Weil das alles so traurig ist

Ich dürfte etwa sechs oder sieben gewesen sein, als ich meinen Vater zum ersten und letzten Mal weinen sah. Im Fernsehen lief eine Sondersendung über einen Flugzeugabsturz mit deutschen Touristen. Ein Freund meines Vaters und seine Frau waren an Bord während, das einjährige Baby zu Hause bei Oma und Opa war. Heute ist das Mädchen 18 und hat keinerlei Erinnerung an ihre Eltern. Ich weiß noch, wie ich fragte: «Papa, warum spricht der Sprecher so leise?» – «Weil das alles so traurig ist.»

Der 11. September 2001 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Menschen dieser Welt gebrannt. In mein Gedächtnis hat sich mein Opa gebrannt, der vor dem TV saß und sich sicher war, dass ein Anschlag auf Amerika nur eine Folge haben kann: Krieg. Mein Opa war 16, als Hitlerdeutschland ihn in den Krieg nach Frankreich schickte. Jetzt saß da ein alter Mann im Sessel und hatte panische Angst, das alles noch einmal durchleben zu müssen.

Jeden Abend sitzen wir vor den Nachrichtengeräten dieser Welt und zappen uns durch die Toten des Tages. Zehntausende sterben durch einen Taifun, haben jetzt nichts zu essen, nichts zu trinken, kein Dach über dem Kopf und keine Zukunft. Währenddessen verbrennt meine Pizza im Ofen. Auch wenn die Medien nicht mehr darüber berichten, tobt in Syrien weiter ein grausamer Bürgerkrieg. Ganze Städte liegen in Schutt und Asche, tausende befinden sich auf der Flucht, in den Folterkellern Assads oder tot unter den Trümmern der Freiheit. Es gibt auf Mutter Erde noch immer bewohnte Müllhalden. Da gibt es Abendessen, wenn die Mülllaster kommen. Es gibt so viele Grausamkeiten und eigentlich müsste jeder Nachrichtensprecher immer so leise sprechen, weil einfach immer alles so traurig ist.

Trotzdem berichten die Vorleser des Fernsehens jeden Tag freundlich lächelnd mit lauter und fester Stimme über Betreuungsgeld, Autobahnmaut und brennende Seefeuer in Fußballstadien. Wir Europäer haben es geschafft uns von Armut, Krieg und vielen Unglücken abzuschotten, aber lasst uns dabei eins nie vergessen: Es ist unsere Pflicht als intelligenteste existierende Lebensform dafür Sorge zu tragen, dass es jedem Menschen auf diesem Planeten gut geht. Erst wenn es keine Kriege, keinen Hunger und keinen Durst mehr gibt, erst dann sind wir wirklich die Krone der Schöpfung und nicht nur eine aus Pappe von Burger King.

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4 Gedanken zu „Weil das alles so traurig ist

  1. Gunslinger sagt:

    Solange diese Welt von Soziopathen und Psychopathen beherrscht wird, wird sich nichts ändern. Man schätzt, dass 1 % der Weltbevölkerung psychopathisch veranlagt ist. Aber was solls …
    Eh‘ ich’s vergess: Deinen Text sollte man mindestens einmal pro Woche vor den Nachrichten verlesen. Vielleicht von Hannelore Elstner …

  2. gnaddrig sagt:

    Es gibt aus Russland die Geschichte, wo jemand bedauernd erzählt: „Die Fürsten von Moskau waren geldgierig, grausam und rücksichtslos. Die Fürsten von Nowgorod dagegen waren weise, bescheiden und ehrlich. Leider haben die aus Moskau die Macht im Land.“ Wie mag das nur kommen?

    Die Arschlochokraten kann man in gewissem Maß in Schach halten, aber loswerden kann man sie wohl nicht dauerhaft. Unabhängig von der nominellen Regierungsform findet man immer eine Komponente der „Asssholocracy“.

  3. Vanessa sagt:

    Wundervoller Text!

  4. Lea sagt:

    Wettbewerb und Konflikt sind dem Menschen inhärent. Lassen wir uns von unseren biologischen Dispositionen leiten, werden Neid und Gier weiterhin herrschen. Der vernunftbegabte Mensch kann aber auch vorausdenken und reflektieren, er kann mitfühlen und helfen. Es sind noch nicht einmal diejenigen, die aktiv gegen eine Welt, wie Du sie Dir wünschst, angehen, die die Verwirklichung dieses Ziels verhindern. Vielmehr ist es die breite Masse, die Deine Gedanken nachvollziehen kann und vielleicht sogar selbst so empfindet, dann allerdings zu FAUL ist, DEN VERDAMMTEN ARSCH HOCHZUKRIEGEN UND FUCKING ETWAS ZU FUCKING TUN!!!

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