Rauch und Geld ersticken mein Spiel.

Einmal in meinem Leben saß ich auf dem Zaun der Nürnberger Nordkurve. Seit der 70. Minute sang die komplette Kurve nur noch ein Lied: „Der FCN, das sind nur wir, die Zeit mit euch war wunderschön, es ist wohl besser jetzt zu gehen, schönen Gruß und auf Wiedersehen.  Der FCN, das sind nur wir…“ immer und immer wieder, in einer Endlosschleife. Auf dem Platz buchte gerade eine blutleere Mannschaft ihr Ticket in Richtung zweite Liga.

Ein Jahr zuvor stand ich in Nürnberg und feierte die selbe Mannschaft und den Pokal in ihren Händen. Innerhalb von zwei Jahren einmal in den Himmel und zurück in die Hölle. Es wurde mehr denn je das Spiel, das mir alles bedeutet.

Am letzten Bundesligaspieltag buchte wieder eine erschöpfte Mannschaft ihr Ticket in Richtung zweite Liga. Es war nicht mein Verein, ich war nicht in diesem Stadion, ich sah es nur in der Sportschau, doch was war da los in Köln? Warum wurde nicht gesungen? Stattdessen zündete man Bengalos. Was ist los mit meinem Spiel?

Fußball hat mich fasziniert: Eine Gruppe von Männern und wenigen Frauen, die zu viel Bier tranken und zu schmutzige Lieder sangen. Stadion, das war Bier, Bratwurst und ein Stehplatz für 10 €. Als ich zum ersten Mal in der Nürnberger Nordkurve stand, war das mein Erlebnis, das war ich, das war ein Ausbruch aus der Realität. Hier war erlaubt, was die Benimmregeln des 21. Jahrhunderts verbieten, was ich aber so gern machte: Samstagnachmittag mit Bierfahne, schimpfen, springen, singen, tanzen.

An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal in der Nordkurve stand, sang ich auch ein Lied, das so ging: „Tod und Hass dem FCB“. Die Führung der Bayern wurde auf der Tafel angezeigt und die ganze Nordkurve stimmte ein. Ich wünschte den Münchnern nicht wirklich den Tod, er war nur der Klassenprimus, der Streber; der Verein, der uns den Titel des Rekordmeisters geklaut hat. Es war durchaus Hass.

Heute hat der FCB die sogenannten Ultras ausgesperrt und mit ihnen die Stimmung. Es gibt kaum Stehplätze mehr, nur noch alkoholfreies Bier, die Bratwürste kauft man mit einer komischen Karte und wenn man den Schiedsrichter beschimpft, dreht sich ein empörter Familienvater um. Der Hass wurde zu Verachtung. Sie machen meinen Sport kaputt, sie machen meinen Samstagnachmittag kaputt. Ich weiß, dass es nicht nur die Bayern sind, dass es in England weit schlimmer ist. Aber ich bin nun mal hier und will mich über die Dinge hier aufregen.

Fußball wird zum Familienevent. Das Fußballstadion ist nur noch ein größerer Fernseher ohne Zeitlupe.  Die Bayern stehen exemplarisch für ganz Fußballdeutschland und weil Familien eben nicht singen, müssen die Fans anders auf sich aufmerksam machen: durch schwarzen Rauch und Platzstürmen, so wie in Köln und in Düsseldorf. Es ist der letzte verzweifelte Versuch die Neuerungen im Fussball aufzuhalten.

Die „Ultras“, vor allem die Berliner, die sogar das Spielfeld beschießen, haben jedes Maß verloren. Sie schneiden sich damit in das eigene Fleisch und bringen uns näher an reine Sitzplatzstadien und Alkoholverbot.

Am 19.5. wird sich der FC Bayern München selbst feiern, der Verein wird eine Choreographie organisieren und  für die gute Stimmung wieder lustige Klapphände verteilen. Sie werden den Schalker Ultra in ihrem Tor feiern und niemand wird bengalische Feuer zünden. Warum? Weil sich keiner der Jungs ein Ticket für 1500€ leisten kann. Sie haben es geschafft, sie haben die Fußballstimmung getötet.

Wir sollten dabei nicht vergessen, dass Fußball mehr ist als ein Sport. Für die meisten Deutschen sind die „Helden von Bern“ immer noch die Sporthelden Nummer eins. Weil der Sieg in Bern eben mehr war als nur ein Sieg in einem Fußballspiel. Die iranische Fußballnationalmannschaft lief während der grünen Revolution mit grünen Armbinden auf, um ein Zeichen zu setzten. Für das fußballbegeisterte Land sind sie immer noch Helden. Der Sieg der japanischen Frauennationalmannschaft baute nach Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe ein ganzes Volk wieder auf. In Barcelona war das Camp Nou einst der einzige Ort Spaniens, in dem Katalanisch gesprochen werden durfte. Franco hatte einem Volk seine Sprache verboten.  Untergrundkämpfer trafen sich im Fußballstadion, der FC Barcelona war nicht nur ein Verein, sondern ein Zeichen gegen die Unterdrückung.

Aber was bedeutet das schon? Reißen wir das Camp Nou doch ab, bauen wir einen modernen Fußballtempel ohne Stimmung, ohne Herz, ohne Seele. Benennen wir ihn nach einem Kreditinstitut, verteilen lustige Klapphände für die Stimmung und werden reich.

Fußball, das Spiel, das ich so liebe, wird von zwei Seiten aufgefressen: von geldgeilen Vereinen und Idioten, die das Spielfeld beschießen. In der Mitte bin ich, der doch nur schimpfen, springen, singen, tanzen will. Ich rufe euch zu:

MACHT MIR MEIN SPIEL NICHT KAPUTT!
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5 Gedanken zu „Rauch und Geld ersticken mein Spiel.

  1. Neutron sagt:

    Schön gesagt, guter Beitrag, du sprichst die meiner Meinung nach beiden größten Probleme an.

  2. Biehnoler sagt:

    Gang ganz großes Kino mit ebbas Lyrik. Danke, Marek!

  3. Änni sagt:

    Hi!
    Ich habe von Fussball keine Ahnung und steheh dazu. Mitreden oder enrsthaft diskutieren kann ich daher bei diesem Artikel nicht. Dennoch: Der Artikel ist ausgezeichnet geschrieben, das verstehe ich auch als Aussenstehende. Deine Meinung hingegen teile ich nicht. Fussball ist für mich ein Spiel für alle Generationen, alle Geschlechter und für alle Menschen jeglicher sozialen oder nationalen Herkunft. Spätestens, seit ich auf 4000m Höhe in den ecuadorianischen Anden 15jährige Mädchen in ihrer traditionellen Tracht ausgelassen Fussball spielen gesehen habe, bin ich davon überzeugt. Und meiner Meinung nach sollen Volks-Sportanlässe auch fürs Volk sein. Dazu gehören junge, angetrunkene Männer ebenso wie Frauen, Kinder und Familienväter. Auch Rentner gehören zum Volk, auch das sind Fans.
    Die Sache mit dem Geld hingegen klingt für mich nachvollziehbar.
    Wie gesagt, ich habe keine Ahnung von Fussball, und ich will dich auch nicht angreifen. Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Meinung. Ich wollte bloss kurz mal meine äussern.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz,
    Änni

  4. Was die Stimmung in den Stadien angeht, teile ich deine Meinung aber dem FC Bayern dafür den Großteil der Schuld zu geben, halte ich für Falsch.(Das mit der Stimmung bei den Spielen des FC Bayern ist auch ein anderes Thema ;)) Das Problem heut zu tage ist, dass es Fans wie dich und mich gibt, die einfach nur singen, schimpfen und trinken wollen und am Ende, egal ob Sieg oder Niederlage, friedlich nach Hause gehen. Wenn es so ablaufen würde, würden auch Familien oder Rentner die ins Stadio gehen der Stimmung keinen Abbruch tun und Fussball könnte wieder beides sein, ein „Familienfest“ und ein Fest für die Fans.
    Auf der anderen Seite stehen aber leider die Ultras und noch eine Stufe krasser die Holligans, die so ein Sportereigniss kaputt machen wollen. Wenn ich dann lese, dass Bengalos teilweise rektal ins Stadion geschmuggelt werden, dann frage ich mich, was man dagegen tun soll, die einzige Möglichkeit wäre, am Eingang eine ganz Körperscan, ähnlich dem am Flughafen, zu installieren, was aber nicht akzeptiert werden würde. Was bleibt den großen Verein also noch übrig, als Auflagen auf zu setzten wie eben zum Beispiel keine Stehplätze mehr oder Stadionverbote auszusprechen. Und da Fussball nunmal weltweit übertragen wird und von groß und klein geschaut wird, haben die Vereine auch eine Vorbildfunktion.
    Ich bin der Meinung, dass gerade wir, als normale und anständige Fans uns zusammen schließen und für die nötige Stimmung sorgen sollten.

    Wenn ich singen und tanzen will, dann hindert mich daran auch kein Stuhl und nach 45 Minuten bin ich auch mal ganz froh, wenn ich mich kurz 5 Minuten hinsetzen kann, um für die zweiten 45 Minuten wieder aus voller Leidenschaft meine Mannschaft feiern und voran treiben kann.

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