Weil wir Freunde sind

Wir konnten gerade laufen, da begannen wir das Fußballspielen. Wir waren die Kinder aus der Straße – okay, das Dorf hatte nur zwei Straßen, aber die auf der anderen Seite des Berges waren doof. Wir gingen gemeinsam in den Kindergarten und bekamen gemeinsam die Windpocken. Wir hatten Spielzeugtraktoren, mit denen wir den Sandkasten umpflügten, und wir hatten Tretbulldogs, mit denen wir um die Wette fuhren; grenzenlose Freiheit per Kettenantrieb. Wir hatten immer aufgeschürfte Knie; die Narben davon haben wir noch heute.

Wir kamen in die Schule und saßen in der letzen Reihe. Lesen war okay, Rechnen irgendwie kacke. Wir spielten in den Pausen Fußball, Fangen oder Krieg. Geschnitzte Schwerter, automatische Handfeuerwaffen und Maschinengewehre aus Holz als gefährlichste Waffe. Wir brachten Eltern und Lehrer zur Weißglut, dabei sollte die wildeste Zeit erst noch kommen. Wir waren Piraten, Cowboys, Ritter, Indianer und sprachen dabei kein Wort Hochdeutsch. Tiefes Oberpfälzisch als Geheimcode.

Als das Schulsystem uns trennte, blieben wir trotzdem Freunde. Wir lernten nun Englisch, Hochdeutsch, chemische Elemente und Mofa fahren. Grenzenlose Freiheit auffrisiert auf 45 km/h. Fünf Mark für den Zigarettenautomaten war das Wertvollste, was es gab. Wir begannen uns für Mädchen zu interessieren, sie sich aber nicht für uns. Manche lernten nun Kurvendiskussionen, andere machten Lehren, alle konnten wir Joints bauen und Wodka aus Supermärkten klauen. Wir begannen Fußballstadien zu besuchen, mit dem Zug durch Deutschland mit zu teurem, warmen Dosenbier als Proviant. Als wir richtig saufen konnten, bekamen wir endlich den Führerschein, Opel Corsas, grenzenlose Freiheit mit 45 PS. Plötzlich interessierten sich die Mädchen für uns, gebrochene Nasen im Wettstreit um sie. Die Mädchen gingen, die Freundschaft blieb.

Heute sind wir Mitte zwanzig. Manche sind so orientierungslos wie eh und je; andere bauen sich Häuser, heiraten Mädchen, die jetzt Frauen heißen, und freuen sich auf Nachwuchs. Einer spielt immer noch Pirat und Krieg, mit deutscher Flagge auf dem Oberarm, in Tarnkleidung vor Somalia. Einer schnitzt immer noch, jetzt Einbauschränke für Häuser reicher Schnösel. Einer wollte den Fußball zum Beruf machen und schiebt jetzt Nachtschicht an der Tankstelle. Einer schreibt diesen Text im Wissen, dass er bald in der großen, fremden Stadt regelmäßig Gebrauch von seinen Hochdeutschkenntnissen machen muss. Einer ist an der Universität und lernt dort Sachen, die ich nicht verstehe. Aber alle treffen wir uns immer wieder. Dann trinken wir wieder warmes Dosenbier, legen die Arme um die Schultern, springen im Kreis und singen Lieder über Freundschaft, Mädchen und Fußball. Weil wir immer noch Freunde sind.

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6 thoughts on “Weil wir Freunde sind

  1. Luise sagt:

    Das ist glaube ich der schönste Text den ich jemals über Freundschaft gelesen habe. Ich hoffe dass ich in zehn Jahren auch genügend solcher Freundschafts-Erfahrungen gesammelt habe um so einen (ähnlichen) Text schreiben zu können.

    Liebe Grüße.

  2. philoswelt sagt:

    Manchmal denke ich “Scheiße, Donnerstag ist ja schon um!”, und dann gucke ich schnell nach, was Haralds Bayer so geschrieben hat, und manchmal sind da so schöne Sachen geschrieben, wie hier.

  3. dermitdemhut sagt:

    So wunderschön! So muss sich richtige Freundschaft anfühlen.

  4. [...] Der Sonderbayer über Freundschaft [...]

  5. larifariabel sagt:

    Und dann sitzt da eine, denkt an die, mit denen sie zusammensitzt und Bier teilt, und hat Tränen in den Augen, weil es mit ihnen so anders und doch genauso ist.

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