Aus der Gedankenwelt des Sonderbayers.

Schichtarbeiten ist ein bisschen wie ständig auf einem Trip zu sein. Schichtarbeit führt zu ständiger Müdigkeit und wer schon einmal eine Nacht durchgemacht hat oder eine Woche nur mit täglich drei Stunden Schlaf auskommen musste, wird das Gefühl kennen, wenn die Farben plötzlich heller werden, Licht blendet, wie Dunkelheit zur Herausforderung für die zuklappenden Augenlider wird, wie einfachste Aufgaben die größte Konzentration erfordern. Ich mag Müdigkeit. Müdigkeit ist ein bisschen wie Liebeskummer, den man einfach wegschlafen kann.

Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, als ich das Tor der Nachtschicht verlasse und mich auf mache Richtung Heim. Auf meinem Tisch stapeln sich Pizzakartons und mein MacBook, mit dem ich regelmäßig antikapitalistische Tweets schreibe. Die Sonne geht langsam auf, ich sitze mit einem Feierabendbier auf dem Balkon und schaue der Welt zu wie sie erwacht. Der Familienvater von gegenüber steigt in seinen SUV, um biologisch korrekte Vollkornsemmeln vom Bäcker zu holen. Noch ein Schluck Bier und die Frage: ob der Liter Benzin und die durch den Rußpartikelfilter geblasen Abgase nicht die biologische Korrektheit wieder vom Tisch wischen wie die CSU einen Mindestlohn.

Als wir 16 waren, wollten wir alle nie so werden wie die Spießer, die wir hassten, in ihren Kombis, in ihren Einfamilienhäusern und mit den Dorftrullas, die sie heirateten und die nach zwei Ehejahren und zwei Kindern mit ihrem fetten Arsch nicht mehr durch die Terrassentür zum perfekt getrimmten Garten passten. Mein bester Freund von damals hat sich gerade ein Grundstück und einen Kombi gekauft. Langsam bin ich alleine mit dem Traum anders zu sein. Die Vorstellung Montag bis Freitag von 08:00 bis 17:00 Uhr zu arbeiten finde ich gruselig. Ich möchte müde durch den Tag taumeln und dabei das Gefühl haben, irgendwie anders zu sein. Es soll wieder alles so sein wie damals, als wir an der Bushaltestelle saßen, West Ice rauchten, Red Bull tranken und glaubten, wir würden den Staat ficken, wenn wir ACAB auf die Sitze schmieren. Niemand beschmiert hier noch irgendwas. Wir sind alle geworden wie die Leute, die wir hassten.

Mein Bier ist leer. Die Vögel singen ihr verschissenes Lied, der Typ von nebenan hat seine Semmeln gegessen und steigt nun mit seiner Krawatte von C&A in seinen geländeuntauglichen Geländewagen.

Die Twitter-Timeline füllt sich langsam, als ich in mein Bett klettere. Täglich die gleichen Kurznachrichten über gefühlte Montage und überfüllte S-Bahnen. Während die Welt überlegt, in Syrien einzugreifen, schreiben wir lustige Dinge über zu enge Unterhosen. Jemand sollte mal sagen, ob wir für oder gegen einen Militärschlag sind. Also „wir“, die lustigen Linksliberalen aus dem Internet.

Ich schließe die Augen, träume von einem Paar Brüsten und schlafe selig. Wenn ich später aufwache, werde ich wieder müde sein. Ich werde den Kumpel mit seinem Grundstück treffen und mich über seine Kreditlaufzeit lustig machen. Ich werde die Welt beobachten und mir meine eigene Meinung zu Syrien machen. Ich bin frei. Freier als die meisten Menschen in den letzten 10.000 Jahren. Das ist gut. Alles ist irgendwie doch nicht so schlecht.

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2 Gedanken zu „Aus der Gedankenwelt des Sonderbayers.

  1. karin1210 sagt:

    Dein Blogbeitrag trifft mich gerade an so vielen Punkten in meinem Leben.

    Ja, ich bin freier als die meisten Menschen in den letzten 10.000 Jahren und nutze diese Freiheit so wenig. Verspiele sie.

    Ich fühle mich mit dem Traum anders zu sein auch alleine. Ist mein Anderssein nicht in Einsamkeit geendet? Kein Partner, keine Kinder, damit ich nie mit der schlechten Ehe im Reihenhaus mit dem Kombi ende?

    Meine Revolution heute beschränkt sich auf ein Bier zu einer Uhrzeit zu der ich lieber langsam schlafen sollte und meine Gedanken kreisen nun um Bundeswehreinsätze und meine politische Haltung, mein Wunsch etwas zu verändern und damit als Beispiel voran zu gehen.

    Danke.

  2. pattikocht sagt:

    Wow toll geschrieben. Fühlen wir uns nicht alle mal so?
    LG Patti

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