Der Kuss von Sotschi

Als Felix in den Schnee von Sotschi sinkt, hat Marcel gerade die Ziellinie überquert und die Differenz ihrer beiden Zeiten leuchtet, für jeden im Stadion und auf der ganzen Welt sichtbar, rot. Es ist der Moment, in dem der kleine Felix in die Fußstapfen seiner großen Mutter tritt. Der Schnee, auf dem er liegt, ist kalt. Doch er spürt nichts außer Freude.

Sein Kopf wird gestreichelt; Marcel und Hendrik, die neben ihm stehen, heben ihn auf ihre Schultern. Hübsche blonde Russinnen überreichen Blumen und seine Freundin Miriam bekommt den schönsten Kuss, den sie je bekam.

Am Abend in der Innenstadt von Sotschi werden die Medaillen verteilt. Bronze nach Norwegen, Silber nach Österreich und Gold nach Patenkirchen. Als die deutsche Nationalhymne ertönt, hat Felix eine Träne im Auge. Er blickt nach rechts zu Marcel, fasst ihm an die Schulter und zieht ihn nach oben. Während die letzten Takte der Hymne ertönen, blicken sich die beiden in die Augen und küssen sich. Auf den Mund und mit Zunge. Ein Blitzlichtgewitter erhellt Russland. Es ist kein schöner Kuss, aber ein mächtiger.

Hinter der Bühne tritt der IOC-Präsident gegen eine Vase, die daraufhin an der Wand zerbricht. Im Kreml in Moskau feuert der russische Regierungspräsident seinen Schlummerwodka gegen die Wand. Im Rathaus von Sotschi fällt dem Bürgermeister seine Prostituierte vom Schoß. In den verbotenen Diskos in Russland feiern tausende von verfolgten Homosexuellen diese Geste.

Der Kuss von Sotschi wird so mächtig wie der Black-Power-Gruß von Mexiko-Stadt. Ein Bild, das sich in das kollektive Bewusstsein der Welt brennt.

Für Sotschi wünsche ich mir nur eins: Bitte, liebe Sportler, seid unbeugsam.

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