Notizen eines Romantikers.

Als Johnny Cash vor die Menschen trat, deren Aufgabe es ist seine Musik zu veröffentlichen, war er von Drogen und Alkohol gezeichnet. Sein Stern, so dachte man, war schon lange am sinken und dann sprach er auch noch von der verrückten Idee, ein Live-Album in einem Gefängnis aufzunehmen. Die Produzenten schüttelten den Kopf, waren irritiert und veröffentlichten „Live in San Quentin“ schließlich doch. Heute ist das Album Kult. Die Plattenfirma verdient noch immer gut daran und alles nur weil ein abgehalfterter Countrymusiker machte, was er wollte.

Charles Bukowski stand mittags auf und öffnete sich ein Bier, eins von vielen, die noch kommen sollten. Dann suchte er im Radio einen Sender, der klassische Musik spielt, und begann zu schreiben. Nachts verdiente er sein Geld bei der Amerikanischen Post und tagsüber schrieb er Kolumnen für ein Underground-Magazin, das ihn nicht bezahlen konnte. Er schrieb trotzdem. Später sollte er sagen: „Viele, die mein Zeugs lesen, sind sich nicht darüber im klaren, dass ich nur schreibe, um rauszufinden, ob ich schon vollkommen kirre bin oder nicht; ob ich die nächsten 24 Stunden überleben werde – überleben will – oder nicht…“ Bukowski schrieb nicht, weil er reich oder berühmt werden wollte. Sondern weil er schreiben musste.

Max Morlock kam in Nürnberg zur Welt, starb in Nürnberg und spielte nur in Nürnberg Fußball. Er erzielte 700 Tore für seine Stadt und steht in Bronze vor dem Stadion. Die Nürnberger Fans haben dafür gespendet und versuchen noch immer verzweifelt wie in einem Kampf gegen riesige kapitalistische Windmühlen das Stadion in „Max-Morlock-Stadion“ umzubenennen.

Cash, Bukowski und Morlock sind schon lange tot und trotzdem faszinieren sie mich, weil sie machten, was sie wollten, und dabei Geld nur eine Nebenrolle spielte. Cash hätte auch ein Stadion füllen und schon nur mit den Eintrittsgeldern tausende von Dollar verdienen können. Bukowski wusste genau, was er literarisch konnte, und trotzdem blieb er lieber der ewige Außenseiter. Und Morlock war eine treue Seele wie man sie heute nicht mehr findet.

Heute nehmen Bands namens „Revolverheld“ Lieder auf, die voller widerwärtiger Pseudo-Lebensweisheiten nur so strotzen. Heute schreibt man nicht mehr im Underground; man versucht verzweifelt seine Texte an Amy&Pink zu verkaufen. Heute werden 12-Jährige von Bayern und Barcelona für mehr Geld gekauft als Morlock jemals verdiente. Ich bin kein Idiot, aber vielleicht bin ich ein Romantiker, der von Musikern, Autoren und Fußballern träumt, die nicht spielen oder schreiben, um reich zu werden, sondern weil sie es tun müssen, um glücklich zu sein.

Tumblrblogs wollen uns weismachen, dass Romantik aus Teelichtherzen besteht. Ich habe ihnen geglaubt und alles, was mit Romantik zu tun hatte, deswegen weit von mir gewiesen. Als ich einem Mädchen neulich einen Text von mir schickte und sie ihn „zwischen den Zeilen zu romantisch“ nannte, war ich ehrlich irritiert. Wie kann man mir Romantik vorwerfen? Und doch muss ich mir langsam eingestehen, dass meine Träume von einer anderen Welt zutiefst romantisch sind. Eine Welt, in der man noch im Fußballstadion Bratwurst isst und über strittige Torentscheidungen jahrelang diskutiert. Wäre es nach mir gegangen, hätte man nicht die Torlinientecknik eingeführt, sondern die Zeitlupe abgeschafft. Ich träume von einer Welt, in der man nicht versucht reich zu werden, sondern glücklich. Ich träume von einer Welt, in der man mal was Verrücktes machen kann, ohne gleich verrückt genannt zu werden. Ich träume von einer Welt, in der ein gemeinsames Gespräch beim einem Bier romantischer ist als jedes Herz aus Teelichtern. Vielleicht hatte das Mädchen Recht. Vielleicht bin ich ein Romantiker, aber dann verhält es sich mit der Romantik wie mit Cash, Bukowski und Morlock: Sie ist schon lange tot.

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