Ich sende ein SOS

Vor 10 Jahren verbot die Regierung das Internet, vor 20 Jahren begann die Natur sich entgültig an der Menschheit zu rächen, 30 Jahre sind vergangen seit sonderbayers Blog, wir schreiben das Jahr 2042.

Ich schultere meine Kalaschnikow und verlasse mein Kellerloch. Die Sonne brennt erbarmungslos nieder auf Mitteleuropa. Wo früher Getreide und Mais wuchsen, wächst nun wilder Wein. Ich grüße eine alte Frau mit Kopftuch, die mit einem Korb auf dem Rücken verzweifelt nach Essbarem sucht. Ich gehe die Straße entlang, der Teer ist längst aufgebrochen und rissig, die erbarmungslosen Sonnenstrahlen weichen ihn immer weiter auf. Am Straßenrand steht ein verwahrloster Panzer, der Wind vergräbt ihn langsam im Sand. 15 Jahre dauert inzwischen der 3. Weltkrieg; es geht um nichts anderes als um Wasser und Nahrungsmittel. Verzweifelte Regierungen versuchten ihr Land zu retten, aber es gibt nichts zu retten, wenn ein ganzer Kontinent mit dem Mut der Verzweifelten gestürmt kommt. Am Ende gewann nur eine: Die Sonne holte sich auch Mitteleuropa. Die Schlachtfelder haben sich verlagert, man kämpft nun um Sibirien, Alaska und Grönland. Einst nicht besiedelbares Land wurde zum Paradies, von dem weltweit geträumt wird.

Mitten in dem grausamsten Krieg aller Zeiten haben die Menschen sich aufgelehnt. Sie versammelten sich über das Internet, warfen Bomben auf die Staatsgewalt, gruben nach Trinkwasser und brachten den Staat zum Einsturz. Im Gegenzug wurde der Strom abgeschaltet, Atomkraftwerke kollabierten, riesige radioaktive Wolken zogen über das Land. Das Internet ist längst Geschichte. Der letzte Tweet war eine Favstarmention, der Retweet blieb aus.

Ich verlasse die befestigte Straße und kämpfe mich an einem Wald entlang. Die Sonne steht hoch am Himmel und verbrennt die Haut. Im Schatten eines Baums entdecke ich Erdbeeren und denke zurück an die Erdbeeren, die früher im Garten meiner Mutter wuchsen, an den wunderbaren süßen Geschmack. Ich stecke mir die Erdbeeren in den Mund; sie schmecken sauer wie Zitronen. Mein Magen rebelliert.

Ich kotze die Erdbeeren wieder aus. Magensäure, die feste Nahrung schon lange nicht mehr kennt, verätzt mir die Speiseröhre. Während ich nach Luft schnappend unter einem Baum liege, rubble ich mir die Haut vom Arm, die sich durch den ewigen Sonnenbrand immer weiter abschält.

Ich ziehe weiter. Der Wald neben mir ist kaum mehr sichtbar. Schwarzer Rauch umhüllt ihn. Keiner kümmert sich um Waldbrände, wenn die ganze Welt brennt. Das Atmen wird zur Tortur. Gegen Abend erreiche ich die Donau: Der einst mächtige Strom ist nur noch ein trauriger Rinnsal. Ich durchquere sie, das Wasser geht mir bis zu den Knien, es ist über und über voll mit Algen, längst kann hier kein Fisch mehr leben. Ich nehme einen Schluck. Es hat 40 Grad, schmeckt nach Algen und Erdöl; ich kotze es aus, trinke es trotzdem weiter. Der Lebenserhaltungstrieb ist das Letzte, was sterben darf.

Als die Sonne endlich untergeht, erreiche ich eine Stadt. Die Gebäude, die nicht zerbombt wurden, zerfallen jetzt hilflos. Im Schatten der Trümmer sieht man die letzten Reste der Wohlstandsgesellschaft. Ich klettere auf das höchste Gebäude, die ehemalige Finanzzentrale – längst verlassen stürzt sie langsam ein. Es ist tiefe Nacht, als ich ganz oben stehe. Ich nehme meine letzte Hoffnung, zünde eine bengalische Fackel und sende ein SOS.

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Ein Gedanke zu „Ich sende ein SOS

  1. […] der Menschheit zu rächen, seit sonderbayers Blog sind 30 Jahre vergangen, acht Wochen seit Teil 1 https://sonderbayer.wordpress.com/2012/07/05/ich-sende-ein-sos/ Wir schreiben das Jahr […]

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