Ein Leben, das man selber respektieren kann.

Vielleicht ist es so, dass man sich an die beste Zeit seines Lebens kaum erinnern kann, und trotzdem ist meine erste Erinnerung Schmerz. Ich hatte versucht, Ziegelsteine in die Plastikschaufel meines Spielzeugtraktors zu laden und dabei fast meinen großen Zeh verloren. Trotzdem muss ich in dieser Zeit meistens glücklich gewesen sein. Man sitzt in der Spielecke des Kindergartens und baut aus Holzklötzen den größten Turm der Menschheit. Man lässt Autos gegeneinander fahren und prügelt sich im Garten, nur um am nächsten Tag wieder beste Freunde zu sein. Doch eines Tages bekam ich eine Schultüte und einen Schulranzen, der viereckig, unförmig und bestimmt nicht gut für den Rücken war. Ich erinnere mich an die Vorfreude, endlich Lesen und Schreiben zu lernen, und den Glauben daran, einfach alles zu können, weil schließlich jeder Erwachsene alles kann. 

Die Grundschule zerstörte meine Träume und meinen Glauben an alle Erwachsenen wie später der FC Nürnberg meinen Traum vom Erfolg. Das Erlernen von Buchstaben ging einher mit dem genauen Malen von Buchstaben – Bbb, Aaa und Mmm. Ich saß an meinem neuen Ikea-Schreibtisch, den es zum sechsten Geburtstag gab, und malte über die Zeilen hinaus. Ich drückte mit dem Füller so fest auf, bis die Schrift zu dick wurde. Ich schüttelte meine steife Hand aus, bis Tintentropfen über das ganze Hausarbeitsheft flogen, und verzweifelte an hunderttausend roten Kringeln über jeder Linie, die nicht genau war, und an dem dicken, fetten „Nochmal“ ganz unten auf meiner verbesserten Hausaufgabe. Ich kann nichts Gutes über die Lehrerin, die sich 1994 noch mit „Fräulein“ ansprechen ließ, sagen, weil sie zwei Jahre lang mein Gehirn und meinen Glauben an mich selbst gefickt hat.

Der Junge, der nicht stillsitzen kann, nervt die Lehrer auch später; der Junge, der sich nicht lange konzentrieren kann, treibt die Lehrer, Eltern und sich selbst in die Verzweiflung, weil er die erste Hälfte des Diktates fehlerlos und die zweite mit 62 Fehlern abgibt. Der Junge, der begonnen hat, die Schule zu hassen, drückt sich vor den Hausaufgaben und dem Lernen. Der Junge war schon in der Grundschule durch das Raster der Leistungsgesellschaft gefallen. 
Für meine Eltern war es schwer zu akzeptieren, dass der Sohn eines erfolgreichen Journalisten und einer Einserschülerin auf die Hauptschule kommen wird. Es folgten Besuche bei Ärzten und Ritalintabletten, die mich veränderten, bis meine Eltern mich nicht mehr wiedererkannten und sie wieder absetzten. Es gibt Kinder und Erwachsene, für die Ritalin eine Hilfe ist. Mich hat es nur mager, blass und schweigsam gemacht. 

In der Hauptschule hatte ich zum ersten Mal einen männlichen Lehrer, der in seiner Freizeit in einer ACDC-Coverband spielte und Schwarz trug, wenn sein Verein, der SC Freiburg (auch gute Lehrer machen Fehler) abgestiegen ist, und plötzlich gehörte ich zu den besseren Schülern. „Schönschreiben“ ist Fächern wie „Geschichte“ und „Geographie“ gewichen, die nun mein Interesse weckten. Trotzdem blieb die 4 in Deutsch und verhinderte ein höhere Schule. Erst in der achten Klasse habe ich zum ersten Mal ein Diktat mit einer besseren Note als 6 geschrieben. Ich habe das Hausaufgabenmachen und Lernen gänzlich eingestellt und widmete mich lieber dem Drehen von Zigaretten und dem Öffnen von Bierflaschen mit Feuerzeugen. Die Ehe meiner Eltern war gerade zerbrochen und als sie nach einem neuen Weg für sich suchten, trieb ich ziellos durch die Welt der Erwachsenen, die ich verachtete. Die anderen in der Klasse wollten Schreiner und Zimmermann werden, während ich begann, Hemingway zu lesen und Mädchen zu verführen. Brennende Mülltonnen, aufgemotzte Mofas und geklauter Wodka waren alles, was ich wollte, und trotzdem schrieb ich einen Abschluss, den mir niemand zugetraut hätte. 

Der Versuch, die Mittlere Reife zu machen, war eine riesige Katastrophe. Ich war ein fauler, vorlauter Nichtsnutz, der in der letzten Reihe saß und SMS mit weit älteren Mädchen schrieb. Verweise für Rauchen auf dem Klo, Schneeballschlachten und unentschuldigtes Fehlen trieben meinen Vater zu der Aussage: „In deinem Alter musste dein Opa schon in den Krieg“. Aber ich führte doch auch einen Krieg – einen Krieg gegen die Verlogenheit der Menschen über 30, einen Krieg gegen die Leistungsgesellschaft und den Kapitalismus. Ich war schließlich Punker und da war nichts wichtig außer eine gute Frisur, Löcher in den Hosen und starke Zigaretten. Mein Deutschlehrer von damals gab mir bei meinem endgültigen, unrühmlichen Abgang von der Schule den Tipp, Revoluzzer oder Kabarettist zu werden, und beides hörte sich für mich ziemlich von Gestern an. 
Es waren mein Onkel und der Traum von der Freiheit, die mich dann nach Island gehen ließen. Während in Deutschland ein Sommermärchen gefeiert wurde, lief ich im isländischen Hochland Schafen hinterher und las mich abends durch die Weltliteratur. Doch weit weg von der Heimat versuchte ich für mich einen Weg zu erkennen, wie man es vielleicht zwischen all den Einfamilienhäusern, Jack-Wolfskin-Jacken und dem Deutschland, das Superstars sucht, schafft ein Leben zu führen, das man selber respektieren kann. Ich wurde nicht fündig, doch mein Vater fand einen Ausbildungsplatz für mich und holte mich zurück.

Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen und noch immer mache ich in dem Betrieb von damals das, was ich nie wollte: Ich klettere langsam nach oben in einer Hierarchie, die ich immer verachtet habe. Manchmal habe ich Termine, zu denen ich mit Hemd in der Hose und Anzugschuhen erscheinen muss. Während mein Personalchef vom nächsten Karriereschritt spricht, muss ich an die Doppelknoten in meinen Schnürsenkeln denken, die ich gemacht habe, damit ich nicht auf die Fresse fliege. Ich bin in dem Alter, in dem ständig gesagt wird: „Jetzt geht’s auf die 30 zu“ und langsam muss ich feststellen, dass nicht jeder über 30 eine Grundschullehrerin ist, die glaubt, es ist wichtig für das weitere Leben von 7-Jährigen, dass ein B genau aussieht wie das andere. Ich musste erkennen, dass ich nicht dafür geschaffen bin, mich auf Stühle zu setzen und anderen Menschen zuzuhören. Ich kann mich nur schwer auf Dinge konzentrieren, die mich nicht interessieren und die mir nichts nutzen, habe aber einen Job gefunden, in dem ich ganz gut bin. In der Arbeit mit Auszubildenden habe ich gemerkt, dass es Abiturienten gibt, die zwar die Binomischen Formeln können, aber keinen Dreisatz. Dabei rechnet man mit einem Dreisatz doch aus, wie viel jeder Mittrinker an der Bierkiste zu zahlen hat und mit den Binomischen Formeln – nun ja, ich habe keine Ahnung. Das soll kein Blog sein, der das Schulsystem anprangert und alle Lehrer verteufelt, sondern ein Text für jeden, dem es ähnlich geht, der im Studium, der Schule oder dem Job festhängt und sich selbst und die Welt dafür hasst. Es geht nicht darum, der Beste in irgendwas zu sein, sondern darum etwas zu machen, wofür man sich begeistern kann. Während all die Menschen, die in dieses System passen, es leben und weiterentwickeln, im Hamsterrad aus Erfolgssucht und Geldgeilheit feststecken, kannst du dich neben mich setzen. Ich mach ein Bier für dich auf und gemeinsam schauen wie den anderen dabei zu, wie sie sich gegenseitig mit Geld bewerfen.

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2 Gedanken zu „Ein Leben, das man selber respektieren kann.

  1. Bonnie sagt:

    Ich würde so liebend gerne mit dir ein Bier trinken und den Menschen zuschauen, wie sie sich mit Geld bewerfen! Sehr sympathisch!!! :-))

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