Ewige Nacht.

Seit nun sieben Jahren jage ich alleine und nur für mich durch die Wälder dieses Planeten. Um nicht verrückt zu werden, spreche ich mit mir selbst und führe fiktive Diskussionsrunden über das Verschwinden der drei Sonnen. Seit ich denken kann, gingen jeden Morgen sieben Sonnen über Narisitan auf, doch in den letzten Tagen fehlte jeden Morgen eine. Vier Sonnen strahlen noch hell und warm genug, um zu leben. Doch das Fehlen von dreien macht ein schlechtes Gefühl; ein schlechtes Gefühl von Zukunftsangst, Kälte und ewiger Dunkelheit.

Mein Pfeil findet sein Ziel – die Kehle eines Kaninchens – ohne Umwege und sofort tödlich. Ich nehme die Beute auf und lege sie unter das Brennglas. Mit sieben Sonnen hat ein Kaninchen eine Stunde gebraucht, um unter den gebündelten Strahlen langsam warm und schließlich gar zu werden. Unsicher blicke ich zum Himmel. Noch reicht die Wärme, doch wenn die Kälte siegt, bin ich verloren.

Als Kind saß ich mit meinen Eltern vor unserer Höhle und sie erklärten mir die Namen der sieben Sonnen. Da ist „Spes“, die Sonne, die jeden Morgen als erstes aufging, bis sie vor drei Tagen verschwunden ist. Dann „Fortuna“, die zweite, die aufgehen sollte, und die zweite, die verschwand. Als drittes fehlte „Futura“ und wenn morgen „Securitas“ nicht auftaucht, habe ich ein ernsthaftes Problem.

Menschen! Ich höre sie von Weitem und verschwinde sofort in den Tiefen meiner Höhle, wo mich keiner findet und ich mit meinem Schatten und meiner Furcht allein sein kann. Es ist die Angst vor Fremden, die die Menschen vor sieben Jahren mein Volk töten lies. Ich bin ihnen nicht böse. Sie wussten es nicht besser in ihrer grenzenlosen Beschränktheit, die sie glauben lässt die Könige des Universums zu sein. Was die Menschheit eigentlich ist, ist nur ein trauriger Haufen brutaler, fleischgewordener Vorurteile. Ich beschließe zu schlafen und auf die Dinge zu warten, die da kommen.

Securitas ist nicht aufgegangen und die Kälte nimmt langsam überhand über Narisitan. Kälte, die jede Hoffnung, jedes Glück, jeden Gedanken an Zukunft und Sicherheit langsam erstickt.

„Libertas“, „Gaudium“ und „Venus“ stehen noch am Himmel, doch was ist die Freiheit ohne Hoffnung? Was die Freude ohne Zukunft? Nichts wert, denn nur gemeinsam können sie Welt zum Blühen bringen.

An den nächsten beiden Tagen verschwinden auch Libertas und Gaudium. Die Venus steht alleine am Himmel. Die Liebe mag mächtig sein, aber alleine kann sie niemals reichen, und so versinkt Narisitan im Eis. Ich sehe Vögel, die einfach tot vom Baum fallen. Gefroren und hart wie Stein. Im Westen geht ein letztes Mal die Liebe unter und taucht diesen Planeten in ewige Dunkelheit. Ich pflücke noch einige Beeren, die gefroren nach nichts schmecken außer nach Sehnsucht an längst vergangene Zeiten.

Ich verkrieche mich in meine Hölle mit dem Wissen alleine zu sein, anders und hoffnungslos. Die Kälte erreicht langsam meinen Körper und durchfährt ihn von unten nach oben. Es ist ein Gefühl als würde jedes Glied einzeln einschlafen. Nutzlos und willenlos. Ganz zum Schluss mache ich die Augen zu. Ewige Nacht.

Wie lange habe ich geschlafen? Es ist hell. Nur ganz leicht. Wie man sich die Welt im Kerzenschein vorstellt. Meine Glieder sind schwer und kaum zu gebrauchen. Mein Kopf dröhnt nutzlos, aber er dröhnt. Ich klettere ans Tageslicht und sehe sie. „Spes“, die Hoffnung, ist wieder aufgegangen und mit ihr werden Fortuna, Futura, Securitas, Libertas und Gaudium kommen und vielleicht, ganz zum Schluss, die Venus. Sie, die alles perfekt macht.

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2 Gedanken zu „Ewige Nacht.

  1. urtchen sagt:

    Liebster Bayer, während ich mich abkrampfe, schreibst du mit einer absoluten Leichtigkeit und Schönheit, die mich innehalten lässt. Danke.

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