Die Geschichte von Anna.

Ich stecke mir eine Lucky Strike in den Mund, das Feuerzeug flackert seltsam im Strobolicht der Bar. Es ist Rosenmontag und ich trage einen Cowboyhut. Ich bestelle mir einen Wodka und taumle betrunken durch die Menschenmenge. Betrunkene Gespräche über Belanglosigkeiten, Halbwissen lallend, auf der Suche nach Zuneigung. Ich bin 15, rauche zu viel und trinke Wodka mit Orangensaft. Genau wie Anna neben mir, sie erzählt von ihrem Freund und davon, dass sie an die ewige Liebe glaubt. Ich erzähle, dass mein Vater jetzt eine Neue vögelt und Mutter nicht weiß, ob sie mit drei Kindern das Haus halten kann. Der Blick in ihre Augen zeigt mir eine rote Ampel.

Wir sind eine Generation voller Scheidungskinder. Wir wissen seit unserer Kindheit, dass die Liebe ein instabiles Konstrukt ist, wie ein Schneemann im Frühjahr. Trotzdem taumeln wir auf der Suche nach dem perfekten Gegenstück durch das Leben, jagen einem Traum hinterher, an den wir selbst nicht glauben. 

Der DJ spielt „Nothing Else Matters“ und „I Will Survive“, während wir schlechten Walzer und unrhythmischen Diskofox tanzen.  Der Blick in die Augen sagt, die Ampel wird langsam orange. Dann „Time Of My Life“, der Versuch einer Hebefigur. Mein Cowboyhut fliegt weg, Anna auf mich, es bleibt eine Hebeumarmung. Die Bar wird leer, es ist weit nach drei Uhr morgens. Der Versuch, den Hunger mit zu salzigen Salzstangen zu besiegen, endet bei mehr Wodka und weniger Orangensaft.

Wir haben Jobs, Ausbildungen, Autos mit Winterreifen, Freunde und Blogs, aber vor der Liebe stehen wir ratlos wie ein Steinzeitmensch vor einem iPad. Jahrtausendelang gab es die eine große Liebe, die für immer hielt. Eine so lange Tradition bricht und wir versinken ratlos in offenen Beziehungen mit Lebensabschnittsgefährten und langweiligen One-Night-Stands. 

Anna hat ihren Freund vergessen, ich meinen Hut. Wir verlassen Händchen haltend die Bar. Es weht ein kalter Wind und es hat geschneit; meine Ohren sind kalt, meine Hand nicht. Ich vermisse meinen Hut. Gemeinsam rauchen wir meine letzte Lucky Strike und sprechen über zu tiefgründige Belanglosigkeiten. Die Ampel wird grün, unsere Zungen berühren sich. Knutschen, morgens um vier im Schnee vor der Kirche.

Zehn Jahre sind vergangen. Ich kann immer noch keine Hebefigur und frage mich, was aus meinem Hut geworden ist. Zehn Jahre sind vergangen und der Steinzeitmensch steht immer noch mit einem Feuerstein vor dem iPad und kratzt sich verwundert am Hinterkopf. Anna hat am Samstag geheiratet. Ich wünsche ihr alles Gute, während ich immer noch angetrunken durch das Leben taumle und nicht weiß, was ich suche. Aber wir sind beide unseren Weg gegangen, du vor den Traualtar, ich in Schlangenlinien ohne Ziel. Weißt du, was das Tolle ist, Anna? Auch wenn wir manchmal nicht wissen, ob das der richtige Weg ist, wir können ihn frei wählen.

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4 Gedanken zu „Die Geschichte von Anna.

  1. Schwanzverlängerung gelungen, weil den Nagel voll getroffen. Ich ziehe den Hut. Greife aber ins Leere und frage mich, was aus ihm geworden ist.

  2. Anonymous sagt:

    ein text wie aus meinem leben.
    großartig! vielen dank dafür!

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