Der wütende Mob und mein Weg

Sonntagabend und die Erkenntnis: Das Qualitätsmanagement und ich, wir werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr. Stundenlang büffel ich seltsame Zyklen, Statistiken und Diagramme. Harte Kost für das hyperaktive Kind in mir. Am Ende der Tortur begebe ich mich zur Ablenkung auf eine Runde durch Sonderbayern. Englische Sänger in meinem Ohr singen traurige Lieder, mein Atem gefriert vor mir zu kleinen Eiswolken. Meine Schuhe knirschen auf dem Schnee und trotzdem gehe ich weiter. Ich denke daran, dass das Lernen bald vorbei ist, dieser Weg kurz vor dem Ziel steht.

Jeder hat eine berühmte Person, die er toll findet, die er als heimliches Vorbild nimmt, vielleicht einen Musiker, einen Politiker oder einen Sportler. Mein heimliches Vorbild war einer der besten Skifahrer der Welt. Etliche Trainer hatten schon versucht seinen Still zu kultivieren, aber immer wieder landete Bode Miller in den Fangzäunen am Rande der Skipisten. Bode Miller war ein Skifahrer wie es keinen zweiten gab. Für ihn gab es nur volles Risiko, immer Vollgas. Überall im Weltcup wurde er gefeiert, da die Fans wussten: Da kommt jetzt einer, der ist ein bisschen komisch, ein bisschen verrückt, aber der geht seinen Weg. Bode sagte immer seine Meinung. Ging immer seinen Weg. Als der amerikanische Verband ihm sein Bier verbieten wollte, fuhr er auf eigene Faust im Weltcup; mit dem Wohnmobil pendelte er von Kitzbühel nach Garmisch, mit dem Wohnmobil zu Olympia und mit drei Medaillen wieder nach Hause. Gegen alle Widerstände.

Wieder zu Hause starte ich den Computer und lese dort von einem Blog über das Dschungelcamp, über den Gewinner, den ich nicht kenne, der mir auch egal ist, über aufmerksamkeitssuchende, geldgeile, känguruhodenessende, traurige Gestalten und darüber, dass der Dschungel nur eine weitere Form von Sexismus ist. Dass erwachsene Menschen sich freiwillig bei vollem Bewusstsein dort zur Schau stellen lassen, wird mit sexueller Belästigung gleichgesetzt. Die Opfer von RTL werden gleichgesetzt mit Opfern von Belästigungen und Vergewaltigungen und dabei wird vergessen, dass die einen es freiwillig machen, während die Opfer von sexuellem Missbrauch keine Wahl haben. Es geht mir nicht um die Meinung des Autors, sie ist mir auch egal, es ist nur ein weiterer Blog, der eines Tages in Vergessenheit geraten wird wie auch dieser hier. Es geht mir darum, was danach passiert. Die Nutzer des Nachrichtendienstes mit dem weißen Vogel auf blauen Grund verbünden sich zu einem wütenden Mob. Mit imaginären Mistgabeln und Fackeln wird eingedroschen und wer nicht ihrer Meinung ist, wird vom Mob überrollt. Dabei vergessen sie, dass sie nur einen Tag zuvor einen Tweet nach dem anderen schrieben über die Stars und ihre Känguruhoden. Aber was interessiert mich mein Tweet von gestern, wenn jetzt die allgemeine Meinung eine andere ist? Es wird der Meinung des Mobs gefolgt, und wehe jemand ist anderer Meinung, dann wird ihm vorgeschlagen er solle doch „die Fresse halten bei diesen Thema“. Außerhalb des Internets liegen Meinungen fertig portioniert auf den Bäckereitheken Deutschlands, in großen Lettern und auch ohne eine andere zu akzeptieren. Folgt ihr dieser auch blind?

Ich finde es schade, dass nicht jeder einfach seinen Weg geht, nicht jeder seine Meinung vertritt; dass eine Meinung als allgemeingültig ausgerufen und nur diese toleriert wird. Wir sollten alle ein bisschen mehr sein wie Bode Miller, vielleicht ein bisschen komisch, vielleicht ein bisschen verrückt, aber immer auf seinem Weg.

Der Weg von Bode in bewegten Bildern.
Und hier für mobile Geräte mit anderer Musik, da Youtube eine Hure ist.

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3 Gedanken zu „Der wütende Mob und mein Weg

  1. Moni sagt:

    Großartig! Sollten sich so einige Mal an die Stirn heften! Danke!

  2. Gunslinger sagt:

    So ist das. Die viel beschworene Freiheit des Internet hat wohl nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Schade eigentlich.

  3. DivaOfDisgust sagt:

    Ein Herz für Bode! Auch für mich definitiv ein Vorbild im Bezug auf das „Ich-selbst“ sein. Ganz egal wie unkonventionell, verrückt oder „anders als die Anderen“ man ist, das wichtigste ist sich selbst treu zu sein. Be yourself not a puppet in their freakshow!

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