Nürnberg – Bremen

Ich trinke zur Zeit keinen Alkohol, was für den weiteren Verlauf dieses Blogeintrags unerheblich ist, aber erklärt, warum wir mit dem Auto unterwegs sind. Ich bin Fahrer und mit drei weiteren Glubberern auf den Weg ins Stadion. Alle in und um Nürnberg sind euphorisch: Traumstart in die Rückrunde, Niederlagen nur gegen Bayern und Dortmund, ein Spiel für die Geschichtsbücher gegen Braunschweig, eine Fanaktion, die bundesweit für Aufsehen sorgt und jetzt kommt auch noch Bremen. Bremen, „die Fischköpfe“, direkter Mitabstiegskandidat, die werden jetzt aus dem Stadion geprügelt. Denken alle außer mir. Ich bin schlecht gelaunt. Je näher der Anpfiff kommt, desto mehr.

„Was ist mit dir wieder los?“, wollen die anderen wissen. „Der Club kann das Spiel nicht machen, der Club kann mit dem Druck der Favoritenrolle nicht umgehen, der Club wird heute verlieren.“
„Ach halt doch die Fresse, den gleichen Mist hast du gegen Braunschweig auch erzählt.“
„Gegen Braunschweig haben wir auch wirklich überzeugt“, sage ich, versinke in Sarkasmus und drücke das Gaspedal voll durch. Irgendwer macht hinter mir ein Bier auf und spritzt mir dabei in den Nacken. Ich beschimpfe alle als Penner.

Kurze Zeit später, während die Penner rauchen, twittere ich. Hunderttausende Tweets in der Timeline über den kommenden Sieg und Freude auf das Spiel. Ich schreibe eine Direktnachricht nach Bremen und bekomme eine pessimistische Antwort zurück. Wenigstens jemand, der das gleiche empfindet wie ich. Achso. Falscher Verein.

Zwei Stunden später schwenken alle um mich herum Fahnen und Schals, während ich apathisch auf das Spielfeld starre. „Ich bereue diese Liebe nicht“ steht auf den Fahnen, auf Schals und Shirts. Ihr mögt sich nicht bereuen. Ich bereue sie ständig. Mir wäre der Glubb so gerne egal. Es ist der erste schöne Frühlingstag dieses Jahres. Ich könnte auf meinem Balkon ein Buch lesen, ich könnte einem hübschen Mädchen den Hof machen, ich könnte die Welt verändern, aber ich stehe, sitze, liege ständig in diesem Stadion rum und sterbe tausend Tode. Ich rechne ständig mit Niederlagen, mit Abstiegen, mit Insolvenzen.

„Ich bereue nich“, eine Aktion von den Utras gegründet, von allen Fans, der Mannschaft, dem Verein und der Stadt mitgetragen. Ich finde diese Aktion extrem gut. Nur ist das Wort „Liebe“ heute auch nicht mehr, was es mal war. Für mich ist der Glubb ein Freund. Ein Freund, der mal Anzug trägt und dabei charmant und eloquent parliert, oder mal peinlich besoffen halbnackt auf einem Familienfest auftaucht. Echte Freundschaft hält länger als Liebe. Der Glubb ist mein ältester Freund, der jeden Samstag anruft und man nicht weiß, ob man sich freuen soll, weil es ja sein kann, dass er wieder das Wohnzimmer vollkotzt.

Das Spiel beginnt und kurz keimt Hoffnung auf. Vielleicht schnell das 1:0 machen und vor der Halbzeit das 8:0 nachlegen. Als dann das 0:1 fällt, ist es wie es ist. Ich nehme nur noch das Spiel wahr. Singe die Lieder der Nordkurve leise und wie von selber mit. Es folgt ein 0:2 und Schlusspfiff. Das erste Mal an diesem Tag nehme ich meinen Schal vom Hals. Die Menge um mich herum wird immer lauter. Zum ersten Mal singe auch ich laut mit. Die Mannschaft nähert sich. Auf meinem Schal steht „Ich bereue diese Liebe nicht“. Ich bereue sie auch nicht. Nach dem Spiel.

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Ein Gedanke zu „Nürnberg – Bremen

  1. Dad Lunatic sagt:

    Erstaunlich.

    Ich hasse Fußball.

    Nein, eigentlich ist diese Sportart, mit leichter Tendenz ins Negative, mir grundsätzlich scheißegal.

    Aber behufs Ihrer Wortgewalt vermag ich auch einem Fußballspiel bis zum Ende beizuwohnen.

    Erstaunlich!

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