Die Geschichte der Landwirtschaft.

August 2019

»Was hat denn der verdammte Köter schon wieder?« Schimpfend schreckt Alex aus dem Schlaf hoch. Sein Hund Max bellt ein Auto an, das vor dem großen Tor zu seinem Hof steht. »Was zum…« Alex springt aus seinem Bett, greift zu einer Jeans und einem Shirt und stürmt die Treppe nach unten. »Wozu zieht man denn ans Ende der Welt, wenn man dann mitten in der Nacht aufgeweckt wird?«, denkt sich Alex und stapft missmutig auf das Tor zu.

»Was gibt’s?«

Vor dem Tor steht ein Mann Mitte 40 mit einem Kind, das etwa neun ist, auf dem Arm.

»Meine Tochter. Sie ist krank und im Dorf haben sie erzählt, Sie wären Arzt.«

»Tierarzt. Ja, ich habe seit Jahren nicht mehr praktiziert. Was soll ich mit Ihrer Tochter machen? Rufen Sie einen Krankenwagen.«

»Der Krankenwagen braucht eine Stunde bis hier draußen. Kommen Sie, sie braucht Hilfe.« Irritiert starrt Alex auf die Beine des Kindes, die unkontrolliert zucken, so als könnten sie nicht mehr gesteuert werden. Für eine Millisekunde hat Alex das Bild einer Kuh vor seinen Augen, die ihre Beine nicht mehr steuern kann und einfach umfällt. Alex schüttelt sich, öffnet das Tor und läuft mit dem Mann in Richtung des Wohnhauses.

»Legen Sie sie dort hin«, sagt er, während er am Telefon die Nummer des Notrufs wählt und doch einen Krankenwagen anfordert.

»Können Sie nicht sagen, was mein Mädchen hat?«

»Noch nicht.«

»Noch nicht?«

»Noch nicht«, wiederholt Alex, während er einen Schrank aufreißt und etwas sucht. Er öffnet hektisch eine Schublade und durchwühlt den Inhalt, bis er schließlich eine Taschenlampe gefunden hat. Alex tritt an die Liege zu dem kranken Mädchen.

»Kannst du mich hören?» Keine Reaktion.

»Wie heißt sie?», fragt er an den Vater gewandt.

»Susy.«

»Susy, kannst du mich hören?« Wieder keine Reaktion.

Alex öffnet mit zwei Fingern ihr Augenlid.

»Geweitet«, murmelt er.

»Wie bitte? Wissen Sie, was sie hat?«

»Sie hat geweitete Pupillen und kann ihre Beine nicht mehr kontrollieren. Hat Susy über Schluckbeschwerden geklagt? War ihr Mund trocken? Musste sie sich übergeben?«

»Ja, ja, ja. Bitte was hat Susy?«

»Ich würde auf Botulismus tippen.«

»Was macht man dagegen?«

»Ich bin Tierarzt.«

»Beim Tier?«

»Einschläfern.«

August 2014

Seit Alex als selbstständiger Tierarzt arbeitet hat er nicht mehr ausgeschlafen. Die Landwirte gehen um fünf Uhr morgens in den Stall, finden ein krankes Tier und rufen ihn an. Meistens Probleme bei der Geburt, auch mal Verletzungen beim Transport oder einfach nur eine Krankheit. Wie sollen Tiere ein Immunsystem aufbauen, wenn sie kaum noch ein Jahr Leben? Heute kam kein Anruf. Alex prüft irritiert, ob sein Handy funktioniert, indem er sich selbst mit dem Festnetztelefon anruft. Tut es. Komisch. Dann freut er sich einfach, dass er wieder mal morgens Kaffee trinken kann. Er füllt seine Tasse mit heißem, starken Kaffee und gerade als er einen Schluck nehmen will, klinget sein Handy.

»Ja? … Ich komme.« Alex stellt die Tasse mit dem Kaffee, auf den er sich so gefreut hat, unangetastet ab und geht im Laufschritt zu seinem Auto.

»Max. MAX! Wo ist der verdammte Köter?« Doch da kommt Max hechelnd um das Haus gelaufen.

»Rein mit dir«, sagt Alex zu seinem Hund, hält ihm die Beifahrertür zu seinem BMW auf und klemmt sich dann selbst hinter das Steuer.

»Herr Bösl. Hallo. Hinten.«

Man kann dem Landwirt nicht vorwerfen, dass er geschwätzig ist. Bauernhöfe haben diesen ganz besonderen Geruch, den Bauern selbst nicht mehr riechen, der sich aber jedem anderem tief ins Gehirn brennt. Alex atmet tief ein und folgt dem Landwirt in den Stall. Der Boden ist mit Gummimatten bedeckt, auf denen sich Kuhfladen mit Urin und Futterresten verbinden. In dieser zähen Mischung, die am Gummistiefel haften bleibt, liegt eine Kuh, die immer wieder versucht aufzustehen und der dann die Hinterfüße wegsacken. »BSE«, schießt es Alex durch den Kopf, der den Gedanken gleich wieder verwirft. Der Rinderwahn ist so gut wie ausgerottet.

»Milchfieber. Wahrscheinlich wird es Milchfieber sein.«

»Die ist nicht trächtig.«

»Die ist was?« Erstaunt nimmt Alex die Aussage zur Kenntnis, als die Kuh sich wieder aufbäumt, kurz steht und dann umfällt. Aus ihrem Maul ertönt ein Laut, der immer leiser wird bis er schließlich ganz erstirbt.

»Scheiße«, entfährt es dem Bauern.

»Scheiße«, stimmt Alex zu und erklärt dem Landwirt dann, dass die Kuh untersucht werden muss, um BSE auszuschließen.

»Botulismus.« Alex hat gerade den Bericht über die Todesursache der Kuh von Landwirt Huber gelesen und muss sich an sein Studium zurückerinnern. Schließlich nimmt er sein Handy zur Hand und ruft auf dem Bauernhof an.

»Herr Huber, haben Sie den Bericht gelesen? … Ja, gut. Wir müssen all ihre Tiere auf Botulismus testen und die betroffenen aus dem Verkehr ziehen.« Alex stockt kurz auf Grund der Härte seiner Ausdrucksweiße. Das nächste Mal sollte ich mir so eine Gespräch vorher im Kopf zurecht legen, denkt er als er auflegt.

Oktober 2014

Ein Amtsarzt aus der nächsten Stadt stolziert in seinen Anzugschuhen über die Gummimatten des Kuhstalls. Im August ist die erste Kuh gestorben. Im September mussten 70% des Bestands vorsorglich getötet werden. Gerade wurden die restlichen 30% auch noch abgeholt. Botulismus ist nicht meldepflichtig, was bedeutet, dass die Landwirte selbst vollständig haften müssen. Das komplette lebende Kapital einer ganzen Familie wird gerade in einer Tiervernichtungsanlage verbrannt.

»Der fünfte Fall dieses Jahr, bei dem der gesamte Bestand gekeult werden muss«, sagt der Amtstierarzt, während Alex mit ihm durch den leeren Stall geht.

»In Deutschland?«, fragt Alex nach.

»In meinem Gebiet«, antwortet der Anzugträger vom Amt.

»Komm, Max.« Alex läuft aus dem Stall, in dem Herr Huber gerade den Hochdruckreinger anschließt und die Reste der Ausscheidungen aus dem Stall spritzt. Das Wasser-Kot-Gemisch läuft in die Güllegrube, an deren Rand die Autos der beiden Tierärzte stehen.

»Und woher kommen all die Fälle von Botulismus?«

»Schon mal was von Glyphosat gehört?«

»Spritzmittel?«

»Richtig. Glyphosat ist in jedem Pflanzenspritzmittel, das auf der Welt verwendet wird. Getreide wird zum Beispiel zweimal gespritzt, bei ganz jungen Pflanzen und kurz vor der Ernte. Glyphosat bleibt an den Pflanzen und wird dann von den Tieren gefressen. Es gibt Studien, die besagen, dass  Glyphosat die Abwehrstoffe im Magen vernichtet. Somit sind die Tiere anfälliger für Krankheiten wie Botulismus.«

Max kommt mit einem Stock im Maul zu Alex gelaufen. Dieser nimmt und feuert ihn auf die benachbarte Wiese. Der Amtsarzt deutet auf die Güllegrube.

»Der Botulismuserreger ist da drin. Er wird als Düngemittel auf das Feld aufgetragen. Hinterher spritzt man noch und dann frisst das Tier den Erreger einer Krankheit und eine Substanz, die die Abwehrstoffe dagegen tötet. Ein Teufelskreis.«

»Und der Mensch?« Alex weiß, dass es Botulismus auch beim Menschen gibt.

»Der auch«

»Kann man dagegen nichts machen?« Der Amtsarzt zuckt mit den Schultern.

»Kaufen Sie sich einen Hof auf dem Land und bauen Sie dort ihre eigenen Sachen an. Ohne Spritzmittel. Züchten Sie selbst Tiere. Die industrialisierte Landwirtschaft werden sie nicht ändern.«

Zwei Monate später kauft sich Alex ein einsames Haus und hat nichts mehr von dem Krankheitsbild gehört – bis er vier Jahre später schimpfend aus dem Schlaf hochschreckt.

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Ein Gedanke zu „Die Geschichte der Landwirtschaft.

  1. Marcus sagt:

    Eigentlich möchte ich nicht klugscheißen. Der Text beinhaltet viel Wahres und Richtiges und stellt tatsächliche Problema dar.

    Aber deine Informationen zu Glyphosat sind ziemlich schief.
    Glyphosat ist ein Totalherbizid, dass Enzyme jeder Pflanze, also auch die der Nutzpflanze, hemmt und diese dann absterben. Die junge Pflanze also mit Glyphosat zu behandeln, wäre sehr widersinnig.
    Die von dir beschriebene Praxis, Glyphosat zur Abreife (also wie du schreibst: kurz vor der Ernte) einzusetzen, ist nur noch in Ausahmefällen (bei starkem Durchwuchs, also wenn der Bestand ansonsten kaum erntefähig ist) erlaubt. Die Gesamtmenge pro Hektar ist auch begrenzt.
    Es ist auch nicht in jedem Pflanzenschutzmittel, dass auf der Welt verwendet wird. In Fungiziden, Insektiziden oder anderen Herbiziden, die gezielt Ungräser und Unkräuter bekämpfen sollen, hat Glyphosat nichts zu suchen.

    Du hast recht, dass Folgeschäden von Glyphosat kaum erforscht sind und die Anwendung problematisch ist. Die Rückstände, die selbst bei sachgemäßer Anwendung (also auch der genügenden Wartezeit nach Applikation) auftreten und von Mensch und Tier aufgenommen werden, sind minimal, aber – da bin ich mir sicher – nicht unproblematisch.

    Jetzt hab ich doch kluggeschissen, dafür meine Entschuldigung. Für die Aussage hinter deinem Text ist es auch kaum relevant, aber ich wollte es nur mal erwähnen.

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