Kommt an meine Seite.

Ich war Anfang des letzten Jahrzehntes Hauptschüler in Bayern und auch wenn die Medien immer das Gegenteil behaupten waren wir ganz sicher mit 13, 14, 15 an Politik interessiert. Es war die Zeit, als die zwei Türme in New York den Gedanken von einer friedlichen Welt unter sich begruben. 1988 geboren war für uns der Kalte Krieg schon immer Geschichte und plötzlich war da Krieg und er war warm.

Es bildeten sich innerhalb der Schule Lager. Es gab die, die von Opa erzählt bekamen, wie gut doch früher alles war, ohne den Türken und den Russen; die Landzer hörten, Stahlgewitter und die frühen Sachen der Onkelz; die ein Computerspiel namens KZ-Manager verteilten und laut über Judenwitze lachten. Dann gab es mich und maximal fünf andere, auf deren T-Shirts „Gegen Nazis“ stand. Ich hatte die Ärmel abgeschnitten und mit einer Kippe Löcher hineingebrannt. Meine Jeans war zerrissen und meine Haare standen zu Berge. Die Lehrer sagten zu mir, ich solle mich doch der Schule entsprechend kleiden; gegen Bomberjacken und Springerstiefel verloren sie nie ein Wort. Am nächsten Tag hatte mein Shirt noch mehr Löcher und ich am Ende des Schultages ein blaues Auge. Einem der Nazis war es zu bunt mit mir geworden.

Jeder, der mich kennt, wird unterschreiben, dass ich kein Mensch bin, der besonders viel spricht, aber wenn ich was sage, dann stehe ich gnadenlos dazu. Ich habe mich entschieden, meine Fresse gegen Nazis aufzureißen und ich werde es immer tun, aber anschneidend bin ich damit einer von wenigen. Gestern liefen 5.000 Nazis in Köln unter dem Motto „Hooligans gegen Salafisten“ auf. Der Titel ist besonders geschickt gewählt. Es gibt Hooligans, die sich selbst als links bezeichnen würden, welche, die wirklich unpolitisch sind, und welche, die dies nur behaupten, aber in Wirklichkeit einfach dumme, plumpe Nazis sind. Genau diese Gattung hatte gestern nach Köln gerufen. Trotzdem wird in den Medien von „gewaltbereiten Fußballfans“ gesprochen. Warum kann man sie nicht einfach Nazis nennen, wenn es doch Nazis sind? Es werden einige argumentieren, die „Hooligans“ wären ja nur gegen Salafisten „und das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Natürlich muss man gegen die ultrakonservativen Strömungen sein, wenn sie zum Krieg aufrufen, zu Attentaten, zu Morden oder zur Unterdrückung von Mädchen und Frauen. Aber verdammt noch mal, die schieben das nur vor, um ihre dumpfen Parolen schreien zu können. Es gab in Deutschland in den letzten Jahren mehr Morde durch den Nationsozialistischen Untergrund als durch irgendwelche Arten des islamischen Terrorismus. Doch wo war die „Hooligans gegen den NSU“-Demo? Ich habe sie nicht gesehen.

Wir bewegen uns in eine Richtung, die mir Angst Macht. Kein Medium – von ARD bis RTL, von Spiegel Online bis Bild.de, von der Zeit bis zur Taz – nennt die Nazis beim Namen, weil es in Deutschland ja angeblich keine Nazis gibt. Die AfD, eine Partei, die genau die gleichen stumpfen Aussagen auf Wahlplakate druckt und sie eloquent und im Anzug von Herr Lucke verteidigen lässt, steht in Umfragen bei 8%. Die größte deutsche Zeitung, die sich selbst auf die Fahne schreibt überparteilich zu sein, schüttet noch Benzin ins rechte Feuer und erzählt eine Lüge nach der anderen.

Im Raucherraum meines Arbeitgebers schimpft ein Kollege von mir auf Asylbewerber. Fünf Menschen stehen rum und nicken und wieder bin ich der einzige, der seine Fresse aufreißt. Ich will nicht viel. Ich will nur, dass keiner seine Augen vor Rechts verschließt. Kommt an meine Seite.

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4 Gedanken zu „Kommt an meine Seite.

  1. Kaffchris sagt:

    Woher das „gewaltbereite Fußballfans“ kommt? Vermutlich daher, dass eben Fußballfans aus halb Europa an dem Ding da beteiligt waren und es immer noch sind. Länder- und szeneübergreifend läuft die Mobilisierung da ab. Es sind eben Fußballfans. Und Hools. Und Nazis. (daneben noch die ganz große Fraktion des „endlich sagts mal einer“, befeuert durch Pirincci und Sarrazzin)
    Aus der eigenen Fanszene (der Vierzahlenverein da aus München) fallen mir spontan mehrere Beteiligte ein. Zwar mag bei denen „Nazi“ oder „Hool“ als Label nicht immer zutreffen, aber eins ganz bestimmt: Fußballfans. Das sindse. Sehr aktive gar

  2. Kaffchris sagt:

    interessant, was Du da herausliest. Das schrieb ich schließlich mit keinem einzigen Wort. Ich hatte mal auf meinem eigenen Blog zusammengefasst, warum dieses „des san koane Fans“ problematisch ist.
    http://kaffchris.blogger.de/stories/2446073/
    Wenn die Quelle nicht vertrauenswürdig genug ist, gibt es hier noch was zum nachlesen, warum nun Solidarität statt Leugnen gefragt ist:
    http://www.stadtrevue.de/stadtrevue-blog/2014/10/28/hooligans-gegen-salafisten-sieg-in-der-dritten-halbzeit/

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