Die Geschichte von Lars, Sara und der Einsamkeit

Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet, als eine Bombe direkt in meinem Kopf platzte. Eine dreckige Detonation, die meine Gehirnwindungen mit nur einem Gedanken erfüllte: ›Sie ist schwanger.‹ »Hallo?«, fragte Sara von der anderen Seite des Telefons und holte mich wieder zurück in diese Welt. Zurück auf den Bahnsteig, auf dem ich stand. »Lars?«, fragte sie weiter. »Ja. Ich bin schon da«, sagte ich und bekam einen furchtbaren Hustenanfall von dem Rauch in meiner Lunge, der diese zu lange nicht verlassen hatte. Die Aussicht auf ein Baby im Bauch von Sara hatte mich vergessen lassen zu atmen. Als ich wieder zu mir kam, fragte ich sie, wo sie war. »Mitte«, antwortete sie leise. »Ich komme da hin.«

Der Bahnsteig, auf dem ich stand, war nun der falsche und so folgte ich den Rolltreppen nach unten in die Tiefen der U-Bahnstationen einer Stadt, die für ihren Dreck geliebt wurde, aber mir den letzten Nerv raubte, wenn der Gehweg wieder mit Hundescheiße überzogen war. Ich hatte nur dieses eine Paar Schuhe von Deichmann und Kacke machte sie nicht besser.
»Dat können Se aber verjessen, dass Se jetzt da mit der Kippe einsteigen« wurde ich kurz darauf angepflaumt und erst da wurde ich mir der Zigarette in meiner Hand wieder bewusst. Ich nahm noch einen Zug und warf sie in das Gleisbett, um die Bahn nach Mitte dann doch noch zu betreten.

Als ich aus dem grauen, dreckigen Beton des Untergrundes trat, hatte es begonnen zu regnen. Der Wind wehte eine Zeitung an mir vorbei und ich fragte mich, wann mein Leben denn bitte zu einem verdammten Woody-Allen-Film geworden ist. Als ich Sara traf, hatte der Regen ihre Tränen weggespült. Sie sah wunderschön aus mit den Resten von schwarzer Schminke unter ihren Augen und den roten Haaren, die in nassen Strähnen an ihrem Gesicht klebten. Ich hatte Sara nie geliebt. Zukunft war kein Wort, das Mädchen vor mir in den Mund nahmen, und trotzdem hatten wir für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel Zeit miteinander verbracht. Ich nahm Sara in den Arm und versuchte, irgendwie eine Gelassenheit auszustrahlen, die nicht ansatzweise da war. Ich hätte auch gerne geweint, doch hatten das Leben und mein Vater mir schon vor langer Zeit beigebracht, dass Tränen nichts außer die Sicht verändern. Ich wischte ihr über das Gesicht, um die Sommersprossen auf ihrer Wange von den salzigen Tränen zu befreien, nahm sie an der Hand und sagte dabei: »Komm.«

Wir waren beide patschnass und stiefelten in unseren Sneakern mitten durch Pfützen und kleine Wasserläufe, die endlich die verdammte Hundescheiße vom Gehweg spülten. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Händchen gehalten hatte. Doch jetzt, in diesem Moment, war es genau das Richtige. Es war da etwas zwischen uns, das ich noch nie gespürt hatte: eine Traurigkeit, getragen von Zukunftsangst, von der Bürde einer Herausforderung, die man nicht lösen kann, aber muss. Wir erreichten die Wohnung von Saras Eltern und ich wich reflexartig zurück. Ich war noch nie in dieser 1500€-Mittelschichtswohnung gewesen und wollte sie auch nicht betreten. Auf Eltern konnte ich nie den Eindruck machen wie auf Töchter. Sara und ich wir trafen uns zwischen Klamottenbergen und Gras in meiner WG, in Nachtclubs oder in der Uni, die sie tatsächlich besuchte und ich nur, um etwas Bafög abzugreifen.

Der Regen drang inzwischen durch die Haut und kühlte uns aus wie schlecht ausgerüstete Polarforscher. »Du musst jetzt aufpassen«, sagte ich und schob Sara in Richtung Eingangstür. Sie gluckste daraufhin ungläubig und schüttelte den Kopf. Offenbar waren ihre Eltern nicht da. Sara murmelte etwas von verreist und ich fragte nicht nach, als sie mich durch das Treppenhaus, in dem wir eine Spur von Regenwasser zurückließen, in die Wohnung schob. Wir gingen in das Badezimmer und Sara hatte dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, das irgendwie mysteriös wirkte und doch so nahbar. Ich habe selten einen Mensch getroffen, der so frei von Arroganz und Vorurteilen war wie sie. Jetzt, da sie patschnass in die Dusche stieg und dort ihr Oberteil auszog, jetzt, da alles am Boden lag und sich die Trümmer vor uns stapelten, jetzt versuchte ich mich in sie zu verlieben, als letzter Ausweg, den ich sah.

»Kommst du oder was?« Sara hatte ihren BH ausgezogen, war aus ihrer Jeans geschlüpft, stand nur im String da und wartete auf mich. Wir hatten noch nie gemeinsam geduscht. Das ist eine dieser Sachen, die frisch verliebte Pärchen machen, getrieben von der Angst vor Einsamkeit. Ich zog mich aus und folgte ihr unter den Strahl von warmen Wasser, der die Haut wieder erwärmte und doch weiter verschrumpelte, wie es die Feuchtigkeit des Regenwassers schon zuvor getan hatte. Ich nahm Saras Hand in meine und begutachtete, wie die Haut sich wellte und kleine Rillen bildete. Sara schloss die Augen und führte ihre Lippen auf meine. Mein Hand fuhr über ihren Bauch, der so flach war wie immer, und doch indirekt Teil dieser Traurigkeit war, die uns hier knutschend unter die Dusche getrieben hatte. Mit der anderen Hand fuhr ich über ihre kleinen Brüste und ertastete die Härte ihrer Nippel. Ich spürte die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen und die Lust in ihren Küssen, die so hart und fordernd waren wie mein Penis in diesem Moment. Ich packte sie an ihrem kleinem Arsch und setzte sie auf mich. Die Stöße drangen tief in sie ein und ließen den Blick von Sara geil werden. Ihr Rücken wurde an die Wand gedrückt und die Innenseite ihrer Muschi fühlte sich besser an als alles andere. In diesem Moment unter warmen Wasser waren wir wie Zwillinge im Leib einer Mutter. Menschen verschmolzen in Gemeinsamkeit.

Ich trocknete mich ab und schlüpfte in meine Boxershorts. Auf meinem T-Shirt stand »Smells like Teen Spirit«. Oh Kurt, ich glaube, wir haben ihn gerade abgewaschen, den Geruch des Geistes der Jugend. Wann ist es Zeit, erwachsen zu werden in einer Stadt, die es selbst nie wird? Es hat aufgehört zu regnen und man konnte zusehen, wie der Dampf von Bäumen, Straßen und Wiesen wieder nach oben stieg, um im ewigen Kreislauf des Lebens wieder eine Wolke zu bilden. Ich wollte nie Teil eines vorgegebenen Kreislaufs sein, doch was soll man tun, in dem Moment, in dem man merkt, dass man nur ein nutzloser Tropfen in einer Pfütze kurz vor dem Verdunsten ist? Wir saßen auf diesem riesigen Mitte-Balkon und schwiegen. Ich zündete mir eine Zigarette an und bließ den Rauch in die Luft, wo er sich so verlor wie der große Plan meines Lebens, keinen Plan zu haben. Sara griff nach der Schachtel und holte sich auch eine Kippe heraus. Ich kannte das, wenn Frauen, die sonst nur besoffen rauchen, plötzlich nüchtern zur Schachtel greifen. Dann steht ein Gespräch an, vor dem man lieber in Deckung gehen sollte.

»Ich werde abtreiben«, sagte sie mit der Gewissheit einer Entscheidung, die schon vor sehr langer Zeit getroffen worden war. Ich sagte nichts, zog nur an meiner Zigarette und starrte in die Leere einer vollen Stadt. »Wahrscheinlich vernünftig«, antwortete ich. Ich hatte nie besonders viel Verständnis für vernünftige Entscheidungen, habe ich doch selbst nie eine getroffen. »Sieh doch dein Leben mal an«, gab Sara zu Bedenken, »wie wollen wir beide denn ein Kind großziehen?« Ich schwieg wieder, getroffen von einem Messer in mein Herz, das alles, was ich war, in Frage stellte. Sara stand auf und kam mit einer Flasche Tequila wieder. Sie setzte an als wäre sie versucht, die Flasche in einem Zug zu leeren. »Wir könnten es schaffen«, sagte ich. »Nein«, antwortete Sara resolut. Ich sah an mir herunter, an meinen Tätowierungen und Narben von Rausch und Hoffnungslosigkeit, die ich trug wie einen Schutzwall der Freiheit, die ich immer propagierte. Ich hätte alles aufgeben, mein altes Fahrrad, meine kaputte WG und meinen Traum vom Leben als einer dieser Künstler dieser Stadt. »Ich werde dich unterstützen«, versprach ich und versuche meine eigenen Zweifel darüber mit Härte in der Stimme zu überspielen. »Danke.« Sara reichte mir den Tequila. Ich schnipste die Zigarettenkippe den Balkon herunter und fühlte mich verloren wie ein alter Mann, dessen Freunde alle schon vor langer Zeit gestorben waren. Ganz alleine unter vielen Millionen.

Moral ist eine billige Edelnutte

Es ist die größte Herausforderung für Christian, sein tragbares Telefon auszuschalten. Obwohl er es will, bringt er es einfach nicht übers Herz, sich so einfach von der Außenwelt abzuschneiden. Schon wieder prüft er Twitter, zieht noch einmal den blauen Vogel nach unten und erwartet irgendwas, einen Witz, ein paar Titten oder einen Terroranschlag in einem dieser Länder, die man nur von Spiegel Online kennt. Irgendwas halt, was man als Erster weiß, als Erster sieht. Etwas, das einem ein Gefühl von Erhabenheit der restlichen Welt gegenüber gibt, weil man mehr weiß, weil man klüger ist, witziger und weil man Titten beurteilen kann wie römische Kaiser Sklaven in der Arena. Daumen nach oben bedeutet Leben, Daumen nach unten Tod. Ein Like bedeutet du bist hübsch, ein ausbleibender wenigstens Desinteresse. Doch wieder wird Christian enttäuscht. Auch auf Facebook bewegt sich nichts, Instagram ist längst tot, sein Emailpostfach wie leergefegt, nur auf Snapchat sieht er kurz die Brüste einer 16-Jährigen. Was soll’s? Christian erhebt sich von dem roten Ledersofa und blickt nach oben. Im Osten geht langsam die Sonne auf und taucht das Meer in ein Orange, das kein Fotofilter jemals so schön zeigen könnte. Die Yacht, auf der Christian sich befindet, steuert genau darauf zu. Am Bug steht eine junge Dame, nur in einem dünnen Sommerkleid und mit Champagnerglas in der Hand, und beobachtet von der aufgehenden Sonne orange gefärbte Wellen dabei, wie sie von der Yacht geteilt werden. Für Christian ist die Frau nur eine Schattengestallt, ein Kontrast zur Sonne, ein wunderschöner Blickfänger. Nun zückt er doch wieder sein Handy und fotografiert die Schönheit des Moments, um sich sofort von ihm abzuwenden. Das Bild muss in die Welt hinaus. Ein zynischer Kommentar darunter für Twitter, ein witziger bei Facebook und gar keiner bei Instagram. So ist es. So muss es sein. Als Christian seinen Kopf wieder hebt, ist die Sonne ganz aufgegangen. Sein Bild hat keine Likes. Es ist vier Uhr morgens in Mitteleuropa.

Das Mädchen am Bug dreht sich um und lächelt Christian an.
Wie heißt die jetzt nochmal? fragt Christian sich, bevor er zurück lächelt.
Die Nacht war verrückt und diese Frau ein Wildfang eben jener Nacht. Sie war eine Nutte, eine Stripperin, ein erfolgloses Model oder eine dieser Frauen, deren Job es ist, reiche Männer zu ficken. Wahrscheinlich alles auf einmal. So vermutet es zumindest Christian, der noch nicht mit ihr gesprochen hat. Sie war Stefans Fang.
Gleich ist sie da und er weiß ihren Namen noch immer nicht.
»Hey«, sagt er und versucht noch ein bisschen mehr zu lächeln.
Hoffentlich sieht sie die Falten auf meiner Stirn nicht, denkt Christian, während er seine Blick von ihren Brüsten zu ihren Augen wendet. Offenbar wusste auch sie seinen Namen nicht oder das NuttenModelWasauchimmer-Mädchen war sich der Situation bewusst, denn sie stellte sich mit »Hi, ich bin Stella« vor. Nutte. Eindeutig, denkt Christian, um im selben Atemzug »Christian, freut mich« zu sagen.

Neben dem roten Sofa steht noch eine halb volle Flasche Champagner, mit der Christian Stella und sich nachschenkt. Würde nur das Koks von Gesten Abend noch wirken, denkt er währenddessen. Auf Koks lassen sich leicht kleine Gespräche führen. Mühelos lässt sich der Paarungstanz mit Worten aufführen. Doch jetzt, wieder fast nüchtern und etwas müde, legt sich peinliches Schweigen wie eine Glasglocke über die beiden.
»Wahnsinn wie schnell es hell geworden ist«, versucht es nun Stella.
»Ja.« Christian nickt ihr zu und wieder wandert sein Blick in Richtung ihrer Brüste.
»Wo sind eigentlich Stefan und Anna?«
»Anna heißt die?«, fragt nun Stella.
Es ist schon komisch, dass man sich morgens um vier vor der Küste Zyperns erst mal die Namen erläutern muss, weil man sich Stunden vorher auf einer Party kennengelernt hat, aber auf Koks Namen nur Schall und Rauch sind.
Anna ist sowas wie Christians Freundin. Zumindest schläft sie in seinem Bett, lutscht an seinem Penis und lebt von seinem Geld. Doch irgendwann, das weiß Anna, das weiß Christian, wird ein anderer Mann mit mehr Geld, mehr Macht und mehr Kontakten kommen und die Beziehung vorbei sein – wie diese Partynacht.

Das Schweigen der beiden wird unterbrochen, als plötzlich die Maschinen stoppen. Es ist ein großes Geheimnis der Akustik, wie Ruhe durch das Fernbleiben eines Geräusches beendet werden kann, aber es funktioniert auch in diesem Fall. Natürlich, Stefan steuert dieses Boot. Stefan muss auf der Brücke sein oder am Steuer, wie auch immer man das Lenkrad einer Yacht nennt.
»Komm, wir schauen nach den anderen«, sagt Christian, während er Stella an der linken und die Champagnerflasche in die andere Hand nimmt. An den steilen Stufen die Treppe hinauf erkennt Christian, dass er keineswegs nüchtern ist. Die aufputschende Wirkung des Kokains mag gefühlt verflogen sein, aber allein dass er nicht müde wurde, zeigt schon, dass es eben nicht so ist. Christian lässt Stella den Vortritt, um unumwunden ihren Hintern dabei beobachten zu können, wie er bei jeder Treppenstufe dem physikalischem Gesetz der Trägheit der Masse folgend von links nach rechts wackelt. Auf Koks könnte er sie ewig ficken, das weiß er. Vielleicht sollte er nachlegen. Stefan hat sicher noch etwas.

Stefan ist Christians Geschäftspartner. Die beiden haben gemeinsam studiert, gemeinsam ein Unternehmen gegründet und sie sind mit einer Internetseite, die Seitensprünge ermöglicht, auch gemeinsam reich geworden. Frauen und Männer können sich dort registrieren, finden, schnellen Sex haben und dann wieder in ihr langweiliges Spießerleben mit Volvos und Biobrötchen zurückkehren. Ihr Spießerleben mit einem Bier jeden Abend, aber keinen Rausch, weil Räusche dem Ehepartner nicht gefallen. Freifick.de organisiert auch die Geschichte dazu und das Außenrum. Sie organisieren einen schwarzen Geschäftswagen, gefahren von einem eloquenten , freundlichen angeblichen Kollegen, der am Sonntagabend den Familienvater zu einem Geschäftstermin abholt und ihn auch am Dienstag, übernächtigt von dem angeblichen Flug nach Kopenhagen, wieder zu Hause abliefert. Dass er den kompletten Montag damit verbracht hat, einer Nutte für tausend Euro den Arsch zu versohlen, weiß die Frau nicht und sie wird es auch nie erfahren. Diskretion ist alles. Das Unternehmen macht das meiste Geschäft in Deutschland, der Sitz ist auf Zypern, der Server auf den Malediven und das Geld irgendwo in der Karibik. Kein Ehepartner, der fremdgeht, hat jemals nach einer Quittung für die Steuer gefragt und so kam es, dass Christian und Stefan Millionen in der Tasche haben, die sie verkoksen, verficken, versaufen und verprassen müssen, weil sie legal nicht wieder in das Unternehmen kommen können. Blöde Situation.

Christian und Stella betreten die Brücke. An Annas Blick kann Christian erkennen, dass sie nicht besonders gern gesehene Gäste sind. Es kann schon sein, denkt Christian bei sich, dass Anna vorhat, ihn gegen Stefan zu tauschen. Stefan ist der deutlich bessere Geschäftsmann; Christian jedoch hatte die Idee und so kam es zu einem klassischen 50:50-Deal, von dem Christian aber in manchen traurigen Momenten weiß, dass er eigentlich nicht gerecht ist. Scheiß drauf. Stefan stellt noch irgendwas an den Knöpfen des Bootes um, von denen Christian keine Ahnung hat. Wahrscheinlich wirft er den Anker oder so. Als er sich umdreht, brüllt er: »Time for Party, Baby!« und klatscht dabei lautstark in die Hände. Stefans Hüftschwung sitzt, seine Sonnenbrille sowieso schon die ganze Nacht und die Frisur liegt besser als ein Formel1-Wagen in der Kurve. Man könnte Stefan als klassischen Frauenhelden bezeichnen, gefallen aus einer Zeit in der Dieter Bohlen noch ein Frauenheld war. Seine Haut ist nach zwei Jahren auf Zypern dauerhaft braun wie die der Einheimischen, während Christian für immer so blass bleibt wie Fürth in der Bundesliga. Stefan spricht immer irgendwas zwischen Englisch und Deutsch, trägt zu enge Hosen und hat die Nase immer voll Kokain. Christian kennt seinen Kollegen lange genug, um zu wissen, was er sich unter einer »Party« vorstellt und so beobachtet er eine Minute später, wie sich erst Anna und dann Stefan über das weiße Pulver beugen, und so beobachtet er auch, wie Stella ablehnt.
Okay, denkt sich Christian und zieht auch keine Line von dem Stoff, obwohl er gerne würde, obwohl er das Kitzeln in seiner Nase vermisst und obwohl sein Geist laut nach einem Euphorieschub schreit. Stattdessen bleibt er standhaft und zündet sich lieber eine Zigarette an. Stella lächelt und nimmt ihm die Schachtel aus der Hand, um sich auch eine zu anzustecken. So ist das halt. Es war eine stille Abmachung, dass Anna nun bei Stefan und Stella bei Christian bleibt.

Christian und Stella sitzen wieder auf dem roten Sofa und blicken auf das Meer, das frühmorgendlich ruhig und friedlich vor ihnen liegt. Christian erzählt davon, wie es war, die erste Million zu machen, während Stella auf das Meer blickt und raucht. Sie raucht wie ein Cowboy, säuft wie ein Pirat und ist doch niedlich schüchtern wie eine Disneyfigur. Christian redet nun einfach. Er hat sich wieder in diese Phase des Rausches gesoffen, in der die Zunge locker und das sexuelle Verlangen allzu laut hier schreit. Immer wieder hört man Anna auf der Brücke direkt über ihnen stöhnen. Natürlich ist Stefan schneller zum Zug gekommen. Wie immer ist er einfach eine Nasenlänge voraus.

»Das Bild von dir hat 100 Herzen bei Twitter und 300 Daumen nach oben bei Facebook bekommen«, sagt Christian, während er auf sein Smartphone blickt. Langsam erwacht die digitale Welt und während sie sich die Zähne putzt, teilt sie die Höhepunkte der Nacht mit ihren Freunden. Anscheinend hat irgendeine Tennisspielerin ihren Freund verlassen, während Bomben auf Syrien fliegen und die Türkei Kurdistan bombardiert. Doch hier im Mittelmeer, wo die Sonne langsam beginnt auf der Haut zu brennen, ist das alles so furchtbar weit entfernt.

Als Christian von seinem Telefon aufblickt, lächelt ihn Stella an. Er drückt schnell bei einer Anzeige, die ihm verspricht, dass er einen iMac gewinnen kann, auf »Gefällt mir «und küsst sie dann. Ihre Lippen sind weich und ihr Atem so verraucht wie eine ganze Hafenkneipe. Der erste Griff geht an ihre festen Brüste, der zweite an den Arsch. Ihr Kleid hat nicht zu viel versprochen und damit ist Christian der zufriedenste Mensch der Welt.

Stella sitzt vor Christian und hat gerade den Mund voll, als für beide überraschend Anna und Stefan vor ihnen stehen, wobei »stehen« bei Stefan doppeldeutig gemeint ist. Anna ist komplett nackt, während Stefan noch Socken und seine Go Pro mit einem Stirnband auf dem Kopf befestigt trägt. Er ist völlig auf Koks und nimmt sich, was er will. So schlägt er Stella auf den Hintern, spuckt sich selbst in die Hand, bestreicht seinen Penis mit seiner Spucke und dringt in Stella ein. Diese hält kurz inne, bis Stefan ganz eindringen kann. Dann beschäftigt sie sich weiter mit Christian, ruhig und präzise wie ein Postbeamte. Definitiv ein Profi, glaubt Christian nun endgültig zu wissen und lehnt sich zurück.

Christian hat nur Boxershorts an, während Stefan sich komplett ausgezogen hat und nun auch keine Kopfkamera mehr trägt. Die vier sitzen am Frühstückstisch und essen Rührei, das Anna gemacht und versalzen hat. Die Eier sind kaum essbar und machen Stella nur noch durstiger. Sie ist inzwischen dazu übergegangen, direkt aus der Flasche zu trinken, während Christian sich ein Bier gönnt und Anna völlig apathisch ins Leere starrt. Stefan lässt das Video, das er gerade mit seiner Kopfkamera aufgenommen hat, ablaufen, während er abwechselnd einen Bissen von seinem Ei und einen Schluck von einer Wodkaflasche nimmt, die vor ihm auf dem Tisch steht. Offenbar gefällt ihm, was er sieht, denn als auf Video zu sehen ist, wie er in Stella eindringt, drückt er eben jene nach unten und lässt es sich wieder besorgen. Christian blickt irritiert auf das, was da vor sich geht: Auf einen riesigen Flachbildschirm, der in Full HD den Penis von Stefan in Stella zeigt und vor dem Fernseher ein Frühstückstisch mit demselben Glied zwischen Spiegeleiern, Wodka und Koks in Stellas Mund. Christian widmet sich dann wieder seinem Ei, welches aber einfach zu salzig ist und ihn nach jedem Bissen dazu zwingt, von seinem Bier zu trinken. Er blickt auf Stella, die vor ihm den Penis von Stefan bearbeitet und auf Stella, die im Fernseher seinen Schwanz lutschte, und er blickt auf ein Schlauchboot, das im Hintergrund, ganz am Rande das Bildschirms, an ihnen vorbeifährt.
»Was war das?«, fragt Christian irritiert. Alle anderen haben nichts mitbekommen. Anna bekommt sowieso nichts mehr mit, Stefan hat die Augen zu und Stella ist gerade nicht oberhalb der Tischkante. So spult Christian zurück, zoomt heran und dann sieht man ganz scharf und in Full HD, schärfer als in der Realität, dass im Hintergrund von Stefans Penis, den er gerade aus Stella zog, ein Schlauchboot mit etwa 20 Menschen darauf an ihnen vorbei fuhr. Einfach so, mitten auf dem Meer. Christian blickt sich um, doch kann nichts erkennen.
»Denen müssen wir helfen«, schreit er.
»Die sind doch längst über alle Berge«, antwortet Stefan. Christian bricht in Panik aus und will auf die Brücke laufen, welche höher liegt und einen Rundumblick verspricht. Vielleicht kann man von dort etwas sehen. Die Treppe zur Brücke ist steil und eng, zu steil und zu eng für Christians Pegel. Er klettert nach oben, stolpert über seine Füße, fällt nach unten und bleibt bewusstlos liegen. Keiner der drei anderen hat etwas mitbekommen.

Als Christian wieder zu sich kommt, liegt er auf dem roten Sofa und Stella sitzt rauchend neben ihm.
»Wie lange war ich weg?«, fragt er. Erst denkt er, er hätte einfach zu viel getrunken, doch dann fallen ihm das Schlauchboot und die am übermäßigen Konsum von Genussmitteln gescheiterte Rettungsaktion wieder ein.
»Den halben Tag«, sagt Stella.
Tatsächlich muss Christian bei einem Blick auf sein tragbares Telefon feststellen, dass die Mittagszeit schon um ist. Er hat auf Twitter 563 Tweets verpasst und nicht mitbekommen wie sein Foto von letzter Nacht fünfmal auf Facebook weitergeteilt worden ist.

»Hast du eine Kippe für mich?«
Stella zündet sich zwei an und gibt Christian eine.
Der Rauch brennt in seiner Lunge und erinnert ihn daran, dass er noch lebt. Das ist doch was. Das ist schon mal mehr als die meisten Toten von sich behaupten können.
Langsam beginnt im Hintergrund sein Kopf zu dröhnen. Immer lauter und unangenehmer, wie ein Flugzeug im Landeanflug, werden die Schmerzen im Hinterkopf ein penetranter Beat des Lebens im Überfluss. Christian versucht sich abzulenken und unterhält sich aus Mangel an Alternativen mit Stella. Eigentlich hat er keine Lust, verkatert und angeschlagen Gespräche mit einer billigen Edelnutte zu führen, doch sie ist nun mal die einzige, die gerade da ist.
»Fahren wir nach Hause?«, fragt er.
Mit »nach Hause« meint Cristian seine Wohnung auf Zypern, die viel zu hell, viel zu groß und viel zu teuer für einen einzelnen Mann ist. Gerade fällt Christian wieder ein, dass ja eigentlich Anna noch bei ihm wohnt, doch dann denkt er daran, dass Stefan und er letzte Nacht Freundinnen getauscht hatten. Nein, das stimmt so auch nicht. Stefan hat beide gefickt. Stefan, dieses dumme Arschloch, das einfach nie genug bekommen konnte. Stefan, sein Geschäftspartner, der ihn reich gemacht hat. Den er braucht, um reich zu bleiben. Dieser Stefan durfte, wenn es darauf ankommt, auch seine Mutter ficken.
»Ne. Die beiden sind nicht ganz bei Trost, glaube ich. Sie fahren immer weiter Richtung Osten«, antwortet Stella und Christian stöhnt. Er will doch nur nach Hause, die Rollos herunterlassen und für immer schlafen. Sein Körper erschlafft beim Versuch, sich aufzurichten, und so muss er sich weiter mit Stella unterhalten, während die Yacht mit einem zugekoksten Kapitän Richtung Osten fährt. Weg von Zuhause. Im Osten gibt es doch auch nichts Neues, denkt sich Christian.

Christian fühlt sich wie in dieser Erzählung von Kafka, die er mal gelesen hat. Die Hauptfigur wachte eines Morgens auf und fühlte sich krank. Bei näherer Begutachtung stellte er aber fest, dass er sich über Nacht in einen Käfer verwandelt hatte. Christian hat sich zwar nicht in einen Käfer, aber irgendwie in einen Kater verwandelt. Der Kater nach Koks ist grausam und der Sturz auf den Hinterkopf tut sein Übriges. Kokain würde helfen, das wusste Christian, aber noch wollte er die Schmerzen aushalten, dem Leben ins Gesicht spucken und den Kater einfach nicht beachten. Christian hat die Moral von Kafkas Käfer nie verstanden. Die Verwandlung des Sohns in einen Käfer hatte Streit in der Familie zur Folge. Lügen und Intrigen führten durch den Tag helfen, bis der Käfer starb. Da wurde die Familie glücklich und machte erstmal einen Spaziergang. Was ist die Moral von der Geschichte? Bewirf einen unliebsamen Sohn so lange mit Äpfeln, bis er tot ist?
Was soll das eigentlich sein? Moral?
»Hast du Kafka gelesen?«, fragt Christian Stella. Sie lacht, zündet sich eine weitere Zigarette an und sagt: »Ich habe mal versucht, ›Amerika‹ zu lesen, habe es aber nicht fertig geschafft. Wurde mir zu verrückt.«
»Mmh«, Christian nickt zustimmend.
»Was soll man auch erwarten von einem Buch, das nicht mal der Autor für gut genug befand, es zu beenden?«
»Ich lese gerne Kurzgeschichten«, sagt Stella plötzlich.
Ach guck mal einer an, die Nutte liest, denkt sich Christian und befindet sich plötzlich in einer Diskussion über Bukowski, Kästner und Heine. Kurzgeschichten sind für Christian der Pickel am Arsch der Literatur, den niemand interessiert. Nichts weiter als Steinzeitblogger mit zu viel Zeit, aber zu wenig Talent für ein ganzes Buch. Okay, eine Diskussion über Literatur würde vielleicht seinen Kopf heilen oder ihn zumindest die Schmerzen für einen Moment vergessen lassen.
»Heine!«, brüllt Christian entsetzt, »Ich hasse Heine. Heine ist etwas, das man mit 17 lesen kann.«
»Heine«, wiederholt Christian und schüttelt den Kopf. Stella lächelt wieder. Sie hat aufgehört zu rauchen, bemerkt Christian. Jetzt, wo sie sich gut unterhalten, baumelt nicht ständig eine Kippe in ihrem Mundwinkel. Es war wohl das allgemeine Unwohlsein auf dieser von Drogen und Feiern dirigierten Bootsfahrt, welches das Nikotin für die Blutbahn forderte.
»Du hast schöne Augen.« Stella sitzt plötzlich ganz nahe bei ihm, viel näher als zuvor und zum ersten Mal fällt ihm auf ,wie wunderschön ihre Augen sind.
»Halt die Klappe«, antwortet sie und küsst ihn. Sie schmeckt nach Rauch und Champagner, nach zu wenig Schlaf und Sorgen. Sie schmeckt ganz wunderbar.

Stella und Christian kommen wieder nach oben an Deck. Sie haben sich in die Katakomben zurückgezogen und abseits von Stefans Koksschwanz ganz anderen Sex gehabt als zuvor. Enger, sinnlicher und trotzdem hart, so wie Sex sein sollte, wenn man nüchtern ist und sich versteht. Nicht wie Sex ist, wenn es nur darum geht, eine Nutte so zu ficken, dass sich die Bezahlung auch lohnt.

Stefan jedoch ist in den letzten Stunden in keinster Weise besinnlicher geworden. Gerade als Stella und Christian wieder das Deck betreten, schlägt er auf einen Fisch ein, den er offenbar mit seiner Angel aus dem Meer gezogen hat. Der Fisch liegt vor ihnen auf Deck und Stefan brüllt jedes Mal »Stirb!«, bevor er versucht, mit seiner Faust den Kopf des Fisches zu treffen. »Stirb!«, brüllt er, »Stirb!« Beim vierten Schlag trifft er endlich den Kopf des Fisches und dieser hört auf, wilde um sich zu schlagen und dabei über den Boden zu hüpfen.
»Alles klar bei euch?«, fragt Christian irritiert.
Er steht mit Stella am Rande des Geschehens und fragt sich, ob sein Kollege, Geschäftspartner und Freund jetzt komplett den Verstand verloren hat. Stefan hat seit drei Tagen nicht mehr geschlafen und ist durchgehend auf Drogen. Langsam wird es Zeit, diesen völlig wahnwitzigen Ausflug zu beenden.
»Natürlich ist alles klar. Ich habe Nahrung besorgt wie ein echter Mann«, brüllt Stefan, während der triumphierend den toten Fisch nach oben hält.

»Hey, echter Mann«, sagt Anna lachend, »du musst ihn noch ausnehmen.«
Christian ist sich sicher, dass Stefan niemals im Leben einen Fisch ausnehmen würde. Es passt nicht zu ihm, genauso wenig wie Angeln und dass er mit der blanken Faust einen Fisch verprügelt hat. Es ist der Rausch, aus dem heraus Stefan handelt, und so nimmt er tatsächlich ein Messer und schneidet dem Fisch den Bauch auf. Blut rinnt seine Hand hinunter, Eingeweide fliegen in sein Gesicht. Selten dumme Aktion, den Fisch über seinen Kopf aufzuschneiden. Doch Stefan schüttelt sich nur, lacht und springt mit Anlauf ins Wasser, um sich vom Blut zu befreien. Anna nimmt in aller Ruhe das, was von dem Fang übrig blieb, und geht damit in die Kombüse. Für Christian hat Anna nie gekocht. Stella hat während der rituellen Fischschächtung wieder begonnen, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und Christian selbst sehnt sich nach etwas Koks, doch wenn er Stefan so sieht, lässt er es lieber bleiben.

Stella steht wieder am Bug und blickt in die Ferne.
»Was ist das für ein Schimmern?«
»Der Sonnenuntergang?«, stellt Christian die Gegenfrage.
»Ne. Das ist Osten.«
Tatsächlich schimmert dort am Horizont etwas rot und mysteriös. Wie ein Sonnenaufgang, nur röter. Wie Blut, nur edler.
»Ist doch egal«, sagt Christian und versucht Stella zu küssen.
»Nein«, sagt Stella rabiat und wehrt ihn ab.
»Hörst du das?«, fragt sie stattdessen
»Hörst du die Knaller?«
»Wahrscheinlich ein Feuerwerk«, antwortet Christian.
»Nein.« Stella zündet sich eine Zigarette an. »Das ist Syrien.«

Nun zündet auch Christian sich eine Zigarette an.
»Hast du dir jemals überlegt, wie es ist, im Krieg zu sein?«
»Ne.« Stella blickt ihn fragend an.
»Wir sind die erste Generation, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt. Unsere Eltern hatten einen kalten, unsere Großeltern den größten und jede Generation davor ihren ganz eigenen. Man muss ganz anders gelebt haben in dem Wissen, jederzeit von einer Bombe erschlagen werden zu können. Jederzeit alles verlieren zu können muss einem ein ganz neues Bewusstsein für die Dinge geben, die man hat.Wir schauen Zombieserien und träumen uns in Endzeitmärchen. Wir träumen uns weg von Facebook, Twitter und karrieregeilen Mini-Zuckerbergs auf Drogen, die nur sich selbst und ihr Bankkonto im Kopf haben.« Christian blickt zu Stefan, der gerade versucht, das vom Koksen kommende Nasenbluten zu stoppen.
»Geld bietet nie Freiheit, es erschafft nur eine Illusion davon. Erst wenn alles verloren ist, kannst du wirklich frei sein.«
»Du denkst zu viel«, sagt Stella schließlich und küsst ihn vor dem roten Schimmer und im Wissen, dass das Knallen im Hintergrund die Bomben über Syrien sind. Im Wissen, dass dort Menschen getötet werden, die nichts weiter wollen als zu leben. Krieg als Daily Soap, als moralischer Anstoß für unmoralische Menschen, sich schlecht zu fühlen und den Schmerz zu betäuben wie Tierärzte Pferde: hart und schnell.

»Essen ist fertig«, stört Anna die Runde und serviert erschlagenen Fisch mit Reis. Christian muss zugeben, dass der mit Zitronenscheiben dekorierte Fisch ganz schön gut aussieht. Sowas Gutes hätte er Anna gar nicht zugetraut. Christian macht ein Foto mit seinem Handy. Ein zynischer Kommentar darunter bei Twitter, ein witziger bei Facebook und gar keiner bei Instagram. Dieses eine Mal wartet Christian nicht auf Reaktionen, sonst hätte er die Warnung »ACHTUNG, NICHT ESSEN! KUGELFISCHE!« gelesen.

Noch einige Zeit werden Berichte gepostet über den Klimawandel, der Kugelfische nach Europa treibt und über die erfolgreichen Geschäftsmänner, die so unglücklich starben. Gerüchte über Drogen wurden nie ganz zerstreut, doch nach vier Wochen starb auch Christians Pinnwand. Nur noch eine tote digitale Timeline, die existieren wird, bis die digitale Welt stirbt, weil die analoge sich endgültig zerstört hat.

Von meiner Kaffeemaschine

An diesem Samstag Morgen wollte ich die Teflon Schicht abstreifen die ich mir in den letzten Monaten angelegt hatte. Alles prallte an mir ab wie Olivenöl an Wasser, Zugunglück, Flüchtlingskrise und Rechtsrutsch nahm ich nur am Rande war und die dazugehörigen Handyvideos kenne ich nur aus Links die ich nie anklickte. Ich war gestresst, überarbeitet und erkältet doch jetzt nahm ich mir vor wieder locker, lässig und cool zu werden.

Kurz nach dem erwachen war ich schon wieder genervt, da ich eine Anspielung in einer Kurzgeschichte von J. D. Salinger auf einen Text von Hemingway nicht verstehe. „Ich habe alles von Hemingway gelesen und nur weil er Sie, lieber J. D. Salinger als ´talentiert`bezeichnetet, müssen Sie jetzt nicht Ihre Leser ärgern mit Anspielungen die niemand versteht. Sie Ein-Roman-Autor, Sie ewiges Talent, Sie Mitschuldiger am Mord an John Lennon, Sie kauziger Kasperl der sich hinter hohen Mauern versteckte bis Sie starben. Ich möchte ihnen ihre tote Fresse polieren bis Sie zugeben, dass Sie die Anspielung auf Hemingway frei erfunden haben.“ schimpfte ich während ich mir Kaffee aufsetzte und danach in das Bad stolperte. Überall liegen dreckige Klamotten und Relikt aus der Zeit als ich noch Hobbys hatte. Ein BMX Rad steht halb auseinander gebaut zwischen Ski und einer Schachtel mit DVDs die ich wohl nie wieder schauen werde. Was habe ich mir nur dabei gedacht die komplette Serie Dr. House zu kaufen?

Als ich aus dem Bad zurückkomme teilt mein iPad mir mit, dass ich über Nacht 22 neue Emails bekommen habe. Eine Teilte mir mit, dass auf Ello nichts passiert ist, die anderen 21 waren Vorschläge zu Dingen die ich kaufen könnte. Noch mehr Plunder der sich sicher wohl füllen würde zwischen BMX Felgen und Dr. House. Ich schalte das Tablet aus, dieses zu groß geratene Handy, dieses Teil ohne Funktion und Nutzen, das, man aber trotzdem braucht wie Crystal Meth nach dem ersten Zug. Apple ist der Dealer, wir sind degenerierten Konsumenten, die nur nach der nächsten Nase unnützem Elektroschrott lechzen. Während ich die Zeitung aufschlage und endlich beginnen will meinen guten Teflonschicht Vorsatz umzusetzen, frage ich mich was eigentlich meine Kaffeemaschine so treibt. „Nichts“ ist nämlich die Antwort, die mir so gar nicht gefällt, normalerweise zischt das koffeinhaltige Erweckungsgetränk wie eine Luftballon bei dem man die Luft aus lässt durch Wasserleitungen, Kaffeefilter und landet schließlich, laut plätschernd, Dramaqueen mässig, in der dafür vorgesehen Kanne. Doch auch als ich meiner Kaffeemaschine freundschaftlich au den Wasserbehälter klopfe, auch als ich sie ausstecke und wieder ein, das Ergebnis blieb immer das gleiche: „Nichts“

„Ich werde eine neue Kaffeemaschine brauchen“, stellte ich fest und freute mich ein bisschen tatsächlich etwas kaufen zu können, was ich auch brauche. Voller Tatendrang zog ich ich mich an und folgte dem Ruf der Samstagvormittagwildnis, der jagt nach Einkäufen, dem Kampf um den besten Parkplatz und der Versuch einen Einkaufswagen ohne blockierendes Vorderrad zu bekommen. Was nun zählt sind nur zwei Dinge: Überleben und eine Kaffeemaschine nach Hause bringen. Die Jagdtrophäe des kleinen Mannes, das erlegte Mammut der Generation Y. Bevor ich aber übermütig wurde erinnerte ich mich daran, dass ich erkältet bin und zog mich warm an wie Islandtouristen. Mit Mütze, Schal und Handschuhe sehe ich aus wie ein zu alter Grundschüler. Ist okay. Bin ich ja auch.

Es hat geschneit an diesem Samstag im Februar und wie ich so mit meinen Turnschuhen über den Schneeschlamm Media Markt Parkplatz stapfe bekomme ich kalte Füsse während ich unter meiner Mütze und dem Schal schwitze. Also beeile ich mich in den Kaffeemaschinen Markt zu kommen. Hier wartet sie, meine Freundin, mein allmorgendlicher Koffeinschub, mein Kaffee Blow Job, meine Geliebte für die nächsten Jahre. In dem Elektronik Markt herrscht Krieg zwischen all den Smartphone Junkies und Männern Mitte 40 die glauben einen neuen Fernseher zu brauchen bin ich der einzige der auf der jagt nach einer Kaffeemaschinen ist und so finde ich mich alleine wieder im Regal mit den Smoothie Mixern, Toastern und den Kaffeevollautomaten für 1700€ wieder. Fasziniert starre ich auf den Preis. 1700€. Ich kenne offenbar Menschen, die sie Kaffeemaschine für über tausend Euro gekauft haben. Jetzt wird mir auch klar warum jeder Mensch mit Vollautomat, das ständig erwähnen muss. „Wir haben ja zu Hause einen Vollautomaten…“, „Also, seitdem ich einen Vollautomaten habe kann ich diesen normalen Kaffee…“ oder „Ich trinke nur noch Cappuccino, mit einem Vollautomaten ist das einfach ganz was anders…“ und andere Schreie nach Aufmerksamkeit hatte ich bisher ignoriert, da ich ja nicht wusste, das, diese sonderbaren Anwandlungen über seine Kaffeemaschine zu sprechen, aus dem Drang heraus entstehen musste, zu zeigen, dass man sich eine Kaffeemaschine im Wert eines Karibikurlaubs leisten kann. In Zukunft würde ich definitiv meinen wissenden Blick aufsetzen und Dinge wie „Gut ist der Kaffee schon, aber wenn die Maschinen nicht so teuer währen…“ sagen und damit anerkennen, dass mein Gegenüber besser liegt in der Geldnahrungskette, in den Single Charts des kleinen Bürohengstes, auf Mittelstand Champions League Kurs so zu sagen.

Mir ist nun endgültig zu warm also beschließe ich meine Schal im Hape Kerkeling Style links und rechts von mir baumeln zu lassen und meine Mütze wie ein Durschnittsidiot über den Ohren zu tragen. So verkleidet als der Fernsehe Moderator Schlumpf frage ich einen Verkäufer, der nicht rechtzeitig ausweichen konnte:
„Wo sind den hier die bezahlbaren Kaffeemaschinen?“
„Also hä, wenn man es sich Wert ist würde ich einen Vollautomaten empfehlen.“
„Ich bin es mir aber nicht Wert.“ antworte ich mit Exorzisten Blick dem Verkäufer der offenbar überlegt zu erwähnen, dass er seit er einen Vollautomaten hat nur noch Zuhause Kaffee trinken kann, es dann aber doch sein lässt, als er meinen von Erkältung und Menschhass getränkten Blick sieht.
„Da drüben.“
Ist die kurzangebunden Antwort. Am Ende der Halle, zwischen Boxen für VW Golf mit „Freiwild“-Aufklebern und der „PUR-Live“-DVD stosse ich zu erst auf meine ganz bestimmten Freunde: Kapselmaschinen. Was für eine unglaubliche Idee zu Plastik gepresstes Erdöl, das diesen Planeten auf Millionen von Jahren erhalten bleibt, mit Aluminum, dass in der Herstellung soviel Energie benötigt wie tausend YouTuber beim Schmink-Tutorial-Wettfönen, mit schlechtem Kaffee, überteuert zu verkaufen. Ich versuche mit aller mir möglichen Arroganz, und meiner Mütze über den Ohren, diese Kapselmaschinen mit Verachtung zu Strafen und lege allen Hass den ich noch übrig habe über diese Kaffeenazis, auf diese Koffein AfD.

Es gibt eine einzige Kaffeemaschine die ist was ich will: Eine Maschine in die man Kaffee und Wasser gibt und die diese beiden Komponenten zu einem waren Getränk vermischt. Ich schnappe mir sie und fliehe aus dem Laden der mir das Gefühl gibt eben doch „blöd“ zu sein weil ich hier kaufe.

Vor dem Elektronik Riesen ist eine Bäckerei ich habe einen leisen verdacht woher all der Hass kommen könnte und so bestelle ich mir dort „einen Kaffee“.
„Groß? Klein? Wollen sie keinen Cappuccino? Wir haben einen Vollautomaten! To Go?“
„Nein. Einfach nur einen Kaffee sage ich. Zum hier trinken.“
„Zum hier trinken“, wiederhole ich leise. Hätte man vor zwanzig Jahren auch nicht gesagt. „Zum hier trinken“. Die Bäckereifachverkäuferin gibt mir trotzdem nur einen Pappbecher.
„Ich habe gleich Schichtwechsel und keine Zeit mehr auch noch ihr Geschirr zu spülen.“ Begründet sie diese Entscheidung recht pragmatisch und mit einer Art die keine Widerspruch duldet. Früher dachte ich, gab es Kaffee. Heute gibt es Kaffee aus Vollautomaten, Kaffee aus Kapseln, Kaffee zum Mitnehmen und das alles als Cappuccino, Latte macchiato und Espresso. Früher hatte man noch Zeit um Kaffee zu trinken und musste ihm nicht erst noch die halbe Stadt zeigen. Früher konnte man da sitzen Kaffee trinken ohne das einem Spiegel Online auf das Smartphone schickte was schon wieder für ein dreckiger Scheiß in dieser Welt passiert ist. Früher gab es keine Handvideos von Unglücken, kein Facebook bei dem man die sieht aus was für Rechten Arschgesichtern dieses Land besteht. Früher, dachte ich während ich meinen Kaffee trank und meine Mütze langsam abnahm, da die Leute mich komisch anschauten, früher brauchte man keine Teflon Schicht um sich zu schützen. Heute Schon.

Ertrunken in Freiheit

Ich drehe mir eine Zigarette und blicke dabei auf meine Finger, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat immer gelber werden. Ich rauche zu viel und sollte mal wieder aufhören, denke ich, als ich sie anstecke. Früher habe ich wochenlang nicht geraucht, nicht getrunken und nicht gelitten. Ich lief durch den Wald und stemmte Gewichte, um auszusehen wie es uns Fußballprofis, Topmodels und Schauspieler zeigten. Mein Bier schmeckt schal und ein bisschen nach Pisse, was es mich wegexen und ein neues aufreißen lässt. Ich schüttle mich, stehe auf und stoße mir den Kopf an der Lampe über dem Tisch. Seit Jahren nehme ich mir vor, diese Lampe umzuhängen. Ich habe es nie getan. Meine Wohnung sieht aus als würde ein abgefuckter Blogger hier wohnen: Überall liegen leere Bierflaschen, löchrige Unterhosen und leere Lasagneschalen. Vielleicht ist meine Bude ein Kunstwerk, ein Abgesang auf die aufgeräumte IKEA-Welt. Wahrscheinlich aber bin ich einfach nur asozial.

Früher war ich Biograf einer Generation auf der Suche nach Freiheit, Liebe und billigem Kokain aus Hustensaft. Alles, was sie fand, waren karierte Hemden von C&A, zu große Fielmann-Brillen und Geschlechtskrankheiten. Du schreibst einen ironischen Text über Beziehungen und wie sehr Frauen doch bei dir im Mittelpunkt stehen, zumindest bei der Bukkakeparty jeden Donnerstag, und alles, was du erreichst, sind tausend Klicks, neun Likes und ein Tittenbild als Privatnachricht. Hey geil, ich werde reich. 

Ich stehe auf und gehe zum Kühlschrank, um mir eine Wurst zu nehmen. Käsekrainer schmecken nur gut, wenn man sie warm macht. Ich beiße in die kalte Wurst und erbreche mich in die Spüle. Hätte ich mal lieber auf die Veganerblogs gehört. Seit Ewigkeiten kann ich kaum mehr Essen bei mir behalten. Scheiß auf den Mist. Ich gehe ins Badezimmer und sehe mich selbst im Spiegel. Ich bin alt geworden, faltig und eklig. Damals, als die Mädels mich noch liebten, war ich hübsch, weil ich ungepflegt wirkte mit den zu langen Haaren und dem wilden Bart. Heute, wo ich wirklich ungepflegt bin, gibt es keine Mädchen mehr. Als ich mir schon wieder eine Zigarette drehe, muss ich an damals denken. Als wir in Berlin feiern waren. Burgerladen, Spätis und beschissene Grafittis. Die Illusion von Freiheit, weil man McDonalds mied und sein Bier nicht bei der Jet-Tankstelle kaufte. Im Großen und Ganzen war das auch nur Opium einer linken Generation im antikapitalistischen Möchtegernwahn.

Alle sind sie dann nach Berlin gezogen und wurden Künstler. Hey, schreib doch mal einen Blog über das Leben in der Hauptstadt, über Drogen unter dem Brandenburger Tor und die Einsamkeit unter 6 Millionen. Dann schreib ein Buch über lustige Begegnungen in der U-Bahn. Schreib was Witziges, irgendwas über Ausländer oder dicke Frauen, über Drogensüchtige oder Spätzle am Prenzlauerberg. Schreib doch mal über alternative Weihnachtsmärkte, auf denen womöglich lesbische Frauen Körnerkissen verkaufen. Und ganz wichtig: Erwähn ihre Achselhaare. 

Viele Jahre sind vergangen und die Burgerrevolutionäre von damals sind die Yuppies von Heute. Aus Bloggern wurden Springer-Redakteure und junge Startups gehören heute zu Aktiengesellschaften, die dich ganz aus Versehen reich gemacht haben. Ich kann nichts für meinen Reichtum. Ich bin Zuckerberg 3.0. Verkauf deine Werte und ernähr deine Kinder. Kauf deiner Frau neue Titten und deiner Freundin einen goldenen Dildo. Sei glücklich mit deinem Geld und lass mich in Frieden. Ich stolpere über meine eigenen Beine und falle auf die Fresse. 

Hätte ich mich mal verkauft. 

FJS Sonderbayer, ertrunken in seiner Freiheit, 11.12.2025

Berlin Alexanderplatz 

Die Ringbahn macht mich wahnsinnig, ist sie doch ein Sinnbild für Unpünktlichkeit und Lärm wie sie da ratternd rund um den Kern von Berlin tuckert. Trotzdem ist sie das einzige Fortbewegungsmittel, das mich zu unserem Treffpunkt bringen kann. In der Bahn treiben sich abgehalfterte Gestalten rum, die mich mustern, anschnorren und mir Angst machen. Ich stecke einem heruntergekommenen Obdachlosen Mitte zwanzig etwas zu und verlasse die Bahn an meiner Haltestelle. Der Geruch von Urin und Bauarbeiten steigt mir in die Nase – der Geruch von Berlin. Ich ignoriere jedoch alle äußeren Einflüsse und wende mich meiner Verabredung zu. Matthias steht dort am Bahnsteig unter einer Werbetafel für Zigaretten und sucht mit seinen Blicken die Fahrgäste nach mir ab. Ich stehe etwa zwanzig Meter links von ihm und beobachte ihn dabei. Wenn er sich konzentriert, zieht er seine Oberlippe in Richtung Nase, was seinen Bart nach oben drückt. Seine Gesichtszüge erinnern dann an die eines Oktopuses, finde ich; damit dürfte ich aber alleine sein. 

Ich beobachte seinen konzentrierten Blick, bewundere seinen gut sitzenden Anzug und bin verliebt in seine Schönheit, seinen Intellekt, sein Verständnis für die Liebe und die Kunst. Er hat mich entdeckt und kommt auf mich zu. Ich breite meine Arme zur Begrüßung aus und rufe seinen Namen. 

Sein Schritt ist entschlossen. Für Außenstehende mag er arrogant wirken, doch wer ihn so kennt wie ich, weiß, es ist nur seine Unsicherheit, die er mit Überheblichkeit zu überspielen versucht. Dabei ist seine zerbrechliche Seite doch die beste: All die Melancholie und die Gedankengänge seines klugen Kopfes, die ihn zu einem zynischen Optimisten machen, eine Kombination, die nur Berlin hervorbringen kann. Zwischen all dem Weltschmerz, der Hoffnungslosigkeit und dem tristen Grau des Alltags mit schwarzem Humor eine Brücke zu besseren Zeiten bauen zu wollen mag zum Scheitern verurteilt sein, doch es ist so viel schöner als in schlechten Gedanken zu versinken. Ich umarme Matthias und drücke ihm einen Kuss auf den Mund. Sein Bart juckt auf meinem Gesicht und lässt mich lächeln.
»Alex«, sagt er leise.
»Matthias«, antworte ich.
»Ekelhaft«, sagt ein unbeteiligter Mann neben uns, als er Matthias und mich bei unserem Begrüßungskuss beobachtet. 

Es war Matthias, der mich dazu ermunterte meine Homosexualität nicht zu unterdrücken, sondern offen zu ihr zu stehen. All die Tränen, die Ängste und die Ignoranz meiner Familie sind vergessen, wenn Matthias mich küsst, wenn er neben mir im Bett liegt, wenn er neben mir einschläft mit seiner Brille auf der Nase und einem Buch im Gesicht, weil er nie weiß, wann es Zeit ist das Buch zur Seite zu legen. Solange wir uns umarmen, fallen Blicke auf uns, wird uns Verachtung zuteil. Als Matthias mich loslässt und neben mir schlendert, fallen wir nicht weiter auf. Nur zwei Männer, die nebeneinander hergehen und in der anonymen Masse einer Weltstadt verschwinden. 

Wir steigen in eine Straßenbahn und setzen uns nebeneinander. Matthias erzählt von Problemen bei seiner Arbeit. Ich studiere seine Lippen, höre seine Worte, doch verstehe nicht, was er sagt. Das Gespräch rauscht an mir vorbei wie die Häuser am Straßenrand, die im dreckigen Grau nach etwas Farbe rufen. Als wir den Alexanderplatz erreichen, ist es dunkel geworden, sodass die Reklamen einen blenden und man fast blind durch die Menge gedrückt wird. Vor dem Kaufhaus auf der anderen Straßenseite haben sich Demonstranten versammelt, die stumpfe Parolen in den Nachthimmel brüllen. Polizisten trennen Demonstranten und Gegendemonstranten unter lautem Geschrei. Es ist das Paradoxe an der Demokratie, dass man jede Meinung verkünden und auch dafür demonstrieren kann, die Demokratie abzuschaffen. Nationalsozialisten, die vom festen, törlichen Glauben getragen werden, etwas Besseres zu sein, versuchen die Absperrung der Polizei zu durchbrechen. Als erste Schüsse fallen, haben wir den Alexanderplatz wieder verlassen und biegen in eine kleine Nebenstraße ein. Nun, da wir wieder fast alleine sind, gibt mir Matthias einen kleinen, flüchtigen Kuss auf die Wange und lächelt mich an. 

»Mach dir keine Sorgen«, sagt er, »die Nazis werden nicht an die Macht kommen. Die meisten Menschen sind zu individuell, um als Teil einer stumpfen Masse glücklich zu werden.«
»Ich hoffe, du hast Recht«, antworte ich und habe mich schon wieder verliebt in Sätze wie diesen. So klug, so nachdenklich, so verschwitzt. 

Wir betreten unsere Stammkneipe und bestellen ein Bier. Igor, der Russe hinter dem Tresen, zapft schnell und gekonnt. Zu den beiden Bieren bekommen wir beide einen Wodka und Matthias bestellt ein frisches Brot mit Butter und Schinken. Das Brot ist noch warm, die Butter weich, der Schinken dünn und würzig. Alles ist perfekt, vergessen die Ängste vor der Zukunft, der Schwulenhass und die Fremdenfeindlichkeit. Der Mensch hat sich immer weiter entwickelt und aus seinen Fehlern gelernt. Das wird er auch jetzt tun. Mein Blick fällt auf die Zeitung neben mir. Die Schlagzeile berichtet von Problemen an der Börse. Ganz oben rechts steht das Datum: 23.10.1929. 

Warum ich Angst habe

Die Böhsen Onkelz klangen schief und populistisch, was an ihnen oder den unglaublich schlechten Boxen lag, die von der Decke des Bauwagens in den Raum ragten. Wir tranken Asbach-Cola und rauchten tschechische Zigaretten, während unsere Mofas vor dem Bauwagen von der Freiheit zeugten, die wir glaubten mit dem Erwerb der Fahrerlaubnis bekommen zu haben. Fünfzehn Jungs zwischen 15 und 17, die glaubten, die Welt müsse ihnen zu Füßen liegen, die glaubten, dieser Planet habe nur auf ihre Ankunft gewartet. Alte, ekelhafte Sofas standen an den Wänden, in denen sich Unmengen von Mäusen durch die Isolierung fraßen. Der Holzofen im Eck glühte rot und strahlte Wärme aus, die die kalte, feuchte Oktoberluft aus dem Raum trieb. Hunderte von Zigaretten sowie nasses, brennendes Holz ersetzten die Nebelmaschine und der Rauch brannte in den Augen. Es war der Herbst nach dem Sommer, in dem das Schulsystem uns ausspucken wollte, uns aber nicht loswurde. Mit 16 den Hauptschulabschluss gemacht, wollten die meisten nun arbeiten, als Zimmermann, Schreiner oder Maurer ihr Geld verdienen, damit man sich dann gleich mit 18 einen Golf kaufen konnte. In Wirklichkeit aber bekam kaum einer eine Lehrstelle. Die Schulbänke wurden weiter gedrückt und während ich noch meine Mittlere Reife machte, versauerten die meisten anderen in Berufsgrundschuljahren und Kolping-Klassen. Wir waren der letzte große Jahrgang und Deutschland in der Krise, die Schröder gerade mit Hartz IV und der Agenda 2010 versuchte abzuwenden. Aus Zukunftsangst wurde Hoffnungslosigkeit und der Wunsch nach Veränderung wurde genährt vom Traum, endlich Geld zu verdienen. 

Irgendwer ging zu dem Discman, der an der Anlage unseres selbstgebauten Jugendraumes hing, und legte „Bomberpilot“ auf. Es war der Reiz des Verbotenen der dieses alte Lied der Onkelz so interessant machte, so als könnte jeden Moment die Polizei den Bauwagen stürmen und mit Maschinengewehren um sich schießend diese illegale Versammlung auflösen. Auf der gleichen CD war auch Landser, die von „Weißem Rock’n’Roll“ sangen und von „Afrika für Affen“. Das schlechte Gewissen schlich sich von Kopf bis Fuß in meinen Körper und ließ mich nach draußen gehen. Als ich den verrauchten und stickigen Raum verließ, drang Sauerstoff in meine Lungen und trieb den Alkohol ins Gehirn. Mir wurde schwindlig und die Pizza von Stunden zuvor suchte sich ihren Weg über die Speiseröhre nach oben. Ich kotzte Asbach-Cola-Pizza-Magensäure hinaus in die neblige Nacht und während mir Brocken von halbverdauter Salami in der Nase hingen, fühlte ich mich elend, widerlich und schlecht. Ich beschloss nach Hause zu gehen, stolperte dabei über einen leeren Bierkasten und fiel in den Schlamm aus Regenwasser und der Pisse des Abends. Langsam stand ich wieder auf und wackelte schlammverschmiert und nach Kotze, Urin und Rauch stinkend nach Hause. Ich war am Boden und geistig und körperlich gefickt vom Alkohol und den Nazianwandlungen meiner Freunde. Freunde, die ich seit dem Kindergarten hatte, die mal richtig waren und mal falsch, aber sich jetzt in eine ganz falsche Richtung drehten. Viele glaubten wirklich, es wären die „Türken“ und die „Russen“, wegen denen sie keinen Ausbildungsplatz bekamen. Dass sie selbst die Hauptschule kaum geschafft hatten, blendenden sie dabei aus. Es war 2003 und in Bayern war es wieder schick, rechts zu sein. Sich beim Bäcker einen „kleinen Hitler“ wünschen, „der mal ein bisschen aufräumt“, war kein Problem, sondern wurde mit „ja, so kann es ja nicht weitergehen“-Floskeln abgetan als würde man über das Wetter sprechen.  

Als Kind hatte ich ein Buch, das „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ hieß. Mein Vater hat es mit mir gelesen und mir so die Grausamkeiten der Nazis schon früh vor Augen geführt. Im Fernsehen sah man Bilder von Auschwitz und Dachau, von Gefangenen, die nur noch Haut und Knochen waren, von Leichen und von Gaskammern. Wir haben alle „Der Soldat James Ryan“ gesehen und „Schindlers Liste“ und trotzdem glaubten Menschen plötzlich, rechtes Gedankengut sei eine ganz normale politische Meinung. Während die Politik den „Aufstand der Anständigen“ forderte, begannen ich und einige andere uns abzugrenzen und dabei „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten zu unserer offiziellen Hymne zu machen. Der Bauwagen wurde den Rechten überlassen und wir besetzten die Bushaltestelle. Die Jahre vergingen, der Bauwagen ist abgebrannt und all die Jungs aus dem Bauwagen sind heute CSU-Stammwähler. Die Wirtschaft kam in Schwung und Deutschland gab ein Fest mit dem Motto „zu Gast bei Freunden“. 

Wir schreiben das Jahr 2015 und sind reicher als je zuvor. Es gibt Arbeit für jeden und wir haben so viel Geld, dass wir bei dem Bau von Philharmonien und Flughäfen einfach drei-, viermal von vorne anfangen können. Trotzdem sehe ich wieder, ähnlich wie 2003, dass die gleichen Menschen wie damals nationalistische Parolen einfach so wie ganz normale Small-Talk-Sätze in Gespräche einbauen. Die Themen haben sich geändert; es sind nicht mehr die „Türken“ und „Russen“, sondern die „Ayslanten“, die nur unser Geld wollen und „massenhaft Asylmissbrauch“ betreiben. „Die kommen, bekommen erst mal ein iPhone und dann passt ihnen ihre Unterkunft nicht. Alle zurück ins Flugzeug und abwerfen über dem Dschungel.“ Genau dieser Satz wurde mir gestern von einem Kollegen entgegengeschmettert, während Brandanschläge auf Asylbewerbeheime verübt werden und der erste Kommentar bei Facebook unter dem Bericht darüber ganz offen und mit vollem Namen weitere Anschläge fordert. Was anders ist als 2003? Die Politik versucht nicht, es zu bremsen, sondern befeuert es noch. Mit widerlichen, populistischen Naziaussagen geht die Regierungspartei CSU auf Jagd nach den Stimmen von genau diesen Leuten, während die Kanzlerin alles ignoriert und weiter apathisch wie auf Morphium vor sich hinregiert. Sie haben nichts gelernt. Nichts von 1933 bis 1945. Nichts von Rostock-Lichtenhagen und nichts von dem Nazihoch zu Beginn der 2000er Jahre. Das ist, warum ich Angst habe und warum ich wieder entschlossen bin, mich abzugrenzen von jeder faschistoiden Idee. Denn wenn dieses Land seine Menschlichkeit endgültig verliert, dann liegt es an dir und an mir für sie zu kämpfen. 

Zu jung für dieses Leben.

Der Bäcker

Wenn man morgens um drei Uhr anfängt zu arbeiten, ist man nie richtig wach, aber man schläft auch nie wirklich. Die Straßen dieser Stadt bäumen sich um halb drei noch ein letztes Mal auf, um dann in den Tiefschlaf zu fallen. Die letzten Betrunkenen taumeln aus Kneipen, versuchen verzweifelt die letzte Straßenbahn zu erwischen oder winken einem Taxi. Ich sitze auf meinem alten Fahrrad und trete wie bescheuert gegen den Dynamo an. Im Neonlicht der Straßenlaternen schleicht eine Katze durch eine dunkle Gasse. Alle Gestalten sehen gleich aus im dunklen Schimmerlicht der Hoffnungslosigkeit.

Ich habe längst aufgehört, mein Rad an den Fahrradständer zu ketten. Niemand würde es klauen. Sogar die Anti-Alles-Hipster haben noch so viel Kapitalismus in sich. Ich ziehe mich um und gehe Brezen falten. Mit 15 habe ich eine Ausbildung zum Bäcker begonnen und sie drei Jahre später auch beendet. Elf Jahre ist das jetzt her. Elf Jahre, in denen sich die Welt verändert hat. Niemand kauft mehr Brötchen beim Bäcker, Wurst beim Metzger, Milch beim Bauern und Gemüse beim Gemüsehändler. Alles ist auf Sparen ausgelegt. Spar dir Geld, spar dir Zeit und spar persönliche Kontakte. Alles, was du brauchst, ist ein Euro Pfand für den Einkaufswagen und eine Karte zum Punkte sammeln, damit du in drei Monaten ein völlig unnötiges Messerset bekommst. Jeder Mensch ist nur noch Teil einer Supermarktkette, ein Zahnrad des »Geiz ist geil«-Kapitalismus.
»Hallo«, »Sammeln Sie Punkte?«, »23,53€«, »Geheimzahl eingeben«, »Schönes Wochenende«.
Abgestumpfte Phrasen als Pseudohöflichkeit. Der Anschein von menschlichen Kontakten lässt uns alle verfacebooken. Kalle Schröderhausen gefällt Aldi. Kalle Schröderhausen ist jetzt mit Wut auf die Gesellschaft befreundet.

Siebeneinhalb Stunden lang lege ich Brezen so präzise wie ein Uhrwerk zusammen. Eine halbe Stunde bin ich rauchen. Sechs Tage die Woche Brezen für eine ausgehungerte Stadt, die immer im Stress ist. Schnell eine Breze und einen Kaffee zum Mitnehmen, bevor die U-Bahn sich vor einem schließt. Wieder fünf Minuten verloren, die man unnötig am Bahnsteig steht. Wieder fünf Minuten seines wertvollen Lebens verplempert. Fünf Minuten, in denen man nicht an der Börse mit Lebensmitteln handeln kann. Wann zieht endlich irgendjemand die Notbremse? Einmal auf die Fresse fallen und die Welt entschleunigen.

Es ist der letzte Tag des Monats Mai und endlich Geld auf meinem Konto. Was waren es noch für Zeiten, als der Kontostand auch mal vierstellig wurde. Ich hebe 20€ ab und werde morgen gespannt schauen, wie viel der 1. Juni noch übrig gelassen hat. Unterhalt für zwei Kinder und eine Exfrau, Miete für eine Wohnung mit Klo und immer noch ein Restkredit für ein Haus, das längst wieder verkauft ist. Kalle Schröderhausen gefallen gescheiterte Existenzen.

Zuhause angekommen versuche ich, meine Exfrau und die Kinder zu erreichen. Sie musste ja unbedingt wieder in das Dorf ihrer Eltern ziehen. In das Haus ihrer Eltern. In das Leben ihrer Eltern. Vielleicht ist das Leben für die Kinder auf dem Land schöner. Vielleicht sollten Kinder aber auch ihren Vater öfter als zwei Mal im Jahr sehen. Vielleicht. Was weiß denn ich? Ich frage mich auch, warum ich nie jemanden erreiche. Entnervt lasse ich das Telefon in die Hosentasche gleiten. Die Wohnung ist trist und leer. Mit jedem Umzug wurden es weniger Gegenstände; mit der Scheidung nur noch ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Laptop. Es gibt Menschen, die absichtlich auf Besitz verzichten, die glauben glücklicher zu werden, wenn sie für jeden neuen Gegenstand zwei alte verkaufen, bis sie nur noch hundert Gestände besitzen oder irgendwann für ein neues iPhone erst mal eine Niere spenden müssen. Solche Probleme möchte ich gern haben.
»Ruf mich halt mal an. Ich würde gerne die Kinder sprechen«, tippe ich in mein Handy und weiß, dass sich doch nie jemand melden wird. Wie immer.

Der Monatserste hat mir noch 250€ übrig gelassen. Ich hebe 100€ davon ab, gehe zum Einkaufen in einen Supermarkt und steigere meinen Selbsthass damit ins Unermessliche. Wenn die eigenen Werte unerreichbar sind, muss man sich in Galgenhumor flüchten. Als Zeichen meines Hasses auf das Establishment zahle ich bar, sammle keine Punkte und nehme keinen Wagen. Ich habe 100€ im Monat für Lebensmittel. Wenn ich jetzt für 50€ einkaufe, muss es für zwei Wochen reichen. Fertigpizza, Nudeln, Instantsoße und Mineralwasser. Das Wasser und Brot des modernen Sklaven. Fertigprodukte für fertige Menschen. Wir sind alle nur noch Aufbackhumanoiden, verzweifelte Wegwerfmenschen. Ein paar Vitamine brauche ich ja auch, denke ich, als ich zu einem Sechserpack Äpfel greife. Früher hat man Äpfel im Winter im Keller gelagert, heute fährt man sie mit Lastwagen durch ganz Europa. Lager auf der Straße für eine Welt, die niemand mehr versteht.

Ich habe nur für 40€ eingekauft. Das Essen sollte für zwei Wochen reichen. Ich kaufe meinen beiden Kindern von den verblieben 10€ je ein Matchboxauto und schicke es mit der Post zu ihnen aufs Land. Keine Ahnung, ob ihre Mutter ihnen die Autos gibt, aber ich habe mein Gewissen beruhigt, für einen Moment das schlechte Gefühl in Geschenken ertränkt. Kalle Schröderhausen gefällt die Illusion von Glück.

Ich stopfe mich mit altem Brot und zwei Paar Wienern voll, bis ich keinen Hunger mehr habe, stecke mir 30€ in die Hosentasche und gehe aus der Wohnung. Jeden Tag fällt einem die Decke auf den Kopf. Jeden Tag will man einfach nur raus. Jeden Tag reicht es nur für einmal Joggen durch den Park oder Spaziergänge durch Elektronikläden, die einem vermitteln, was man braucht, um ein kompletter Mensch zu sein. 80-Zoll-Fernseher, die nicht mal mehr flach sind, sondern die Ränder nach außen biegen wie ein Bumerang. Dein Fenster zu einer besseren Welt, schärfer als die Realität. Verkauf deine Seele, gib uns ein Monatsgehalt und werd endlich ein ganzer Mensch. Mach dein Wohnzimmer zum Heimkino mit Rundum-Sound, der dir vermittelt, dass du von einem explodierenden Auto überfahren wirst. Träume für ein kleines Glück. Aber heute nicht. Heute habe ich 30€ in der Tasche für ein paar Bier, für ein paar Kontakte, für ein bisschen menschlich fühlen.

Die Kneipe ist dunkel und leise, aber perfekt für ein erstes Bier. Der Tresen ist schäbig und schlecht gewischt, aber er hat dieses gewisse Etwas. Ein Tresen, an dem man versacken, sich selbst verlieren, aufgeben oder neu anfangen kann.
»Ein Bier und einen Jägermeister«, bestelle ich.
Als ich den Jägermeister kippe, proste ich dem Wirt freundlich zu. Er wirft sein Geschirrtuch über die Schulter und hält ebenfalls sein Wasserglas in die Luft.
»Trinkst du auch einen mit?«, frage ich.
Der Wirt kommt langsam auf mich zu und schüttelt den Kopf.
»Alkohol und ich sind keine Freunde.«
Der Jägermeister lässt mich erschaudern und ich spüle den ekelhaften Geschmack mit Bier weg. »Hast du mal zu viel getrunken?«, frage ich weiter, um das Gespräch am Laufen zu halten.
Mit Ausnahme meiner Kollegen ist der Barkeeper der erste Mensch seit Wochen, mit dem ich spreche.
»Weißt du«, beginnt er, »mein Vater stand sechs Tage in der Woche genau hier«, und deutet dabei auf den Boden. »Hinter diesem Tresen hat er mit jedem der Kunden einen mitgetrunken. Den ganzen Abend lang. Die Gäste haben einen getrunken oder zwei, er zwanzig oder dreißig. Jeden Abend ist er dann die Treppe nach oben gelaufen«, erzählt der Wirt und deutet mit der Hand in Richtung einer Tür und dann nach oben zur Decke.
»Da oben lag ich in meinem Bett und habe gelauscht. An guten Tagen hat er meine Mutter nur angeschrien, an schlechten hat man die Schläge im ganzen Haus gehört ›Ich bin der Mann, ich hab das Recht dich zu ficken, wann immer ich will‹, hat er oft geschrien. Als ich 18 war, ist er gestorben. Genau hier hinter diesem Tresen.«
Wieder deutet er mit seinem Zeigefinger auf den Boden.
»Seitdem stehe ich hier, sechs Tage in der Woche, und schenke aus. Weißt du, was dann passiert ist?«
Er lehnt sich über den Tresen und sieht mich fragend an, während ich mit den Schultern zucke.
»Keine Ahnung.«

»Ich hatte die ganze Nacht gesoffen, hier einen Kurzen, da einen Schnaps und dazwischen nur Bier. Nach ein paar Stunden war ich komplett blau. Dann steht da drüben eine hübsche Frau.«
Jetzt deutet er mit seinem Finger auf einen Tisch im Eck.
»Ich rotzbesoffen hin. ›Hey, fick mich‹, rufe ich. ›Das ist meine Kneipe, da fick ich, wen ich will‹. Ich laufe auf sie zu und hole schon mal meinen Schwanz raus. Dann stolpere ich, falle um und schlafe einfach ein.«
Er zuckt mit den Schultern.
»Ich war ein widerliches Arschloch wie mein Vater. Seit diesem Tag trinke ich nichts mehr. Alkohol und ich sind keine Freunde.«
»Aber verkaufen tust du das Zeug noch?«
»Ich muss ja leben.«
»Ich muss ja leben.«, wiederhole ich leise.
»Bekomme ich noch einen Jägermeister?«, frage ich laut.
Kalle Schröderhausen ist in einer Beziehung mit Jägermeister.

Wieder auf der Straße drehe ich mir eine Zigarette und laufe langsam in Richtung Kneipenstraße. Ich habe noch 23€ in der Tasche, die mich durch diese Nacht bringen und mich betrunken machen sollen. Mir kommt eine Horde Teenager entgegen, die zu McDonalds abbiegt. Wie geil das noch war mit 17, als man 400€ Lehrlingsgehalt überwiesen bekommen hat und die auch versaufen, verfressen und verrauchen konnte. Ich denke an meine 23€ und ziehe weiter. Gegenüber dem Busbahnhof ist ein kleiner Imbiss. Es gibt Bier aus der Flasche und kleine Jägermeisterflaschen für den heimlichen Durchschnittsalkoholiker. Ich kaufe jeweils eine. Der Imbiss ist ein Pommeswagen mit einer Art Wintergarten davor. Zwei Stehtische laden zum ungemütlichen, schnellen Currywurstessen ein. Nahrungsaufnahme im Takt der sich immer schneller drehenden Welt. Essen als notwendiges Übel. Mittags treffen sich hier Banker, Investmentberater und Journalisten auf zehn Minuten Mittagspause, für einmal extrascharf und eine Cola. Etwas später kommen die Schüler vorbei. Die jüngeren kaufen Kaugummis, die älteren Mentholzigaretten und abends vermischt sich dann das Publikum: Partygänger und Penner, Helden und Diebe.

Ein alter Mann betritt den Imbiss. Die rechte Hand stützt er auf einer Krücke ab, die die besten Zeiten auch schon hinter sich hat. Das rechte Bein ist offenbar steif und das Gesicht seit Wochen unrasiert.
»Ist nichts da, Martin.« ruft der Imbisswagenmensch sofort.
Die Tasche in Martins linker Hand klirrt verräterisch und ich sage:
»Wenn du ein bisschen wartest, kannst du meine Flasche haben.«
»Mache ich doch glatt«, antwortet Martin auf seine Krücke gestützt und kommt auf mich zu.
»So geht das aber nicht. Du musst schon was kaufen, wenn du hierbleiben willst.« ruft der Imbisswagenmann aus dem Hintergrund.
»Ein Bier für Martin!« sage jetzt ich und lege zwei Euro auf den Tresen.
Martin prostet mir zu.
»Danke. Habe lange nichts mehr geschenkt bekommen.«
»Kein Ding.«
»Hast du mal ne Zigarette?«
»Kannst du drehen?«
»Ja. Klar.«
Ich lege ihm den Tabak auf den Tisch und beobachte, wie seine langen, gelben Fingernägel geschickt genau die richtige Menge an Tabak auf das Papier legen und dann zusammendrehen.
»Früher auf dem Bau haben wir alle selbst gedreht«, erzählt er, während er sich die fertige Kippe in den Mundwinkel schiebt und anzündet.
»Da das große Gebäude von der Sparkasse«, sagt er und deutet dabei vage in eine Richtung.
»Da habe ich mit dran gebaut. Und an dem großen Edeka auch und Häuser hab ich gebaut. Ich kann dir sagen: riesige Villen und alles mit diesen Händen.«
»Maurer?«
»Ja. 45 Jahre lang habe ich als Maurer geschuftet und dann? Soll ich dir sagen, was dann war?«
Ich nicke und halte ihm meine Jägermeisterflaschen entgegen.
»Nichts war dann. Nichts. Ich war 61. Dann haben die mich entlassen, weil die 20-Jährigen schneller waren als ich. Jeden Winter musste ich stempeln und dann mit 61 haben die mich einfach nicht mehr genommen. Zack, gehörtest du plötzlich zum alten Eisen.«
»Und was hast du mit deinem Bein gemacht?«
Er setzt meinen Jägermeister an, nimmt einen tiefen Schluck und erzählt weiter.
»Ach. Da wollten sie mich operieren. Weil es gebrochen ist. Aber das halte ich schon so aus, die paar Jahre, die ich noch leben muss.«
»Aber Martin, das kannst du doch nicht machen. Du musst das doch operieren…«
Plötzlich geht Martin voll in die Luft.
»SAG MIR NICHT, WAS ICH ZU TUN HABE! JEDER GLAUBT IMMER MIR SAGEN ZU MÜSSEN, WAS ICH ZU TUN HABE!«
Er trinkt sein Bier aus, lässt die Flasche stehen und geht. Erst als die Tür hinter ihm zufällt, beginne ich mich zu fragen, was da eigentlich gerade passiert ist.
»Ist ganz normal bei dem«, antwortet der Mann im Wagen.
»Der geht immer so ab. Kommt wohl mit seinem Leben nicht klar.«
Er deutet dabei einen Scheibenwischer vor seiner Stirn an.
»Wer tut das schon?«, erwidere ich und leere meinen Jägermeister.

Draußen ist die Partynacht schon im Gange. Tiefer gelegte Autos fahren mit lauter Musik durch die Stadt. Picklige Jungs mit blonden Mädchen auf dem Beifahrersitz beschleunigen laut und lassen Gummi ihrer Vorderreifen auf dem Asphalt zurück. Das letzte Auto, das ich hatte, war ein 14 Jahre alter Polo. Man braucht in dieser Stadt kein Auto, wenn man nicht Freitagabend mit Püppis als Beifahrer seinen Penis heraushängen lassen will. Die Clubs sind leer; noch tummelt sich das Partyvolk in WGs, Bars und Kneipen. Die Türsteher stellen schon mal den Kragen auf und polieren ihre Goldkettchen. Auch der traurigste Typ kann sich stark fühlen, wenn er Jugendlichen mit einem einfachen Kopfschütteln den Abend versauen kann. Ich mag keine Clubs. Die Musik ist zu laut, der Alkohol zu teuer und die Menschen zu schön. Außerdem würden die 17€ in meiner Hosentasche gerade mal für den Eintritt reichen. Die ganze Stadt glitzert. Im grellen Licht der Reklametafeln zählen nur Äußerlichkeiten. Hässliche Charaktere verschwinden hinter Make-up und in engen Skinnyjeans. Kalle Schröderhausen ist befreundet mit Hass auf das Nachtleben.

Ich hole mir an einer Tanke noch ein Bier und verschwinde in die Seitengassen, in denen sich die Menschen treffen, die nicht in diese Glitzerwelt passen. Am Bordstein parken dicke Mercedes, deren Besitzer still und heimlich in die Bordelle verschwinden. In den Schaufenstern hat sich schon die menschliche Ware der Nacht platziert. Tiefe Ausschnitte und aufgesetzte Lächeln. Die Türsteher sind älter als vor den Clubs, die Mädchen dafür freizügiger. Wer BMW fährt, parkt direkt im roten Licht; wer unauffällig sein will, kommt mit dem Bus. Ich schleiche durch die Gassen und einige Mädchen versuchen ihr Glück. Für die meisten bin ich wohl ein hoffnungsloser Fall.
»Hey Kalle!«, ruft eine Stimme. Ich drehe mich im Kreis und versuche sie zu orten.
»Hier«, ruft die Stimme wieder, während ich wie eine Fledermaus die Signale orte. In einer engen Gasse vor einer kleinen Tür steht Marina.
»Marina«, sage ich, während ich die Arme ausbreite und auf sie zulaufe.
»Kalle!«
»Alles klar? Wie geht’s dir? Was machst du hier?«
Ich drehe mir eine Kippe, während sie an ihrer dünnen, langen, französischen Zigarette zieht.
Nuttenstängel haben wir die früher genannt, denke ich und erst jetzt wird mir klar, was es bedeutet, dass Marina am Hintereingang eines Puffs steht. Sie antwortet nicht auf meine Fragen, also erzähle ich von mir. Von den Kindern, die ich zuletzt an Weihnachten gesehen habe, und vom Job, der mich immer dann schlafen oder arbeiten lässt, wenn andere Menschen soziale Kontakte pflegen.
»Wir müssen eben alle schauen, wie wir überleben«, sagt Marina nur.
Plötzlich öffnet sich die Tür.
»Jessie, du bist dran!«, brüllt ein junger Kerl, dem man das Arschlochsein schon von weitem ansieht.
Die Länge seiner abrasierten Haare spiegeln die Größe seiner Intelligenz wider. Trotzdem darf er die Puppen tanzen lassen – oder vielleicht genau deswegen. Er mustert mich von unten nach oben und sagt:
»Verpiss dich, du Penner.«
»Ciao«, sagt Marina zu mir und flüchtet ins Innere.
Ciao, Marina aus der 6c, die immer davon geträumt hat Ballet in Paris zu tanzen und jetzt Jessie heißt und als nächstes dran ist. Ciao, du schöne Welt, von der wir alle mal geträumt haben, als wir 12 waren. Ciao, du Traum vom Fußballprofi, Hubschrauberpilot und Privatdetektiv. Kalle Schröderhausen ist mit zerplatzten Träumen hier: Seitengasse eines Puffs.

Ich habe noch 15€ in der Tasche, die ich in Bier, Jägermeister und eine neue Packung Tabak investiere. Ich habe kein Geld mehr, bevor es 24 Uhr ist, dabei beginnt doch die Nacht da erst richtig. Die Schlangen vor den Clubs sind jetzt am längsten. Die Tanzflächen füllen sich langsam und Blicke zweier Fremder treffen sich. Noch heute Nacht werden sie eins werden, Körperflüssigkeiten austauschen und sich dann nie wieder sehen. Koks wird von Klodeckeln gezogen, Bier wird bestellt und die Bedienungen reichen einem dreist ein Beck’s für 4€. Was soll denn das für eine Welt sein?

Ich kämpfe mich an Schlangen und kreischenden Mädchen vorbei, vorbei an »Alter, ich habe meinen Ausweis wirklich verloren« und »sollen wir Telefonnummern tauschen?«. Ich betrete die Tiefgarage unter einem Einkaufszentrum und fahre mit dem Aufzug nach ganz oben. Ich weiß nicht mehr, wer mir den Tipp gab, aber schon vor mehr als einem Jahrzehnt konnte man nachts hier hoch auf das Dach. Jeden Samstag war ich damals mit einem anderen Mädchen hier. Der coolste Typ der Stadt. Der größte Aufreißer im Umkreis. Der Erste, der ein paar Kröten verdient hat, während die Gymnasiasten noch für 20€ am Tag Zeitungen austragen mussten. Wer die Kohle hat, hat auch die Diskobräute. Würde ich immer noch jedes Wochenende hier sitzen, wäre damals nicht eine schwanger geworden? Kalle Schröderhausen hat jetzt schlechte Gedanken.

Ich liebe meine Kinder und trotzdem haben sie mein Leben gespalten wie ein Stück Holz. Hier der Partyboy mit zwei Mädchen im Arm, dort der Mittzwanziger, der sich ein Haus kauft und immer nach acht Stunden Arbeit noch acht Stunden lang das Haus repariert. Ein Mittzwanziger, der versucht eine Familie aufzubauen und dabei mit Anlauf auf die Fresse fällt. Ich war zu jung für dieses Leben. An schlechten Tagen erwische ich mich dabei, wie ich ausrechne, wann meine Tochter und mein Sohn nicht mehr unterhaltspflichtig sind. An schlechten Tagen denke ich mir, dass ein Sprung vom Dach dieses Hauses das ganze Elend beenden könnte. An guten Tagen denke ich an das Lächeln meiner Kinder und stelle mir vor, wie sie mit ihren Matchboxautos spielen, die ich ihnen gestern geschickt habe. Ich wünschte, ich könnte nur noch gute Tage haben.

Ein Schrei von der anderen Seite des Gebäudes reißt mich aus meinen Gedanken. Ich laufe über das Dach und blicke nach unten. Zwei Männer zerren an einer Frau. Einer hält sie fest, während der andere an ihrem T-Shirt zerrt. Ich trinke mein Bier aus und feuere die Flasche nach unten. Sie schlägt einen halben Meter entfernt ein. Ich halte mein Handy in die Luft und rufe:
»Hey ihr Arschlöcher, ich filme das. Lasst die Dame gehen oder morgen kann jeder auf YouTube sehen, was für Wichser ihr seid.«
»Scheiße, Mann«, höre ich, bevor die beiden Männer von der Frau ablassen und in die Dunkelheit der Nacht verschwinden.
Ich weiß gar nicht, ob dieses Handy überhaupt filmen kann. Was soll’s? Es hat funktioniert.
Langsam gehe wieder zurück auf die andere Seite. Von unten dröhnt manchmal der Bass nach oben, wenn sich die Tür des Clubs kurz öffnet. Wann wurde Musik eigentlich unrhythmisches Bassgebumse und wann wurden Gitarren out? Wieso starb mit Kurt Cobain auch der Rock?

Ich setze mich auf die Kante und lasse meine Füße baumeln. Ich warte darauf, dass die Kirchturmglocke am Horizont endlich 12 schlägt. Dann ist diese ganze Scheiße einfach vorbei. Plötzlich fährt der Aufzug nach oben. Ich blicke irritiert nach hinten. Die Aufzugtüren öffnen sich und die Frau, die gerade in der Gasse von den zwei Typen belästigt wurde, steigt aus.
»Du willst aber nicht da runterspringen?«, fragt sie. Ich zucke mit den Schultern.
»Ne, ich warte nur.«
»Ich wollte mich nur kurz bedanken. Du hast mir echt geholfen.«
»Gerne«, sage ich und versuche zu lächeln.
Sie stellt sich hinter mich.
»Worauf wartest du?«
In diesem Moment läuten in der Dunkelheit die Kirchenglocken.
»Darauf«, sage ich. Sie blickt mich fragend an.
»Jetzt bin ich 30.«

Jedes Jahr mit einer 2 vorne dran wurde immer schlechter, immer mühsamer, bis ich schließlich ein einsamer, verarmter Bäcker wurde. Jetzt steht da eine 3. Jetzt geht es aufwärts. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran.
»Alles Gute zum Geburtstag, Papa!«, hallt es mir ins Ohr.
Ich habe Tränen in den Augen.

Nachdem meine Kinder wieder ins Bett gegangen sind, öffne ich den Jägermeister und frage die fremde Frau, wie sie heißt. »Anna«, sagt sie. Ich umarme sie und frage leise: »Heute Abend noch was vor?«
Kalle Schröderhausen ist jetzt mit Anna befreundet. Kalle Schröderhausen gefällt jetzt das Leben.

Der Verrat

Als Josef K. aus dem dunklen kleinen Raum hinter der Bühne trat, blendete das gelbe Scheinwerferlicht seine Augen und ließ ihn für für einen kurzen Moment erblinden. Bis Josefs Augen sich an das helle Licht gewöhnt hatten, sahen sie nichts weiter außer Sterne. Dann verengte sich seine Pupille, weniger Licht traf seine Netzhaut und infolge dessen konnte Josef die Konturen des Publikums deutlicher erkennen. Ein kurzer Blick über die Menge genügte, um zu erkennen, dass wieder mehr Zuhörer als die Woche zuvor erschienen waren. Vor zwei Monaten noch hatte er hier vor einer Hand voll Studenten gesprochen und nun sah er so weit das Auge reicht Menschen aus ganz Berlin. Was mit einer einzigen Veranstaltung Freitagabend nach der letzten Vorlesung begonnen hatte, war im Lauf der vergangenen Wochen zu einem regelmäßigen Treffen geworden, das sich immer größerer Beliebtheit erfreute. Es schien als würden seine Reden einen Nerv treffen, den niemand in diesem politikverdrossenen Land noch vermutet hätte. Josef hatte das Rednerpult erreicht und strich sich kurz über die Haare, die etwas zu lang waren – dieser Meinung waren zumindest die meisten anderen Politiker in der Partei.

Er lockerte seine Krawatte, öffnete sein Jackett und nachdem er mit einem Schluck Wasser seine Kehle befeuchtet hatte, begann er seine Rede, die vom Traum der Freiheit handelte. Er sprach davon, dass die eigene Regierung, seine Partei, gemeinsam mit anderen Geheimdiensten das eigene Volk überwache und das dann auch noch leugne. Er sprach von Chancengleichheit und Freiheit für alle, davon, dass jeder die Arbeit machen sollte, die ihm oder ihr Spaß macht, und des Weiteren, dass sie fair bezahlt werden müsse. Der Schweiß rann Josef über die Stirn, lief ihm in die Augen und brannte dort salzig und unnachgiebig. Josef spuckte Gift und Galle als er von einem alten Parteifunktionär sprach, der ihn zwei Tage zuvor ganz offen bedroht hatte. »Dieser Staat befindet sich vielleicht schon in zwei Jahren in der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten und Sie erzählen diesem bärtigen Gesocks irgendwas von Freiheit? Wenn alles zusammengebrochen ist und in Berlin die Spitze des Fernsehturms brennt, weil irgendwelche Idioten, die von Ihnen angestachelt wurden, glauben demonstrieren zu müssen, dann wissen diese Verräter, dass sie beobachtet werden, weil Sie es ihnen gesagt haben. Sind Sie dumm, K.?« Josef hatte geantwortet, dass er nur diese Welt besser machen wolle. Der Parteifunktionär erwiderte daraufhin: »Denken Sie nicht an die Welt, sondern an Ihre Karriere, und lassen Sie diesen Unfug.« Als Josef dem begeisterten Publikum diese Geschichte erzählte, begann es zu skandieren: »Freiheit! Freiheit!Freiheit!« Die Rufe hallten von den kalten, altehrwürdigen Mauern der Universität wider.

Nachdem Josef viele Hände geschüttelt hatte und seine Schultern von den Klopfern, die er darauf bekommen hatte, schmerzten, trat er aus der Universität und machte sich auf den Weg in ein Tanzlokal. Über ihm streute der Fernsehturm die Strahlen der untergehenden Sonne über die Stadt, die so groß und doch so eng war. Graue Wände reihten sich aneinander, um gemeinsam eine unnachgiebige Mauer von Intoleranz und Resignation zu bilden. In einigen Hauseingängen hatten Jugendliche in roten Buchstaben Parolen gesprüht, die vom Traum der Veränderung zeugten, doch schon halb ausgebleicht auch die Hoffnungslosigkeit widerspiegelten, die derzeit wie ein Virus um sich griff. Der Gehweg bis zum Tanzlokal erwies sich als Hindernislauf durch ein Minenfeld voller Hundescheiße und Josef fühlte sich an den Politikalltag erinnert. Wenn man Glück hat, überspringt man jedes Hindernis und wird am Ende auf der Ziellinie die Arme in die Luft reißen, dachte sich Josef. Wenn man Pech hat, dann stürzt man und ertrinkt im Wassergraben. Nur die Möglichkeit, als Wasserträger im Mittelfeld ins Ziel zu kommen, hatte er sich in den letzten Wochen verbaut. So ist das, wenn man das Spiel um Macht spielt, dachte Josef weiter und betrat das Tanzlokal. Aus den Lautsprechern erklang diese schnelle Musik, die die jungen Leute hörten und für die Josef eigentlich schon einen Tick zu alt war. Mit Mitte 40 wurde er nun in Texten hinter vorgehaltener Hand »Die Stimme der Jugend« genannt. Josef schmunzelte. Sollten sie doch alle schreiben und tuscheln, was sie wollen. Die Engstirnigkeit und Machtbesessenheit innerhalb der Partei war zu groß als dass Josef jemals hoffen konnte sie zu durchbrechen.

Auch wenn er sich zu alt für die Musik fühlte, nickte er dennoch mit dem Kopf im Takt, während er sein Bier trank und eine Gruppe Frauen beobachtete, die sich an der Bar tummelte. Die Kneipe war eine von diesen Lokalitäten, die gerade überall in Berlin aus dem Boden schossen. Nach Feierabend konnte man hier sein Bier trinken, seinen Gedanken nachhängen, etwas tanzen oder vielleicht eine Frau kennenlernen. Keine Mädchen, sondern Frauen, die wussten, was sie wollten und wie sie sich selbst und einen Mann glücklich machen konnten. Am Tisch nebenan saß eine Gruppe junger Männer in schlecht sitzenden Anzügen und mit dem Kopf voller Flausen. Josef beachtete sie nicht weiter, sondern widmete seinen Blick einer Frau auf der Tanzfläche. Ganz alleine tanzte sie im flackernden Licht des Stroboskops und bewegte ihre Beine anmutig, wenn auch leicht neben dem Takt, über den lieblos ausgelegten PVC-Boden. Die Frau trug einen Rock, der kurz genug war, um ihre schlanken Beine erkennen zu lassen, aber lang genug, um die Knie zu verbergen. Gut, ich mag keine Knie, dachte Josef bei sich und beobachtete die einsame Tänzerin weiter. Die schwarzen Haare trug sie offen und ihre weißen Zähne flackerten im Licht des Tanzlokals. Ihre Haut war braun gebrannt, obwohl der Sommer gerade erst begonnen hatte, und die Taille schmal. Unter ihrem schwarzen Oberteil konnte man kleine Brüste erkennen, die sich im Takt ihres Tanzes bewegten. Josef musste sich schütteln, um seinen Blick von ihr abzuwenden. Es ist nicht nett, Frauen anzustarren als wären sie die Auslage beim Metzger, rief er sich in Erinnerung und bestellte ein weiteres Bier. Als dieses kam und er sich wieder umdrehte, um mit seinem Blick die Tanzfläche abzusuchen, war die Tänzerin weg. Es erweckte den Eindruck als hätte sie sich in Luft aufgelöst und auch wenn Josef wusste, dass das nicht der Fall sein konnte, spürte er irgendwo im tiefsten Inneren eine nicht zu verstehende Erleichterung über das Verschwinden der Tänzerin. Josef trank sein Bier aus, legte einen Fünfer auf den Tresen und verließ das Tanzlokal.

Inzwischen war die Sonne hinter den Häuser verschwunden und der Dunkelheit gewichen. Josef war gerade zehn Meter in Richtung der nächsten S-Bahnhaltestelle gegangen, als er angesprochen wurde. »Haben Sie Feuer?« Josef wendete seien Blick nach rechts und da stand sie, die unbekannte Tänzerin, welche sich scheinbar in Luft auflösen kann und nun wie aus dem nichts wieder vor ihm stand. Es war seinen rhetorischen Schulungen in der Ausbildung als Hoffnungsträger der Partei und seinem Talent als Redner geschuldet, dass er nicht wie ein kleiner Schuljunge vor der Schönheit dieser Frau seine Sprache verlor, aber trotzdem wäre es fast passiert. »Natürlich«, sagte er lächelnd und zog aus der Innentasche seines Jacketts ein Benzinfeuerzeug. Sie steckte sich eine selbstgedrehte Zigarette in den Mund und Josef gab ihr Feuer. Dabei fielen ihm ihre großen, braunen Augen und die ebenso braune Haut auf. Wer ist diese hübsche Frau?, dachte Josef bei sich, während er sich selbst eine Zigarette nahm und sie anzündete. »Ich muss in diese Richtung«, sagte er und deutete die Straße entlang. »Und Sie?« –
»In dieselbe«, erwiderte sie und schlenderte neben ihm her. Josef hatte keine Probleme damit, mit wildfremden Menschen kleine Gespräche zu führen, und so entlockte er ihr, dass sie Leni hieß und ihre Eltern aus Vietnam nach Berlin gekommen waren. Obwohl sie hier geboren wurde, kämpfte sie mit Vorurteilen und Rassismus. »Nur weil mein Haut etwas dunkler ist und mein Nachname asiatisch«, sagt sie und wirkte betrübt.
Josef musste dagegen ankämpfen, nicht sofort und automatisch in die die Rolle des Politikers zurückzufallen und mit leeren Floskeln oder verlogenen Worthülsen Träume in Lenis Kopf zu pflanzen, welche die Partei dann nicht halten kann und wieder nichts weiter zurücklässt als enttäuschte Bürger. Stattdessen erzählte Josef ihr davon, dass sich die Menschheit immer weiterentwickelt hat. »Aus Höhlenmenschen, die sich gegenseitig erschlugen, wurden Siedler, die sich gegenseitig versorgten. Aus Kontinenten voller Bauern wurden Länder voller Industrie und aus kriegerischen Völkern wurden gute Nachbarn und am Ende dieser Entwicklung«, sagte Josef weiter, »wird, und davon bin ich fest überzeugt, eine tolerante Gesellschaft, ohne Vorbehalte, Rassismus und Ausgrenzung stehen.«
Leni lächelte ihn an, während Josef feststellen musste, dass er trotz des guten Vorsatzes, es nicht zu tun, in die Rolle des Parteipolitikers gefallen war. Verdammt. Gerade hatte sie die S-Bahnstation erreicht, als eine S-Bahn einfuhr, die aber, wie Josef feststellen musste, für ihn in die falsche Richtung fuhr. Für Leni scheinbar nicht. Sie umarmte ihn, sagte: »Tschüss«, stieg in die Bahn und war verschwunden. Schon wieder. Leni, du mysteriöse Frau. Ob er sie wohl wieder sehen wird? Fast rechnete Josef damit, dass sie plötzlich neben ihm stehen würde, doch als er seinen Kopf drehte, war er nach wie vor allein an der Haltestelle. Er griff in seine Jackentasche, um sich eine weitere Zigarette zu nehmen, als er er ein Stück Papier fühlte. Er holte es aus der Tasche und musste grinsen. Darauf stand nur eine Telefonnummer und in kleiner, verschnörkelter Schrift hatte sie »Leni« darunter geschrieben.

In den folgenden Wochen trafen sich Josef und Leni immer wieder. Josef nahm sie mit zu den Veranstaltungen am Freitagabend in der Uni. Die Teilnehmerzahl war inzwischen so groß, dass die Veranstalter überlegten auf die Straße auszuweichen, aber bei dem bürokratischen Aufwand in der Hauptstadt und der Angst der Behörden vor Demonstrationen könnte man genauso gut versuchen, die Genehmigung für einen Mondraketenstart zu bekommen. Hinter vorgehaltener Hand wurde über Josefs Verhalten getuschelt. In der Partei sprachen sie über ihn und schimpften darüber, dass jemand aus den eigenen Reihen es wagte, die Regierung so zu kritisieren, wo sie doch nur das Beste für das Land, das Volk und die Heimat wollte.

Es war der erste richtige Sommertag, als Leni und Josef unweit der Mauer an der Spree saßen und die Schiffe beobachteten. Leni trug ein weißes Sommerkleid mit bunten Blumen, das einen wunderbaren Kontrast zu ihrer Haut bildeten. Jetzt, da der Sommer mit voller Wucht Mitteleuropa erreicht hatte, war sie geradezu unverschämt braun geworden und ihr Lächeln wirkte dadurch nur noch weißer. Josef legte sich in das Gras, zündete sich mit seinem Benzinfeuerzeug eine dieser selbstgedrehten Zigarette an, die Leni immer rauchte, und schloss die Augen. Schließlich fragte er: »Warum rauchst du eigentlich immer diese gedrehten?«
Sie antwortete mit einer Gegenfrage: Ob er schon mal in den Behausungen der Flüchtlinge aus Vietnam war? Er musste verneinen und dann erzählte sie davon, wie ganze Familien in Lastwägen aus Asien bis nach Osteuropa transportiert werden.
»Ich habe eine Freundin«, erzählte Leni. »Thao. Sie wurde von ihrem Vater nach Europa geschickt um dort ›Geld zu verdienen‹. Sie war damals noch sehr jung, gerade 13, und dachte sie solle vielleicht bei reichen Familien in Prag, Warschau oder Berlin als Haushälterin arbeiten. Die Wirklichkeit sah natürlich komplett anders aus.«
Josef schluckte bei ihren Erzählungen. Dreizehnjährige Mädchen, die zur Begrüßung von ihrem Zuhälter vergewaltigt und schließlich auf den Straßenstrich geschickt wurden. Später wurde Thao in eine asiatische Drogenhölle an der deutschen Grenze gebracht, wo sie Drogen herstellte, die von deutschen Jugendlichen konsumiert wurde. Nackt, damit sie nichts klauen konnte und in der ständigen Gefahr zu explodieren, kochte Thao Rauschmittel, bis ihr irgendwann die Flucht gelang. Heute lebt sie in Berlin, bekommt so gut wie keine Unterstützung und hofft, eines Tages hier einfach nur leben zu können.
»Wenn du Thao und die anderen siehst, dann kaufst du keine teuren Zigaretten; dann rauchst du das Billigste, weil Geld Mangelware ist und sinnvoller verwendet werden kann.«
Josef hatte die Zigaretten längst vergessen und es interessierte ihn auch nicht mehr.
»Thao?«, fragte er. »Wird sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen? Oder die Staatsbürgerschaft?« Traurig schüttelte Leni den Kopf.
»Nein. Obwohl sie alles dafür tun würde. Sie würde sich dafür verkaufen, dafür lügen und dafür morden.«

Leni wurde schnell wieder fröhlich. »Lass uns nicht über diese furchtbare Welt sprechen. Wir müssen dem Grauen ins Gesicht spucken, indem wir fröhlich sind.«
Sie begann sich an Josef zu kuscheln und seinen Oberkörper wieder umzustoßen, als er sich aufrichten wollte, sodass Josef auf der Wiese lag und in die Sonne schaute. Obwohl er eine dieser großen Sonnenbrillen trug, die gerade angesagt waren, brannte die Sonne in seinen Augen. Leni legte sich auf ihn, nahm ihm die Zigarette aus dem Mund zog daran. Als sie den blauen Rauch wieder ausgeatmet hatte, küsste sie Josef auf den Mund und lachte, als er sich dagegen wehren wollte. Josef wusste sehr genau, dass ein Mann in seiner Postion auch gerne einmal beobachtet wird, und Fotos davon, wie er am Spreeufer eine deutlich jüngere Frau küsste, nicht unbedingt förderlich für seine Karriere sein könnten. Also hievte er Leni in einem Zug nach oben und trug sie einfach in Richtung der Hauptstraße. Leni lachte laut, fröhlich und glücklich. Ein Lachen, in das man sich verlieben kann, dachte Josef, während Leni ihre Beine um ihn schlang und ihre Fingernägel in seinen Rücken krallte. Kaum hundert Meter entfernt war ein Taxistand und Josef trug Leni bis in das Taxi, wo er nur eine Adresse murmelte und sofort begann auf der Rücksitzbank wild mit ihr zu knutschen. Ihre Lippen waren weich und unschuldig, ihre Zunge genau das Gegenteil. Hart forderte sie seine Zunge zum wilden Knutschen auf und mit der gleichen Bestimmtheit dirigierte Lenis Hand die von Josef unter ihr Kleid und an ihre festen Brüste. Josef konnte fühlen wie ihre Brustwarzen unter seinen Berührungen hart wurden und schließlich öffnete Leni ihre Beine und Josefs andere Hand fühlte ihre Feuchtigkeit, die nur auf ihn wartete. Für einen ganz kurzen Moment dachte Josef: Und das alles in einem Taxi.

Die Nacht war lang gewesen und der Morgen stand zu schnell in Form des unermüdlichen Weckers vor der Tür. Während Josef sich noch einmal umdrehte, um weitere fünf Minuten Schlaf zu bekommen, stand Leni auf und ging in die Küche. Es war das Geräusch von heißem Wasser, das durch einen Kaffeefilter strömt, der Geruch von frischem Kaffee und die Aussicht auf eine nackte Leni in seiner Küche, die Josef doch aufstehen lassen wollte, als Leni gerade »Kann ich kurz dein Telefon benutzen, Sef?« ins Schlafzimmer rief.
Josef wusste nicht mehr, wann genau sie dazu übergegangen war, ihn ›Sef‹ zu nennen, antworte aber trotzdem: »Ja klar. Im Flur.«
Da Leni nun mit seinem Telefon beschäftigt war, drehte er sich doch noch einmal um, bis seine Bettgenossin kam und ihn lachend aus dem Bett zog. »Steh auf, du Schlafmütze«, brüllte sie und zog ihn lachend aus dem Bett.
Nach dem Frühstück wollte sich Josef gerade zu ihr unter die Dusche stellen, als sie sagte: »Mein Kollege kommt gleich vorbei. Er braucht wichtige Dokumente, die da in dem Umschlag beim Telefon sind. Falls er klingelt, während ich duschen bin, kannst du sie ihm geben?« Josef blickte sie etwas verdutzt an, bevor er »Ja klar, kein Problem« sagte.
Er hätte nicht gedacht, dass sie beide schon in der Phase sind, in der man die Adresse des Partners an Kollegen weiter gibt, aber mit Leni geht einfach alles ein bisschen schneller, redete er sich ein. Und tatsächlich klingelte es kurz darauf an der Tür. Josef öffnete und trat in Jeans und Hemd, welche er in aller Eile überworfen hatte, in den Flur. Ein Mann, der Lenis Kollege sein musste, kam lächelnd die Treppe raufgehetzt und bedankte sich freundlich, als Josef ihm den Umschlag aushändigte. »Jetzt aber nichts wie unter die Dusche«, dachte sich Josef, als er das Hemd vom Körper riss und an Lenis flachen Bauch und ihre Brüste denken musste.

Knapp eine Woche später wurde er in die Parteizentrale gerufen. Der Parteifunktionär wolle ihn sprechen, hieß es. Eben jener Parteifunktionär, welcher ihn schon vor einigen Wochen ermahnt hatte, es mit den Veranstaltungen an der Universität nicht zu übertreiben. Nun also mochte genau dieser ihn sprechen. Kein gutes Zeichen, aber sicher auch kein katastrophales, redete Josef sich ein und betrat die Parteizentrale. Vorbei an der Statue, die ihn mit herrschaftlicher Geste, ausdrucksstarker Mimik und glänzender Weisheit auf der goldenen Haut begrüßte und einen dunklen Schatten vor den Empfang warf. Josef kannte die Empfangsdame vom Sehen und begrüßte sie freundlich lächelnd, doch das Lächeln wurde zu seiner Verwunderung nicht erwidert. »Herr K.«, sagte sie, »Sie werden im dritten Stock erwartet. Zimmer ähm…« Die Empfangsdame durchsuchte ihre Daten und sagte dann nickend: »Zimmer 33.«
»Dritter Stock?«, fragte Josef verwundert.
»Ja, dritter Stock«, bestätigt sie nun wild nickend und wies Josef mit einer Hand in Richtung Treppenhaus.

Josef trat aus dem Schatten der Statue und lief in Gedanken, die wie ein Wasserfall über seine Gehirnwindungen kamen, in das Treppenhaus hinein. Josef hatte vom dritten Stock der Parteizentrale gehört, ihn aber nie persönlich betreten. Wer ihn betritt, kommt als andere Person heraus, hieß es. Wahrscheinlich nur Gerüchte, versuchte Josef sich selbst zu beschwichtigen. Inzwischen hatte Josef den zweiten Stock erreicht und nahm die letzte Treppe zum dritten Stock in Angriff. Das Treppenhaus roch nach Plastik und Putzmittel. Josefs Hand glitt über einen mit schwarzem Plastik überzogenen Handlauf und seine Füße klatschen auf die harten Stufen, die die Schritte durch das ganze Treppenhaus hallen ließen und Josefs Ankunft, so kam es ihm zumindest vor, durch die ganze Parteizentrale verkündeten. Der linke Fuß traf auf den Boden. »K.«, hallte durch die weiten Räume. Der rechte Fuß berührte die nächste Treppenstufe. »Ist da«, tönte das sozialdemokratische Treppenhausecho. »K. Ist da! K. Ist da!«, tönte es mit jedem Schritt. Josef merkte, wie er zu schwitzen begann und ein einzelner Schweißtropen ihm seitlich am Bauch hinunterlief. Ruhig bleiben, schärfte Josef sich ein, während er um die nächste Kurve lief und sich wunderte, dass es hier nicht weg geht in Richtung drittem Stock. Er blickte nach rechts und sah dort eine Wand. Er blickte nach links, wo sich das Treppenhaus nach oben schlängelte wie ein Trampelpfad von Ziegen irgendwo im Himalaya. Josef blickte über die Brüstung nach unten und sah drei Stockwerke abwärts. Dann wendete er seinen Kopf und sah wie sich über ihm die Treppen zu einer riesigen Spirale formten und sich ganz am Ende im Nirgendwo verloren. Josef kniff seine Augen zusammen und versuchte die Decke zu erkennen, doch er sah nichts außer Handläufe und Treppenstufen, die scheinbar von Stockwerk zu Stockwerk immer kleiner wurden und sich unermüdlich nach oben wanden, bis sie sich irgendwann im Nichts verloren. »Was wohl ganz da oben ist?«, fragte sich Josef als er die letzten Stufen nahm und nach rechts in den Gang abbog.

›41‹ stand da in unbarmherzigen schwarzen Buchstaben an der grünlich schimmerten Tür rechts von Josef. »41«, murmelte Josef irritiert und ging trotzdem weiter. Zu seiner linken erschien nun Zimmer 42 und wieder rechts eine weitere Tür, die erbarmungslos verkündete Raum Nummer 43 zu sein. Josef lief weiter den Gang entlang, wohl wissend, dass er, obwohl er nicht wusste wie das passieren konnte, das dritte Stockwerk übersehen haben musste. Josef ging den Gang entlang, der mit rotem Teppich ausgelegt war und der langsam durch viele Schritte von aufstrebenden jungen Politikern und desillusionierten alten Hasen seine Farbe verlor und im Dreck der Berliner Politikwelt begann schwarz zu werden. Josef ging den ganzen Gang entlang, bis er schließlich bei Zimmer 49 angekommen war und vor einer Wand stand, die ihn zu verhöhnen schien. »Falsches Stockwerk, du nichtsnutziger Querulant!«, schien der Putz ihm entgegen zu rufen.
Obwohl Josef Lust gehabt hätte, mit seinem Fuß gegen die Wand zu treten, bis die Farbe von ihr abfällt, wendete er nur und schritt im monotonen Gang alle Zimmer wieder ab. Als er erneut das Treppenhaus betrat, wandte er sich nach links und folgte der Schwerkraft nach unten geradewegs auf einen Gang zu, den man, wie es Josef sofort klar wurde, nur sehen konnte, wenn man von oben kommt. Links kann man ganz normal dem Treppenhaus folgen, während man geradeaus in den dritten Stock einbiegen konnte. Schmale Stufen, die unterschiedlich hoch waren, wirkten als wären sie vor vielen Jahren in den Stein gehauen worden. Als Josef den Gang betrat, wurde es sofort einige Grad kälter und das Licht düsterer. Josef folgte den Stufen nach unten, welche schließlich in einen Gang mündeten, der dunkel und schmutzig vor ihm lag. Auf der linken Seite hingen Bilder. Josef trat an das erste heran und erkannte an seinem langen weißem Bart Karl Marx; das nächste Bild zeigte mit strengem Bart und hoher Stirn Lenin. Es folgten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und dann schließlich eine schwarze Tür, auf der mit roten Buchstaben die 31 prangte. Josef war dankbar, nun endlich auf der richtigen Spur zu sein, und betrachtete weiter die Bilder. Kurt Schuhmacher war da zu sehen, gefolgt von einem Mann den Josef nicht kannte und der Tür mit der Nummer 32. Kurz blickte Josef auf den Gang rechts von ihm, der einfach dunkel war und weder von Türen noch von Bildern verziert wurde, bis links ein Bild von Willy Brandt auftauchte und schließlich Che Guevara ihn kritisch beobachtete. Der Gang machte eine Biegung und Josef lief direkt auf das Bild von Helmut Schmidt zu, der mit einer Zigarette in der Hand in der Mitte der Wand milde lächelnd Josef von oben herab ansah.
Als Josef dem Gang nach rechts folgte, sah er, dass nun die linke Seite der Wand leer war und dafür rechts ein Bild hing. Der letzte sozialdemokratische Kanzler, Gerhard Schröder, erkannte Josef, und dann rechts schließlich das Zimmer mit der Nummer 33. Josef bemerkte erst jetzt wie nervös er war und wie stark ihm der Schweiß über den Körper rannte, wie feucht seine Handflächen waren und wie trocken seine Kehle. Trotzdem öffnete er die Tür, trat ein und verlor das Gleichgewicht. Seine Füße zogen es vor, vor dem Körper waagrecht auf den Boden zu knallen und Josef erkannte in diesem Moment, dass Zimmer 33 ein Rutschbahn ist. Der absteigende Ast, das Ende aller Ambitionen und die Kreuzung zwischen Realpolitiker und versifftem linken Träumer. Im Halbdunkel sah Josef eine Abzweigung vorbeihuschen, über der in großen, fetten Buchstaben »Karriere« stand und dann plötzlich eine Wand auf ihn zukommen. Josef versuchte zu bremsen. Er knallte die Hände auf den Boden und stemmte die Fußsohlen gegen den glatten Untergrund, doch nichts half. Dann prallte er auf.

Ein Schlag durchfuhr Josef und er zuckte einmal von unten nach oben. Von seinen Füßen bis zu seinen Haarspitzen durchfuhr ihn ein Blitz wie ein Stromschlag.
»Herr K. Der Parteifunktionär ist nun bereit, Sie zu empfangen.«
Josefs saß unter dem goldenen Willy Brandt und musste in der Wartehalle eingeschlafen sein. Er schwitzte am ganzen Körper und zitterte wie ein Baum, der mitten in einem Unwetters steht und sich dagegen wehrt, entwurzelt zu werden.
»Ah. Danke.« Josef fing sich langsam wieder und lächelte die Empfangsdame an.
»Zimmer 33«, erwiderte diese und wies Josef lächelnd mit dem ausgestreckten Arm zu den Aufzügen. Als Josef die ›3‹ drückte, wurde ihm peinlich bewusst, dass er eingeschlafen sein musste. In der Öffentlichkeit, während er auf einen wichtigen Termin wartete. »Hoffentlich hat das niemand bemerkt«, dachte er und betrachtete sich im Spiegel des Aufzuges. Seine Augen waren rot unterlaufen und die Ringe drumherum tief schwarz. Er und Leni hatten die ganze letzte Nacht mit Sex verbracht und gerade kurz vor dem Termin erst eine letzte Zigarette danach geraucht. Nach einer Nacht ohne Schlaf ist der Tag wie ein Rausch. Josef strich sich kurz durch das Haar, zog die Krawatte fest, verließ den Aufzug und ging eiligen Schrittes auf Raum Nummer 33 zu.

Der Parteifunktionär kam ohne Umschweife zur Sache.
»Wir sind derzeit der kleine Partner in einer großen Koalitionen und was betreiben Sie?«, fragte er und gab die Antwort sofort selbst. »Oppositionsarbeit. Sie stärken niemanden außer die Konkurrenz und schaden Ihrer – unserer – Partei.«
Josef wollte zu einer Antwort ausholen, doch der Parteifunktionär stach ihn sofort verbal nieder. »Machen wir es kurz. Wir haben Sie in der Hand. Bereits vor zehn Wochen haben wir Ihre Anrufe kontrolliert und Ihre Schwachstelle gefunden: Frauen.«
Der Parteifunktionär lächelte Josef süffisant an.
»Aber das dürfen Sie nicht«, entfuhr es Josef.
»Aber das dürfen Sie nicht«, äffte ihn der Parteifunktionär nach. »Ich darf, was gut ist für dieses Land. Sie stehen im Verdacht, Drogen zu konsumieren und damit zu handeln und somit darf der Innenminister Ihre gespeicherten Telefonate studieren. Gedankt sei der Vorratsdatenspeicherung.«
»Das dürfen Sie nicht!«, entfuhr es Josef wieder.
»Ich darf innerorts auch nicht 70 km/h fahren und mache es trotzdem. Die Daten werden gespeichert, also nutzen wir sie.«
Josef wusste nicht, wie ihm geschah. Das Büro des Parteifunktionärs war mit einem großen Tisch und mächtigen Stühlen vollgestopft. Der Raum war eigentlich zu klein für so viel Prunk und trotzdem konnte der Parteifunktionär sich scheinbar diesem Spiel um Macht mit großen Tischen und mächtigen Sesseln nicht entziehen. Sie hatten ein Spiel gespielt, dessen Regeln er nicht kannte, musste Josef einsehen: Noch schlimmer: Er wusste nicht mal, dass er es spielte.
»Kommen wir zu den Fakten. Wir haben dieses Mädchen.«
»Leni?«
»In Wirklichkeit heißt sie Thao und hat nun auch endlich die deutsche Staatsbürgerschaft, die sie sich schon so lange gewünscht hat.«
Josef sank in seinem Stuhl zusammen.
»Sie würde sich dafür verkaufen, dafür lügen und dafür morden«, waren Lenis Worte. Thaos Wahrheit. Wahrscheinlich das einzig Wahre, was sie je zu ihm gesagt hatte.

Der Parteifunktionär ließ einen Füller mit goldenem Deckel durch seine Finger kreisen. In silbernen Buchstaben stand ›Gasprom‹ auf dem Stift, den er dann neben seine Tastatur legte, um seinen Standpunkt weiter auszuführen.
»Wir haben außerdem ein Telefonat von Ihrem Telefon aus zu Berlins größtem Dealer. Zusätzlich dazu Fotos, wie Sie eben jenem jungen Mann vor Ihrer Wohnung einen Umschlag zustecken. Thao alias Leni hat dafür gesorgt, dass sie mit jeder selbstgedrehten Zigarette ein bisschen Gras rauchten, und Ihnen im Schlaf eine Haarprobe entnommen, die eindeutig beweist, dass sie gerne mal einen rauchen. Nun werden Sie sagen: Ein bisschen Gras reicht nicht, um meine Karriere zu zerstören. Nein. Wir haben aber auch noch Thao, die, nachdem sie mit Ihnen das Bett teilte, plötzlich und grundlos deutsche Staatsbürgerin wurde. Die Leute sind zurzeit sehr empfindlich, wenn es um Asylbewerber geht. Denken Sie doch einmal daran, was der bayerische Ministerpräsident dazu sagen würde.«
Der Parteifunktionär machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Drei Möglichkeiten, Herr K. Sie unterstellen sich wieder der Partei und unterlassen Ihre unsäglichen Auftritte vor diesem Pöbel, oder Sie lassen die Politik bleiben oder alle Daten, die wir gegen Sie gesammelt haben, einschließlich einer jungen Dame, die erzählen wird, wie Sie ihr für Sex die Staatsbürgschaft besorgt haben, landen bei der Bild, beim Spiegel und der Süddeutschen.« Josef sank komplett in sich zusammen. »Wer hat mich verraten?«, dachte er und kannte die Antwort.

Ein Leben, das man selber respektieren kann.

Vielleicht ist es so, dass man sich an die beste Zeit seines Lebens kaum erinnern kann, und trotzdem ist meine erste Erinnerung Schmerz. Ich hatte versucht, Ziegelsteine in die Plastikschaufel meines Spielzeugtraktors zu laden und dabei fast meinen großen Zeh verloren. Trotzdem muss ich in dieser Zeit meistens glücklich gewesen sein. Man sitzt in der Spielecke des Kindergartens und baut aus Holzklötzen den größten Turm der Menschheit. Man lässt Autos gegeneinander fahren und prügelt sich im Garten, nur um am nächsten Tag wieder beste Freunde zu sein. Doch eines Tages bekam ich eine Schultüte und einen Schulranzen, der viereckig, unförmig und bestimmt nicht gut für den Rücken war. Ich erinnere mich an die Vorfreude, endlich Lesen und Schreiben zu lernen, und den Glauben daran, einfach alles zu können, weil schließlich jeder Erwachsene alles kann. 

Die Grundschule zerstörte meine Träume und meinen Glauben an alle Erwachsenen wie später der FC Nürnberg meinen Traum vom Erfolg. Das Erlernen von Buchstaben ging einher mit dem genauen Malen von Buchstaben – Bbb, Aaa und Mmm. Ich saß an meinem neuen Ikea-Schreibtisch, den es zum sechsten Geburtstag gab, und malte über die Zeilen hinaus. Ich drückte mit dem Füller so fest auf, bis die Schrift zu dick wurde. Ich schüttelte meine steife Hand aus, bis Tintentropfen über das ganze Hausarbeitsheft flogen, und verzweifelte an hunderttausend roten Kringeln über jeder Linie, die nicht genau war, und an dem dicken, fetten „Nochmal“ ganz unten auf meiner verbesserten Hausaufgabe. Ich kann nichts Gutes über die Lehrerin, die sich 1994 noch mit „Fräulein“ ansprechen ließ, sagen, weil sie zwei Jahre lang mein Gehirn und meinen Glauben an mich selbst gefickt hat.

Der Junge, der nicht stillsitzen kann, nervt die Lehrer auch später; der Junge, der sich nicht lange konzentrieren kann, treibt die Lehrer, Eltern und sich selbst in die Verzweiflung, weil er die erste Hälfte des Diktates fehlerlos und die zweite mit 62 Fehlern abgibt. Der Junge, der begonnen hat, die Schule zu hassen, drückt sich vor den Hausaufgaben und dem Lernen. Der Junge war schon in der Grundschule durch das Raster der Leistungsgesellschaft gefallen. 
Für meine Eltern war es schwer zu akzeptieren, dass der Sohn eines erfolgreichen Journalisten und einer Einserschülerin auf die Hauptschule kommen wird. Es folgten Besuche bei Ärzten und Ritalintabletten, die mich veränderten, bis meine Eltern mich nicht mehr wiedererkannten und sie wieder absetzten. Es gibt Kinder und Erwachsene, für die Ritalin eine Hilfe ist. Mich hat es nur mager, blass und schweigsam gemacht. 

In der Hauptschule hatte ich zum ersten Mal einen männlichen Lehrer, der in seiner Freizeit in einer ACDC-Coverband spielte und Schwarz trug, wenn sein Verein, der SC Freiburg (auch gute Lehrer machen Fehler) abgestiegen ist, und plötzlich gehörte ich zu den besseren Schülern. „Schönschreiben“ ist Fächern wie „Geschichte“ und „Geographie“ gewichen, die nun mein Interesse weckten. Trotzdem blieb die 4 in Deutsch und verhinderte ein höhere Schule. Erst in der achten Klasse habe ich zum ersten Mal ein Diktat mit einer besseren Note als 6 geschrieben. Ich habe das Hausaufgabenmachen und Lernen gänzlich eingestellt und widmete mich lieber dem Drehen von Zigaretten und dem Öffnen von Bierflaschen mit Feuerzeugen. Die Ehe meiner Eltern war gerade zerbrochen und als sie nach einem neuen Weg für sich suchten, trieb ich ziellos durch die Welt der Erwachsenen, die ich verachtete. Die anderen in der Klasse wollten Schreiner und Zimmermann werden, während ich begann, Hemingway zu lesen und Mädchen zu verführen. Brennende Mülltonnen, aufgemotzte Mofas und geklauter Wodka waren alles, was ich wollte, und trotzdem schrieb ich einen Abschluss, den mir niemand zugetraut hätte. 

Der Versuch, die Mittlere Reife zu machen, war eine riesige Katastrophe. Ich war ein fauler, vorlauter Nichtsnutz, der in der letzten Reihe saß und SMS mit weit älteren Mädchen schrieb. Verweise für Rauchen auf dem Klo, Schneeballschlachten und unentschuldigtes Fehlen trieben meinen Vater zu der Aussage: „In deinem Alter musste dein Opa schon in den Krieg“. Aber ich führte doch auch einen Krieg – einen Krieg gegen die Verlogenheit der Menschen über 30, einen Krieg gegen die Leistungsgesellschaft und den Kapitalismus. Ich war schließlich Punker und da war nichts wichtig außer eine gute Frisur, Löcher in den Hosen und starke Zigaretten. Mein Deutschlehrer von damals gab mir bei meinem endgültigen, unrühmlichen Abgang von der Schule den Tipp, Revoluzzer oder Kabarettist zu werden, und beides hörte sich für mich ziemlich von Gestern an. 
Es waren mein Onkel und der Traum von der Freiheit, die mich dann nach Island gehen ließen. Während in Deutschland ein Sommermärchen gefeiert wurde, lief ich im isländischen Hochland Schafen hinterher und las mich abends durch die Weltliteratur. Doch weit weg von der Heimat versuchte ich für mich einen Weg zu erkennen, wie man es vielleicht zwischen all den Einfamilienhäusern, Jack-Wolfskin-Jacken und dem Deutschland, das Superstars sucht, schafft ein Leben zu führen, das man selber respektieren kann. Ich wurde nicht fündig, doch mein Vater fand einen Ausbildungsplatz für mich und holte mich zurück.

Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen und noch immer mache ich in dem Betrieb von damals das, was ich nie wollte: Ich klettere langsam nach oben in einer Hierarchie, die ich immer verachtet habe. Manchmal habe ich Termine, zu denen ich mit Hemd in der Hose und Anzugschuhen erscheinen muss. Während mein Personalchef vom nächsten Karriereschritt spricht, muss ich an die Doppelknoten in meinen Schnürsenkeln denken, die ich gemacht habe, damit ich nicht auf die Fresse fliege. Ich bin in dem Alter, in dem ständig gesagt wird: „Jetzt geht’s auf die 30 zu“ und langsam muss ich feststellen, dass nicht jeder über 30 eine Grundschullehrerin ist, die glaubt, es ist wichtig für das weitere Leben von 7-Jährigen, dass ein B genau aussieht wie das andere. Ich musste erkennen, dass ich nicht dafür geschaffen bin, mich auf Stühle zu setzen und anderen Menschen zuzuhören. Ich kann mich nur schwer auf Dinge konzentrieren, die mich nicht interessieren und die mir nichts nutzen, habe aber einen Job gefunden, in dem ich ganz gut bin. In der Arbeit mit Auszubildenden habe ich gemerkt, dass es Abiturienten gibt, die zwar die Binomischen Formeln können, aber keinen Dreisatz. Dabei rechnet man mit einem Dreisatz doch aus, wie viel jeder Mittrinker an der Bierkiste zu zahlen hat und mit den Binomischen Formeln – nun ja, ich habe keine Ahnung. Das soll kein Blog sein, der das Schulsystem anprangert und alle Lehrer verteufelt, sondern ein Text für jeden, dem es ähnlich geht, der im Studium, der Schule oder dem Job festhängt und sich selbst und die Welt dafür hasst. Es geht nicht darum, der Beste in irgendwas zu sein, sondern darum etwas zu machen, wofür man sich begeistern kann. Während all die Menschen, die in dieses System passen, es leben und weiterentwickeln, im Hamsterrad aus Erfolgssucht und Geldgeilheit feststecken, kannst du dich neben mich setzen. Ich mach ein Bier für dich auf und gemeinsam schauen wie den anderen dabei zu, wie sie sich gegenseitig mit Geld bewerfen.

The Return of Alex

„Was läuft denn jetzt, ey?“, fragt Georg, einer meiner Droogs. Wir stehen in der Korowa-Bierbar an der Theke, während aus den Boxen der große Kurt dröhnt, dass es mir alle Bodyhärchen aufstellt. „Lass mal einen drauf machen, dass die Kuh fliegt“, sage ich und verlasse die Korowa-Bierbar mit meinen Droogs im Schlepptau. Die Droogs sind weniger geworden, seit die Staatsgewalt begonnen hat Verliererbodys aus den Vorstädten einzuziehen und ihnen ihre Brains zu waschen. Mein Kapuzenpullover sitzt brutal gut, meine blaue Jeans locker und meine Haare sind kurz und verstrubbelt. Der Sound des Underground ertönt, als ich auf meine Sprühdose drücke und unser Zeichen an die Mauer der Trainstation painte. 

Beim alten Theater treffen wir auf die Brüder der Staatsgewalt, mit ihren olivgrünen Loser-Uniformen, die dafür Sorge tragen sollen, dass jeder gute Civic auch ein Safe Civic ist, und dass jeder Bad Civic, wie ich und meine Droogs es sind, um seine Freiheit fürchten muss. Die Masken der Staatsgewalt werden sofort tief ins Face und die Namensschilder von der Loseruniform gezogen. Ich ziehe meinen Baseballschläger aus meinem Backpack und will schon den ersten Knochen zum Brechen bringen, als ein Car mit Höllentempo die Street entlang kommt und zwischen der Staatsgewalt und den Droogs und mir zum Stehen kommt. Aus dem Car jumpen five Nationals und stellen sich auf die Seite der Staatsgewalt. Der Fight würde schnell zu Ende gehen für meine Droogs und mich, also treten wir den Rückzug an. Wir jumpen über Park Benches und weichen gerade noch so heranfliegenden Cars aus. Im Vorbeirennen sprühe ich noch ein Anarchy- Zeichen auf ein Plakat der „National Party“ und die Droogs und ich verschwinden hinter der nächsten Wall. 

Ich lebe auf einem alten Factorygelände in einem Bauwagen mit einigen Rats, keinem Money und keiner Future. Die Häuser in der City haben immer noch Strom, doch dort wo die Verlierer der Gesellschaft leben, gibt es nur noch Hoffnungslosigkeit, Angst vor dem Death und Furcht davor, dass auch unser Brain gewaschen wird. Die Staatsgewalt behauptet zwar das Gegenteil, doch es ist real, dass immer mehr Menschen ihr Brain verlieren und dann zu Nationals oder zu Brüdern der Staatsgewalt werden. Doch was soll das für eine Freiheit sein, wenn sie vom Staat diktiert wird?

Today starten wir eine kleine Action in der City. Überall sollen Anarchy-Zeichen erscheinen und die Staatsgewalt in Aufruhr bringen. Wir lassen die Kuh fliegen und rocken die City. In ihren Eigentumswohnungen sitzt die Armee der Verlierer am Wohnzimmertable und nimmt ein Dinner, während die Vorstadt in die City einfällt und laut schreiend Windows einschlägt, Walls besprüht und Chaos provoziert. Die letzten beiden Male konnten wir die Staatsgewalt mit dem Run auf die City surprisen, doch diesmal sind sie vorbereitet. Eine Gruppe von Nationals und Brüder der Staatsgewalt kesseln uns ein und prügeln uns down mit ihren Waterwerfern und Pfeffersprüh. 

Als ich wieder zu mir komme, ist mein ganzer Body blau und mein Brain kann die Schmerzen kaum mehr zuordnen. Only one day ist seit dem Run auf die City vergangen und doch werde ich sofort in einer Blitzverhandlung verurteilt. Im Staatsinternet zeigen sie Bilder, wie die Staatsgewalt in die Vorstadt einfällt und richtig aufräumt. Alles, was sie back lassen, ist ein Haufen Asche. Oh meine Brüder, ein Haufen Asche, der einst mein Homeland war. 

Ich trete aus meiner Arbeitsstelle. Die weiße Bluse, die ich trage, ist bis oben hin geschlossen und meine Hose ist eng anliegend, doch sie offenbart nichts. Ein Irrer stürzt auf mich zu und brüllt: „Alex! Wir werden dich saven. Die haben dein Brain gewaschen, doch wir machen dich free.“ Ich schüttle angeekelt den Kopf, was meine langen Haare auf meiner Schulter hin und her fallen lässt. Sofort kommt die Polizei herbei und beschützt mich vor diesem Verrückten. Ich steige in die S-Bahn und fahre nach Hause, in meine Eigentumswohnung, in der schon mein Mann wartet. „Alexandra“, begrüßt er mich lachend und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich erzähle ihm von dem Irren, der auf mich zugestürmt ist, und er sagt: „Die Partei wird sich gut um ihn kümmern.“ Für einen Moment grinst er linkisch, um mich dann wieder verliebt anzuschauen. 

%d Bloggern gefällt das: