Die Neon: Ein Selbstversuch.

Ich betrete die Bahnhofsbuchhandlung mit dem Vorsatz mir was Vernünftiges zu kaufen. Vielleicht eins dieser Bücher, die man sich nicht auf seine elektronisches Buchausgabegerät laden will, sondern eins, das man im Regal stehen haben will, das man anfassen will und in die Badewanne fallen lassen. Oder ich kaufe mir eine Zeitung, die mich im Zug wirklich intelligent wirken lässt. Auf dem Titel der ‚Zeit‘ ist Uli Hoeneß. Ich verwerfe den Gedanken wieder. Die Bücher, die ich besitzen will, stehen schon in meinem Bücherregal oder liegen zum Trocknen nach einem Bad auf der Heizung. Also lande ich vor den Magazinen. Der Spiegel, die BILD für Lehrer. Der Stern, Bilderbuch für Erwachsene. Und die Neon, Möchtegernstimme einer Jugend, die es nie gab. Ich blättere sie durch. ‚Selbstversuch ‚, ‚Selbstversuch‘, ‚Unser Redakteur war da‘, ‚Eine Nacht bei einem Sodomisten‘. Neonredakteure müssen immer alles selbst versuchen. Eine Idee wächst. Kann man die Neon lesen? Jedes Wort, ohne dabei zu einem sabbernden Möchtegernhipster in Strickjacke zu werden? Ich zahle 3,80€ und beginne zu lesen. Die Neon wird an diesem Tag mein ständiger Begleiter. Der härteste Selbstversuch der Menschheitsgeschichte beginnt.

Der Morgen:

Das Inhaltsverzeichnis und ein freundliches ‚Liebe Leserinnen und Leser…‘. Politisch korrekt, die weibliche Form natürlich zuerst, starte ich in diesen Tag. Wotan Wilke Möhring wird von seinem Urlaub erzählen, erfahre ich. Wer ist Wotan Wilke Möhring?

Auf Seite 8 berichten hippe Jugendliche, die älter sind als ich, in bunten Pullovern, wovon sie sich nicht trennen können. Ich kann mich nicht von meinen Zweifeln bezüglich dieses Projekts trennen.

Wotan Wilke Möhring ist Raucher und Schauspieler und wäre im Urlaub in Neuseeland fast von Bären gefressen worden. In Neuseeland gibt es Bären? Das soll mir Wotan Wilke Möhring bitte mal beweisen. Und was ist Wotan Wilke überhaupt für eine Name?

Seite 12. Geil, ein Test. Ich muss meinen Job nicht kündigen, sagt der Test. Ist ja super. Weiter.

Seite 14. Unnützes Wissen. Hey, ich weiß, dass Wotan Wilke Möhring fast von Bären gefressen worden wäre. Unnützer kann es doch nicht mehr werden. Oh. „Pro Jahr werden hundert neue Froscharten entdeckt.“ Wahrscheinlich neuseeländische Froschbären. Schnell weiter.

Paula Scheidt ist freie Journalistin, steht da. Sie war selbst in Bangladesch. Natürlich ’selbst‘, sonst dürfte sie ja nicht für die Neon schreiben. Ich weiß jetzt, dass die T-Shirts von H&M nicht von glücklichen Kindern kommen. Jede zweite Seite ist übrigens Werbung. Für Klamotten aus Bangladesch. Politisch korrekt natürlich von glücklichen Kindern.

‚In was für einem Land leben wir eigentlich?‘ fragt die Neon und begründet die Frage mit der Tatsache, dass man Smartphones nicht als Navi verwendeten darf. Zumindest nicht wenn der Herr Wachmeister kommt. Wieder was gelernt. Wie Wotan Wilke Möhring das wohl findet? Oder wurde der schon von Bären gegessen?

Mit meiner Neon unter dem Arm bin ich der Coolste. Langsam wird es Mittag.

Der Mittag:

Über einen Comic mit afghanischen Soldaten, den ich nicht verstehe, wahrscheinlich weil es niemand selbst probiert hat, komme ich zu Agnieszka Brugger. Wer ist Agnieszka Brugger? Vielleicht die Freundin von Wotan Wilke Möhring? Nö. Sie ist bei den Grünen. Also der Partei. Nicht Werder Bremen. Und auch voll crazy, weil sie ein Piercing hat und alles selbst ausprobiert. Sie spricht über „coole Aktionen im Wahlkampf“. Ziemlich krass drauf. Ich würde sie gerne mit Farbbeuteln bewerfen.

‚Mann liebt Hund‘. Die Autorin hat es selbst ausprobiert. Ich lieber nicht. Weiter.

Seite 51. Meredith Haaf hat es selbst ausprobiert: Deutschland ist uncool. Sie zeigt am Flughafen immer lieber ihren amerikanischen Pass. Wahrscheinlich weil die USA so ein cooles Waffenrecht hat.

44 Tipps für die große Liebe: Tipp 1. Schreibe dir die Kleidergröße deines Partners auf. 7. Schreibe Liebesbriefe auf Papier. 43. Pro Porno. 44. Entspannen. Und Zack! weiß ich wieder, warum ich Single bin. Weil ich auch ohne Freundin mit Pornos entspannen kann.

Auf Seite 66 findet die gleiche Meredith Haaf, die Deutschland so doof findet, es auch doof ihre Freunde zu kritisieren. Ich finde Meredith Haaf doof.

Der Nachmittag:

Die Nachkommen von KZ-Überlebenden lassen sich die KZ-Nummer ihrer Verwandten nachtätowieren. Erst schüttel ich im Beat der Musik in meinem Ohr mit dem Kopf. Dann finde ich das doch irgendwie bewegend. Die erste Geschichte, dann die zweite, dann die dritte. Dann blättere ich nach vorne und schaue, wie viele KZ-Nummer-Geschichten da noch kommen. Noch zwei Seiten. Oh Mann. Ich kämpfe mich durch und lese noch 57 Mal die gleiche traurige Geschichte.

‚Die ehrliche Kontaktanzeige‘. Ganz ehrlich: Kein Wunder, dass ihr Kontaktanzeigen braucht.

‚Darum ist das so‘. ‚Darum schmeißen wir Batterien ungern weg.‘ Wer? Wotan Wilke Möhring?

Bis Seite 80 dachte ich immer Pick-up sei ein Schokoriegel. Stimmt aber nicht. Pick-uper sind böse Männer, die Frauen aufreißen. Die Interviewpartnerin hat es selbst probiert. Sicherheitshalber.

Eine Seite später berichtet Lina Schrag, was sie so selbst ausprobiert. Ich bin kurz davor die Neon aus dem Fenster zu werfen. Kommen da jetzt mal Titten oder der Sport?

Kein Sport. Nur Burn-Out. Die Schreiberin hat es selbst… Ihr wisst schon.

Wie werde ich Veganer? In der Oberpfalz gar nicht. In der Oberpfalz verhungern Veganer nämlich. Ich lese von der Autorin, die es versucht hat, und bestelle mir eine Pizza mit Salami und Schinken. Die Sonne geht langsam unter.

Das Einzige, was noch seltsamer ist als Veganer, ist die Waffenlobby. Die wird eine Seite später abgearbeitet. Ich sehne mich zurück nach Wotan Wilke Möhring. Der könnte mit den Waffen seinen Bären töten und dann essen. Das ist aber wahrscheinlich nicht politisch korrekt.

Der Abend:

Hochdeutsch für Anfänger. Die Neon-Autorin hat sich für einen Deutschkurs angemeldet. Selbst. Natürlich. So schreibt sie auch.

Ich verstecke die Neon unter meiner Bettdecke. Wenn das die Stimme meiner Generation ist, will ich Rentner sein. Oder tot. 100 Seiten habe ich schon. Die letzten 60 werden eine Qual. Wir essen keine Schokolade, weil das Pickel macht, und in OPs läuft klassische Musik. Was für ein Glück.

Oh, Nackte. Vielleicht ist dieses Heft doch ganz okay. Der ‚globalisierte Tourismus‘ wird mit Brüsten bekämpft, was zwar komisch ist, aber die Brüste sind okay. Der Tourismus, der gerade noch bekämpft wurde, wird eine Seite später beworben. „Kommen Sie nach Bergen“. Die Autorin war auch schon da.

Seite 116. Zur Abwechslung mal ein Selbstversuch. Ein Besuch im Hofbräuhaus Berlin. Ein Philipp Schwenke schreibt, er hätte ein Helles bestellt, lässt sich aber mit Radler fotografieren. In meinem Kopf erhängt sich mein bayrisches Ich.

Dann kommt Werbung. Seitenlange Werbung für die Kleidung aus Bangladesch. Vor lauter Werbung hat die Neon-Redaktion ganz die Selbstversuche verge…. Oh ne. Da ist ja wieder einer. Lars findet Heavy Metal scheiße. Gleich mal auf ein Kreuzfahrtschiff mit 2000 Metalern. Waren alle total cool, schreibt Lars.

Dann noch Musik, die ich nicht kenne, und Filme ohne Wotan Wilke Möhring. Es neigt sich dem Ende zu.

Ganz am Schluss sagt Silvana Koch-Mehrin: „Wenn man richtig fertig ist, braucht man eine Banane.“

Die beste Idee des Tages. Ich habe 12 Stunden Neon überlebt. Jedes Wort gelesen. Ihr gebt mit Marathons an? Ich schmeiße das Heft in den Müll. Für immer. Morgen kaufe ich mir ein Buch. Oder einen Film mit Wotan Wilke Möhring.

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16 Gedanken zu „Die Neon: Ein Selbstversuch.

  1. Nichtleben sagt:

    So wie das geschrieben ist könnte das ein Neonartikel sein.

  2. ymotux sagt:

    Ok, du hast es selbst ausprobiert. Reich den bei Neon ein. 😉

    Aber danke für die Zusammenfassung. Spart mir den Weg zum Zeitschriftenhändler.

  3. Vanessa sagt:

    du kannst wirklich wunderbar schreiben!

  4. […] Der Sonderbayer macht was selbst und schreibt drüber. Da kann er jetzt also auch bei der Neon anfangen. […]

  5. Sven sagt:

    Schöne Zusammenfassung. Somit Geld und Zeit gespart. Ich würde den Text auch einreichen.

  6. gnaddrig sagt:

    Wg. Text bei Neon einreichen: Ob die soviel Selbstironie haben?

  7. sonderbayer sagt:

    Vielen Dank für das Lob. Die Neon ignoriert mich. Planen wahrscheinlich eine Homestory mit Wotan.

  8. margit sagt:

    „In meinem Kopf erhängt sich mein bayrisches Ich.“ Mir lief grad Kaffee aus der Nase, weil ich so lachen musste. Danke für diesen Satz von einer Oberpfälzerin an einen Oberpfälzer

  9. […] Herr Sonderbayer liest die Neon und durchlebt einen Tag lang ein Martyrium im Selbstversuch. Leider tragisch, leider wahr. […]

  10. […] Kreative Schreibe, freche Schnauze – genial. Schon alleine der Artikel „Die Neon – Ein Selbstversuch“ verdient die […]

  11. Bin ich doof, da steht ja schon was ich eben schreiben wollte…
    Demenz? Ein Kommentar aus einem Paralleluniversum?
    Keine Ahnung, aber hier noch einmal offiziell:
    Kreative Schreibe, freche Schnauze – genial. Schon alleine der Artikel „Die Neon – Ein Selbstversuch“ verdient die Nomination zum Liebster Blog Award!
    Link:http://ponyhofbesucher.wordpress.com/2013/06/09/liebster-blog-award/

    Gruss
    Fritze

  12. […] anschließen. Der sonderbayer hat die Nominierung schon allein für seinen Eintrag “Die Neon – ein Selbstversuch” verdient. (Auch wenn ich eigentlich PRO Neon […]

  13. Anna sagt:

    Ich bin zwar in Bezug auf die Neon nicht ganz deiner Meinung, dennoch finde ich deinen Eintrag wirklich klasse geschrieben!
    Deswegen gibt’s auch von mir eine Nominierung für den Liebster Blog Award!
    Hier kommst du zu deinen Fragen: http://cinnamon2go.wordpress.com/2013/06/09/liebster-blog-award/

    Liebe Grüße, Anna

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