Generation ohne Stimme

Der Jahrgang von 1964 ist der größte, den Deutschland jemals gesehen hat. Was bedeutet, dass irgendwann in der Mitte dieses Jahres „50“ die meist gegebene Antwort auf die Frage nach dem Alter sein wird. Mit 50 ist man schon ganz oben auf der Karriereleiter. Die größte Gruppe von Menschen ist somit am mächtigsten. Ich bin genau halb so alt und tierisch frustriert. Die Generation um 1964, die Generation unserer Eltern, hat versagt. Sie hat den Karren an die Wand gefahren.

Unsere Väter sind Banker, die auf Lebensmittelpreise spekulieren; unsere Mütter sind Politikerinnen, die die pleite spekulierten Banken dann retten müssen. Gemeinsam erhöhen sie die Kindersterblichkeitsrate in Griechenland um 40%. Unser Onkel ist Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild, Jahrgang 64, Populist und mächtigster Mann in diesem Land. Unsere Tanten entwickeln menschenverachtende Fernsehformate, bei denen Frauen um einen Mann kämpfen, der sie testhalber anfickt und ihnen dann keine Rose gibt. Wenn es keine dummen kleinen Mädchen gibt, die man für fünf Minuten Ruhm im Scheinwerferlicht verbrennen kann, dann nimmt man eben Dicke, Bauern oder Arbeitslose.

In den Talkshows dieses Landes sitzen Journalisten, Politiker und vielleicht noch ab und an ein Vertreter eines Arbeitgeberverbandes, den keine Sau kennt, und diskutieren über unsere Zukunft, über unsere Krankenversicherung, über unsere Arbeitsplätze, über unsere Renten. In Wirklichkeit geht den Leuten, die da „diskutieren“ und sich gegenseitig nicht ausreden lassen, unsere Zukunft am Arsch vorbei. Wer heute Sonntagabend zu Jauch eingeladen wird, kann sich – dafür lege ich meine Hand ins Feuer – eine private Vorsorge leisten und sogar eine Zahnversicherung ohne Bonusheft.

Wir leben in Deutschland, einem der reichsten und mächtigsten Länder dieser Welt. Leitstand Europas. Unsere Eltern kaufen sich 3D-Fernseher, SUVs und verbrennen ihre Kinder. Gestern G9, heute G8, morgen wieder G9. Unsere Eltern haben 23 Semester bis zum Diplom studiert. Heute kommt nach drei Jahren der Bachelor und gibt dir keine Rose für deine Zukunft. Kinder müssen bereits im Kindergarten Chinesisch lernen, während ihre Mütter beim Friseur Cappuccino mit Sojamilch aus Brasilien saufen.

Wir kämpfen für sexuelle Befreiung. Dann kommt Matussek.

Demonstranten in Kiew, Kairo und Istanbul werden Helden genannt, Demonstranten in Hamburg als Terroristen eingestuft. Von unserer Regierung. Genau so haben auch die Regierungen in der Ukraine, Ägypten und der Türkei reagiert. Die Leute, die dieses Jahr 50 werden, sind jetzt Chefredakteure. Warum schreibt ihr nicht darüber? Warum sind es nur die 20-Jährigen, die Tweets und Blogs gegen Ungerechtigkeiten wie diese schreiben?

Marina Weisband ist ein halbes Jahr älter als ich. Sie kämpft in der Ukraine und twittert live vom Maidan. Die Bildzeitung nennt sie weiterhin nur „hübsche Piratin“.

Wir wissen alle, wer die NSA ist. Eine von Macht und Wissen besessene Schlampe im Informationsrausch. Politiker halten still, keine diplomatische Krise riskieren, Journalisten schreiben lieber über das Dschungelcamp, wir löschen Facebook und Whatsapp, verschleiern uns im Internet und existieren nur als Pseudonym. Die meisten Facebooknutzer sind zwischen 40 und 50. Es sind unsere Väter, die dann wirklich auf die geilen 32-Jährige klicken, die gerne Schwänze lutscht und nur die Kreditkartennummer will. Dieselben Leute warnen dann vor den Gefahren des ‚Neulandes‘. Ich bitte euch.

Die allerschlimmsten sind die, die nicht normal sind. Die Ultras, Emos, Hipster, Punker oder nur Hip-Hopper. Denkt doch mal an die Nachbarn.

Ich bin auch nur ein populistischer Blogger, der alles, was ihm auf die Eier geht, in einem Text vermanscht, aber ich will jetzt, dass diese Generation, der ich angehöre, endlich ernst genommen wird. Ich will in jeder Talkshow eine Person unter 30 sitzen sehen. Ich will nicht Terrorist genannt werden, wenn ich eine andere Meinung habe. Ich will, dass ihr endlich aufhört uns zu bemuttern. Ich will, dass ihr aufhört die Nase zu rümpfen, wenn wir uns im Subkulturen verlieren. Ich will die NSA brennen sehen. Ich will, dass ihr aufhört Kinder zu dressieren wie Affen im Zoo. Ich will, dass ihr aufhört Casper die Stimme einer Generation zu nennen. Diese Generation ist so viel mehr als schlechter Hip Hop. Danke.

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3 Gedanken zu „Generation ohne Stimme

  1. sushey sagt:

    Hat dies auf milchmithonig.de rebloggt und kommentierte:
    DANKE!

  2. Dad Lunatic sagt:

    Nichts ist grausamer, als die eigene Stimme ungehört verschallt zu wissen.

    Altersmäßig bin ich näher an der „kritischen“ 50, als an der ignorierten 20. Inhaltlich aber bedeutend näher bei Ihnen, als bei Kai.

    Ich bin nicht überzeugt, dass es sich um ein „Altersproblem“ handelt, ich denke eher, das es um Konservatismus geht.

    Sie beschreiben schlicht konservative Verhaltensformen, wenn Sie die 50jährigen beschreiben. Ich finde es aber beispielsweise auch über alle Maßen erschreckend, wie konservativ ein Großteil der GANZ Jungen argumentiert.

    Am Ende bleibt doch immer der Wohlstand das Problem. Vornehmlich der Ererbte, für den man nichts tun musste und den man mit allen Mitteln zu erhalten versucht.

    Währe der Mittelständler nicht in seiner Verlustangst paralysiert, hätte diese Gesellschaft eine Chance auf Fortschritt. Hat sie aber nicht.

    Ich bin 39 Jahre alt. Ich lebe mit zwei kleinen Kindern alleinerziehend im lange nicht abbezahlten Eigenheim und muss mir keine existenziellen Sorgen machen. Aber ich teile Ihre Meinung.

  3. […] (Bonifazius VIII) Durch Zufall bin ich darauf gestoßen und es traf bei mir einen Nerv. Ebenso spornte mich ein Text vom sonderbayern an, endlich aktiv zu werden. Ich will nicht mehr schweigend zustimmen, zu all dem, was in Deutschland, Europa und der Welt schief läuft. Ich will meine Stimme nutzen und sagen: “Nein, so kann das nicht weitergehen!” Ebeneso will ich aber auch sagen, was gut ist. Schließlich ist nicht alles schlecht auf dieser Welt und Komplimente werden eh viel zu selten vergeben. Wie viel ich mit meiner Meinung ändern kann, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nichts, denn wie der sonderbayer so schön schreibt, wir sind eine “Generation ohne Stimme”. Wir, die 20-jährigen werden in der Gesellschaft nicht ernst genommen und nur müde belächelt, wenn wir uns über die letzten Wahlergebnisse, die Energie”reform” oder das Bildungssystem aufregen. Erschwerend kommt hinzu, dass eine 20-jährige, also eine junge Frau noch weniger Ahnung von Politik haben kann, wie ihre männlichen Altersgenossen. Immer hört man von den ach so Alten, Erfahrenen: “Du bist noch sooo jung!” Und klar, ich bin jung und ja, ich hab noch nicht so viel mitgemacht, wie ihr mit 30 aufwärts, aber das ist egal, denn ich lebe auch auf dieser Welt, die nach und nach heruntergewirtschaftet wird. Auch wenn ich jung, weiblich und nur Bloggerin bin, ist für mich der Punkt erreicht, an dem Schluss ist mit dem Kuschelkurs. (Wer den Text vom Sonderbayer lesen will, kann gerne diesem Link folgen: Generation ohne Stimme) […]

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