649 – Auf der Suche nach dem Glück.

Jeder autoritäre Führer hat und muss immer am meisten Angst vor seinem eigenen Volk haben. Was wenn die Nordkoreaner eines Tages merken, dass sie nicht im gelobten Land leben? Wenn ein unterdrücktes Volk nur einen Helden bekommt, einen Querdenker, einen Freiheitskämpfer, einen Jesus, kann die Stimmung sofort gegen die autoritäre Herrschaft kippen; das wissen wir, das weiß Kim Jong Un, wer es nicht weiß, ist 649, der Held dieser Geschichte, die in einer Welt lange nach unserer Zeit spielt. Natürlich ist 649 nicht sein richtiger Name. 200 Jahre nach dem großen Krieg, bei dem die Familie des Sonnenkönigs an die Macht kam, die sich in direkter Nachfolge zu den ägyptischen Pharaonen sieht, bekommen die Kinder des Sonnenkönigs neunstellige Geburtszahlen. 649 wurde vor fast genau 17 Jahren als 873.934.649 in Distrikt 47 geboren. Dort haben es sich die Bewohner und die Stellvertreter des Sonnenkönigs angewöhnt, nur die letzten drei Ziffern als Rufzahl zu verwenden. In jedem Distrikt wohnen genau tausend arbeitsfähige Kinder des Sonnenkönigs. Überschneidungen in der Rufzahl sind deswegen rein Mathematisch sehr unwahrscheinlich, mancher Gelehrter wird sagen, bei ordentlicher Buchführung gar unmöglich.

Das gesamte Leben im Distrikt und wahrscheinlich – aber das vermutet 649 nur – in allen anderen Distrikten auch ist auf Produktivität und Gehorsam ausgelegt. Die Bewohner von Distrikt 47 stellen Motoren für Superhybridmobile her, allerdings weiß keines der Kinder des Sonnenkönigs aus Distrikt 47 so genau, was ein Suberhybridmobil ist.

«543 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.», «347 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.», «893 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.» Direkt vor der Suberhybridmobilmotorenfabrik sind genau fünfhundert Kästchen in exakten schwarzen Strichen auf den sterilen, weißen Boden gemalt; in dem gleichen sterilen Weiß, in dem nahezu alles im Distrikt 47 gehalten ist, in dem gleichen Weiß, in dem die ganze Welt der Kinder das Sonnenkönigs gehalten ist, weiße Wände, weiße Straßen, nur der Himmel ist noch meistens blau. Zu seinem siebten Geburtstag bekommt jedes Kind des Sonnenkönigs sein eigenes Kästchen, das er sich mit jemandem auf der Gegenschicht teilen muss, auf das er sich zu stellen hat, jeden Tag, immer zu Schichtbeginn und danach, um zu danken, dass man arbeiten darf. «649 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.» Nachdem alle Treuebekundungen dem Sonnenkönig gegenüber ausgesprochen sind, treten 500 neue Arbeitskräfte für 12 Stunden ihre Schicht an. Einige Minuten später danken 500 andere Kinder des Sonnenkönigs ihrem Herrscher, Gebieter und Vater dafür, dass sie ihren Körper und ihren Geist für die Suberhybridmotoren des allgegenwärtigen Sonnenkönigs zu Verfügung stellen dürfen.

Die Aufgabe von 649 besteht im Wesentlichen darin, einen Bolzen in eine dafür vorgesehene Verankerung zu stecken. Genau einen Bolzen in zwei Sekunden, macht 30 Bolzen in einer Minute, macht 1.800 in einer Stunde, macht abzüglich von zweimal 10 Minuten Pause genau 21.000 Bolzen pro Schicht. Während 649 seine Bolzen präzise und aus zehn Jahren Erfahrung heraus perfekt platziert, bricht am anderen Ende der Fabrikhalle Unruhe aus. 649 beachtet die Unruhe nicht weiter. Seine Aufgabe ist es, Bolzen in Verankerungen zu stecken, und zwar genau 21.000 am Tag. Da 649 genau jetzt keine Pause hat, arbeitet er weiter. Die Unruhe am anderen Ende der Halle ist ihm egal. Bis, und das sieht 649 aus dem Augenwinkel, während er weiter im gnadenlosen Takt des Förderbandes Bolzen in dafür vorgesehene Löcher steckt, eine bewusstlose Frau von zwei Stellvertretern des Sonnenkönigs aus der Halle getragen wird. Frau, das sieht er daran, dass der Overall, den jedes Kind des Sonnenkönigs immer trägt, rot und nicht grün, wie bei den Männern, ist. Wie bei allen Overalls ist auch auf diesem sowohl auf den Oberarmen als auch auf Rücken und dem Bauch die Geburtsnummer eingestickt. 649 sieht diese nun aus dem Augenwinkel: 345.658.043. Bei der ohnmächtigen Frau handelt es sich um seine Mutter. Bis zum siebten Geburtstag leben die Kinder des Sonnenkönigs bei ihrer Mutter. Am siebten Geburtstag sind sie erwachsen genug, um in ihr eigenes Nest zu ziehen. Dieses Nest besteht aus einem Bett, einem Kleiderschrank, in dem für jede Woche genau sieben Overalls hängen, und einem Hyperwärmer, der dem ähnelt, was wir als Mikrowelle kennen. Seit eben jenem siebten Geburtstag hat 649 keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter. Er sieht sie nur bei Beginn und Ende der Schicht und jetzt gerade, als sie an ihm vorbei getragen wird.

Ein Stromschlag durchfährt 649. Er hat in den letzten 15 Sekunden keinen einzigen Bolzen verarbeitet, was durch ein Sicherheitssystem in seinem Anzug eine elektrische Reaktion auslöst. 649 konzentriert sich sofort wieder und erhöht die Bolzfrequenz, bis er wieder auf Kurs, 21.000 in 12 Stunden, ist.

«649 dankt dem Sonnenkönig, dass er für ihn arbeiten durfte.» 12 Stunden und 21.000 Bolzen liegen hinter 649, als er in sein Nest zurückkehrt. Der weitere Tagesablauf ist genau vorgeschrieben. 649 und alle anderen 499 Kinder des Sonnenkönigs, die gerade ihre Schicht beendet haben, bekommen nun für genau 21 Minuten warmes Wasser, um sich zu reinigen. Nach der Reinigung sind sie aufgefordert, an den Hyperwärmer zu treten, um ihr Abendbrot zu entnehmen. Es gibt genau acht Gerichte. Ein Frühstück und sieben unterschiedliche Abendbrote, für jeden Tag in der Woche eines. Heute ist Donnerstag und es gibt Reis mit einer gelben Soße, die ganz ähnlich schmeckt wie die Soße, die es Mittwochs zu Nudeln gibt. Nachdem die Mahlzeit verspeist wurde, hat jedes Kind des Sonnenkönigs eine Stunde, um seine sozialen Kontakte zu pflegen. Normalerweise nutzt 649 diese 60 Minuten, um mit 895, seinem Nachbarn, einige Partien Tischtennis zu spielen. Die Stellvertreter des Sonnenkönigs nennen Tischtennis ein Relikt aus der alten Zeit, unterbinden es aber nicht, da körperliche Betätigung, das weiß 649 aus der Schule, die er bis zu seinem siebten Geburtstag besucht hat, gut ist für Körper und Geist und somit auch gut für die Arbeit an den Superhybridmotoren. Indirekt dient also auch Tischtennis dem Sonnenkönig.

Nun jedoch, an diesem Donnerstag, begibt sich 649 das erste Mal seit zehn Jahren wieder in das Nest seiner Mutter. Er trifft dort auf seinen Bruder. Natürlich sind alle Kinder des Sonnenkönigs rein biologisch betrachtet Halbbrüder. Im Nest seiner Mutter lernt 649 nun aber seinen „Vollbruder” 399 kennen, den er zuvor noch nie gesehen hat, da er noch die Schule besucht. Jede Frau bekommt alle sieben Jahre ein Spermium des Sonnenkönigs eingesetzt, hat dieses dann auszutragen und bis zum siebten Geburtstag zu erziehen. Er beachtet ihn nicht weiter; schon immer hat man ihm beigebracht, dass familiäre Bezüge keinen Rolle spielen. Das Gelernte lässt ihn nun in seinem Unterbewusstsein auch fragen, was er hier tut.

«043, wie geht es Ihnen?» Die Mutter von 649 liegt deutlich benommen, aber lebend auf ihrem Bett. «Sprich mich bitte mit Mutter an und nicht mit dieser furchtbaren Zahl.» Die Sprache und das Wort „furchtbar” lassen 649 erstarren und an seiner Idee, ihr Nest zu besuchen, zweifeln. Von jeher wurde allen Kinder des Sonnenkönigs Respekt auch in der Sprache eingebläut. Respekt, den 649 hier vermisst und dessen Abwesenheit ihn einschüchtert. 043 setzt sich auf, schüttelt ihre Haare und blickt 649 an. «Hast du dich je gefragt, was ein Superhybridmobil ist? Hast du dich je gefragt, warum der Sonnenkönig uns nie besucht? Hast du dich je gefragt, was außerhalb von Distrikt 47 liegt? Hast du dich je gefragt, wie man Stellvertreter des Sonnenkönigs wird und wo sie ihr Nest haben?» 649 blickt seine Mutter fragend an. «Nein, hast du natürlich nicht.»
«Ich wollte nur sehen, ob es Ihnen gut geht. Da dies offensichtlich der Fall ist, werde ich mich nun wieder in mein Nest begeben.» – «Warte. Hast du schon mal was von Liebe gehört?» – «Dieses Wort ist mir fremd.» – «War es mir auch. Ein Stellvertreter des Sonnenkönigs hat mir davon erzählt. Weißt du, dass Kinder nicht immer nur durch Einpflanzung entstanden sind? Weißt du, dass es früher andere Väter als den Sonnenkönig gab? Weißt du, dass es Sex gab?» 649 legt seinen Kopf fragend schief; er hört, was seine Mutter sagt, versteht es aber nicht. «Natürlich nicht. Wie konnte ich das auch glauben?» Plötzlich wirkt 043 entschlossen. Sie steht auf und steht direkt vor ihrem Sohn. Ihre Hand fährt 649 in den Schritt. 043 steht direkt vor ihm, während Sie tut, was der Stellvertreter des Sonnenkönigs ihr beigebracht hat. Nur einige Handgriffe und 649 stöhnt leise. Sofort lässt seine Mutter von ihm ab. «Man macht das nicht zwischen Mutter und Sohn, aber das ist, was die Stellvertreter des Sonnenkönigs Sex nennen, das ist, was Hand in Hand mit Liebe geht, das ist Glück, das ist der Beweis, dass es mehr gibt als nur eingepflanzte Kinder. Es gibt da draußen etwas, was uns vorenthalten wird.» 043 blickt in das fragende und von Lust verzehrte Gesicht von 649. «Es gibt einen Stellvertreter des Sonnenkönigs, der sagt er liebt mich. Ich habe mich absichtlich durch die Stromstöße ohnmächtig machen lassen, um hier mit ihm, auf diesem Bett, Sex haben zu können. Dieser Stellvertreter sagt, der Distrikt 47 ist der äußerste. Wenn wir an den großen Wachtürmen vorbeigehen, über den Zaun steigen und nur drei Stunden laufen, kommen wir in ein neues Leben. Er sagt, er wird den Strom in den Zäunen abstellen und wegsehen. Morgen Nacht können wir von hier verschwinden.» 649 macht kehrt und sich zurück auf den Weg in sein Nest.

Vorbei an den vielen verschiedenen Nestern, die dem gleichen, was vor vielen Jahren mal Container hieß, gehen 649 viele Gedanken durch den Kopf und er weiß, was zu tun ist. Er weiß es, da es ihm seit 17 Jahren eingetrichtert wird. Sobald ein Kind des Sonnenkönigs äußert, seinen Distrikt verlassen zu wollen, hat ein gutes Kind des Sonnenkönigs zum nächsten Aufseher zu gehen, um Bericht zu erstatten, und das macht 649.

Der nächste Morgen bricht an. Aus dem Hyperwärmer kommen wie jeden Tag ein Brot belegt mit Käse, ein hart gekochtes Ei und ein halber Liter Orangensaft, der alle wichtigen Nährstoffe für die anstehende Schicht enthält.

«543 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.», «347 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.», «893 meldet sich, um dem Sonnenkönig dienen zu dürfen.» An diesem Freitag fehlt die Nummer 043. Sie fehlt und 649 blickt entsetzt auf das leere, einen halben Quadratmeter große Kästchen. Was hat er getan? Hat er seiner Mutter Leid zugefügt? Er kämpft mit sich selbst und dem, was er ein Leben lang gelernt und immer für richtig erachtet hat. Der Sonnenkönig steht über allem und gibt ihnen das Beste, was sie verdient haben. Wer mit dem Besten nicht zufrieden ist, muss an seine Stellvertreter gemeldet werden. So ist die Regel und so hat man es 649 jeden Tag seines Lebens beigebracht. Doch dann denkt er wieder an das Gefühl, das die Hände in seinem Schritt ausgelöst haben, dass es da noch andere Sachen geben muss, „Sex”, „Liebe” und „Glück” hat 043 es genannt.

21.000 Bolzen und 12 Stunden später sehnt sich 649 nach dem Gefühl in seinen Lenden von gestern Abend und während seiner 21 Minuten warmen Wassers erzeugt er es selbst mit seiner Hand. Als er den ersten Orgasmus seines Lebens spürt, knicken seine Knie unter ihm ein. Er sitzt unter warmen Wasser, blickt diesem hinterher, bis es im Abfluss verschwindet, denkt dabei an seine Mutter, die er verraten hat, und daran, was sie ihm zeigen wollte – Liebe, Sex und Glück. Als das Wasser plötzlich kalt wird und es Zeit ist, vor den Hyperwärmer zu treten, hat 649 einen Entschluss gefasst.

Es ist Freitag, das bedeutet es gibt Kartoffeln mit roter Soße. 649 isst die Kartoffeln, denn er weiß, dass sie Nährstoffe enthalten, die er braucht.

Am zweiten Tag in Folge geht 649 nicht Tischtennis spielen. Er liegt nur auf seinem Bett und wartet, bis die Zeit verrinnt. Er liegt auch noch dort und starrt mit offenen Augen die weiße, sterile Decke an, als es längst Schlafenszeit ist. Als die Sonne untergeht, beginnt 649 zu zählen. Er hat den zwei-Sekunden-Takt in den 10 Jahren, in denen er alle zwei Sekunden einen Bolzen einführt, perfektioniert. Er zählt bis 3.600. Dann sind genau zwei Stunden vergangen und nach den Überlegungen von 649 müsste nun der Stellvertreter des Sonnenkönigs wegsehen und den Strom in den Zäunen ausschalten.

649 verlässt sein Nest und schleicht durch die Schatten, die eintausend Nester auf den Boden werfen. Er läuft bis zu den großen Wachtürmen; auch hier versucht 649 unauffällig zu sein. Weiß der Stellvertreter des Sonnenkönigs, der seiner Mutter das Versprechen gab, davon, dass 043 nicht mehr in Distrikt 47 ist? Schaltet er ab? Sieht er weg, wenn ein Kind des Sonnenkönigs über den Zaun klettert? Oder drückt er ab und vernichtet mit einem Knopfdruck an seiner Hyperkanone das Kind des Sonnenkönigs 649 aus Distrikt 47?

Der Weg von den Wachtürmen ist lang. 649 zählt im bekannten Bolzentakt bist 1.124. Das sind 562 Sekunden, fast zehn Minuten, zehn Minuten voller Angst, einen Schuss der Hyperkanonen, die die Stellvertreter des Sonnenkönigs tragen, in den Kopf zu bekommen. Zehn Minuten voller Todesangst, in denen 649 nur zählt und an das Gefühl denkt, das er inzwischen „Glück” nennt. Zehn Minuten, die so langsam vergehen wie seine bisherigen 17 Lebensjahre. Als er den Zaun erreicht, ist 649 nicht tot. Das ist mehr als er zu hoffen wagte, das ist auch, was Mutter „Glück” nannte, denkt er.

649 steht vor dem Zaun und zählt bis 10. Zwanzig Sekunden vergehen in dieser Zeit. Als er bei 10 ankommt, springt er in den Zaun. Wenn der Strom nicht weg ist, ist er tot. Wenn der Liebhaber von 043 nur ein Lügner ist, ist er tot. Wenn der Stellvertreter des Sonnenkönigs weiß, dass 043 nicht mehr im Distrikt ist, ist er tot. 649 krallt seine Finger in den Zaun und stirbt nicht. Er beginnt zu klettern. Wieder zählt er dabei, diesmal bis 117, dann hat er den Scheitel erreicht. 649 denkt gar nicht daran, herunter zu klettern; er springt einfach. Unten prallen seine Füße hart auf. Er spürt die Erschütterung und versucht kläglich sich abzurollen. Wer 17 Jahre lang nie versucht hat sich abzurollen, kann es auch jetzt nicht. Doch er ist unverletzt, am Leben und glaubt langsam zu wissen, was der Begriff „Glück” bedeutet.

Noch einmal zählt 649, diesmal bis 3.784. Während er geht, reißt er sich seinen Overall vom Köper. Komplett nackt sieht 649 zum ersten Mal Menschen, die weder Overalls der Kinder des Sonnenkönigs noch die Uniformen seiner Stellvertreter tragen. Er sieht einen Menschen, der etwa so alt ist wie er. «Ey du Freak, alles okay?» 649 schwitzt, er blutet vom Sturz über den Zaun und macht große Augen inmitten eines Gesichts, das Ahnungslosigkeit ausstrahlt. «Guten Tag, ich bin 649 und ich suche das Glück.»

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