gewinnen. Aber die Spieler sollen den Bayern die Beine kaputt treten und wir die Südkurve aussingen. Lasst uns lauter sein als die Heimmannschaft.

Als wir in das Stadion kommen, fehlen die Ultras. Seit acht Jahren Dauerkarte, immer wieder auswärts mit dabei. Noch nie waren die Ultras nicht da. Als das Spiel beginnt, kommt jemand und schreit, wir sollen rauskommen, die Supporter würden nicht reinkommen. Wir gehen aus dem Block, um das Stadion zu verlassen. Eine Polizeikette riegelt uns ab. “Niemand hat die Absicht, Ihre Freiheit zu berauben.” Ordner schließen die Eingänge. Ich frage mich, in welchem Land wir leben, in dem man Fußballfans einfach einsperren kann. “Fußballfans sind keine Verbrecher” und wer nicht hüpfte, war ein Grüner. Es kommt zu einer Schlägerei zwischen zwei Idioten und ich beginne mich unwohl zu fühlen. Auf dem Rasen wird unsere Mannschaft zerlegt, vor dem Block stirbt der Fußball, den ich so liebe. Erstickt von der Polizei und VIP-Logen.

Zur Halbzeit kommen die Ultras dann ins Stadion. Ich weiß nicht genau, was war. Es ist mir auch egal. Es gab viele Kämpfe in letzter Zeit, untereinander, gegen die Vereine, Polizisten und den “Feind”, über Bengalos, Megaphone und geklaute Fahnen. Ich will mein Team unterstützen und die Ultras beim Support. Ich will singen und springen und vor Freude über ein Tor durch die Reihen fliegen. Ich will keine Prügeleien, Steine schmeißende Hohlköpfe, Leute, die irgendwo einbrechen, um Fahnen zu klauen, und andere Idioten, die sich dafür revanchieren wollen. Diese Spirale des Hasses auf die gegnerischen Anhänger ist nur kontraproduktiv und Wasser auf die Mühlen der Menschen, die die Fankultur so gerne auf dem Westfriedhof begraben würden. Es sind nur weitere Argumente für Ganzköperkontrollen, reine Sitzplatzstadien und Propagandamaterial für die BILD, die Polizei, den DFB und die Rummenigges dieser Welt. Ich finde Gewalt in etwa so cool wie den dicken Viertklässler, der auf dem Pausenhof Schwächere verprügelte, um an ihre Pokémonkarten zu kommen. Ich möchte nicht Teil dieses Kindergartens sein.

Ich bin zu wenig in den Kreisen, um mir ein Urteil zu erlauben, aber wenn wir vor lauter Nebenschauplätzen unser Team auf dem Rasen nicht mehr nach vorne brüllen, dann frage ich mich, was für Fans wir sind. Auch ich möchte keine Sitzplatzstadien, VIP-Logen, alkoholfreies Bier und Fahnenverbot. Für mich ist Fußball singen, ne Bratwurstsemmel, Fahnen schwenken und ein Bier. Das war es und das ist es. Die zweite Halbzeit starre ich auf das Spielfeld. Völlig lethargisch beschließe ich, ab jetzt einen weiten Bogen um München zu machen.

Als wir nach Hause fahren, sind viele der Roten betrunken und übermütig. Wir werden angepöbelt, beleidigt und bedroht. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, als plötzlich jemand zu singen beginnt: “Als ich noch ein ganz kleiner Bub war, da nahm mich mein Vater mit zum Glubb, und ich sah die rot-schwarze Fahne, und ich schwor ihr die Treu bis zum Tod…” Wir singen und klatschen im Takt, bis auch der Gegner in Lederhose langsam beginnt mit seinem Kopf zu nicken. Dann weiß ich wieder, was ich so liebe.

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Das Klischee

Die Plätze in diesem Zug sind aufgeteilt wie Deutschland 1945. Jeder Pendler hat seinen festen Platz. Jeden Morgen werden die Plätze angesteuert wie Terroristen von amerikanischen Drohnen. Ich sitze immer ganz hinten, wie schon früher im Bus, in der kleinen Kammer, die die meisten Nicht-Pendler für die 1. Klasse halten, da der typische Mallorcaurlauber anscheinend die große “2″ an der Tür für eine böse Verschwörung der DHARMA-Initative hält. Gerade habe ich mein elektrisches Buchausgabegerät und meinen Kaffee zum Mitnehmen auf meinem Tisch platziert, als ein Klischee die vermeintliche 1. Klasse betritt und fragt: “Ist das 1. Klasse?” Als niemand der übermüdeten Pendler antwortet, setzt sie sich einfach neben mich. “Ist das ein Kindle?” Ich wünsche mir nichts mehr als morgens um sechs ein Gespräch über Amazon, daher nicke ich freundlich abweisend mit meinem Kopf. “Also ich werde mir ja nie so ein Gerät kaufen. Ein echtes Buch ist durch nichts zu ersetzen.”

Die zwei aufmerksamen Leser dieses digitalen, meist wöchentlich erscheinenden Tagebuchs können sich vielleicht erinnern, dass ich vor einigen Wochen Ähnliches schrieb. Die unterschiedlichen Wege meiner Gedanken und meines Handelns sind seit jeher der Brutkasten meines Selbsthasses. Dieser Selbsthass beginnt nun unvermittelt sich zu verteidigen. Obwohl mir die Klischeefrau eigentlich egal sein könnte, argumentiere ich sie nieder. Dass neben all den Fachbüchern und dem Laptop kein Buch mehr in meine Tasche passt. Dass man das Buch der Blitzkrieg halt nur auf dem Kindle lesen kann. “Welcher Blitzkrieg?” – “Die aus dem Internet.” Außerdem rette ich das Klima, weil ich nicht mehr ständig in die Buchhandlung fahren muss. Der kalte, lange Winter geht quasi auf mich. Um die Klischeefrau vollends aus der Fassung zu bringen, hole ich noch meine Salamisemmel aus der Tasche und beiße hinein, warte, warte… “Also ich ernähre mich ja vegan.”

Ich wusste es. Klischee erfüllt. Veganer sind in der nördlichen Oberpfalz so selten wie Eisbären. Schon Vegetarier verhungern hier, weil die Küche nur Fleisch mit Beilage und Fleischsoße kennt. Veganer laufen dann rum wie die Models von der UNICEF-Broschüre.

Gegenüber lacht der Pendelkollege. Er versucht wohl mich vor der Klischeefrau zu retten, als er fragt, ob ich am Samstag ins Stadion gehe. “Ich wusste, dass du Fußballfan bist.” Die Klischeefrau hat mich entwaffnet. Deine Maske fällt in dem Moment ab, in dem all die zur Schau gestellte Arroganz und das Anti-Hipstertum selbst als Klischee entlarvt werden.

Mein Opa

Im Februar 2006 hatte ich noch deutlich mehr Pickel im Gesicht und Zigaretten in der zerrissenen Hose. Wir feierten den 80. Geburtstag meines Opas. Die Vorliebe für Bier und Wiener Schnitzel habe ich auch nur von meinem Vater und der von seinem, weswegen wir an diesem Tag in einem guten bayrischen Gasthof, in dem noch ein Kreuz über der Theke hängt, waren. Die dicken Gewölbe des Gasthofes lassen mein Nokia verzweifeln. Also sitze ich vor der Tür, ziehe an meiner Lucky Strike und schreibe SMS mit der Dorfschönheit, als mein Vater kommt, mich auffordert das Rauchen sein zu lassen und rein zu kommen.

Nach Schnitzel und dem erstem Bier wird mein Opa gebeten, ein paar Worte zu sagen, also beginnt er zu erzählen. Geboren 1926, mitten in der unruhigen und instabilen Zeit der Weimarer Republik, ist er 7 Jahre alt, als Hitler die Macht ergreift und 13, als der Krieg ausbricht. Er ist kein politischer Junge, aber findet die Hitler Jugend doof, da sie nicht Fußball spielen, sondern immer nur doof durch die Gegend marschieren. Als er 15 ist, beginnt er eine Lehre. Jeden Tag fährt er 20 km mit dem Fahrrad zu seiner Lehrstelle und wieder zurück. Das Marschieren mit der HJ ist inzwischen Pflicht und er schwänzt es immer wieder, nach 40 Kilometern auf einem schlechten Fahrrad und 10 Stunden Arbeit. Die strammen Deutschen finden das nicht so lustig und verwarnen ihn streng.

Mit 16 kommt die Wehrmacht, um ihn abzuholen. Er springt aus dem Küchenfenster, läuft zu einer Scheune, versteckt sich unter Stroh und hofft dem Krieg entgehen zu können. Das Glück ist ihm nicht hold; die Wehrmacht hat ihn gesehen. Dann hat er doch wieder Glück, dass er nicht als ‘Feigling’ sofort exekutiert wurde. Kurz darauf wird er mit Winterkleidung und einem Maschinengewehr ausgerüstet. Alle 16-jährigen Jungen, die jetzt mit ihm eingekleidet werden, sind sich sicher: Es geht nach Russland. Die Armee von Hitler näherte sich gerade Stalingrad. Auf der Ladefläche eines Lastwagens wird mein Großvater durch Europa gefahren. Als morgens die Sonne aufgeht und er zwischen den Ritzen der Plane nach draußen blickt, sieht er den Eiffelturm. Eine glückliche Fügung, die ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Frankreich 1942 war tatsächlich ein relativ friedlicher Ort.

Nun beginnt, was er selbst die schönste Zeit seines Lebens nannte. Auch wenn man das vielleicht nicht sagen darf, weil es für so viele so grausam war. Jeder hat seine Geschichte und diese ist nun so verlaufen. Zwei Jahre lange sind drei junge Männer Grenzposten mitten in Frankreich. In einer kleinen Hütte, an der selten wer vorbei kommt, entwickelt sich eine Freundschaft, von der sie hofften, dass sie ein Leben lang hält. In Wirklichkeit wird nur einer der drei überleben.

1944 landen die Alliierten in der Normandie und drängen die deutsche Wehrmacht immer weiter zurück. Es dürfte klar sein, dass auch mein Opa sich nicht einfach ergab. Fakt ist, dass er ein Jahr später wieder zu Hause in der Küche bei seiner Mutter lag. Eine amerikanische Kugel hat er noch immer im Oberschenkel, doch die Amerikaner haben ihm sein Leben gelassen. Nicht wie die Deutschen, die alles und jeden töteten. In dieser Küche im Jahr 1945 schreibt er zwei Briefe an zwei Mütter, in denen er erzählt, wie ihre Söhne an seiner Seite gefallen sind. Er wird nie wieder über diese Geschehnisse reden – bis zu diesem Tag in der Wirtschaft bei Schnitzel und Bier.

Später wird mein Opa sechs Kinder großziehen, ein Geschäft gründen und erfolgreich führen, Bürgermeister werden und seinem ersten Enkel kurz nach der Geburt eine rote Hose schenken, damit er aussieht wie ein echter “Glubberer”. 1996 trage ich ein Deutschlandtrikot. Er hält meine Hand, als es zum Elfmeterschießen gegen England kommt. 1999, bei meinem ersten und grausamsten Abstieg im Frankenstadion, tröstet er mich, als ich bitterlich weine.

Dieser Text soll meinen Opa in Ehren halten, der mir gezeigt hat, wie man vielleicht leben kann, ohne sich selbst zu verraten, der mir gezeigt hat, wie man Boote aus Holz baut und angelt. Der mich zum Fußball fuhr und mit in das Stadion nahm. Danke Opa.

Opa 1926 – 2008.

Die Wahrheit

Es waren nur drei alte Männer, doch sie bestimmten den Lauf der Geschichte. 1945 trafen sich Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin, um einen Pakt zu besiegeln, der den Planeten anders drehen lassen sollte. Vordergründig wurde das am Boden liegende Deutschland aufgeteilt. Doch was die wenigsten wissen: Mitten im 2. Weltkrieg hatten die Alliierten das erste Mal Kontakt mit etwas, was nicht irdisch war. Besiegelt wurde ein Nichtangriffspakt im Wissen, dass da draußen noch was anderes war. 1950 flogen die Russen und die USA gemeinsam zum Mond. Was sie dort fanden, waren Schädel, die nicht menschlich sind.

Der kalte Krieg nur Täuschung, die Kubakrise nur ein inszeniertes Schauspiel mit Fidel Castro in der Hauptrolle. Als Kennedy mit dem Gedanken spielte, die Wahrheit auszusprechen, traf ihn der Schuss in den Hinterkopf. Ein geheimes Labor tief in der amerikanischen Wüste hatte längst die Macht übernommen. Sie ließen Apollo 11 auf dem Mond landen. Eine Theatervorführung für die breite Masse. In Wirklichkeit kämpfte die Menschheit 1970 auf dem Mars gegen fremde Wesen. Die Leichen aus Vietnam kamen in Wirklichkeit vom roten Planeten.

Ich bin Teil der ersten Generation, die auf dem Mond geboren wurde. Auf der dunklen Seite des Mondes leben wir in künstlicher Gravitation unter Glaskuppeln. Wir sehen die Erde nicht und leben doch nach Erdenzeit. In der ewigen Dunkelheit schreibe ich meine Texte und schicke sie auf den blauen Planeten.

Als meine Heimat in orangefarbenes Licht getaucht wird und Sirenen die ewige Stille des Weltraums durchschneiden, laufe ich durch das Sperrgebiet. Der Raumanzug liegt wie einen zweite Haut an mir. Ich lebe im Krieg, verteidige den Planeten, den ich niemals betreten werde. Fremde Wesen belagern uns wie unsere Vorfahren Troja. Sie greifen die Erde an, in London, Madrid und New York; wir drängen sie zurück, kämpfen für die Freiheit. Die Marsstation wird angegriffen. Ich schultere die Waffe, betrete mein Shuttle. Ich bin im Kriegsmodus, von Kopf bis Fuß auf Töten eingestellt.

Wir drängen sie zurück vom Mars in Richtung das Asteroidengürtels, als mein Antrieb getroffen wird und ich taumelnd durch das Weltall falle. Mein Shuttle schlägt auf einem Asteroiden auf. Na super. Ich habe Sauerstoff für 24 Stunden in meinem Anzug. Was bleibt, ist zu hoffen. Als ich meinen fliegenden Untersatz verlasse, sehe ich eine Frau. Sie atmet frei. Mitten im Weltraum. Es ist das erste Mal, dass ich einem fremden Wesen Auge in Auge gegenüberstehe. Sie wirkt menschlicher als ich dachte. “Guten Tag Sonderbayer.” – “Woher…?” – “Der schreibende Krieger ist auch unter uns bekannt. Warum lasst ihr uns nicht nach Hause?” – “Nach Hause?” – “Auf die Erde. Vor zwei Generationen wurden wir geschickt, um den Weltraum zu erforschen. Doch die Evolution schreitet in der Luftlosigkeit schneller voran. Wir sind menschlich. Warum habt ihr Angst vor uns?”

Du stirbst in dem Moment, in dem du merkst, dass jede Wahrheit nur eine Lüge ist.

Liebe Liebe,…

Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ich mit Anna knutschend vor der Kirche stand. Es ist Sommer geworden und Elvis steht ganz oben in den Charts. Es ist nur der Remix eines holländischen DJ’s, aber wir glauben so fest an den Rock’n'Roll. Jeden Abend Party in einem Bauwagen im Wald, auffriesierte Mofas und das Ärzte-Album “Ab 18″, obwohl wir erst 15 sind. Was soll mehr Punkrock sein? Als Claudia den Schäferhund gegen ein Pferd eintauscht, berührt meine Zunge die von Susy.

Wir nehmen eine halb leere Colaflasche und füllen sie mit Asbach auf. Es ist eine warme Nacht. Wir teilen das Weinbrandmischgetränk und Küsse. Wir laufen durch die Dunkelheit und sitzen schließlich auf der Auswechselbank der Auswärtsmannschaft neben dem Sportplatz. Knutschen mit von Zigarettenrauch geschwängertem Atem, Berührungen wie Feuerwerke und endlich kann ich das Kondom verwenden, das ich seit Jahren in meinem Geldbeutel trage. Das macht man so. Stand in der Bravo.

Als wir zurück auf das Fest kommen, glaube ich ein Mann zu sein. Der Blick der anderen bestätigt das. Wir schlafen gemeinsam in meinem Schlafsack und als die Sommerferien aus sind, sind wir ein Paar. Vier Wochen lang. Dann wird es Herbst und im Herbst, da liebt man nicht.

Nach Susy kommt Sonja. Schnee liegt auf dem Bauwagen und Liebe in der Luft. Wir trinken Glühwein und besuchen Christkindlmärkte als wären wir Teil eines Films mit Hugh Grant. Als der Schnee schmilzt, tut es auch die Liebe.

Nach Sonja bin ich 18 und stehe knutschend auf den Tanzflächen der Kleinstadtdiskos, fummel auf dem Klo und wenn es gut ist, gibt es vielleicht ne Handynummer. Benutzte Kondome hinter den Sitzen meines Opel Corsa. Asbach ist uncool geworden, man trinkt jetzt Wodka und Ramona weiß, wie Blowjobs funktionieren.

Nach Ramona kommen Katrin und Kissen mit Engeln drauf. Eine gemeinsame Wohnung und Abende vor dem Fernseher mit immer weniger Sex. Katrin spricht von Kindern, Hochzeiten und Pauschalreisen. Sonderbayer träumt von Reisen mit den Kumpels durch Fußballstadien. Als es aus ist, zerspringt ein Teller an der Wand.

Die einzige Liebe, die immer blieb, war die zu meinem Fußballverein. Doch das geht an Anna und Susy, Sonja und Ramona und sogar an Katrin und all die Mädchen, die ich anquatschte und die heute deswegen aufschreien, an all die Diskobekanntschaften und an all die Morgen voller Peinlichkeiten, an alles Aktuelle und alles, was noch kommen wird. Ich trage euch in meinem Herzen, will die Zeit nicht missen und nie vergessen. Wenn eines Tages die ewige Liebe vor der Tür steht, dann gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange und flüstere in ihr Ohr: “Liebe Liebe, du bist nicht das Ziel, sondern der Weg.”

Es lebe die Konterrevolution

Im 15. Jahrhundert sitzt im Schein einer Kerze ein eifrig arbeitender Mann. In einer kleinen Werkstatt zerlegt Gutenberg eine Druckplatte und setzt sie als bewegliche Lettern wieder zusammen. Buchstabe für Buchstabe für Buchstabe setzt er Wörter, Wort für Wort Sätze, Satz für Satz eine Seite, Seite für Seite ein ganzes Buch. Als Gutenberg das erste Mal eine vollständig mit beweglichen Lettern gedruckte Bibel in der Hand hält, steht die Medienrevolution kurz bevor. Bis dahin brauchte ein Schreiber zwei Jahre, um eine Bibel zu schreiben. Gutenberg druckte zweihundert am Tag. Plötzlich konnte jeder das Heilige Buch lesen und feststellen, dass da gar nichts von Ablasshandel und anderen Spinnereien steht. Was Luther später reformierte, wäre ohne Gutenberg nie gegangen.

1814 steigt aus einem Londoner Hinterhof Dampf auf. Zahnräder greifen ineinander und Druckzylinder drehen sich. Die Times läuft vom Band. 1.100 Stück pro Stunde werden von der ersten industriell gefertigten Zeitung hergestellt. Drucker stehen neben der Maschine, der Schweiß rinnt ihnen hinunter, die Druckerschwärze klebt an den Fingern und trotzdem sind sie Helden. Nun stehen Zeitungsjungen an der Straße und brüllen die Neuigkeiten den Passanten entgegen. Nur eine Nacht ist nötig, um die Neuigkeiten dieser Welt überall zu verbreiten. Es lebe die Medienrevolution.

13 Jahre nach der Jahrtausendwende tippe ich diese Worte auf einem Apfelgerät und schicke diesen Text durch das Internet. Ich kann in wenigen Sekunden Milliarden Menschen erreichen; in Wirklichkeit werden es wohl einige hundert bleiben. Das Internet hat die Revolution perfektioniert.

Wir schreiben das Jahr 2050. Über 600 Jahre sind seit Gutenberg und dem Beginn der Revolution vergangen und diese hat ihre Werte verraten. Es gibt keine schwitzenden Männer mehr mit Druckerschwärze an den Händen. Es gibt die Bibel nur noch als digitale Version. Bücher sind so veraltet und out wie Schlaghosen. Zeitungen sind nur noch Apps auf perfekten Touchscreens. Doch ist nicht nur schön, was ganz perfekt ist? Sind Brüste, die ein wenig wissen, was Newton mit der Schwerkraft meinte, nicht am tollsten? Ist nicht ein Lächeln mit einer Lücke am schönsten? Ist nicht der kleine Fehler in der perfekten Reihe das Schönste?

Eine kleine Gruppe glaubt das und beginnt mit der Konterrevolution. Nach Jahren greifen wieder Zahnräder ineinander, drehen sich wieder Zylinder, läuft wieder Schweiß über Gesichter, klebt wieder das Schwarz an den Fingern. Sie sind analoge Helden in einer digitalen Welt. Sie sind die “2″ im binären Code. Sie kämpfen für den Geruch von neuen Büchern, sie kämpfen für Kaffeeflecken in Zeitungen, der Schönheit des nicht ganz Perfekten und der kleinen Langsamkeit. Es lebe die Konterrevolution.

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