Ein Bayer in Berlin

Der Berliner Hauptbahnhof soll Berlin repräsentieren, doch wenn er eins tut, dann das nicht. Der Hauptbahnhof ist sauber, lichtdurchflutet, klar und geordnet. Berlin ist schmutzig, wild und laut. Ich war nur zwei Tage in Berlin, aber ich kam mit dem festen Vorsatz diese Stadt aufzusaugen. Ich bin ein Charaktersammler; für mich gibt es nichts Tolleres als Menschen zu sehen, ihnen zu lauschen und mir dabei ihre Geschichte auszumalen. Dafür ist Berlin die richtige Stadt. Die Freakdichte ist überproportional.

Zwei Minuten in Berlin haut mich ein Junkie über’s Ohr. Er gibt mir die gekaufte Obdachlosenzeitung einfach nicht. Die nächsten 764 Zeitungsverkäufer lasse ich sicherheitshalber abblitzen. Der 765. bekommt wieder 2€ und ich wieder keine Zeitung. Thank you, Berlin.

Samstagabend. Nach einigen Drinks und einem typisch berliner-asiatischem All-You-Can-Eat gehe ich durch das Brandenburgertor und trinke vor dem Reichstag süßen Kindersekt. Die Sonne senkt sich über die Hauptstadt und über ein Sprachengewirr, auf das Babel neidisch wäre. Ich könnte schwören in den Büschen vögelt ein Pärchen, während ich das Holocaustdenkmal suche und am tiefsten Eck eine Mentholzigarette rauche.

Ich ertrinke in dieser Stadt, an der Geschichte, die ich glaube fühlen zu können, wenn ich die Mauer berühre, an fremden Sprachen und Kulturen, in längst totgesagten Subkulturen. Ich treibe durch Berlin. Frei und irgendwie verängstigt. Zu viele Menschen und jeder trägt seine Geschichte vor sich her. Die Jungs in Lederhose und Sprüche-T-Shirt. Die Punks. Die Hipster. Die arabischen Bierverkäufer.

Am Ende der Nacht tanzt eine Tschechin halbnackt am S-Bahnsteig. Der Körper 26, das Gesicht 42, die Zähne nur noch halb vorhanden. Sie steigt in die Bahn, setzt sich neben mich und dreht sich einen Joint; den Tabak vernachlässigt sie dabei. Ich glaube das Crystal Meth in ihren Augen zu sehen und klammere mich an das gute Augustiner in meiner Hand. Diese Stadt macht mich fertig. Ich bin ertrunken und will nach Hause. Danke, Berlin, du bist hässlich und auf Drogen, wild und doch wunderschön. Ich sehne mich nach dir und bin ich in dir sehne ich mich nach Hause. Du bist der beste One-Night-Stand, den ich je hatte, aber nicht der hübscheste.

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2 Gedanken zu „Ein Bayer in Berlin

  1. senfomat sagt:

    Schöne Zusammenfassung! Aber als 34 Jahre in Berlin wohner sage ich dir: irgendwann nerven die Komischen, die Verpeilten wie Sau. Fahre daher 90% meiner Strecken nichtmehr mit der Bahn.

    Zu oft erlebt dass man z.B. dem 8. jährigen Kinde erklären muss warum der Seltsame in der Bahn nicht völlig irre, sondern „nur“ besoffen und verpeilt ist. Mittags. Werktags.

    Manchmal ist das lustig, auf Dauer eher nicht so. Dennoch könnte ich nicht woanders leben.

  2. Kim sagt:

    Es ging mir ähnlich, als ich in Berlin war. Nicht ein Shoppingcenter habe ich betreten, ich war unterwegs mit meiner Urgroßtante, sie hat lange dort gelebt, Geschichten und Erfahrungen erzählt, über die Mauer und die damaligen Geschehnisse berichtet. Berlin war wohl schon immer so gegensätzlich.

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