Wir sind zu spät!

Wir sind von dem Glauben beseelt, dass wir die erste Generation sind, die zu spät kam. Wir lernten freie Liebe nie kennen, weil AIDS kam und sie zerstörte. Wir haben nie demonstriert und Steine auf Polizisten geworfen, weil der Überwachungsstaat uns fest im Blick hat. Wir sahen die Beatles nie live, wir haben noch nicht mal eine Platte von ihnen gekauft, die nicht schon jeder kannte. Wir kannten Michael Jackson nur als bleichen Schatten seiner selbst und die Rolling Stones als alte, faltige Opas. Wir habe keine Partei, die zivilen Ungehorsam bedeutet; die, die es mal war, baut heute Fledermausbrücken in Baden-Württemberg. Wir haben nie gesehen wie Deutschland Fußballweltmeister wurde und ich noch nicht mal wie mein Verein die Schale holte.

Wir sind zu spät. Es führt kein Weg daran vorbei. Zu spät, um die Mauer in Berlin niederzureißen. Zu spät, um Joschka Fischer in Frankfurt als Taxifahrer zu haben. Zu spät, um Pelé live zu sehen. Zu spät, um noch in englischen Fußballstadien zu stehen. Zu spät, um das gute Gras zu probieren, das es in den 60ern noch gab. Zu spät, um einen Bulli zu kaufen. Zu spät, um Ton, Steine, Scherben live zu sehen. Zu spät, um „KEINE MACHT FÜR NIEMAND!“ an die Wände zu sprühen. Zu spät, um Helmut Kohl aus tiefstem Herzen zu hassen. Zu spät, um den Moonwalk zu tanzen, ohne peinlich zu sein. Zu spät, um LSD noch als Bewusstseinserweiterung zu verkaufen. Zu spät, um mit der Concorde zu fliegen. Zu spät, um das Wembleytor zu halten. Zu spät für die Schmach von Córdoba. Zum Glück. Zum spät, um Max Morlock das 1:2 in Bern schießen zu sehen. Zu spät, um nicht überwacht zu werden.

Aber. Wir kannten die Toten Hosen noch bevor sie peinlich wurden. Wir haben unseren ersten Joint geraucht zu Samy Deluxe und seiner grünen Brille. Wir, okay, ich habe gesehen, wie Marek Mintal Torschützenkönig wurde und in Berlin den Pokal holte. Wir sind die erste Generation, die nur 140 Zeichen braucht, um zu kommunizieren. Wir sind im Internet groß geworden, vor Super Nintendos und mit Super Mario. Trotzdem sind wir die letzte Generation, die zu Hause sein musste, als die Kirchenglocke läutete und nicht das Smartphone. Wir haben Snake gespielt und Blogs erfunden. In unseren Stadien sind wir lauter als jemals zuvor. Außer München. Wir waren noch auf Rock im Park, bevor da jeder war. Wir fuhren noch Mofa und nicht begleitet mit Mama. Wir haben uns die Schamhaare abrasiert und nun keine automatische Zahnreinigung mehr beim Oralsex. Wir werden wieder Steine schmeißen auf Polizisten. Ganz bestimmt. Wir werden Wände besprühen und zivilen Ungehorsam zeigen . Wir sind nicht zu spät. Wir sind genau richtig!

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4 Gedanken zu „Wir sind zu spät!

  1. Reblogged this on Gedankengänge einer Gestörten and commented:
    An Perfektion nicht zu übertreffen. Danke!

  2. Moni sagt:

    Absolut großartig, Gänsehaut-Blogeintrag, der den Revoluzzer-Geist weckt! Danke für diese Zeilen!

  3. San sagt:

    Hat dies auf Limerance rebloggt.

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