Schlaflos

Gelangweilt schalte ich durch das Fernsehprogramm. Vorbei an Oliver Kahn, vorbei an „Dahoam is Dahoam“ und vorbei an RTL „Nachrichten“. Nach drei Minuten ist der Fernseher wieder aus und ich nehme ein Buch zur Hand, um es sofort wieder weg zu legen. Das Staffelfinale von Game of Thrones habe ich mir längst angeschaut und alle Ideen für mögliche Texte längst verworfen.

Ich bin ständig angespannt und komme kaum zur Ruhe. Wenn ich nachts schlafe, knirsche ich so laut mit den Zähnen, dass ich selbst davon aufwache. Wieder ist es Mitternacht und wieder fahre ich ins Fitnessstudio, um mich müde zu laufen.

Es riecht nach Schweiß, Putzmittel und Gummi, als ich vor dem flimmernden Fernseher in die Nacht laufe. Die Flimmerkiste, die ja gar keine Kiste mehr ist, spielt Musik auf Dauerschleife und plötzlich läuft das Julia-Engelmann-Poetry-Slam-Schmalzlied „One Day Baby…“. Ich habe gehört, dass die Tochter von Christian Wulff ihm das Engelmann-Video gezeigt hat. Er soll sehr gerührt gewesen sein. Eine Generation redet im Konjunktiv und ein ehemaliger Bundespräsident ist davon gerührt. Na bravo.

Man sagt, man ist so alt wie man sich fühlt. Ich fühle mich seit Wochen wie 80. Meine Oma, die jetzt 80 ist, hat gar keinen klaren Moment mehr und fühlt sich jeden Tag wie 20. Irgendwas läuft falsch.

Ich kann beim Laufen in Gedanken schreiben. Auch diesen Text habe ich bei 9,7 km/h und 2% Steigung auf 6,5 Kilometer erdacht. Zwischendurch werde ich wütend. Ich verstehe so vieles nicht mehr. Von Zinsen, die ins Minus gesenkt werden, und Bundespräsidenten, die mehr Rumschießen der Bundeswehr fordern. Ich fühle mich zu alt für FIFA-Fußballgelddruckmeisterschaften in Ländern, die genügend andere Probleme haben, und will mir auch keine Sorgen machen über neue Kriege. Während ich das so denke, explodiert in der Ukraine eine Gaspipeline.

Wenn man nicht schlafen kann, ist man immer müde und trotzdem rastlos und manchmal weiß ich nicht, ob ich schlafe oder Fight Clubs gründe.

Unter der Dusche schlägt die Müdigkeit mit voller Wucht zu. Ich will ins Bett und von einer besseren Welt träumen. Eine Welt ohne monarchisch angehauchte Bundespräsidenten, ohne Konjunktiv, ohne Krieg, ohne Finanzkrisen und ohne FIFA. Wir sollten alle mehr Träumen. Wer träumt führt keinen Krieg. Wer träumt lenkt keine Banken oder Länder in Krisen. Wer träumt ist frei. Und manchmal werden Träume wahr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: