Einmal braves Kind to go.

Draußen vor dem Fenster sieht Karl eine Feder vorbeifliegen. Seine Gedanken schweifen ab, in seiner Vorstellung sitzt er auf der Feder und schwebt mit ihr in eine bessere Welt, eine Welt ohne Probleme und Sorgen. „Karl?“ Eine Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. Vorne steht die Lehrerin, akkurat gekleidet, mit strengem Blick. „Kannst du meine Frage beantworten?“ Karl kann das nicht.

Er sitzt wieder auf seiner Feder und fliegt mit ihr einen Regenbogen entlang. An dessen Ende trifft er auf riesige Maulwürfe, die gemeinsam mit ihm nach dem Schatz suchen, der doch am Ende des Regenbogens liegen soll. „Karl, kommst du nach vorne?“ Die Lehrerin mustert ihn traurig. „Karl, ich habe mit deiner Mutter gesprochen, sie hat gesagt ihr hättet die Geschichte geübt. Wie kann man trotzdem 64 Fehler machen?“ Die anderen Kinder im Hintergrund beginnen zu lachen. Karl nimmt das Blatt und setzt sich weinend an seinen Platz.

Karl sitzt in dem Auto seiner Mutter und daneben fliegt die Feder entlang. Auf ihr sitzen die Maulwürfe, die jubelnd den Schatz in ihren Händen halten. „Ich habe einen Arzttermin für dich vereinbart, der kann dir helfen. Weißt du, das ist eine Krankheit wie Schnupfen.“

Karl must nun jeden Tag vor der Schule eine kleine weiße Pille nehmen. „Die hilft dir dich zu konzertieren“, hat der Doktor gesagt und die Lehrerin hat ihm zugestimmt. Karl sitzt in dem Klassenzimmer. Draußen vor dem Fenster schwebt wieder die Feder, doch Karl sieht sie nicht. Langsam zerfällt die Feder zu Staub. Karl blickt nach vorne, immer auf die Tafel. Sein Banknachbar fragt ihn etwas; Karl hört es nicht. Der Unterricht fliegt an ihm vorbei. „Karl, kommst du vor?“ Karl geht langsam nach vorne. In den letzten Wochen ist er blass und dünn geworden, er mag nicht mehr draußen spielen und auch nicht mehr essen. „Du hast sonst bessere Geschichten geschrieben, Karl. Du hast doch Fantasie – setz sie ein! Aber du hast weniger Rechtschreibfehler gemacht. Gut, Karl.“

Und vor dem Fenster sitzen die Maulwürfe weinend auf ihrer Feder.


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7 Gedanken zu „Einmal braves Kind to go.

  1. Limonenbiss sagt:

    Schön geschrieben, aber könnte in seinem moralisch plakativen Urteil kaum weiter von der gelebten Realität abseits medienwirksam inszenierter Klischees sein.
    Danke für eine weitere Zementierung eines Allgemeinplatzes zu Medikamenten und ADHS, der sich erneut auf Schule und Konzentration fixiert, das nur einen winzigen Bruchteil dieser komplexen Disposition darstellt und den angeblichen Wunsch der Eltern von „braven“ Kindern. Wie unerfreulich undifferenziert.
    Kann nicht so viel essen, wie ich von mir geben möchte.

    • sonderbayer sagt:

      Dieser Text ist zu 100% autobiographisch, mir wurden harte Medikamente verschrieben, weil ich lieber aus dem Fenster raus als zur Tafel vor sah. Diese Medikamente haben mich so verändert, dass meine Mutter rückblickend sagt: „Das war nicht mehr mein Kind“. Ich kann und will nicht beurteilen, was mit anderen Patienten ist, aber ich weiß wie es bei mir war. Schön, dass Sie glauben mich zu kennen, aber Sie können mich mal.

      • Limonenbiss sagt:

        Ich habe nie geschrieben, dass ich glaube, Sie zu kennen. Aber mit ADHS und Betroffenen erdreiste ich mir etwas Ahnung zu unterstellen. Ich habe in fünfzehn Jahren mit Betroffenen keine einzige Familie getroffen, die sich diese Entscheidung leicht gemacht hätte, oder sie gar für „brave“ Kinder getroffen hätte. Ganz im Gegenteil!
        Familien am Rande des Zusammenbruchs, Neunjährige mit Selbstmordgedanken und unzählige Versuche mit teuren, homöopathischen Mittelchen, vor lauter Panik, sein Kind „zuzudrogen“, wie das so gerne dargestellt wird, habe ich allerdings erlebt.
        Vielleicht haben Sie schlicht kein ADHS, dann wären in Ihrem(!) Fall Diagnose und Medikation vermutlich als verfehlt anzusehen. Darüber kann und will ich mir kein Urteil erlauben.

  2. sonderbayer sagt:

    Ich sage ja, dass ich es bei anderen Kindern nicht beurteilen kann und auch nicht will, aber dies ist meine Geschichte und diese darf ich erzählen – auch wenn sie sich davon übergeben müssen.

  3. sonderbayer sagt:

    Kein Ding. Sorry auch von meiner Seite.

  4. Inch sagt:

    Ich bin so froh, dass es die Pillen, als ich lieber aus dem Fenster schaute, noch nicht gab. Ich war einfach nur ne Zappelfilippine, mit viel Fantasie, die, so stand es in jedem Zeugnis, mehr lesiten könnte, wenn sie nur wollte. In der Schule.
    Mein Weg nach der Schule verlief vielleicht etwas holprig, und nicht geradlinig und sofort übers Abi. Doch ich bin angekommen. Auf Umewegen zwar, aber it gemachten Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Denn was hätte ich ohne diese Erfahrungen heute zu erzählen?

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