Sonderbayern

Der Fußball in der Kreisklasse ist das, was Marcel Reif „vom Kampf geprägt“ nennt. Ich sitze auf der Terrasse des Fußballplatzes, trinke ein Radler, lasse mir die Sonne in das Gesicht scheinen und sehe den Betreuern dabei zu, wie sie jede erdenkliche Verletzung mit Eisspray wieder heilen. Zerrung, Prellung, gebrochene Wirbelsäule, alles kein Problem. Eisspray drauf und es geht wieder. Bei jeder gelben Karte brüllt irgendwer: „Schiri, der hat schon gelb!“ Weil es eben so sein muss. Hier habe ich einmal in der B-Jugend auf den Ball gekotzt, weil Sonntagmorgen um 10 der Trainer immer einfach die elf Nüchternsten aufgestellt hat. Wir waren zu zwölft im Kader und einer immer verletzt. Hier schoss ich bei einer 2:1-Niederlage mal drei Tore (ja, der Tweet ist wahr). Hier habe ich mit unzähligen Mädchen geknutscht, keins geliebt. Auf dem Feld nebenan haben wir Mofarennen veranstaltet und ab und zu mal ein paar kleine Prügeleien. Die Verletzungen konnte man ja mit Eisspray wieder heilen.

Als das Spiel aus ist, verabschiede ich mich und laufe nach Hause. Unzählige Male bin ich diesen Weg gegangen, mit Promillewerten zwischen 0,2 (ein Radler geht immer) und 2,2. Ich komme an der Bushaltestelle vorbei und rieche wieder das Gras, das hier einst beim ‚Chillen‘ nach der Schule die Luft schwängerte. Ich laufe vorbei an dem Hügel, an dem sich immer an Silvester das ganze Dorf trifft, weil man dort das Feuerwerk bis zur Autobahn sehen kann. Vor dem Wirtshaus kotzen sich gerade Männer, die Vatertag feiern, ohne Väter zu sein, aber trotzdem einen Grund brauche sich mittags zu betrinken, die Seele aus dem Leib. Ich bin stolz, irgendwie nicht so zu sein. Hinter der Gaststätte ist der Spielplatz, an dem wir schaukelten, knutschten, kifften, uns stritten und uns wieder versöhnten. Hier haben wir unsere ersten Mentholzigarette geraucht. Eine Zigarette, vier Leute. Ein paar Jahre später haben wir einen Zigarettenautomaten mit einem Traktor von der Wand gezogen. Ich weiß noch immer, wer ihn im Keller hat. Ich laufe bei meiner Mutter vorbei, bekomme Kaffee, Liebe, einen Brief von der Versicherung und bin glücklich.

Als ich endlich zu Hause bin, sehe ich die Bewerbungen, die überall hingehen, nur nicht hier in die Nähe und finde das gerade super. Dieses Dorf hat mir alles gegeben und manchmal sollte man wirklich was Neues machen, wenn das Alte am schönsten ist.

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3 Gedanken zu „Sonderbayern

  1. Nichtleben sagt:

    Verdammt da wird man neidisch.

  2. Esszettschnitte sagt:

    herzergreifend ohne Theatralik
    gelungen

  3. Anonymous sagt:

    Spitze!

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