Leben

In dem Moment, in dem die Nadel zum ersten Mal die Schallplatte berührt, hört man dieses Knacken aus den Lautsprechern. Ein Knacken, das sagt: „Komm, Bayer, nimm dir ein Bier, schalt die Welt aus und die Fantasie ein“. Ich nehme mir kein Bier. Ich habe nicht mal mehr Bier zu Hause, weil ich irgendwie versuche, kein hoffnungsloser Alkoholiker zu werden in dieser Welt, die mich so ratlos macht, mich komplett überfordert und einen entweder gleichgültig oder voller Hass werden lässt.

Das Knacken ist traurigem Singer/Songwriter-Zeug gewichen. Ich denke mir, dass die Melancholie auf ein neues Level gehoben wurde. Wir stehen traurig lächelnd mit einem Weinglas in der Hand vor der Liebe und lügen ihr ins Gesicht. Danach tanzen wir auf der Brüstung zur Hölle und geben dem Teufel einen rechten Haken. Wir versuchen Gott beim Pokern zu betrügen, spielen zwei Herzasse aus und fliegen mit einem blauen Auge von diesem Planeten.

Diese ganze Welt ist komprimiert und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gekürzt. Im Radio läuft Musik, die austauschbar und gleich ist wie Mehrwegflaschen. Jedes Musikstück ist eine zusammengequetschte mp3-Datei, die Höhen und Tiefen verschwinden lässt, alles gleich macht und aus Gründen der Datengröße minimiert. Im Internet habe ich gelesen, dass es der neueste Trend ist, möglichst wenig zu besitzen. Nur noch hundert Dinge. Ich habe schon allein hundert leere Duschgelflaschen in meinem Bad stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, viel glücklicher zu werden, wenn ich sie endlich entsorge. Da kaufe ich mir lieber einen Saugroboter und noch zwei, drei Platten. Passt doch gut.

Ich mag Schallplatten, weil sie zelebriert werden wollen. Weil sie sture kleine Dinger sind, die schnell kaputt werden und doch wunderschön klingen, weil sie ehrlich sind, weil sie der letzte analoge Datenträger in einer digitalen Welt sind. Ich will keine Spotify-Playlist mit 17.000 Tracks. Ich will eine Platte mit acht Liedern.

Gerade habe ich Feierabend gemacht und wünsche mir, ich hätte doch Bier im Haus. Wieder nur Wasser und Nudeln mit Tomatensoße, so hoffnungslos und doch so gut. Jeden Abend nehme ich meine Kontaktlinsen heraus und sehe die Welt plötzlich so verschwommen. Jeden Abend stelle ich mich unter die Dusche und das Haargel das Tages brennt in meinen Augen. Jeden Abend putze ich mir den Dreck des Tages aus den Zahnzwischenräumen und schmiere mir dann Creme ins Gesicht. So viel Aufwand, nur um gepflegt ungepflegt auszusehen. Ich weiß doch auch nicht, was ich will, aber immerhin kenne ich mein Problem.

Mit verschwommenen Blick und sauberen Zähnen tapse ich nur in Unterhose auf den Balkon. Die Platte dreht sich weiter, unaufhörlich wie dieser Planet, und dann träume ich kurz davon, dass er nur einmal kurz aus den Fugen gerät. Nur eine kurze Zombieapokalypse, die die ganzen engstirnigen Arschlöcher wegspült, den gemeinsamen, zusammengekürzten Nenner wieder wild aufmultipliziert und endlich jeder Mensch so frei leben kann wie er eigentlich will. Dann wird mir klar, dass ich nur träume. Blauer Rauch steigt zwischen meinen Fingern empor, füllt meine Lunge und verschwindet in der Nacht. Ich nehme die Glut zwischen Daumen und Zeigefinger und drücke zu. Der Schmerz fährt durch meinen ganzen Körper. Ich lebe. Ist doch schon mal was.

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5 Gedanken zu „Leben

  1. Faktoid sagt:

    Ich hab eine original Beatles Help aus 1965, meinem Geburtsjahr. Die ist mein Dorian Gray.
    Die hat, weniger Kratzer als ich, klingt praktisch neu und ich hab die Fortdauer meiner Existenz vom Zustand dieser Platte abhängig gemacht.
    Ich schätze die Qualität von analogen Dingen sehr.
    Danke fürs Aufschreiben.

  2. Yasmin sagt:

    Bin keine Bloggerin, keine Facebookerin, keine Twitterin, bin am liebsten in der analogen Welt. Jetzt bin ich hier aus Versehen gelandet und liebe diesen Text. Und diesen digitalen Blog!!!

  3. wortzauberin sagt:

    Möglicherweise eventuell vielleicht findest du das doof, aber weil ich so gerne bei dir lese, möchte ich, dass das noch mehr tun und dein Kein-Blog einen Award kriegt:

    https://wortzauberin.wordpress.com/2015/02/01/es-wird-mathematisch-awardisch-spannend/

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