Auswärtsspiel

Als wir in Regensburg umsteigen, sind wir eine laute, singende Menge. „Wenn du mich fragst, wer deutscher Meister wird, dann sage ich: ‚Wir scheißen auf den Rest der Welt, neunmal Meister sind nur wir‘.“ Am Gleis nach München sind wir die einzigen Glubberer. Es dominieren Lederhosen und Meisterschalen. Wir sind die lautesten und hüpfen, denn ‚Wer nicht hüpft, der ist ein Münchner‘. Wir sind ein Fanclub aus unserem Ort, die jüngsten Mitglieder 14, die ältesten 26 Jahre alt. Wir passen aufeinander auf, bleiben immer zusammen. Plötzlich kommen 30 schwarz Gekleidete die Rolltreppe zum Gleis hinunter. Die Spannung ist spürbar. Man spuckt auf uns. Ich weiß nicht, was das soll. Spucken tun für mich nur kleine Mädchen. Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Teil der Münchner Ultras war oder nur Wannabes. Auf jeden Fall sind wir lauter. Ein Polizist funkt panisch in sein Walkie Talkie. Im Zug gehen wir uns aus dem Weg. Als wir den Hauptbahnhof erreichen, warten 100 Polizisten auf einen Fanclub mit 15 Leuten. Wir werden gefilmt, beobachtet und archiviert, sind Teil des Überwachungstaats.

Man begleitet uns zur U-Bahn, denn Fußballfans finden den Weg nicht alleine. In Richtung des Stadions wird die Bahn gerockt. Eine Bahn voller Menschen mit Sternen über dem Emblem. Und wir. „FC Nürnberg aalle, FC Nürnberg aalle…“

Wir wissen, wir können nicht gewinnen. Aber die Spieler sollen den Bayern die Beine kaputt treten und wir die Südkurve aussingen. Lasst uns lauter sein als die Heimmannschaft.

Als wir in das Stadion kommen, fehlen die Ultras. Seit acht Jahren Dauerkarte, immer wieder auswärts mit dabei. Noch nie waren die Ultras nicht da. Als das Spiel beginnt, kommt jemand und schreit, wir sollen rauskommen, die Supporter würden nicht reinkommen. Wir gehen aus dem Block, um das Stadion zu verlassen. Eine Polizeikette riegelt uns ab. „Niemand hat die Absicht, Ihre Freiheit zu berauben.“ Ordner schließen die Eingänge. Ich frage mich, in welchem Land wir leben, in dem man Fußballfans einfach einsperren kann. „Fußballfans sind keine Verbrecher“ und wer nicht hüpfte, war ein Grüner. Es kommt zu einer Schlägerei zwischen zwei Idioten und ich beginne mich unwohl zu fühlen. Auf dem Rasen wird unsere Mannschaft zerlegt, vor dem Block stirbt der Fußball, den ich so liebe. Erstickt von der Polizei und VIP-Logen.

Zur Halbzeit kommen die Ultras dann ins Stadion. Ich weiß nicht genau, was war. Es ist mir auch egal. Es gab viele Kämpfe in letzter Zeit, untereinander, gegen die Vereine, Polizisten und den „Feind“, über Bengalos, Megaphone und geklaute Fahnen. Ich will mein Team unterstützen und die Ultras beim Support. Ich will singen und springen und vor Freude über ein Tor durch die Reihen fliegen. Ich will keine Prügeleien, Steine schmeißende Hohlköpfe, Leute, die irgendwo einbrechen, um Fahnen zu klauen, und andere Idioten, die sich dafür revanchieren wollen. Diese Spirale des Hasses auf die gegnerischen Anhänger ist nur kontraproduktiv und Wasser auf die Mühlen der Menschen, die die Fankultur so gerne auf dem Westfriedhof begraben würden. Es sind nur weitere Argumente für Ganzköperkontrollen, reine Sitzplatzstadien und Propagandamaterial für die BILD, die Polizei, den DFB und die Rummenigges dieser Welt. Ich finde Gewalt in etwa so cool wie den dicken Viertklässler, der auf dem Pausenhof Schwächere verprügelte, um an ihre Pokémonkarten zu kommen. Ich möchte nicht Teil dieses Kindergartens sein.

Ich bin zu wenig in den Kreisen, um mir ein Urteil zu erlauben, aber wenn wir vor lauter Nebenschauplätzen unser Team auf dem Rasen nicht mehr nach vorne brüllen, dann frage ich mich, was für Fans wir sind. Auch ich möchte keine Sitzplatzstadien, VIP-Logen, alkoholfreies Bier und Fahnenverbot. Für mich ist Fußball singen, ne Bratwurstsemmel, Fahnen schwenken und ein Bier. Das war es und das ist es. Die zweite Halbzeit starre ich auf das Spielfeld. Völlig lethargisch beschließe ich, ab jetzt einen weiten Bogen um München zu machen.

Als wir nach Hause fahren, sind viele der Roten betrunken und übermütig. Wir werden angepöbelt, beleidigt und bedroht. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, als plötzlich jemand zu singen beginnt: „Als ich noch ein ganz kleiner Bub war, da nahm mich mein Vater mit zum Glubb, und ich sah die rot-schwarze Fahne, und ich schwor ihr die Treu bis zum Tod…“ Wir singen und klatschen im Takt, bis auch der Gegner in Lederhose langsam beginnt mit seinem Kopf zu nicken. Dann weiß ich wieder, was ich so liebe.

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Ein Gedanke zu „Auswärtsspiel

  1. leave sagt:

    http://www.jochenbonz.de/blog/allgemein/page/2/ Jochen Bonz schreibt eine Menge kluger und interessanter Sachen zum Thema Fußball und Fankultur!

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