Die Geschichte vom Träumen.

Sisyphus hätte Sandburgen bauen als sinnlose Arbeit empfunden. Man baut und baut und baut, benässt den Sand, formt Türmchen, gräbt einen Burggraben gegen die Flut, doch am Ende des Tages kommt das Wasser immer und macht alles kaputt. Trotzdem baut Karl schon den dritten Tag in Folge eine Burg, während die Sonne auf ihn scheint und seine Mutter jede Stunde kommt, um den Sonnenmilchhautschutzfaktor auf Karls Haut wieder zu erhöhen. Während der Sand und die fettige weiße Flüssigkeit auf seiner Haut sich zu einer ekligen Pampe verbinden, kommt Karl ein Gedanke: „Mama? Kann man um das Meer außenrum fahren?“ – „Kann man theoretisch schon.“ – „Mama, wenn ich mal groß bin, werde ich das Mittelmeer umrunden.“

Es sind kleine Geistesblitze, Gedanken, die für einen kleinen Moment durch Gehirnwindungen schießen, die zu Träumen werden können, wenn man sie weiterdenkt, sie sich ausmalt und als Vorhaben setzt.

Karl sitzt am Strand und baut keine Burgen mehr, sondern einen Joint. Jahre sind vergangen, aber wieder liegt zu seinen Füßen das Mittelmeer und neben ihm eine Frau, die ihn an Sonnenmilch erinnert. Während er ihr den Rücken eincremt und dabei versucht, nicht zu viele Sandkörner in die Haut einzureiben, erzählt er von seinem Traum das Mittelmeer zu umrunden. „Dann kaufe ich mir einen Bus und fahr einmal um das Meer. Das Wasser immer links von mir.“ – „Wann willst du das machen?“ – „Nach dem Studium vielleicht.“ Im Hintergrund fällt ein Klassenkamerad von Karl und seiner Freundin nach einem Eimer Sangria einfach um.

Träume muss man hegen und pflegen, man muss sie jeden Tag durchdenken und sich Pläne machen und sich Bilder vor seinem geistigen Auge malen.

Karl sitzt in der Unibibliothek, schon wieder seit 12 Stunden, schon den ganzen Tag, schon die ganze Woche. Wer sein Studium in Rekordzeit beenden will, der darf eben nicht trödeln. Das Meer hat Karl schon lange nicht mehr gesehen. Er sieht Karrierepläne und den Job, der ihm in der Firma seines Onkels versprochen wurde; er sieht seine Masterarbeit und die neuen modernen Windkraftwerke, die er entwickeln will. Für eine kurze Millisekunde denkt Karl an Windparks auf dem Meer, denkt noch einmal an seinem Traum. Er schüttelt sich, blättert um und ist wieder ganz bei Turbinen und Stromspeichern.

Wenn man Träume vernachlässigt, sie nicht wie junge Pflanzen mit Gedanken gießt, sie nicht stützt, hegt und pflegt, dann gehen sie ein. Sie werden klein und verwandeln sich zurück zu den kurzen Gedankenblitzen, die sie mal waren.

35 Jahre sind seit der Sandburg vergangen, 23 seit dem Joint, 18 seit dem letzten Gedankenblitz in der Unibibliothek und nun rast Karl in Richtung Mittelmeer. Das Gaspedal der schnellen, schwarzen Limousine mit maximaler PS-Zahl wird voll durchgetreten. In einigen Stunden wird das erste supermoderne Windkraftwerk aus Karls Feder vor Venedig eröffnet. Die Sonne geht langsam auf und als der Tag die Nacht besiegt, sieht Karl das Meer glänzend vor sich. Plötzlich ist da wieder der Traum eines kleinen Kindes, die Träume eines jungen Mannes. In diesem Moment möchte Karl seine Limousine gegen einen Bus tauschen, seine glatt rasierten Wangen gegen einen Bart, seine perfekte 100€-Frisur gegen lange Haare, seine Anzug gegen Jeans, seine Karriere gegen Freiheit.

Wer bei 200 km/h träumt, macht Fehler. Karl verliert die Kontrolle über sein Auto. Während er wild mit dem Lenkrad rudert und die Bremse drückt, sieht er noch einmal das Meer. Doch mit dem Menschen stirbt auch der Traum.

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