Vom Sterben und Leben einer Idee

Vor zwei Wochen habe ich den Superbowl angeschaut und ich muss zugeben, ich habe mich amüsiert. Cheerleader tanzen auf dem Rasen rum, in der Halbzeitpause halten Popsternchen ihre Brüste in die Kamera und bevor auch nur ein Ball geschlagen wird, fliegen Düsenjets über das Stadion. Wie das Spiel ausgegangen ist? Ich habe keine Ahnung. Der Superbowl war für mich, was „Wetten, Dass…?“ mal war: Eine Unterhaltungsshow für das chipsfressende, biersaufende und sackkratzende Fernsehpublikum.

Heute muss ich lesen, dass die englische Premier League den Mega-TV-Vertrag abgeschlossen hat und wie sofort die Macher der deutschen Bundesliga hinterher hecheln. Es wird gesprochen von anderen Anstoßzeiten, vom Ende der Sportschau, von der Aufhebung der 50+1-Regel und davon, der 2. Liga nun noch weniger Geld zukommen zu lassen. Sonst würde Deutschland den Anschluss verlieren, heißt es, und alles, was ich machen kann, ist meinen digitalen Mittelfinger in die Luft strecken und leise vor mich hin schimpfen. Den Anschluss verlieren. Ich gebe keinen Fick. Ich zeige euch hier, wie die Zukunft aussehen wird:

Es ist Samstag, 15:30 Uhr. Früher saß ich um diese Zeit in der Fußballkneipe und habe mir per Konferenz fünf Spiele gleichzeitig angeschaut. Heute jogge ich durch den Wald und versuche dem Fußballmist zu entgehen. Alle Spiele der Ersten Liga laufen zu unterschiedlichen Anstoßzeiten. Von Freitagabend bis Sonntagnachmittag gibt es das Fußball-Rundum-Sorglos-Paket für den Pay-TV-Kunden. 29,99€ im Monat, jedes Spiel live und in HD, schärfer als die Realität und alles in Superzeitlupe für den Deppen auf dem Sofa, der nicht weiß, was Abseits ist. Vorbei die Zeiten, als man Samstagnachmittag sein Auto putzen konnte und im Radio die Schlusskonferenz lief; als zeitgleich ein Kommentator „Tor in Dortmund“ und ein anderer „Elfmeter in Bremen“ brüllte. Heute sieht man die Tore des Topspiels in den Tagesthemen zwischen ein paar Autobomben und dem Wetter.

Die 50+1-Regel wurde aufgehoben und bereits kurz darauf wurden aus Vereinen Spielplätze für Multimilliardäre, die ihr Geld in den frühen 90er Jahren in Russland machten, mit dubiosen Geschäften auf dem Rücken eines ausgenutzten Landes, oder die Erdöl aus dem Boden pumpen und Frauen verbieten Autos zu fahren. Aber ist doch egal, Hauptsache die deutschen Teams kommen in der Champions League weit.

Fußball wird zur 24/7-Fernsehunterhaltung. Moderatorinnen halten ihre perfekten Brüste in die Kamera und lächeln dabei so weiß, das man schneeblind wird, während Paul Breitner als Experte Audi gegen SAP analysiert. Erstmals in der Geschichte der Bundesliga sind mehr Fernsehkameras als Zuschauer im Stadion, denn der Abstiegskampf interessiert niemanden mehr. Seit dieser Saison kann man nicht mehr absteigen, man kann nur noch seine Lizenz nicht mehr kaufen können, weil der Eigentümer keine Lust mehr auf sein Spielzeug hat. Das, was wir mal Fußball nannten, ist tot, auch wenn die Fans von Red Bull das nicht wahr haben wollen und in pseudo-ironischen Blogposts ihren neuen Fussball feiern, der in Stadien gespielt wird, die wie Raumschiffe aussehen.

Unterdessen entsteht in den Holzstadien und auf den Betontribünen der Regionalliga eine neue Welt. Hier heißen die Mannschaften nicht „Bayer“ oder „Volkswagen“, sondern „Fußball Club“ und „Union“. Hier kostet ein Bier noch 2,50€ und es gibt noch Bratwürste. Hier brennen bengalische Fackeln, weil das Fernsehen nicht überträgt und Johannes B. Kerner die Ultras noch nie als „die Unbelehrbaren“ bezeichnen konnte. Was in München mit den Amateurderbys begann, ist inzwischen in ganz Deutschland zu beobachten. Während der Profisport am Geld erstickt, lebt der Fußball weiter in Stadien ohne Rasenheizung und in Liedern von den glorreichen Zeiten, als noch jede Mannschaft Deutscher Meister werden konnte.

Und wer sich mehr für dieses Thema interessiert kann hier anschauen, was Red Bull in Salzburg gemacht hat und wie aus dem Tod eines Vereins die wohl schönste Liebesgeschichte unserer Zeit wurde. 

Advertisements

3 Gedanken zu „Vom Sterben und Leben einer Idee

  1. wortwicht sagt:

    Sehr gute Analyse. Sie spricht mir aus der Seele und führt vor Augen, was mir seit 2 oder 3 Jahren an den oberen Ligen missfällt.

    Das echte Herzblut bei Fans UND Spielern spüre ich bei meinem Regionalliga-Verein – die Bundesliga ist nur am Rande, wenn überhaupt, interessant.

    Für meinen Verein, den 1. FC Magdeburg, wünsche ich mir die 3. Liga, tolle Spiele gegen andere, ebenbürtige Teams. Raugf geht’s!

  2. Thomas sagt:

    Die Geschichte von Austria Salzburg ist großartig. Ich mag solche Geschichten ja sehr, weil es mir zeigt, wie wichtig die Fans im Fußball sind. In England gab es eine ähnliche Geschichte, als der FC Wimbledon nach Milton Keynes umzog, gründeten die Fans kurzerhand den AFC Wimbledon und der Verein spielt heute in der Football League 2.

  3. Steffen sagt:

    Schöner Text. Aber mindestens die Hälfte davon ist doch heute schon Realität. Die 50+1-Regel besteht ja offenbar jetzt schon nur noch auf dem Papier. Diese werbeverseuchte Sportschau kann ich schon lange nicht mehr sehen und die gute alte Schlusskonferenz ist auch nicht mehr das was sie mal war.
    Beinahe wünsche ich mir, dass mein Verein dieses Jahr im x-ten Anlauf endlich absteigt. Vielleicht lässt sich dann die angestrebte Ausgliederung mit darauf folgender Übernahme durch den Autokonzern mit dem Stern doch noch verhindern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: