Hair Style Revolution

Ich werde bald 25, trage immer noch Jeans mit Löchern und ausgelatschte Turnschuhe. Ich gehe mit zu lauter Musik auf den Ohren durch die Straßen. An mir hetzen 17-Jährige vorbei, die in ihren schlecht sitzenden Anzügen von C&A, mit zu kurzen und zu aufgegelten Haaren, mit ihren Computertaschen, in denen sich nur das Pausenbrot von Mama befindet, übermotiviert durch die Stadt stürmen, um ihre Lehre bei der Bank anzutreten. Die Banker der Zukunft, die sich selbst schon auf den Börsen sehen, die die Welt bestimmen, aber in Wirklichkeit noch in 20 Jahren Zweitklässlern am Weltspartag das Sparschwein öffnen werden. Meine Haare sind immer irgendwie zu lang, widersetzen sich gnadenlos jeden Trend. Albtraum von Friseurinnen – pardon, Hair Stylisten – und trotzdem hatte ich immer mehr Mädchen als die Bankerfraktion.

Wir sind freie Menschen in einem freien Land. Wir können tun und lassen, was wir wollen. Wir können in Fußgängerzonen musizieren, wir können uns das Gesicht tätowieren, wir können uns Dreadlocks flechten, an Ampeln jonglieren oder als Backgroundsänger mit Olli Schulz auf Tour gehen. Aber keiner von uns wagt es. Zerrissene Jeans als maximales Abenteuer, Frisuren, die keine sind, als größte Abweichung von dem, was man uns als die Norm verkauft. Jobs die wir nicht lieben, Akten von A nach B sortieren, dabei davon träumen ein Freigeist zu sein. Ein Held des Alltags, irgendwo zwischen Dr. House und Captain Jack Sparrow.

Wenn es darauf ankäme, schwören wir uns immer wieder, wären wir da. Wenn man wirklich Revolutionen und Freiheitskämpfer bräuchte, dann wären wir da. Wir wären Widerstandskämpfer gewesen. Wir hätten damals Juden versteckt, Hitler getötet, und danach die Mauer im Alleingang eingerissen. Ganz sicher. Aber jetzt, jetzt braucht man ja keine Andersdenkenden, Mama Merkel leitet unser Volk und weiß, was zu tun ist. Sie wird den Euro retten und das Klima; die Pole mit ihrer Kälte alleine wieder vereisen; sie wird Kindertagesstätten bauen, die Geburtenrate steigern und die Rente sichern.

Aber Moment. Angela hatte doch sieben Jahre Zeit und die Rente ist immer noch nicht sicher. Aber Moment. Der Klimawandel ist uninteressant, seitdem es die Eurokrise gibt. Aber das Geld, das wird sie retten, ganz bestimmt, nur noch 47 Rettungspakete.

Vielleicht ist es an der Zeit mehr zu tun als nur zerrissene Jeans zu tragen und sonst weiter gleichgültig zu sagen, die Politiker und Banker würden uns schon retten. Vielleicht ist es Zeit für eine kleine Revolution. Vielleicht ist es Zeit für Hunderttausende, die mit bengalischen Fackeln und Sprechchören vor das Parlament ziehen. Vielleicht, aber ich muss jetzt erst mal zum Friseur – pardon, Hair Stylisten.

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7 Gedanken zu „Hair Style Revolution

  1. Miss A. sagt:

    Irgendwie lese ich hier immer nur „Beachtet mich, ich bin ein Hipster!“. Kann den Hype nicht verstehen – liegt wohl daran, dass ich schon 26 bin. Und auch in echt mehr wage, als meine Haare zu lang und die Hosen löchrig zu pflegen. Die gutbürgerlichen bayerischen Jungs eben – ihr wart mir in drei Jahren Nürnberg mehr als genug 😉

  2. BubuHose sagt:

    Du bist ja krass drauf, Miss A.

  3. Gunslinger sagt:

    Ich bin zwar mindestens doppelt so alt wie du / sie, aber meine Gedanken gehen im Augenblick in die gleiche Richtung. Gefällt mir gut, dieser Artikel. Sehr gut.

  4. Luise sagt:

    Zuerst wollte ich nicht kommentieren, weil ich beim Lesen ein Bisschen das Gefühl hatte, als würden die Anschuldigungen direkt an mich gerichtet sein. Denn letztendlich bin ich einer von diesen Millionen, die weder Rückrat noch Mut besitzen, etwas zu ändern.
    Manchmal wünsch ich mir diese kleine Revolution, die bengalischen Fackeln und Sprechröhren.

    Ich mag die Art wie du schreibst und das, was du schreibst sehr.
    Und Miss A. wirkt, als hätte sie komische Ansichten. Oder einen komischen Charakter, Menschen, die Zwinkersmileys schreiben, haben meistens einen komischen Charakter.

  5. princessofcambridge sagt:

    Sag’s ruhig noch ein paar Mal: Revolution! Du denkst mit und das macht dich zu nem guten Kerl. Schöner Beitrag.

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