Internet Club

Ich war nur ein kleines Pantoffeltierchen im Süßwasserteich „Internet“, nur ein nutzloser Einzeller zwischen all den Brüstebildern, Böhmermanns und Nachwuchsautoren, der unwichtigste unter den Mikrobloggern. Sinnlos blätterte ich MediaMarkt-Prospekte durch und fragte mich, welches iPhone meine Persönlichkeit am besten unterstreicht. Ich bin des Internets schmutziger Gedanke. 

Ich begann Elendsnachrichten im Internet zu verbreiten. „Krebs ist ein Arschloch“, „Komm in meine Arme, Depression“ oder „Werde ich den Aufprall spüren?“ Je länger ich mich nach den Tweets nicht meldete, desto besorgter wurden die Nachfragen, desto zu größer die Aufmerksamkeit, desto toller der Kick. Aus den „20+ Mitteilungen“-Benachrichtigungen zog ich meine Lebensenergie. Ich war der Elendstourist. Ich bin das traurige Versagen des Internets. 

   

Plötzlich tauchten sie auf, die Hashtag-Könige, die nach Aufmerksamkeit schreienden Weltveränderer, und ich fand mich in einem schmutzigen Keller wieder. Die erste Regel im Internet Club: Kommentier alles. Die zweite Regel im Internet Club: Kommentier alles. Die dritte Regel im Internet Club: Wenn jemand Stop ruft, schlappmacht, abklopft, geht der Shitstorm erst so richtig los. Vierte Regel: Alle auf einen. Fünfte Regel: Nur eine Sau auf einmal. Sechste Regel: Kein Anstand, kein Niveau. Siebte Regel: Ein Shitstorm dauert so lange er dauern muss und die achte und letzte Regel im Internet Club: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Ich bin das gute Gewissen der Welt. 

Es ist nicht leicht, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen. Die meisten Tweets verschwinden ungelesen und ohne Aufmerksamkeit im Nirvana. Ist ein Tweet lustig, sagen sie, er ist zu lustig. Ist ein Tweet traurig, sagen sie, er ist zu traurig. Ist ein Tweet romantisch, sagen sie, er ist zu romantisch. Wir sind alle Gottes enttäuschte Erwartungen. Ich lebe für fünf Minuten Ruhm bei einer 140-Sekunden-Pseudo-TV-Sendung, für meinen Tatort-Tweet auf Bild Online und für meinen Vortrag auf der Republica. Ich bin das uneheliche Kind der digitalen Welt. 

Wir kochen eure Mahlzeiten, fahren eure Krankenwagen, stellen eure Anrufe durch, holen euren Müll ab. Wir bewachen euch, während ihr schlaft. Nachts verändern wir im Internet die Welt. Wir beleidigen Menschen mit vollem Namen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, wir schreiben populistische Nachrichten und säen dumme Gedanken. Wir sind von der Wahnvorstellung beseelt, wichtig zu sein. Und erst als wir die Welt verändert hatten, hatten wir die Macht, Twitter nicht zu ernst zu nehmen.

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