Mein Opa

Im Februar 2006 hatte ich noch deutlich mehr Pickel im Gesicht und Zigaretten in der zerrissenen Hose. Wir feierten den 80. Geburtstag meines Opas. Die Vorliebe für Bier und Wiener Schnitzel habe ich auch nur von meinem Vater und der von seinem, weswegen wir an diesem Tag in einem guten bayrischen Gasthof, in dem noch ein Kreuz über der Theke hängt, waren. Die dicken Gewölbe des Gasthofes lassen mein Nokia verzweifeln. Also sitze ich vor der Tür, ziehe an meiner Lucky Strike und schreibe SMS mit der Dorfschönheit, als mein Vater kommt, mich auffordert das Rauchen sein zu lassen und rein zu kommen.

Nach Schnitzel und dem erstem Bier wird mein Opa gebeten, ein paar Worte zu sagen, also beginnt er zu erzählen. Geboren 1926, mitten in der unruhigen und instabilen Zeit der Weimarer Republik, ist er 7 Jahre alt, als Hitler die Macht ergreift und 13, als der Krieg ausbricht. Er ist kein politischer Junge, aber findet die Hitler Jugend doof, da sie nicht Fußball spielen, sondern immer nur doof durch die Gegend marschieren. Als er 15 ist, beginnt er eine Lehre. Jeden Tag fährt er 20 km mit dem Fahrrad zu seiner Lehrstelle und wieder zurück. Das Marschieren mit der HJ ist inzwischen Pflicht und er schwänzt es immer wieder, nach 40 Kilometern auf einem schlechten Fahrrad und 10 Stunden Arbeit. Die strammen Deutschen finden das nicht so lustig und verwarnen ihn streng.

Mit 16 kommt die Wehrmacht, um ihn abzuholen. Er springt aus dem Küchenfenster, läuft zu einer Scheune, versteckt sich unter Stroh und hofft dem Krieg entgehen zu können. Das Glück ist ihm nicht hold; die Wehrmacht hat ihn gesehen. Dann hat er doch wieder Glück, dass er nicht als ‚Feigling‘ sofort exekutiert wurde. Kurz darauf wird er mit Winterkleidung und einem Maschinengewehr ausgerüstet. Alle 16-jährigen Jungen, die jetzt mit ihm eingekleidet werden, sind sich sicher: Es geht nach Russland. Die Armee von Hitler näherte sich gerade Stalingrad. Auf der Ladefläche eines Lastwagens wird mein Großvater durch Europa gefahren. Als morgens die Sonne aufgeht und er zwischen den Ritzen der Plane nach draußen blickt, sieht er den Eiffelturm. Eine glückliche Fügung, die ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Frankreich 1942 war tatsächlich ein relativ friedlicher Ort.

Nun beginnt, was er selbst die schönste Zeit seines Lebens nannte. Auch wenn man das vielleicht nicht sagen darf, weil es für so viele so grausam war. Jeder hat seine Geschichte und diese ist nun so verlaufen. Zwei Jahre lange sind drei junge Männer Grenzposten mitten in Frankreich. In einer kleinen Hütte, an der selten wer vorbei kommt, entwickelt sich eine Freundschaft, von der sie hofften, dass sie ein Leben lang hält. In Wirklichkeit wird nur einer der drei überleben.

1944 landen die Alliierten in der Normandie und drängen die deutsche Wehrmacht immer weiter zurück. Es dürfte klar sein, dass auch mein Opa sich nicht einfach ergab. Fakt ist, dass er ein Jahr später wieder zu Hause in der Küche bei seiner Mutter lag. Eine amerikanische Kugel hat er noch immer im Oberschenkel, doch die Amerikaner haben ihm sein Leben gelassen. Nicht wie die Deutschen, die alles und jeden töteten. In dieser Küche im Jahr 1945 schreibt er zwei Briefe an zwei Mütter, in denen er erzählt, wie ihre Söhne an seiner Seite gefallen sind. Er wird nie wieder über diese Geschehnisse reden – bis zu diesem Tag in der Wirtschaft bei Schnitzel und Bier.

Später wird mein Opa sechs Kinder großziehen, ein Geschäft gründen und erfolgreich führen, Bürgermeister werden und seinem ersten Enkel kurz nach der Geburt eine rote Hose schenken, damit er aussieht wie ein echter „Glubberer“. 1996 trage ich ein Deutschlandtrikot. Er hält meine Hand, als es zum Elfmeterschießen gegen England kommt. 1999, bei meinem ersten und grausamsten Abstieg im Frankenstadion, tröstet er mich, als ich bitterlich weine.

Dieser Text soll meinen Opa in Ehren halten, der mir gezeigt hat, wie man vielleicht leben kann, ohne sich selbst zu verraten, der mir gezeigt hat, wie man Boote aus Holz baut und angelt. Der mich zum Fußball fuhr und mit in das Stadion nahm. Danke Opa.

Opa 1926 – 2008.

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2 Gedanken zu „Mein Opa

  1. Dennis sagt:

    Solche Großeltern sind einfach die Größten!
    Schöner Text. 🙂

  2. larifariabel sagt:

    Und dann sitze ich hier und weine, weil ich auch einen solchen Danke, Opa! hatte. Danke (:

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