Wir waren Helden.

Das Licht des tragbaren Computers spiegelt sich in meinen Augen wieder. Draußen rauscht die Landschaft vorbei, wieder unterwegs, von hier nach dort, von irgendwo nach nirgendwo. Wahrscheinlich wirke ich furchtbar geschäftig, wahrscheinlich bin ich mehr Schein als Sein. Bis ich gerufen werde, mit einem längst vergessenen Namen. Ein Gesicht vor mir. So bekannt, so unbekannt.

„Mach mal das Ding da aus. Komm, wir trinken eins.“ Breitester oberpfälzer Dialekt. Marco. Marco hat Bier dabei. „Weißt du noch? Damals…“ Gespräche über früher, über die wilden Jungs, über die Helden des Dorfes.

Wir hatten Baumhäuser, so weit oben gebaut, dass unsere Väter sie regelmäßig abrissen, um Schädelbasisbrüche zu vermeiden. Wir hatten Seifenkisten ohne Bremsen. Wir hatten Steinschleudern, Pfeil und Bogen. Wir haben uns Maschinengewehre geschnitzt und das Rattern mit dem Mund nachgemacht, wir waren für zwei Sekunden tot. Wir spielten Fußball, Oberkörperfrei gegen T-Shirts. Kein Weg war zu weit für unsere BMX. Wir kletterten auf Bäume, bauten Lager, gründeten Banden, führten Krieg, schlossen am nächsten Tag schon Frieden. Im Winter eroberten wir die Antarktis, im Sommer den wilden Westen. Wir sollten zu Hause sein, wenn die Kirche läutet. Waren es nie.

Wir wurden älter und dümmer, hatten hässliche Frisuren und Pickel. Wir hatten unseren ersten Vollrausch, die erste Liebe, Faustkämpfe und erste Zigaretten. Wir frisierten Mofas und fuhren schwarz. Wir trafen uns an der Bushaltestelle und tranken Dosenbier. Wir klauten Pfandflaschen und investierten sie in Tabak. Wir rauchten Gras und hatten keinen Bock. Wir zündeten Mülleimer an und rannten nicht weg. Im Sommer tranken wir Sangria aus Flaschen, im Winter Glühwein; wir kotzten ihn aus und wurden nicht klüger. Wir machten viel Blödsinn und nie Hausaufgaben. Wir hatten die wildesten Mädchen und waren die wildesten Halbstarken, die das Dorf je gesehen hat. Wir sollten vor Mitternacht zu Hause sein. Waren es nie.

Dann kam das Leben, hinterrücks, von hinten, gab uns einen Haken, verpasste uns Frisuren, drückte die Pickel aus und gab uns Lehrstellen. Es erdrückte uns und nahm uns Luft zum Atmen. Es trennte und verstreute uns.

Marco ist weg. Ich habe viel gelacht, wenig gesprochen. Auf dem Weg nach Hause komme ich an dem Fußballplatz meiner Kindheit vorbei. Ich steige aus und trete gegen einen herumliegenden, platten Ball. Ich rutsche aus, rieche das Gras. Ich bin wieder 7 und ein bisschen frei. Ich gehe weiter. Auf einem Spielplatz lassen ein paar Kids einen Joint kreisen. Ich rieche das Gras. Ich bin wieder 16 und ein bisschen frei. Ich nicke den Jungs zu, sage sie sollen es genießen. Ich muss nach Hause. Die Arbeit wartet.

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Ein Gedanke zu „Wir waren Helden.

  1. derschelm sagt:

    Verdammt gut geschrieben ist es. Das muss man dir lassen.
    Und auch das Thema, dass sich hinter der Geschichte verbirgt hat es in sich.

    Danke für den Blog-Post.
    Schelmishe Grüße, der_schelm

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