Ein Weihnachtsmärchen

Er ist ein moderner Sankt Martin; vielleicht sollten wir ihm zu Ehren Umzüge gestalten, Prozessionen durch die Straßenschluchten von New York, um diesem Polizisten zu danken, der einem Obdachlosen für 75$ Schuhe kaufte. Ein modernes Weihnachtsmärchen, verbreitet durch Facebook, instrumentalisiert von der New Yorker Polizei, die bis dato nur für Selbstjustiz, Willkür und Brutalität bekannt war. Ein Held 2.0. Während die Presse dem Geschenkeverteiler huldigt, ergeben wir uns dem alljährlichen, traditionellen Kaufrausch.

Kalender mit 24 Türchen, Kränze mit 4 Kerzen, Nikoläuse mit ihrem Säckchen und schließlich das Christkind, das vor 2.000 Jahren auf die Erde kam, um die Kinder Mitteleuropas mit den neuesten Playmobil-Burgen, Spielekonsolen und Puppenhäusern zu versorgen.

Wir frieren auf Christkindlmärkten und trinken schlechten, überteuerten Glühwein mit zu wenig Schuss. Wir lassen uns durch Innenstädte drücken als Teil des Konsumwurms, der sich im Gleichschritt durch die Straßen bewegt, um unser Weihnachtsgeld in 3D-Fernseher zu investieren, die bis Ostern wieder veraltet sind. Wir stellen uns Nadelbäume ins Wohnzimmer und schmücken sie mit wunderschönem Plastik, um uns am heiligsten aller Abende schließlich gegenseitig zu beschenken, enttäuscht zu sein und uns dann „Stirb Langsam“ oder „Sissi“ im weihnachtlichen Fernsehprogramm auf dem neuen 3D-Fernseher anzugucken.

Äh, worum ging es Weihnachten nochmal?

Ich bin nicht der erste, der sich das fragt, ich werde nicht der letzte sein und ich kann eure „alles schon mal da gewesen“- und „nichts Neues“-Kommentare kaum erwarten. Aber ich bitte euch, vielleicht denkt ihr nur eine Minute darüber nach, ob nicht ein iPhone und ein iPad reichen, ob es wirklich das neue iPad mini auch noch sein muss. Vielleicht habt ihr auch 5€ übrig, für Menschen, die froh wären was zu essen zu haben, oder für Menschen, die in Flüchtlingslagern leben, da ihr eigenes Land von Bürgerkriegen verwüstet wird, oder für Organisationen, die zu verhindern versuchen, dass wir Weihnachten in 30 Jahren unter Palmen feiern und Trinkwasser die neuen 3D-Fernseher sind.

Der Obdachlose in New York hat die Schuhe in ein Schließfach gesperrt und ist wieder barfuß. Sie seien zu wertvoll, um sie zu tragen, sagt er. Ich bin nur ein naiver Kindskopf mit ein paar Ideen und ein paar Texten. Ich weiß nicht, ob der Obdachlose besonders klug oder besonders dumm ist, aber definitiv weiß er 75$ mehr zu schätzen als die meisten von uns.

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2 Gedanken zu „Ein Weihnachtsmärchen

  1. zappenduster sagt:

    Hast scho irgendwie recht. Aber halt ned nur an Weihnachten. Ich habe im Februar meine Austritt aus dem Sakralclub erklärt und seitdem ein Patenkind über PLAN in Brasilien. Herziges Kerlchen und jetzt fühl ich mich auch besser.

  2. Kati Kuersch sagt:

    Hi zappenduster, ich will hier nicht den Moralapostel spielen, aber diese Patenschaften klingen immer ganz toll, sind aber im Endeffekt schlecht für die Dorfgemeinschaft. Statt gezielt ein Kind zu fördern, solltest du lieber ein Projekt unterstützen, das mehreren Menschen zugute kommt. Die Kinder, die einen Paten haben, werden oftmals von den anderen diskriminiert oder beneidet, weil sie ja durch die Patenschaft einen Vorteil haben. Nur mal so nebenbei.

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