Geständnisse eines Dorfkindes.

Die Sonne ist kurz vor dem Untergang. Der Nebel beschlägt mein Dachfenster, als ich beschließe noch eine Runde laufen zu gehen. Die Musik im Ohr ist mein Motor. Ich laufe und verlasse das Dorf, vorbei an Traktoren, die groß und grün sind, vorbei an den Bauern, die mich freundlich grüßen, durch den Schweinestallgeruch durch, der durch den tief hängenden Nebel noch verstärkt wird. Ich laufe und laufe tief in einen Wald. Vor mir verschwindet ein Reh im Dunkeln der Bäume.

Ich bin ein Kind des Dorfes. Als ich klein war, wollte ich Bauer werden und Schweine füttern, als ich größer wurde Traktor fahren. Ich mag es, wenn ich durch die Straßen gehe und jeder jeden grüßt. Ich mag es, wenn sich das ganze Dorf auf seinen Pseudo-Festen kollektiv betrinkt. Ich mag es nicht so, wenn sich die Tratschweiber wieder das Maul zerreißen, weil man Sonntagmorgens als letzter Rest einer langen Partynacht besoffen an der Kirche vorbei wackelt. Ich mag es, wenn die Männer der Tratschweiber uns insgeheim beneiden.

Über eine Schleife erreiche ich das Dorf durch die andere Seite wieder, in dem Moment, als „Eye of the Tiger“ in meinem Ohr losgeht. Ich bin Sonderbayer Balboa. Ich hebe die Arme und prügle Luftlöcher in imaginäre Boxsäcke vor mir. In meinem Kopf kämpfe ich um mein Leben und um Adrian. Die Schritte werden schneller, die Arme schwerer, ich beende meine Boxkarriere und lege einen Sprint ein. Ich bin Sonderbayer Balboa. Wo ist jetzt hier eine Treppe? Vor dem Gemeindehaus. Ich laufe, ich sprinte. Ich laufe, ich springe die Treppe hoch und fliege auf der anderen Seite wieder hinunter. Diese Treppe ist zu klein für Sonderbayer Balboa. Im gelben Licht der Straßenlaternen jogge ich langsam nach Hause.

Das warme Wasser der Dusche beschlägt den Spiegel und massiert den Körper. Keine Treppe in diesem ganzen Kaff. Vielleicht ist dieses Dorf zu klein für mich. Wenn hier jemand stirbt, legt man seine Leiche in das Leichenhaus neben der Kirche und lässt das Licht brennen. Abends gehen die Leute in das Wirtshaus; sie wollen wissen, wer denn gestorben ist, weil doch Licht brenne im Leichenhaus. Ich will nicht mein Leben lang hier leben, um eines Abends Gesprächsthema im Wirtshaus zu sein, weil doch das Licht leuchtet. Ich will ein Kämpfer sein, ich will neue Joggingstrecken und Treppen. Ich will hier raus. Das Dorf ist zu klein geworden.

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Ein Gedanke zu „Geständnisse eines Dorfkindes.

  1. War immer nur im Urlaub im Dorf. Als Kind. Und selbst da wurden im Tante Emma Laden Wirtshausgespräche geführt. Aber ich fand es immer schön im Dorf. Als Kind im Urlaub.

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