Freiheit für alle Ritter-Prinzessinen! 

Als ich zum ersten Mal von Alice Schwarzer hörte, war sie bei „Wetten, Dass…?“ oder bei „Geld oder Liebe“ und hat das Geld genommen. Ich weiß es nicht mehr genau, auf jeden Fall war sie im Fernsehen und meine Mutter ist entnervt in den Keller gegangen, um ihre Nähmaschine zu holen oder die Waschmaschine auf Schleudern zu schalten und meinem Vater noch ein Bier mitzubringen. Als sie wieder gekommen ist, hat sie gefragt: „Ist die immer noch da?“ Ich wusste nicht genau, wer Alice Schwarzer ist, nur dass meine Mutter sie nicht mochte, was ziemlich okay war, da meine Mutter von allen Gästen bei „Wetten, Dass…?“ oder „Geld oder Liebe“ immer nur Joe Cocker und Meat Loaf mochte, während sie Tina Turner gerne mal eine alte Hexe nannte.

Jahre später hat dieselbe Frau, die ich „Mama“ nenne, drei Kinder alleine fertig großgezogen, jede Woche den Rasen vor unserem Haus gemäht, zweimal im Jahr ihre Reifen gewechselt, Bäume geschnitten, meine Hosen genäht, mir die Leviten gelesen, wenn ich morgens um vier die Treppe im Wodkarausch vollgekotzt habe, und mir beigebracht zu kochen, zu bügeln, zu waschen und meine Reifen zu wechseln. Als ich Punker sein wollte und aus meinem Zimmer die Toten Hosen in voller Lautstärke „Frauen dieser Welt“ sangen, hat Mama sich die Songzeile „Muttis, die üble Machos heranzüchten“ gemerkt und mir immer wieder vorgesagt: „Ich will keine Mutter sein, die einen üblen Macho heranzüchtet.“ Jetzt ist meine Mutter Mitte 50 und hat noch eine kleine Karriere hingelegt, die sie ganz okay leben lässt. Diese Frau, die nicht im Verdacht steht irgendwelche Geschlechterklischees zu bedienen, weil sie auf Grund ihrer Lebenssituation die letzten 15 Jahre immer „Mann“ und „Frau“ im Haus sein musste, hat Jahre später zur #aufschrei-Sendung von Günther Jauch gesagt: „Die Schwarzer ist so unsympathisch. Hab nach zehn Minuten ausgeschaltet.“   

Da ist eine Frau, die in ihrem tiefsten Inneren Feministin ist, weil sie immer für sich, für ihre Familie und ihr Leben kämpfen musste, die aber trotzdem Frau Schwarzer scheiße finden darf. Das Problem ist nur, dass meine Mutter Feminismus immer mit der Emma und ihrer Herausgeberin in Verbindung bringt, was totaler Humbug ist. Die Emma und Alice Schwarzer kämpfen für nichts außer für ihre Auflage und ihr Festgeldkonto. Die Personen haben gewechselt, aber noch immer finden Menschen, die eigentlich ein modernes, weltoffenes Leben führen, andere Menschen, die für eine moderne, weltoffene Welt kämpfen, unsympathisch, weil sie sich einfach nicht riechen können. Plötzlich ist nicht nur die Person, sondern auch diese ganze moderne, weltoffene Anschauung scheiße.  

Ich habe mitbekommen wie meine Mutter mit 40, nach 20 Jahren nur Halbtagsjobs, mit drei Kindern und einem Haus, versucht hat eine Arbeit zu finden, und wie sie jahrelang gescheitert ist, obwohl in all ihren Zeugnissen nur Bestnoten stehen. Nur seltsamerweise hat wohl außer mir sowas niemand mitbekommen. Heute lese ich im Internet ständig Blogs von 20-jährigen blonden Karrierefrauen, die schreiben, es braucht keinen Feminismus, weil sie immer alles bekommen, was sie wollen. Oder Männer, die in der FAZ schreiben, diese neuen Feministinnen würden immer nur bei Starbucks rummotzen und keine Kinder bekommen. Dabei überlese ich die Tweets von irgendwelchen Heinis, die von „unrasierten Kampflesben“ twittern. 

Doch es geht gar nicht um unrasierte Kampflesben, sondern um Chancengleichheit. Es geht darum, dass meine Mutter mit 40 und drei Kindern bei einer Bewerbung genauso behandelt wird wie die blonde Berliner Bloggerin oder ein Mann mit 40 und drei Kindern. Feminismus bedeutet gleicher Lohn für gleiche Arbeit und dass jeder so leben kann wie er will, befreit von Rollen, in die die Gesellschaft einen pressen will. 

Ich weiß nicht, ob das System heute noch so ist, aber in meiner Schulzeit hatte man auf bayerischen Hauptschulen in der 7. Klasse Hauswirtschaft (genannt Kochen), Maschinenschreiben und Technisches Zeichnen. Mir hat immer nur Kochen Spaß gemacht. Ich war zu faul, um das Zehn-Finger-System zu lernen, und zu schlampig, um einen geraden Strich zu ziehen. Trotzdem habe ich in der achten und neunten Klasse nur noch das Fach Technisches Zeichnen gewählt. Und warum? Weil ich ein Junge war und Jungen das nunmal so machen, während Mädchen Sekretärinnen und Köchinnen werden. Ich kann nichts mehr von dem, was ich im Zeichnenunterricht gelernt habe, aber ich koche die Schinkennudeln noch immer wie die Lehrerinn es damals in der siebten Klasse gesagt hat. Ich wurde in die Rolle des „Mannes“ gedrängt, die mir eigentlich gar nicht lag, und ich könnte wetten, dass auch die „Feminismusgegner“ sowas schon erlebt haben, auch wenn sie es jetzt nicht zugeben werden. Solange Menschen aber in Rollen gedrängt werden, gibt es keine Freiheit, und Freiheit ist, was den Menschen zum Menschen macht.  

Während der Faschingstage sitze ich bei meinem Vater im Wohnzimmer in seinem zweiten Haus, in seinem zweiten Leben, mit seiner zweiten Frau und seinen zweiten Kindern. Meine Halbschwester kommt im rosa Prinzessinnenkleid  ins Wohnzimmer gestürmt und fragt, ob ich weiß, wer sie ist. „Dornröschen?“, frage ich.„Nein“, sagt sie, zieht eine Spielzeugarmbrust hinter ihrem Rücken hervor und schießt mich ab. „Eine Ritter-Prinzessin!“, meint sie. Genau darum geht es. Wenn du eine Ritter-Prinzessin sein willst, dann sollst du es auch sein können. Wenn du Familie haben willst, sollst du sie haben können, auch wenn du Karriere machen willst. Wenn du ein bayerischer Hauptschüler bist und nicht in Berlin wohnst, darfst du trotzdem bloggen, und wenn du ein zwei Meter großer Footballspieler bist, sollst du trotzdem ohne schlechtes Gefühl zum Ballet gehen können. Jeder soll das machen, was ihm Spaß macht, ohne vorgegebene Geschlechterfußstapfen oder schlechtere Voraussetzungen, weil du nicht das in dem Bereich übliche Geschlecht hast. Natürlich könnt ihr auch meine Meinung scheiße finden und mich in Tweets verunglimpften, nur dann frage ich mich, gegen was ihr als nächstes seid. Gegen Schwerkraft? 

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14 Gedanken zu „Freiheit für alle Ritter-Prinzessinen! 

  1. M sagt:

    Also Männer: haltet die Fresse, Frauen sind für nichts zur Verantwortung zu ziehen. Ihr dürft weiterhin die Drecksarbeit machen, mal wieder eine Straße bauen aber ansonsten habt ihr nichts zu melden. Und wehe, ihr erwartet Dnk dafür. Den kriegt ihr nicht, ihr Untermenschen!

    HEIL VAGINA!

  2. urtchen sagt:

    Hat dies auf lassunsueberdieliebereden rebloggt und kommentierte:
    Sonderbayer (der so heißt, weil er besonders ist, nicht sonderlich) schreibt mir aus der Seele.

  3. wortzauberin sagt:

    Hat dies auf Wortzaubereien und Allerlei rebloggt und kommentierte:
    Da ich grad bloggisch nix tippe, lasse ich Männlein und Weiblein und Mischlinge mal an den wunderbaren Ergüssen vom Sonderbayer teilhaben.

    Ich mags! Frau Schwarzer dagegen ebenfalls eher weniger ;-P

  4. marian w. s. sagt:

    Super, genau meine Gedanken.

  5. stefanini sagt:

    Ich weiß nicht genau, warum, aber ich danke dir.

    Vielleicht, weil ich mir in letzter Zeit so sehr über diese Rollenklischees Gedanken mache, in die jedes Kind schon vor der Geburt hineingedrängt wird und mich frage: Wie erzieht man seine Kinder und als Lehrerin fremde Kinder so, dass sie alles werden können, was sie wirklich werden wollen.

    Man lässt ihn immer die Wahl zwischen Autoteppich und Barbie und wenn sie dann eine Ritterprinzessin sind, sagt man „Toll!“ und meint es so.

  6. Bonnie sagt:

    Gut gesagt! Toller Beitrag!

  7. hex'nhais'l sagt:

    Hat dies auf hex'nhais'l rebloggt und kommentierte:
    auf den punkt gebracht.

  8. glasfluegelflug sagt:

    Jetzt will ich auch eine Ritter-Prinzessin sein! Und du bist schuld! 😉 Danke für den Text!

  9. Clarissa sagt:

    Super geschrieben, danke. Eine Armee der Ritter-Prinzessinnen wäre nicht aufzuhalten.

  10. Corinna sagt:

    Hut ab vor Deiner Mutter und allen, die ihr Leben so auf die Reihe bekommen und nebenbei noch erfolgreich Kinder großziehen! Ich denke, man sollte jeden Menschen das machen lassen, was ihm gefällt (natürlich vorausgesetzt, dass er anderen damit nicht schadet). Und wenn ein Mann ein Macho sein will, dann bitte schön. Muss er halt Menschen finden, die einen Macho suchen. 😉

  11. Pauline sagt:

    Ich liebe Machos, endlich mal einer, der sich auch dazu bekennt!
    Übrigens habe ich die gleiche Meinung zum Thema Frau Schwarzer wie Deine Mutter und weil mir der Post sehr gefällt, werde ich ihn jetzt rebloggen …

  12. Pauline sagt:

    Hat dies auf bayernpaulinesWelt rebloggt und kommentierte:
    Ein herrlicher Beitrag, ich habe sehr oft nicken müssen, weil mir das alles sehr bekannt vorkam …

  13. Anna-Lena sagt:

    Früher wollte ich immer Päpstin werden, aber da war die Chancengleichheit ein Fremdwort (wie heute oft noch in der kath. Kirche) :mrgreen: .

  14. Hat dies auf wenigvielleicht rebloggt und kommentierte:
    Der Sonderbayer sagt wichtige Sachen.

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