Gastblog: Über das Sterben der Fankultur.

Ein Freund des Hauses, der anonym bleiben möchte, hat Folgendes geschrieben und ihr solltet es lesen.

Ich habe eine Dauerkarte. Der Verein spielt jetzt keine Rolle. Das ist nicht meine erste. Ich gehe schon ziemlich lange ins Stadion, genauer gesagt in die Fankurve. Da, wo man stehen muss und singen sollte. Nun, ich habe eine Dauerkarte, war aber jetzt schon einige Spiele nicht mehr im Stadion, was an Krankheiten und Klausuren gelegen hat – aber heute hätte ich gehen können und trotzdem sitze ich zu Hause und verfolge das Spiel im Ticker.

Ich fahre auch sehr oft auswärts, da spielt die Fahrzeit keine Rolle. Daher bin ich es gewohnt, um jedes bisschen Fankultur kämpfen zu müssen. Der Fahnenstock muss aus Plastik sein. Woanders aus Holz. Vielleicht ja bald aus Marmor oder Gold? Die Länge der Fahne ist nicht selten auf den Zentimeter genau vorgegeben; was zu lang ist, kommt nicht rein. Ein Megaphon ist purer Luxus, genau wie eine Trommel oder eine große Fahne. Mit diesen Maßnahmen will man dafür sorgen, dass das Stadionerlebnis sicher ist. Was eine Trommel oder Fahne mit Gewalt zu tun hat, weiß ich allerdings nicht. Gewalt ist nie gut, doch muss man erst mal verstehen, was überhaupt Gewalt ist und wodurch sie ausgelöst wird. Und zwar nicht von Fahnen, Fangesängen oder Choreografien, sondern von Provokationen. Und ich als Fan fühle mich durchaus provoziert, wenn ich mich am Stadioneingang entblößen muss, oder wenn ich im tiefsten Winter die Schuhe ausziehen muss. Und die Socken. Keine Sorge, ich trage keinen Sprengstoff unter meiner Hornhaut. Ich bin in der Lage, auch dann noch gelassen zu bleiben, kann es aber verstehen, wenn bei anderen dann die Sicherung durchbrennt. Womit ich nicht die Gewalt rechtfertigen will.

Schon seit Jahren zünden die Fans auf dem Betzenberg in Kaiserslautern bei Flutlichtspielen stinknormale Wunderkerzen. Dies wurde verboten. Zaunfahnen, die einfach schon immer dazugehören, dürfen heute (09.02.2013) von den Nürnbergfans nicht mit ins Frankfurter Stadion genommen werden. Der Vereinspräsident von Hannover 96 überlegt in der nächsten Saison keine Karten mehr an die eigenen Ultras zu verkaufen, was stark an Kollektivstrafen erinnert, oder? Das waren jetzt nur ein paar aktuelle Beispiele.

Kein Fan (den ich kenne, und ich kenne viele), der ein bengalisches Feuer zündet, sieht diesen Akt als gewalttätig. Für ihn ist es nur ein Aspekt der Fankultur. Wie eine Fahne. Wenn aus Pyrotechnik wiederum Gewalt entsteht, muss man das verurteilen, auch als Fan. Aber wenn Pyrotechnik nur als optisches Stilmittel genutzt und kontrolliert verwendet wird und alles gut abläuft, ist dies keine Gewalt. Würde man Pyrotechnik legalisieren, wäre der ganze Spaß um einiges sicherer. Aber das nur mal so.

Ach ja, dass durch Ultras viel weniger Rassismus stattfindet, wird auch oft vergessen. Die unverwechselbare Stimmung, von dem in anderen Ländern geschwärmt wird, haben wir auch den Ultras mit zu verdanken. Die positiven Seiten überwiegen.

Wenn man nach England guckt, sieht man eine komplett andere Fankultur. Alte Herren sitzen rum und trinken Wasser, weil Bier verboten ist. Stehplätze sind auch verboten, weil es mehrere Katastrophen gegeben hat und England das Mutterland der Hooligans ist. Naja, eigentlich ist es Irland, aber um historische Feinheiten geht es jetzt nicht. Die Karten in England wurden teurer, die Stimmung ist aus den Stadien verschwunden und findet heute nur noch in den Pubs statt. Da sind die jungen Fans, da gibt es Bier und da sind die Emotionen, die im Stadion fehlen. Will man das auch hier? Mir scheint es so.

Besserung kann man nur erreichen, wenn ein ehrlicher Dialog stattfindet, bei dem beide Seiten auch das Gefühl haben, ernstgenommen zu werden. Wenn dies nicht bald geschieht, sehe ich keine rosige Zukunft für die Fankultur im Stadion.

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2 Gedanken zu „Gastblog: Über das Sterben der Fankultur.

  1. immortal90 sagt:

    Reblogged this on gaensebluemchenswiese and commented:
    Unterschreibe ich vom Fleck weg!

  2. Roland K sagt:

    Schön und gut, jedoch heisst das für mich im Umkehrschluss, man kann ohne Pyrotechnik und Bier kein Fan mehr sein… Wenn das so ist, dann kann ich auf Fankultur verzichten, denn was ist daran Kultur Bier zu trinken und bengalische Feuer anzuzünden.

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