Leider tote Hose

Die A93 ist mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt. Der A6 meines Vaters rauscht darüber hinweg. Auf der Rückbank sitzen zwei nervöse Jungs. Zerrissene Jeans, aufgestellte Haare und die Wahnvorstellung Punk zu sein. Mein Vater parkt in Regensburg vor der Donauarena, es ist das Jahr 2002, kurz vor Weihnachten und die Toten Hosen sind auf Auswärtsspieltour.

Zwei Stehplätze für uns, ein Sitzplatz für meinen Vater und auf- und abspringen im Takt des Schlagzeuges. Campino erzählt, dass sie das letzte Mal 1985 in Regensburg gespielt haben; 15 zahlende Gäste, die restlichen hundert kamen durch das Klofenster. Jetzt sind sie wieder hier und singen „Bayern“. 90% der Halle pfeift. Ich habe glänzende Augen und keine Stimme mehr. Ich fliege beim Pogo auf die zu große Fresse, ich berühre den Sänger, den ich verehre, beim Stagediving. Wir sind zwei 15-Jährige in unserem persönlichen Himmel. Nach zweieinhalb Stunden verlassen die Hosen die Bühne. Das Publikum strömt langsam Richtung Ausgang, als Campino wiederkommt: „Die Straßen sind glatt, es gibt keinen Grund für uns die Stadt zu verlassen, lasst uns die Nacht durchspielen.“ Die „Nacht“ dauert noch eine halbe Stunde. Noch eine Zigarette in der heiligen Halle, noch ein überteuertes Bier, noch ein Tour-Shirt am Merchandisestand und zurück auf die Sitzheizung des A6, zurück in das beschaulich unpunkige Dorfleben. Mein erstes Tote-Hosen-Konzert sollte mein bestes gewesen sein.

Neue Alben kamen und wurden schlechter. Ich war auf neuen Konzerten und wurde enttäuscht.

10 Jahre später ziehe ich in Nürnberg von der Alternative Stage um zur Main Stage. Es ist Rock im Park und Campino steht gerade auf dem Lichtturm und zündet eine bengalische Fackel. Ich stehe ganz hinten, neben mir die Handyvideo-Fraktion. Der Rauch sieht unglaublich spektakulär aus. Ich werde ein bisschen sentimental, doch dann spielen sie einen Song vom neuem Album. Radiotauglicher Poprock, Bon Jovi aus Düsseldorf, Hintergrundmusik für die ZDF-Seebühne. Ich verabschiede mich leise von den Jungs und gehe langsam Richtung Zeltplatz.

Immer wenn „An Tagen wie diesen“ im Radio kommt, denke ich, dass es irgendwie schade ist, aber dann wird mir klar, dass es neue 15-Jährige gibt, neue aufgestellte Haare und zerrissene Jeans, neue Wahnvorstellungen. Dann lege ich die Auswärtsspielplatte auf und singe noch einmal mit: „Ihr werdet nie verstehen worum es geht, denn ihr seid nicht wie wir!“

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5 Gedanken zu „Leider tote Hose

  1. dermitdemhut sagt:

    Mein aufrichtiges, mitfühlendes Beileid. Ich kenne dieses Gefühl von etlichen Bands. Linkin Park, System of a Down, um nur zwei meiner früheren Lieblinge zu nennen.

  2. derdodl sagt:

    Kenne ich zu gut.
    Unsterblich Tour mein 1. Hosenkonzert.
    Man war total der Punk. Und jetzt klingt es so, als hätte der Graf von Unheilig ein Notenblatt verloren und Campino hat es gefunden.

    Rock on!
    Dodl

  3. Minusdrei sagt:

    Deine Texte versetzen mich in eine Melancholie betreffend Zeiten und Geschehnisse die ich nie erlebt habe.

    Mag ich.

  4. Irgendwie wahr und irgendwie auch: „Mal sind wir Helden und mal Diebe, angeklagt wegen Hochverrat an einer Idee, die seit Jahren tot ist und die man längst beerdigt hat.“

  5. S. sagt:

    Ungefähr das selbe habe ich um 2003 herum empfunden, als ich in den Laden lief um die damals gerade neu erscheinende Hosen-Platte zu kaufen. Plötzlich war da ein Aufkleber drauf mit dem Hinweis, dass die CD kopiergeschützt wäre. Ich habe kurz gezögert, dann die CD ins Regal zurück gestellt und mir die Lieder zwei Stunden später aus dem Netz gezogen. Vielleicht war ich mit Anfang 20 auch schon zu alt, aber meine Begeisterung für die Hosen war damit weg.
    Zehn Jahre später sehe ich die Dinge entspannter. Dass die Hosen das, was sie tun, ein bisschen kommerziell optimieren, kann ich ihnen jedenfalls nicht mehr zum Vorwurf machen. Ihre alten Lieder und die Erinnerungen, die ich damit verbinde, beeinflusst das nicht.

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