2013

Das Buch, das ich derzeit lese, heißt „1913“ und obwohl wir alle wissen, dass 1913 der Anfang vom Ende des Friedens war, beschreibt Florian Illies das Ende als Anfang. Doch wie wird man 2013 in einhundert Jahren sehen? Kommen Sie mit mir, wir reisen in die Zukunft, um die Gegenwart zu sehen.

Wien im Jahre 2013 ist nur noch ein kitschiger Abklatsch seiner selbst. Ein Postkartenmotiv, das den Glanz vergangener Zeit längst verloren hat. 1913 raste Franz Ferdinand mit goldenen Felgen durch die Stadt. 2013 treffen sich hier zwei der führenden deutschsprachigen Wortakrobaten. Der erfolgreiche Daniel Kehlmann, der aus irgendwelchen Gründen mit dem am seltsamsten zu lesenden Buch aller Zeiten, „Die Vermessung der Welt“, einen literarischen Welterfolg landete, und Josef Hader, der wohl beste Kabarettist seiner Zeit. Gemeinsam laufen sie für einen längst vergessenen Fernsehsender namens Arte durch die Nacht. Ein vergleichsweise bedeutungsloses Ereignis, sollte man denken, hätte Hader nicht im Zug dieser Fernsehsendung Kehlmann die gesammelten Werke von Kafka geschenkt. Nie schien ein Geschenk lauter zu schreien: „LIEBE LITERATEN, SCHREIBT ENDLICH WIEDER ZEITLOS UND NICHT NUR DREHBÜCHER FÜR 3D-BLOCKBUSTER.“ Die Rufe wurden im deutschsprachigen Raum nicht erhört. Sie wurden jedoch über dem großen Teich von Georg R. R. Martin gehört, der daraufhin einen weiteren Stark tötete.

Berlin 2013 ist die letzte dreckige Weltstadt der westlichen Welt. Jeder in Berlin dealt mit irgendwas: Drogen, Macht, Liebe oder nur Beats. In der europäischen Hauptstadt des Hip Hop verkauft unbemerkt von fast allen Medien der junge Pokerbeats eben jene in die ganze Welt. Lyrik wird schon lange schneller gesprochen und mit Musik hinterlegt und so veröffentlicht Alligatoah die wohl schönste Liebeserklärung aller Zeiten: „Willst du mit mir Drogen nehmen? Dann wird es rote Rosen regnen. Ich hab’s in einer Soap gesehen: Willst du mit mir Drogen nehmen? Komm, wir geh’n; Komm, wir geh’n zusamm’n den Bach runter.“ Romantik pur.

Einem anderen deutschem Rapper, Prinz Pi nämlich, gratuliert eine junge Schriftstellerin, Ada Blitzkrieg, die 2013 ihren zweiten Roman veröffentlicht hat, in dem Literaturprofessoren noch heute eine Pointe suchen, per Twitter zum erstem Nummer-Eins Album. Der „Kompass ohne Norden“ sollte in den Jahren darauf zu einem der beliebtesten Tattoomotive werden. Und sonst in Berlin 2013? Angela Merkel wird zufällig von einer Promi-Shopping-Queen-Kamera dabei gefilmt, wie sie Zutaten für Gulasch kauft. Wenn die Frau Bundeskanzlerin nicht gerade Gulasch macht, wird sie von den USA und dem Vereinigten Königreich abwechselnd abgehört und angelogen. Ihre Wiederwahl läutet eine Zeit des nie dagewesenen Stillstands ein. Ganz im Gegensatz zu anderen Weltpolitikern wie Kim Jung-un, der offensichtlich keine Lust auf Weihnachten mit seinem Onkel verspürte. Die großen Weltmächte China, Russland und USA werden offiziell von heute längst vergessenen Clowns regiert; kaum jemand in der damaligen Welt hat ernsthaft vermutet, dass schon längst die FIFA, die noch immer unter dem Deckmantel des friedlichen Fußballs agierte, die Macht übernommen hatte. Der Despot Sepp Blatter aus dem heutigen Großschweizerreich hat 2013 noch gemeinsam mit Katar im Untergrund die Fäden gezogen. So kam es im Fußball zu einer nie dagewesenen Siegesserie des FC Bayern München. Heute weiß man: Alles Lug und Trug – im Gegensatz zu der Hinrunde ohne Sieg des Ersten Fußballclubs Nürnberg, die tatsächlich so standgefunden hat.

2013 ist auch das Jahr, in dem Hollywood es endgültig geschafft hat, sein Publikum komplett zu verblöden und aus 102 Minuten in 3D gefilmter Langeweile wie Gravity einen Erfolg zu machen. Kein Erfolg wurde das Album von Pussy Riot – aufgrund der Musik völlig zu Recht. Die Denkmäler der Sängerinnen, die heute den Roten Platz zieren, können zum Glück nicht singen.

Rom ist 2013 noch ewig und während dort der letzte Papst gewählt wird, erwacht in einem 2000 Kilometer entfernten Ort ein gewisser Franz Josef Bayer aus dem Rausch des Vortages. Er liest die geistigen Ergüsse der Nacht, drei Kurzgeschichten namens „Dorfkinder“, durch. Betrunken fand er sie besser. Er bekam jedoch das €-Zeichen in die Augen und veröffentlichte das Buch bei Amazon. Er sollte damit 78,58€ verdienen. Ähnlich viel verdienten die damaligen großen Twitterer im Jahr an flattr-Einnahmen. Twitter war am Höhepunkt seines Erfolges, was vor allem an einer Überpräsenz in den Medien lag. Etwa jeder zweite SPON-Artikel handelte von Twitter oder seinen Themen. Kaum zwei Jahre später sollte der Microbloggingdienst an seiner Selbstherrlichkeit implodieren. Ähnlich wie „Wetten, Dass…“; die Unterhaltungssendung wurde von einem Italiener, der später nach Alaska ausgewandert ist, hingerichtet.

1913 in Wien grüßt ein mittelloser Maler freundlich einen schon damals gläubigen Kommunisten. Hitler und Stalin sollten sich nie wieder näher sein. 2013 sitzt Edward Snowden im Moskauer Flughafen fest; 100.000 demonstrieren von Istanbul bis Kiew, während Putin am Gashahn sitzt und Obama zu Big Brother wird. Geht die Welt den Bach runter oder den steilen Berg für eine bessere Welt hinauf? Lasst uns nie vergessen, was nach 1913 passiert ist. Seid immer wachsam.

Frohes 2014.

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