Heimat

Ich habe von der großen Welt geträumt, wobei die große Welt in meinen Träumen nur von der Nordsee bis zu den Alpen ging. Ich wollte hinaus in eben diese, habe mich beworben von Kiel bis Bern. Ich war sogar in Bern und wäre fast dort hingezogen, aber die vermischen ihre lustige Sprache auch noch mit Französisch. Dann bin ich lieber wieder nach Hause gefahren. Ich war in München und es war alles zu teuer. Ich war in Köln und habe dort nach Bier gesucht. Ich war in Berlin und fragte mich, wie man da länger als zwei Wochen überleben kann. Ich fand es überall wunderschön, von den Bergen bis zur Küste, vom Westen bis zum Osten. Aber immer die Frage: Möchte ich da wirklich leben? Und immer wieder zog es mich nach Hause.

Nach Hause in diesen komischen Landstrich, den kaum jemand kennt. Von Bayern nie wirklich anerkannt, von Franken nur belächelt. Eine eigene Sprache, die kein Mensch versteht. Hier ist alles bergig. Wenn ich hier laufen gehe, jogge ich entweder bergauf oder bekomme bergab Seitenstechen. Die einzige richtige Stadt, die wir haben, ist Regensburg, über 100 Kilometer entfernt. Die CSU kommt hier mancherorts auf 90% und die restlichen 10% sind Jugendliche auf Crystal Meth. Wenn Mädchen hier von Nichtoberpfälzern schwanger werden, dann kommentiert es jeder Vater immer mit: „Egal ob schwarz oder weiß, Hauptsache es ist kein Preuß.“ Alle. Immer. Und trotzdem möchte ich hier nicht mehr weg. Weil ich hier zu Hause bin. Weil ich es mag, dass man Servus und Habedere sagt und nicht Hallo. „Hallo“ – der offizielle Gruß einer dialektfreien Gesellschaft, in der Färbungen in der Sprache abtrainiert und Anglizismen antrainiert werden. In der Oberpfalz geht man nicht auf die Couch, sondern noch aufs Kanapee.

Ich weiß, dass dieser Blogeintrag bei euch Internethipstern nicht gerade bejubelt werden wird. Ihr zieht nach Berlin und tut so als wärt ihr Einheimische. Ihr glaubt ihr seid individuell mit euren Undercuts, Altbauwohnungen und Flohmarktklamotten, aber in Wirklichkeit werden wir alle immer gleicher. Sprache immer angepasster. Gleiche Fernsehprogramme und Traditionen. Der Weihnachtsmann hat das Christkind getötet und der Feiertag ist nicht mehr wegen Allerheiligen, sondern nur noch wegen Halloween. Es gibt Traditionen, die aussterben werden, weil wir heute lieber GTA V spielen als Maibäume aufzustellen.

Ich bleibe lieber in meinem komischen Landstrich mit der seltsamen Sprache und den ganzen konservativen Trotteln, weil ich hier das Gefühl habe, zu Hause zu sein und nicht nur ein perfekt angepasstes Rädchen ich einer globalisierten Welt.

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4 Gedanken zu „Heimat

  1. Anonymous sagt:

    Sehr schön geschrieben, und Heimat ist immens wichtig. Aber Leben heisst Bewegung, und ohne frisches Blut hie und da (auch von Preussen) werden aus kleinen Bergdörfern plötzlich Inseln der Inzucht und der Horizont der Bewohner endet oft am nächsten Berg. Es ist keine Neuigkeit, dass viele grosse Geister der Weltgeschichte aus kleingeistigen Dörfern stammen. Es ist auch keine Neuigkeit, dass sie dafür in aller Regel ihr Dorf verlassen haben, eben weil sie dort nicht atmen konnten.

  2. Kiki sagt:

    Sehr schön geschrieben, und Heimat ist immens wichtig. Aber Leben heisst Bewegung, und ohne frisches Blut hie und da (auch von Preussen) werden aus kleinen Bergdörfern plötzlich Inseln der Inzucht und der Horizont der Bewohner endet oft am nächsten Berg. Es ist keine Neuigkeit, dass viele grosse Geister der Weltgeschichte aus kleingeistigen Dörfern stammen. Es ist auch keine Neuigkeit, dass sie dafür in aller Regel ihr Dorf verlassen haben, eben weil sie dort nicht atmen konnten.

  3. Kiki sagt:

    (Das Kommentarsystem von WordPress.com hat auch so seine Tücken … OAuth mit Twitter scheint es nicht zu mögen, obwohl es angeboten wird. Sorry für den doppelten Kommentar.)

  4. […] als ich meinen Browser öffnete um diese Gedanken abzutippen wurde mir wie durch eine Fügung der Eintrag vom Sonderbayer angezeigt, der sich anscheinend ähnliche Gedanken macht wie […]

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