Lieber Staat

Lieber Staat, dies ist ein Blog nur für dich:

Die Tür zur Agentur für Arbeit lässt sich federleicht öffnen. Die Klimaanlage kühlt den Eingangsbereich auf angenehme 25 Grad runter. Ich stelle mich in eine Schlange; um mich herum sind die Hauptdarsteller aus RTLs „Mitten im Leben“ und ich fühle mich schlecht dabei, wie sich meine Vorurteile bestätigen.

„Herr Bayer, bitte.“ Ich werde aufgerufen, aber nicht begrüßt. Die Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit wäre wahrscheinlich lieber im Freibad. Ich aber auch.

Ich erzähle der unhöflichen Frau, dass ich fünf Jahre gearbeitet habe, dann aber noch einmal auf die Schule gegangen bin, um eine „Fachkraft“ zu werden, die Deutschland ja angeblich so dringend braucht. Sie nickt. Dass ich im Juli noch Bafög bekomme und wahrscheinlich ab August einen Job habe, aber halt im August auch von etwas leben muss und deswegen gerne Arbeitslosengeld beantragen würde. Sie nickt und sagt nein. Was jetzt kommt, ist deutscher Bürokratenwahnsinn in Reinkultur.

Hätte ich mich vor meiner Schule einen Tag arbeitslos gemeldet, hätte ich vier Jahre lang Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt. Wusste ich aber nicht. So ist der Anspruch nach einem Jahr verfallen. „Und was bekomme ich jetzt?“ – „Nichts.“

Ich möchte diesen Laden anzünden. Ich hasse alles. Die Regierungsparteien und die anderen, die diesen Mist zuvor eingeführt haben. Ich möchte bengalische Fackeln zünden und das Regierungsgebäude mit Steinen beschmeißen. Ich möchte die Wahlplakate aller Parteien mit Anarchiezeichen beschmieren. Ich möchte einen Gezi-Park in Deutschland.

Die Tür lässt sich wieder federleicht öffnen. Das federleicht-öffnen-lassen-Dämpfungsteil oben an der Tür kostet wahrscheinlich mehr als mir einen Monat Arbeitslosengeld zu zahlen.

Als ich nach draußen trete, erschlägt mich der Temperaturunterschied von knapp 10 Grad. Die bengalischen Fackeln erlöschen, bevor sie brannten, und die Kraft reicht nicht zum Steineschmeißen. Deswegen, lieber Staat, belasse ich es bei einem einfachen „Fick dich“. Fick dich einfach hart.

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Ein Gedanke zu „Lieber Staat

  1. gnaddrig sagt:

    So ein Scheiß! Wenigstens hat sie Dir für Dein Vorsprechen keine Gebühren abgenommen.

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