Freiheit für die Liebe!

Jeden Tag hole ich mir eine Kaffee zum Mitnehmen bei der hübschen Verkäuferin am Hauptbahnhof. Ich lächle ihr freundlich zu; manchmal glaube ich, dass sie sich freut, wenn sie mich sieht. Dann mache ich einen Spruch oder einen kleinen Witz. Sie lacht dann noch mehr und freut sich. Glaube ich. Im Ohrläppchen trägt sie diese Tunnel, die klein noch ganz süß aussehen, aber mit steigendem Durchmesser suggestiv befremdender werden. Seit einem Jahr kaufe meinen Kaffee. Seitdem stagniert der Durchmesser und das mag ich. Die Tinte unter der Haut zeigt Schwalben am Hals, damit jeder sieht wie frei sie ist.

Ich stecke den Deckel auf den Becher, bedanke mich und drehe mich um. Ich glaube, der Bahnhof wurde von Hitler gebaut. So sieht er zumindest aus. Überall stehen Säulen, die die Armee der Pendler zerteilen und dahinter wieder zusammenführen. Hinter einer dieser Säulen geben sich zwei verschleierte Frauen einen Kuss auf den Mund. Wie sich Liebende zum Abschied küssen, mit den Armen um den Körper der jeweils anderen. Ich stehe da und starre auf das Bild, das wirkt wie inszeniert. Eine Sekunde lang. Die Hitze des Kaffees kommt langsam heiß durch den Becher und verbrennt meine Hand. Die Frauen lösen sich. Für einen Moment sehe ich in traurige braune Augen, bevor sie in dem Gewühl von kaputten Rolltreppen und Bahnsteigen verschwinden. Zwei Frauen, die sich lieben und dabei verstecken müssen. Wie jeder Mensch bin ich nur ein wandelnder Haufen von Vorurteilen. Ich denke sofort an Dinge wie Ehrenmord und Zwangsheirat. Was wäre die Strafe der Taliban für einen lesbischen Kuss in der Öffentlichkeit?

Die Frauen sind lange weg. Ich stehe noch immer da wie eine dieser Säulen von Hitler. Alles, was man heimlich tun muss, ist irgendwie blöd. Egal ob die ersten Zigaretten auf dem Schulklo, der Schnaps am Morgen oder das Retweeten von Favstarmentions. Lieben sollte man nicht heimlich müssen. Ich denke daran, dass ich jetzt seit einem Jahr dieser Kaffeeverkäuferin nur zulächle. Ich drehe mich um und plappere einfach drauf los. Unsere Eltern tauschten noch Nummern, wir Facebooknamen.

Als ich zehn Minuten später wieder in der U-Bahn stehe, vibriert mein Handy. „Die Kaffeebecherfrau mit den Schwalben am Hals und den kleinen, süßen Tunneln möchte mit dir befreundet sein.“ Yes! Ein erster Schritt ist getan! Freiheit für die Liebe!

Advertisements

3 Gedanken zu „Freiheit für die Liebe!

  1. dkfineart sagt:

  2. unnaaf sagt:

    Sonderbayer < verliebter Sonderbayer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: