Ein Drama in sechs Akten

Akt 1:

Es ist Oktober und er ist golden. Sonntagnachmittag, ich liege auf meinem Balkon, trinke Kaffee und beobachte das Dorf schon den ganzen Tag dabei, wie es zum Gemeindehaus pilgert. Typisierungsaktion „für“ ein Kind aus der Gemeinde. Das „für“ in Anführungsstrichen, weil es Affenscheiße ist. Wenn man sich „für“ jemanden typisieren lässt dann nur „für“ alle Menschen.

Kurz vor Ende erhebe auch ich mich und mache mich auf zum Gemeindehaus. Ich treffe viele alte Bekannte und gute Freunde, während ich von Station zu Station schlendere. Dort die Krankenkarte einschieben, da ein Formular ausfüllen, dort eine Unterschrift, am Ende ein bisschen Blut dalassen und schon ist man typisiert. Was mir in diesem Moment gar nicht bewusst ist, was sich aber jeder bewusst machen sollte: an diesem Tag im Oktober habe ich eine bewusste Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung pro Knochenmarkspende.

Akt 2:

Es wurde Winter, es kam ein neues Jahr und im Januar ein Brief für mich. Von der Knochenmarkstiftung aus der Nähe von München, bei der ich mich habe aufnehmen lassen. Ich käme für eine Spende in Frage, heißt der Grundton des Briefes, und ich solle doch mal anrufen. Noch bin ich kess, denke mir nichts dabei und nehme das Telefon zur Hand. Zwanzig Minuten Gespräch mit einer sehr, sehr freundlichen Dame über die Arten der Knochenmarkspende. Es sind zwei und bei der häufigeren werden nur Stammzellen aus dem Blut gefiltert, aber ich will mich nicht in medizinischen Details verlieren. Am Ende habe ich einen Termin bei meinem Hausarzt zur Blutabnahme und noch eine Frage: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich dran komme?“ – „Etwa eins zu acht.“ Ach, da komme ich eh nicht dran, denke ich mir.

Akt 3:

„Im Oktober haben Sie sich erst aufnehmen lassen und schon jetzt den ersten Brief bekommen?“ Mein Hausarzt ist merklich überrascht, als er mir eine Nadel unter die Haut schiebt. „Ja, im Schnitt vergehen 14 Jahre von der Typisierung bis zum ersten Brief.“ Ich krame mir während des Telefonates angeeignetes Wissen aus den Gehirnwindungen, um den Smalltalk am Laufen zu halten, während mein Blut aus meinem Arm läuft.

Vier Blutkanülen werden sofort in der Praxis per Kurier abgeholt. Zwei werden verpackt und mir mitgegeben, um sie per Post zu versenden. Ich mache schlechte Witze über Vampire, während die Arzthelferin mich mitleidig anlächelt.

Akt 4:

Inzwischen habe ich einen Brief bekommen, dass ich reserviert wurde. Wie ein Tisch in einem Wirtshaus. „Wer reserviert, kommt dann eh nicht“, denke ich noch, nur um kurz darauf eine e-Mail zu bekommen, dass ich doch bitte schnellstmöglich anrufen soll. Ich wurde „angefordert“. Zumindest ist die Sprache im Knochenmarkspendekosmos noch klar und deutlich.

Wieder werde ich sehr freundlich beraten. Es handelt sich bei mir um eine Entnahme aus dem Becken, die in Vollnarkose durchgeführt wird. Ich wurde schon viele Male operiert und habe kein Problem mit Vollnarkosen. Was mich aus der Fassung bringt, ist eine Äußerung aus dem Hintergrund. „Das ist zu spät.“ Wir hatten uns gerade auf einen Termin Mitte März geeinigt, als die Hintergrundstimme sich einschaltete. Kurzes Gespräch am anderen Ende der Leitung. „Ich gebe Sie mal an den Dr. X weiter.“ Was Dr. X mir sagt, wirft mich aus der Bahn. Der Empfänger meines Knochenmarkes ist klein, sehr klein, er darf es mir eigentlich nicht sagen, aber gerade mal 12kg. Ich rechne rum. Wie alt ist man mit 12kg? Das Kind ist bestimmt gerade nicht gut genährt. Zwei, drei, vier? Offensichtlich ist es eilig. Sehr eilig, wenn ein Termin in vier Wochen zu spät ist. Wir einigen uns auf einen Termin zur Voruntersuchung und auf einen früheren Termin Anfang März zur Entnahme.

Ich lege auf und fahre in die Arbeit. Ich habe Spätschicht und bin eigentlich nicht arbeitsfähig. Meine Gedanken sind bei mir unbekannten 12kg, bei den Eltern und bei dem Kampf gegen den Tod. Die Worte aus dem Lied von Eis und Feuer kommen mir in den Sinn: „Es gibt nur einen Gott und sein Name ist Tod und es gibt nur eines, was wir dem Tod sagen: ‚Nicht heute‘.“ Mit 12kg sollte man nicht gegen den Tod kämpfen, sondern gegen sein Dreirad. Ich laufe durch die Arbeit wie ferngesteuert, ständig fällt was runter, passieren Fehler, schweifen die Gedanken ab.

Akt 5:

Ich liege auf einer Liege und werde mit Gleitgel eingeschmiert. Das hört sich geiler an als es ist. Dr. X untersucht mit dem Ultraschall meine Organe und kommentiert die Leber mit: „Da geht aber noch was.“ Mein Körper wird komplett durchgecheckt, Urin, Blut, Lunge, Organe, das komplette Programm. Ich bin, so Dr. X, der perfekte Spender. Ich habe mich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, dass da irgendwo ein Kind meine Hilfe braucht. Manchmal male ich mir aus, dass es überlebt. In Deutschland dürfen sich Spender und Empfänger dann nach zwei Jahren treffen. Ich denke an einen blonden Jungen mit einer lockeren Jeans und Turnschuhen, die blinken und verdammt geil aussehen. Zum ersten Treffen würde ich ein Nürnberg-Trikot mitbringen; man muss schließlich aufpassen, dass der genetische Zwilling nicht Bayernfan wird.

„In drei Tagen bekommen sie die endgültigen Dokumente. Wenn Sie diese unterschreiben, gibt es dann kein Zurück mehr.“ Es gab bis zu diesem Zeitpunkt immer ein Zurück. Ein einfaches „Ach nö“ hätte immer gereicht, um den ganzen Prozess zu stoppen. Diese Frage hat sich für mich nie gestellt. Ich habe, und das wurde mir da dann wirklich bewusst, an dem sonnigen Sonntag im Oktober meine Entscheidung getroffen, falls ich gebraucht werde auch da zu sein. Es gibt Fälle von Menschen, die auf die erste leise Anfrage per Post absagen, mit Begründungen wie: „München ist zu weit weg von zu Hause.“ Alle entstehenden Kosten werden ersetzt, die Anreise, der Verdienstausfall, einfach alles. Es gibt nur den einen plausiblen Grund abzusagen und der ist Angst. Wer von vornherein keine Lust hat zu spenden, braucht sich meiner Meinung nach auch nicht typisieren lassen.

Akt 6:

Wer Dramen kennt, weiß, dass sie meistens nicht gut enden. Zwei Tage vor der geplanten Knochenmarkspende ruft Dr. X mich an. „Wir müssen die Spende absagen.“ Das Kind, konnte nicht mehr zum Gott das Todes ‚Nicht heute‘ sagen. Sie oder er hat den Kampf verloren, kurz vor der Ziellinie. Ich liege auf meinem Bett, ein, zwei Tränen in den Augen. Kein Nürnbergtrikot als Geschenk, sondern ein Kindersarg, der zu Grabe gelassen wird. Weinende Eltern und Geschwister, die für immer ihren Bruder oder Schwester vermissen werden. „Wenn Sie gestatten, nehmen wir Sie wieder in die Datei auf und markieren Sie als körperlich perfekt geeignet.“ Dr. X holt mich kurz zurück. „Klar“, sage ich. Ich würde jederzeit wieder alles auf mich nehmen, um eventuell ein Leben zu retten.

Am nächsten Tag besuche ich meine Schwestern. Einfach nur weil ich froh bin, dass sie da sind.

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5 Gedanken zu „Ein Drama in sechs Akten

  1. Es tut mir leid, dass es als Drama endet – aber ich finde gut, mal aus dieser Perspektive zu lesen. Und hoffe, es lesen viele mit, die aus unterschiedlichen Gründen zögern, sich typisieren zu lassen. Jeder Leser sollte mal die bequeme Perspektive verlassen und darüber nachdenken, was er sich als Betroffener oder Angehöriger eines Betroffenen wünschen würde – toller Beitrag! Liebe Grüße

  2. Lara sagt:

    Schmerzvoll und schön und mutig und traurig.
    Sonntag werde ich mich auch typisieren lassen, da in Kiel gerade eine entsprechende Aktion läuft, wegen eines Kieler Studenten, der Leukämie hat und einen Spender sucht. Ich habe mir in den letzten Tagen auch viele Gedanken über die Möglichkeit gemacht, ggf mal als Spender kontaktiert zu werden. Ich hätte viel Angst vor der Narkose, da ich noch nie operiert wurde, aber die Angst sollte nicht zählen, wenn ein Mensch dafür überleben könnte.

  3. Anonymous sagt:

    Ich sitze gerade auf der Kinderonkologiestation neben meiner Tochter, die noch nicht mal 12 Kg wiegt, habe deinen Blogeintrag via Twitter gefunden. Meine Tochter hat ihre Transplantation Ende März, – Spenderin ist die große Schwester.
    Ich möchte dir danken, dass du zur Spende bereit warst und bist, denn damit gibst du Eltern wie mir Hoffnung und die brauchen wir ganz dringend.

  4. gnaddrig sagt:

    Traurig, aber so geht es. Immerhin haben viele Leute getan, was ging, um dem kleinen Menschchen zu helfen.

    Ich habe mich vor knapp zwei Jahren typisieren lassen, als bei uns in der Firma so eine Aktion war. Bisher habe ich noch nichts gehört, ich reiße mich auch nicht um die Entnahme. Aber wenn jemand dadurch die Chance erhält, zu überleben, ist es das allemal wert!

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