Adam und Eva 2.0

Jeder Mensch, der versucht immer alles richtig zu machen, stolpert irgendwann über die perfekt geschnürten Schuhbänder und bricht sich die Nase. Der Versuch die perfekte Gesellschaft zu errichten war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Das perfekte, gesunde Leben, in dem Krankheit nichts weiter ist als ein Grund eine Tablette zu nehmen, wurde zum Bumerang. Die moderne Medizin, die uns jahrelang den Traum von der Unsterblichkeit leben ließ, wurde zu unserem Untergang.

Ich stehe vor meinem Spiegel und betrachte mich. Lederjacke, Drei-Wochen-Bart, Pornobrille, enge Jeans – wenn schon untergehen, dann mit Stil. Ich lade die Pistole, stecke sie hinten in den Gürtel, greife zu der Weinflasche auf der Anrichte, ziehe den Korken mit den Zähnen aus der Flasche und spucke ihn ins Eck. Alles war noch gut, solange der Korken noch aus echtem Holz war. Ich leere die Flasche in einem Zug und verlasse die Wohnung. Vor fünf Jahren kam der Tod das erste Mal durch die Wasserleitungen in unsere Wohnungen. Seitdem lebt der gesund, der nur dem Alkohol vertraut.

Die Straßen sind leer, wenn man mit leeren Straßen ‚menschenlos‘ meint. Ansonsten sind sie voll. Autos, die langsam beginnen Rost anzusetzen, stehen mitten auf dem Teer, aus dem langsam Wurzeln der benachbarten Bäume brechen; Lichtmasten, die einst ein Gefühl von Sicherheit gaben, liegen umgeknickt mitten im Weg. Über die Trümmer klettern erfordert meine Konzentration. Jeder Weg wurde zur Herausforderung. Einige Meter vor mir scheut ein Reh. Die Tiere sind die Gewinner der Pestepidemie, die Europa im Griff hat.

Am Anfang haben sie noch gesagt, man solle sich keine Sorgen machen. In größter Hygiene hat die Pest keine Chance. Es würde nicht lange dauern, bis neue Medikamente den Keim besiegen. Doch der Keim ist wandlungsfähig wie ein Travestiekünstler. Die ersten zehn Pesttoten in Deutschland zogen sich über Monate hin. Die ersten 10.000 über ein Jahr. Die erste Million über zwei Jahre. Dann hat man aufgehört zu zählen. Nach drei Jahren versagten die Kanalisation und die Friedhöfe. Auf den Straßen lagen Fäkalien neben Leichen, an denen sich Füchse satt fraßen. Auf den Leichenfeuern am Ende der Stadt wurde auch die viel beschworene Hygiene verbrannt. Inzwischen ist diese Stadt leer. Es gab Kreuzfahrtschiffe für Reiche, die auf dem Ozean bleiben sollten, bis alles vorbei ist. Wie man gehört hat waren bereits nach zwei Wochen alle Besatzungsmitglieder tot. Mit dem Crash der Börsen war das Geld nichts mehr wert. Es kam zu Ausschreitung und Plünderungen. Es gab Nahrungsmittelknappheit, bis die Menschen einfach gestorben sind. Heute sind wir wieder dort, wo wir vor 1000 Jahren waren. Wer Fleisch will, hält sich Tiere oder geht jagen.

Der Schuss aus meiner Pistole trifft das Wildschwein direkt in das Gehirn. Die nächsten Griffe sind Routine. Der Kehlenschnitt schon hundert Mal ausgeführt. Ich sitze im ehemaligen Stadtpark und grille mir Wildschwein. Obelix wäre stolz auf mich.

Nachdem die Hoffnung aufgegeben wurde, eskalierte alles. Städte standen in Flammen und man ließ sie brennen. Die Gesellschaft ging in einer riesigen Party unter. In dem Moment, in dem man Nasenbluten bekommt und die Pestbeulen in seinen Achselhöhlen spürt, ist man tot, obwohl man noch zwei Wochen hat. Man geht in Sodom und Gomorrha unter. Menschen, die einst ein geregeltes Leben hatten, langen betrunken unter Parkbänken. Wildfremde hatten Sex auf der Straße. Noch einmal einen rauchen und dann mit lauter Musik vom Hochhaus stürzen. Geschändete Leichen gehörten zum Bild der Städte wie einst Straßenbahnen. Heute leben hier so wenige Menschen, dass ich seit Wochen nicht mehr gesprochen habe. Wenn man einige Tage nicht spricht, schaltet der Geist auf Selbsterhaltung. Um nicht verrückt zu werden, spricht der Geist mit sich selbst. Ich befinde mich in einem ewigen Dialog mit mir, selbst als plötzlich jemand aus den Büschen tritt.

Die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, das Gesicht sonnengebräunt, das Lächeln das schönste der Welt. Sie setzt sich. „Ich dachte, ich bin alleine in dieser Stadt.“ – „Ich auch.“ Sie ist die schönste Frau der Welt. Ganz sicher. Wir sind allein. Wir sind Adam und Eva 2.0. Wir leben. Ihre Lippen schmecken salzig, als ich sie küsse, und Labello war sicher nicht die schlechteste Idee der zerfallenen Gesellschaft. Dieser Sex ist kein Hochglanz-Sex, wie man ihn früher im Internet sehen konnte. Er ist kurz, wild und haarig. Er ist der beste der Welt. Sie holt Wodka aus ihrer Tasche. Die halbvolle Flasche ist die große Freiheit.

Als ich erwache, ist das Feuer niedergebrannt. Auf mir liegt Morgentau. Die schönste Frau der Welt ist weg. Ich nieße, wische mir über die Nase und sehe Blut. Ich bin tot.

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6 Gedanken zu „Adam und Eva 2.0

  1. Gunslinger sagt:

    Coole Geschichte. Gut geschrieben. Geht ein bißchen an die Nieren.
    Könnte natürlich auch die Nacherzählung eines eben gesehenen Filmes sein. Wenn nicht … Respekt 🙂

  2. gwennilein sagt:

    Bedrückend, da nicht unrealistisch. Respekt!

  3. realisator3000 sagt:

    Schöne Bilder mitunter. Weltuntergang ist ja Thema der Stunde, von daher passt auch der Hipsteransatz. Bisschen wenig Adam und Eva für den Titel, aber alles in allem kurzweilig und konsequent.

  4. gnaddrig sagt:

    Etwas morbid, aber dafür sehr eindrücklich!

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