Das Klischee

Die Plätze in diesem Zug sind aufgeteilt wie Deutschland 1945. Jeder Pendler hat seinen festen Platz. Jeden Morgen werden die Plätze angesteuert wie Terroristen von amerikanischen Drohnen. Ich sitze immer ganz hinten, wie schon früher im Bus, in der kleinen Kammer, die die meisten Nicht-Pendler für die 1. Klasse halten, da der typische Mallorcaurlauber anscheinend die große „2“ an der Tür für eine böse Verschwörung der DHARMA-Initative hält. Gerade habe ich mein elektrisches Buchausgabegerät und meinen Kaffee zum Mitnehmen auf meinem Tisch platziert, als ein Klischee die vermeintliche 1. Klasse betritt und fragt: „Ist das 1. Klasse?“ Als niemand der übermüdeten Pendler antwortet, setzt sie sich einfach neben mich. „Ist das ein Kindle?“ Ich wünsche mir nichts mehr als morgens um sechs ein Gespräch über Amazon, daher nicke ich freundlich abweisend mit meinem Kopf. „Also ich werde mir ja nie so ein Gerät kaufen. Ein echtes Buch ist durch nichts zu ersetzen.“

Die zwei aufmerksamen Leser dieses digitalen, meist wöchentlich erscheinenden Tagebuchs können sich vielleicht erinnern, dass ich vor einigen Wochen Ähnliches schrieb. Die unterschiedlichen Wege meiner Gedanken und meines Handelns sind seit jeher der Brutkasten meines Selbsthasses. Dieser Selbsthass beginnt nun unvermittelt sich zu verteidigen. Obwohl mir die Klischeefrau eigentlich egal sein könnte, argumentiere ich sie nieder. Dass neben all den Fachbüchern und dem Laptop kein Buch mehr in meine Tasche passt. Dass man das Buch der Blitzkrieg halt nur auf dem Kindle lesen kann. „Welcher Blitzkrieg?“ – „Die aus dem Internet.“ Außerdem rette ich das Klima, weil ich nicht mehr ständig in die Buchhandlung fahren muss. Der kalte, lange Winter geht quasi auf mich. Um die Klischeefrau vollends aus der Fassung zu bringen, hole ich noch meine Salamisemmel aus der Tasche und beiße hinein, warte, warte… „Also ich ernähre mich ja vegan.“

Ich wusste es. Klischee erfüllt. Veganer sind in der nördlichen Oberpfalz so selten wie Eisbären. Schon Vegetarier verhungern hier, weil die Küche nur Fleisch mit Beilage und Fleischsoße kennt. Veganer laufen dann rum wie die Models von der UNICEF-Broschüre.

Gegenüber lacht der Pendelkollege. Er versucht wohl mich vor der Klischeefrau zu retten, als er fragt, ob ich am Samstag ins Stadion gehe. „Ich wusste, dass du Fußballfan bist.“ Die Klischeefrau hat mich entwaffnet. Deine Maske fällt in dem Moment ab, in dem all die zur Schau gestellte Arroganz und das Anti-Hipstertum selbst als Klischee entlarvt werden.

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Ein Gedanke zu „Das Klischee

  1. Gunslinger sagt:

    Der eine von deinen beiden aufmerksamen Lesern hat auch das wieder gerne gelesen 😉

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