Musik nur, wenn sie laut ist.

Als der Doktor seine Diagnose stellt, bin ich 11. Nach einem lateinischen Wort und langen Erklärungen steht fest, dass es ernst ist. Nicht um Leben und Tod, aber um Hören und Taubsein, um Gefühl im Gesicht oder halbseitige Lähmung.

Einige Wochen später liege ich in einem dieser furchtbar sexy Nachthemden vor einem OP. Das künstliche Licht wirkt furchteinflößend, die Routine der OP-Schwestern nicht minder, die Kinder in den Operationssaal schieben wie Fließbandarbeiter Rücklichter montieren. Es ist kalt, ich bekomme Gänsehaut. Der Geist wird müder. Als die Maske auf dem Gesicht landet, vergehen Millisekunden wie Minuten, bis die Müdigkeit gewinnt.

Stunden später wache ich in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten auf. Das sterile Licht der Neonröhren lässt keinen anderen Schluss zu. Der Kopf ist verpackt in einem ganzen Verbandskasten. An meiner Seite sind meine Mutter und ein Mann in Grün, der von einem „kleinen Adrenalinkick“ spricht und mir nochmal eine Spritze in die Venen jagt. Es wird warm und die Müdigkeit ist wieder stärker.

Als ich wieder aufwache, strahlt Sonnenlicht durch das Fenster und ich verdurste, das ist meine feste Überzeugung. Ich verlange nach Wasser. Schwestern durch eine Ausbildung und Mutter durch meine Geburt schütteln den Kopf. Mein Hals fühlt sich rau an und trocken wie die Sahara, als hätte der Schlauch, der mich dort stundenlang beatmete, nichts zurückgelassen als trockene, staubige Vulkanlandschaft. Langsam kommt das Gefühl von Schmerzen in meinem Kopf auf. Mutter sagt, ich solle nochmal schlafen.

Der Turban auf meinem Kopf wird entfernt, die Schmerzen gehen, der Durst wird gelöscht, der Hals erholt sich. Die Naht, die hinter meinem Ohr von oben nach unten verläuft, beginnt zu jucken und ich liege in einem Krankenzimmer mit einem Fernseher, vielen Büchern und Heimweh. Viele Kilometer entfernt von daheim liegt ein Junge in einer Spezialklinik und will nach Hause. Ich sitze am Fenster, beobachte die Sonne bei ihrer Wanderung über den Himmel, versinke in Träumen, Sehnsucht und ersten kleinen Geschichten.

Als ich das Krankenhaus verlasse, ist der Sommer vorbei. Piraten tragen Augenklappen, Pausenhofopfer Ohrenklappen. Dumme Sprüche und Dumbo-Witze prügeln mein Selbstwertgefühl auf den Boden. Ich war 11 und wurde von da an mehrmals im Jahr operiert, insgesamt weit über zehn Mal. Immer ging es um Gesichtslähmungen und darum, ob ich Musik in Zukunft nur mag, wenn sie laut ist. Immer taten die Hänseleien auf dem Pausenhof genauso weh wie mein Kopf nach der OP. Immer war der Durst beim Aufwachen da und die Angst vor den Gleichaltrigen. Doch alle Narben sind verheilt, äußerliche und innerliche, und wenn ich eines gelernt habe, dann ist es nur einen Mittelfinger übrig zu haben für Menschen, die glauben man müsse prügeln, was am Boden liegt.

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Ein Gedanke zu „Musik nur, wenn sie laut ist.

  1. Dennis sagt:

    Mal wieder richtig gut! 🙂

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