Es lebe die Konterrevolution

Im 15. Jahrhundert sitzt im Schein einer Kerze ein eifrig arbeitender Mann. In einer kleinen Werkstatt zerlegt Gutenberg eine Druckplatte und setzt sie als bewegliche Lettern wieder zusammen. Buchstabe für Buchstabe für Buchstabe setzt er Wörter, Wort für Wort Sätze, Satz für Satz eine Seite, Seite für Seite ein ganzes Buch. Als Gutenberg das erste Mal eine vollständig mit beweglichen Lettern gedruckte Bibel in der Hand hält, steht die Medienrevolution kurz bevor. Bis dahin brauchte ein Schreiber zwei Jahre, um eine Bibel zu schreiben. Gutenberg druckte zweihundert am Tag. Plötzlich konnte jeder das Heilige Buch lesen und feststellen, dass da gar nichts von Ablasshandel und anderen Spinnereien steht. Was Luther später reformierte, wäre ohne Gutenberg nie gegangen.

1814 steigt aus einem Londoner Hinterhof Dampf auf. Zahnräder greifen ineinander und Druckzylinder drehen sich. Die Times läuft vom Band. 1.100 Stück pro Stunde werden von der ersten industriell gefertigten Zeitung hergestellt. Drucker stehen neben der Maschine, der Schweiß rinnt ihnen hinunter, die Druckerschwärze klebt an den Fingern und trotzdem sind sie Helden. Nun stehen Zeitungsjungen an der Straße und brüllen die Neuigkeiten den Passanten entgegen. Nur eine Nacht ist nötig, um die Neuigkeiten dieser Welt überall zu verbreiten. Es lebe die Medienrevolution.

13 Jahre nach der Jahrtausendwende tippe ich diese Worte auf einem Apfelgerät und schicke diesen Text durch das Internet. Ich kann in wenigen Sekunden Milliarden Menschen erreichen; in Wirklichkeit werden es wohl einige hundert bleiben. Das Internet hat die Revolution perfektioniert.

Wir schreiben das Jahr 2050. Über 600 Jahre sind seit Gutenberg und dem Beginn der Revolution vergangen und diese hat ihre Werte verraten. Es gibt keine schwitzenden Männer mehr mit Druckerschwärze an den Händen. Es gibt die Bibel nur noch als digitale Version. Bücher sind so veraltet und out wie Schlaghosen. Zeitungen sind nur noch Apps auf perfekten Touchscreens. Doch ist nicht nur schön, was ganz perfekt ist? Sind Brüste, die ein wenig wissen, was Newton mit der Schwerkraft meinte, nicht am tollsten? Ist nicht ein Lächeln mit einer Lücke am schönsten? Ist nicht der kleine Fehler in der perfekten Reihe das Schönste?

Eine kleine Gruppe glaubt das und beginnt mit der Konterrevolution. Nach Jahren greifen wieder Zahnräder ineinander, drehen sich wieder Zylinder, läuft wieder Schweiß über Gesichter, klebt wieder das Schwarz an den Fingern. Sie sind analoge Helden in einer digitalen Welt. Sie sind die „2“ im binären Code. Sie kämpfen für den Geruch von neuen Büchern, sie kämpfen für Kaffeeflecken in Zeitungen, der Schönheit des nicht ganz Perfekten und der kleinen Langsamkeit. Es lebe die Konterrevolution.

Advertisements

2 Gedanken zu „Es lebe die Konterrevolution

  1. gnaddrig sagt:

    Das ist dann das Rad der Geschichte, das sich langsam aber stetig dreht…

  2. Esszettschnitte sagt:

    nach langer Zeit mal wieder das Bücherregal umräumt, eine fast vergessene Urlaubslektüre in die Finger bekommen und sich plötzlich wieder genau daran erinnern, wie das Meer an dem Tag roch, als das Buch in den Sand fiel und er fühlt sich genau so an, wie die letzten Körner, die immer noch aus den Seiten rieseln – unbezahlbar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: