Eine Leiche verlässt mein Auto.

Ein Joint macht die Runde unter einer einzelnen Lampe, die schwaches, gelbes Licht in den Raum wirft, welches aber nach wenigen Metern bereits von Rauch und Dunkelheit verschluckt wird. Ich öffne eine weitere Flasche Bier und kündige das nächste Spiel an, Schafkopf, ein Kartenspiel so undurchsichtig und kompliziert wie das Leben. Gegenüber sitzt Steffi. Sie ist furchtbar hübsch und laut. Sie zieht lange an dem Joint und spielt schließlich mit. Am Ende werde ich gewonnen haben und sie verloren. Nur 5€, aber Schafkopf ist wie das Leben.

Fünf Jahre später. Ich erkenne Steffi sofort. Sie ist alt geworden, älter als man in fünf Jahren werden kann. Wir umarmen uns, ich bemerke ihre Hand an meiner Gesäßtasche. Ich nehme ihre Hand und führe sie langsam weg von meinem Geldbeutel. Wut und Enttäuschung in ihren Augen. Ich gebe ein Becks und einen Döner aus, ihr wirrer Blick sagt irgendwie Danke. Ich erzähle von mir. Sie braucht nichts erzählen, ihr Gesicht erzählt alles.

Crystal schlägt im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ein wie eine Bombe. Eine Nase voller Kristalle und man ist sofort abhängig. Man wird nie wieder clean, leidet für immer an Depressionen. Das Gehirn wird aufgefressen wie von Geiern, die alles Fleisch aus einem verstorbenen Kadaver picken. Eine Nase Crystal und man ist tot.

Dann frage ich doch nach ihrem Befinden. Sie ist nicht mehr laut. Die Stimme ein leises, trauriges Flüstern. Die letzte Nase muss länger her sein. Sie kann sich kaum mehr artikulieren. Sie ist nicht mehr hübsch, das faltige Gesicht erzählt Geschichten wie ein Vulkankrater von Ausbrüchen und großem Leiden.

Crystal ist billig. Wenn man es in Tschechien konsumiert, ist es noch nicht mal richtig illegal. Wir sind die Generation, die glaubt mit Drogen umgehen zu können. Wir haben unsere Eltern beim Kiffen erwischt und schon mal Koks probiert. Wir lesen Tweets und Blogs über Heroin oder gescheiterte Entzüge und heften teilnahmslos einen Stern daran, der festen Überzeugung folgend trotz Drogen nicht Schwänze lutschend im Bahnhofsklo zu liegen. Christiane F. ist längst Vergangenheit. Aber Crystal ist kein Spaß. Man kann Crystal nicht ein Mal probieren. Der erste Zug ist der Strick um deinen Hals.

Steffi will zu einem „Freund“, ich fahre sie. Der „Freund“ erwartet sie an der Grenze. Ich lasse sie aussteigen. Eine Leiche verlässt mein Auto. Eine Träne mein Auge.

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Ein Gedanke zu „Eine Leiche verlässt mein Auto.

  1. thisis sagt:

    Sehr gruselig.
    Beklemmend.

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