Wolkenblog

Als ich aufstehe, habe ich zwei Dinge im Kopf: Den Rausch der letzten Nacht und den Text, den es nun zu schreiben gilt. Wenn ich von Alkohol runterkomme, kann ich am besten arbeiten, was zwei Dinge zur Folge hat: Versuchen nicht Alkoholiker zu werden und, wenn es dann doch zu einem Rausch kommt, diesen nutzen. Das Spiegelbild sieht selten scheiße aus, während ich mit meiner Zahnbürste die Reste des nächtlichen Exzesses aus den Zahnzwischenräumen kratze. Aus irgendeiner Lücke kommt ein Pfefferkorn hervor, das mit dem Minzgeschmack der Zahnpasta einen Brechreiz auslöst und meinen Selbsthass ins Unermessliche steigert. Der Kaffee ist stark und schwarz, wie guter Kaffee sein muss. Der Computer steht bereit. Ich setze mich, kämpfe kurz gegen den Schwindel an und beginne zu schreiben:

Die Sonne scheint mir ins Gesicht und die Wellen brechen gut zwanzig Meter unter mir an der steilen Felsenküste der Mittelmeerinsel. „Geh nach Griechenland“, haben sie gesagt. „Miet dir ein Haus am Meer und schreib endlich dein zweites Buch.“ Dass Griechenland auch bedeutet, eine Touristin nach der anderen zu ficken, wussten die Anzugträger im Verlag wahrscheinlich nicht. Neben mir liegt die Beute der letzten Nacht. Man sieht ihr deutlich an, dass sie mit Sport versucht den Alterungsprozess aufzuhalten. Trotzdem wird sie diesen Kampf in einigen Jahren verloren haben. Nackt bis auf das All-Inclusive-Band liegt sie da und schläft, als ich in Laufschuhe schlüpfe und das kleine, weiße Haus über dem Meer verlasse. Joggen macht den Kopf frei und schwitzt den Wein aus den Poren. Beim Laufen die Gedanken sortieren und endlich versuchen, die Ideen im Kopf in eine logische Reihenfolge zu bringen. Es gibt tausende Schriftsteller, die mit dem ersten Buch Erfolg hatten und an diesen nie wieder anknüpfen konnten. Das zweite Buch ist der Kampf gegen das Eintagsfliegendasein. Ein Kampf, den ich wohl verloren habe. „Das Buch ist fast fertig“, habe ich gesagt, um kurz darauf in einem wütenden Anfall von Selbstzweifeln alles zu löschen. Als ich zurückkomme, ist die Eroberung der letzten Nacht verschwunden. Es werden andere kommen, anderer Wein und anderes Gras. Das Meer kühlt meinen Körper und wäscht den Schweiß ab. Ich checke meine Mails nicht mehr. Was soll sein? Außer frustrierte Agenten, die mich eigentlich schon aufgeben haben. Spiegel Online berichtet vom Krieg in der Ukraine, Krieg in Syrien, Krieg im Nahen Osten und ich denke mir, wie gut ich es doch habe. Wie muss das Leben als Schriftsteller im Gazastreifen wohl sein?

Man kann sich an alles gewöhnen, aber nicht an den Knall, wenn in der Nähe eine Bombe einschlägt. Ein Knall, der den Körper komplett durchfährt, erschreckt und dann doch erleichtert, weil das Zucken einem zeigt, dass die Bombe nicht auf dem eigenen Kopf gelandet ist. Die zweite Woche unter Beschuss und wie schon die ganze Zeit sitze ich in einem kleinen Kellerraum, der eigentlich nur eine viereckige Höhle über einer Bruchbude ist, und versuche mich abzulenken. Vor drei Tagen haben meine Schwester und ihre Kinder den Keller verlassen. Obwohl sie es vorhatten, sind sie nicht zurückgekehrt. Während der Feuerpausen suche ich sie, doch kann sie nicht finden. Entweder haben sie besseren Unterschlupf gefunden oder jetzt keine Problem mehr. Das Handynetz ist seit Tagen tot. Die einzige Verbindung zur Außenwelt hätte ich, wenn ich den Ratten, die hier mit mir hausen, Briefe umbinden würde. Rattenpost. Dass diese Idee noch niemand hatte. Ein weiterer Knall ertönt, gefolgt von Schreien. „Mein Kind ist tot. Schuldig nur die Tatsache, im Gazastreifen geboren worden zu sein.“ Ich muss mich ablenken, mich in meine Fantasie zurückziehen. Ich greife nach dem Kugelschreiber und dem Block, die mir seit Wochen gute Dienste leisten. Die Seiten, vorne und hinten klein und eng aneinander beschrieben, sind meine Flucht aus Gaza. In meiner Fantasie schwebe ich 340 Kilometer darüber.

Man gewöhnt sich an die Schwerelosigkeit wie an eine Unterhose, die man morgens anzieht und dann einfach vergisst, also stoße ich mich aus der Schlafkammer und fliege mit einer Zahnbürste im Mund durch die ISS. Eine kleine Zahnpastablase bildet sich und fliegt von mir weg in Richtung das Fensters, von dem aus man die Erde sehen kann. Ich fange sie mit der Hand auf und fliege dabei auf das Fenster zu. Die Erde liegt gerade im Dunkeln. Was man sieht, sind nur gelbe Erschütterungen über dem Nahen Osten. Dort, wo viele sind, ist Gaza; dort, wo nicht ganz so viele sind, ist Israel. Die Erde sieht so zerbrechlich aus von hier oben. So als könnte man sie greifen und mit einer Hand einfach zerdrücken, und trotzdem steckt sie die ganzen Bomben einfach weg. Es ist so typisch Mensch, Raubbau an dem zu begehen, was man braucht. Man hat nur einen Körper und trotzdem schwächt man ihn mit Drogen, setzt ihn giftigen Abgasen aus und behandelt ihn wie man es nicht tun sollte. So behandeln wir auch die Erde. Die ISS dreht sich alle 90 Minuten um die Erde. Nun sieht man Argentinien, das gerade Bankrott gegangen ist, weil eine Regierung machtlos gegen die Herrscher des Geldes war. Ich habe mir gedankenverloren zwanzig Minuten lang die Zähne geputzt, während ich über die Erde nachgedacht habe, und muss diese Gedanken nun zu Papier bringen. Wir haben hier kein Papier. Die Tinte würde in der Schwerelosigkeit nicht halten und einfach durch den Raum fliegen, also schwebe ich mit meinem Macbook im Arm durch die Station und schreibe von den Bomben über dem Nahen Osten, von Kredithaien, Flugzeugabschüssen und Massenmord und dass man hier oben klar sieht, dass diese Welt am Abgrund steht. Wir müssen aufhören, uns zu hassen, uns auszunutzen und zu bombardieren, weil sonst eines Tages die eine letzte Bombe kommt, die diesen Planeten vernichtet. Als der Text im Internet steht, wird er tausendfach angeklickt. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass meine Worte nur ein bisschen was verändern können.

Eine weitere Bombe schlägt ein und…

Frustriert werfe ich mein Weinglas an die Wand. So eine blöde Idee, die Heldin der Geschichte sterben zu lassen. Ich lösche die letzten Zeilen und schreibe weiter.

Eine weitere Bombe schlägt ein und holt mich aus meiner Fantasie zurück. Zurück von der ISS in den Gazastreifen. Zurück in den Bombenhagel. Eigentlich wollte ich einen Science-Fiction-Roman schreiben. Was dabei rauskam, war ein kurzer Text über einen Astronauten, der glaubt von da oben mit seinen Worten die Welt retten zu können. Wie naiv ich bin. Worte können was verändern, aber wohl kaum den Nahostkonflikt lösen. Zwei Seiten habe ich geschrieben, bei denen ich nicht weiß, was ich von ihnen halten soll. Im Radio sagen sie, dass es so schnell keine Feuerpause mehr geben wird. Eine Ratte nähert sich mir neugierig und mustert mich. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Wenn ich nur schnell genug bin, kann ich sie einfangen und schauen, ob Rattenpost funktionieren würde. Eine Ratte mit einem Text über Weltfrieden würde durch Gaza huschen. Ganz unten in den Kellern und Tunneln würde der Traum von Weltfrieden in meinen Worten weiterleben.

Mein Agent ist verwirrt, als ich ihn anrufe. „Eine neue Geschichte? Über eine Schriftstellerin im Nahen Osten? Du hast mir einen Liebesroman versprochen.“ – „Entweder du nimmst das oder gar nichts“, sage ich und schreibe weiter über den Gedanken des Friedens im Untergrund. Normalerweise würde ich jetzt rausgehen und einen Fick für die Nacht klar machen, doch ich bin im Rausch der Worte. In meiner Fantasie können sie die Welt verändern.

Drei Stunden sind vergangen, seitdem ich mich an den Laptop gesetzt habe. Drei Stunden, in denen ich meine Worte ununterbrochen in das Textprogramm hämmerte. Der Text ist zu wirr und zu lang, um eine guter Blogeintrag zu sein; zu bedeutungslos, um wirklich etwas zu ändern. Aber es sind meine Worte, meine Fantasie, und darauf bin ich stolz. „Apfel S“. Speichern. „Mach den Mac zu und schlaf noch eine Runde, Bayer“, sag ich mir. Gleich geht die Spätschicht los. Es ist nur ein weiterer verdammter Donnerstagnachmittag.

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