Der Verrat

Als Josef K. aus dem dunklen kleinen Raum hinter der Bühne trat, blendete das gelbe Scheinwerferlicht seine Augen und ließ ihn für für einen kurzen Moment erblinden. Bis Josefs Augen sich an das helle Licht gewöhnt hatten, sahen sie nichts weiter außer Sterne. Dann verengte sich seine Pupille, weniger Licht traf seine Netzhaut und infolge dessen konnte Josef die Konturen des Publikums deutlicher erkennen. Ein kurzer Blick über die Menge genügte, um zu erkennen, dass wieder mehr Zuhörer als die Woche zuvor erschienen waren. Vor zwei Monaten noch hatte er hier vor einer Hand voll Studenten gesprochen und nun sah er so weit das Auge reicht Menschen aus ganz Berlin. Was mit einer einzigen Veranstaltung Freitagabend nach der letzten Vorlesung begonnen hatte, war im Lauf der vergangenen Wochen zu einem regelmäßigen Treffen geworden, das sich immer größerer Beliebtheit erfreute. Es schien als würden seine Reden einen Nerv treffen, den niemand in diesem politikverdrossenen Land noch vermutet hätte. Josef hatte das Rednerpult erreicht und strich sich kurz über die Haare, die etwas zu lang waren – dieser Meinung waren zumindest die meisten anderen Politiker in der Partei.

Er lockerte seine Krawatte, öffnete sein Jackett und nachdem er mit einem Schluck Wasser seine Kehle befeuchtet hatte, begann er seine Rede, die vom Traum der Freiheit handelte. Er sprach davon, dass die eigene Regierung, seine Partei, gemeinsam mit anderen Geheimdiensten das eigene Volk überwache und das dann auch noch leugne. Er sprach von Chancengleichheit und Freiheit für alle, davon, dass jeder die Arbeit machen sollte, die ihm oder ihr Spaß macht, und des Weiteren, dass sie fair bezahlt werden müsse. Der Schweiß rann Josef über die Stirn, lief ihm in die Augen und brannte dort salzig und unnachgiebig. Josef spuckte Gift und Galle als er von einem alten Parteifunktionär sprach, der ihn zwei Tage zuvor ganz offen bedroht hatte. »Dieser Staat befindet sich vielleicht schon in zwei Jahren in der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten und Sie erzählen diesem bärtigen Gesocks irgendwas von Freiheit? Wenn alles zusammengebrochen ist und in Berlin die Spitze des Fernsehturms brennt, weil irgendwelche Idioten, die von Ihnen angestachelt wurden, glauben demonstrieren zu müssen, dann wissen diese Verräter, dass sie beobachtet werden, weil Sie es ihnen gesagt haben. Sind Sie dumm, K.?« Josef hatte geantwortet, dass er nur diese Welt besser machen wolle. Der Parteifunktionär erwiderte daraufhin: »Denken Sie nicht an die Welt, sondern an Ihre Karriere, und lassen Sie diesen Unfug.« Als Josef dem begeisterten Publikum diese Geschichte erzählte, begann es zu skandieren: »Freiheit! Freiheit!Freiheit!« Die Rufe hallten von den kalten, altehrwürdigen Mauern der Universität wider.

Nachdem Josef viele Hände geschüttelt hatte und seine Schultern von den Klopfern, die er darauf bekommen hatte, schmerzten, trat er aus der Universität und machte sich auf den Weg in ein Tanzlokal. Über ihm streute der Fernsehturm die Strahlen der untergehenden Sonne über die Stadt, die so groß und doch so eng war. Graue Wände reihten sich aneinander, um gemeinsam eine unnachgiebige Mauer von Intoleranz und Resignation zu bilden. In einigen Hauseingängen hatten Jugendliche in roten Buchstaben Parolen gesprüht, die vom Traum der Veränderung zeugten, doch schon halb ausgebleicht auch die Hoffnungslosigkeit widerspiegelten, die derzeit wie ein Virus um sich griff. Der Gehweg bis zum Tanzlokal erwies sich als Hindernislauf durch ein Minenfeld voller Hundescheiße und Josef fühlte sich an den Politikalltag erinnert. Wenn man Glück hat, überspringt man jedes Hindernis und wird am Ende auf der Ziellinie die Arme in die Luft reißen, dachte sich Josef. Wenn man Pech hat, dann stürzt man und ertrinkt im Wassergraben. Nur die Möglichkeit, als Wasserträger im Mittelfeld ins Ziel zu kommen, hatte er sich in den letzten Wochen verbaut. So ist das, wenn man das Spiel um Macht spielt, dachte Josef weiter und betrat das Tanzlokal. Aus den Lautsprechern erklang diese schnelle Musik, die die jungen Leute hörten und für die Josef eigentlich schon einen Tick zu alt war. Mit Mitte 40 wurde er nun in Texten hinter vorgehaltener Hand »Die Stimme der Jugend« genannt. Josef schmunzelte. Sollten sie doch alle schreiben und tuscheln, was sie wollen. Die Engstirnigkeit und Machtbesessenheit innerhalb der Partei war zu groß als dass Josef jemals hoffen konnte sie zu durchbrechen.

Auch wenn er sich zu alt für die Musik fühlte, nickte er dennoch mit dem Kopf im Takt, während er sein Bier trank und eine Gruppe Frauen beobachtete, die sich an der Bar tummelte. Die Kneipe war eine von diesen Lokalitäten, die gerade überall in Berlin aus dem Boden schossen. Nach Feierabend konnte man hier sein Bier trinken, seinen Gedanken nachhängen, etwas tanzen oder vielleicht eine Frau kennenlernen. Keine Mädchen, sondern Frauen, die wussten, was sie wollten und wie sie sich selbst und einen Mann glücklich machen konnten. Am Tisch nebenan saß eine Gruppe junger Männer in schlecht sitzenden Anzügen und mit dem Kopf voller Flausen. Josef beachtete sie nicht weiter, sondern widmete seinen Blick einer Frau auf der Tanzfläche. Ganz alleine tanzte sie im flackernden Licht des Stroboskops und bewegte ihre Beine anmutig, wenn auch leicht neben dem Takt, über den lieblos ausgelegten PVC-Boden. Die Frau trug einen Rock, der kurz genug war, um ihre schlanken Beine erkennen zu lassen, aber lang genug, um die Knie zu verbergen. Gut, ich mag keine Knie, dachte Josef bei sich und beobachtete die einsame Tänzerin weiter. Die schwarzen Haare trug sie offen und ihre weißen Zähne flackerten im Licht des Tanzlokals. Ihre Haut war braun gebrannt, obwohl der Sommer gerade erst begonnen hatte, und die Taille schmal. Unter ihrem schwarzen Oberteil konnte man kleine Brüste erkennen, die sich im Takt ihres Tanzes bewegten. Josef musste sich schütteln, um seinen Blick von ihr abzuwenden. Es ist nicht nett, Frauen anzustarren als wären sie die Auslage beim Metzger, rief er sich in Erinnerung und bestellte ein weiteres Bier. Als dieses kam und er sich wieder umdrehte, um mit seinem Blick die Tanzfläche abzusuchen, war die Tänzerin weg. Es erweckte den Eindruck als hätte sie sich in Luft aufgelöst und auch wenn Josef wusste, dass das nicht der Fall sein konnte, spürte er irgendwo im tiefsten Inneren eine nicht zu verstehende Erleichterung über das Verschwinden der Tänzerin. Josef trank sein Bier aus, legte einen Fünfer auf den Tresen und verließ das Tanzlokal.

Inzwischen war die Sonne hinter den Häuser verschwunden und der Dunkelheit gewichen. Josef war gerade zehn Meter in Richtung der nächsten S-Bahnhaltestelle gegangen, als er angesprochen wurde. »Haben Sie Feuer?« Josef wendete seien Blick nach rechts und da stand sie, die unbekannte Tänzerin, welche sich scheinbar in Luft auflösen kann und nun wie aus dem nichts wieder vor ihm stand. Es war seinen rhetorischen Schulungen in der Ausbildung als Hoffnungsträger der Partei und seinem Talent als Redner geschuldet, dass er nicht wie ein kleiner Schuljunge vor der Schönheit dieser Frau seine Sprache verlor, aber trotzdem wäre es fast passiert. »Natürlich«, sagte er lächelnd und zog aus der Innentasche seines Jacketts ein Benzinfeuerzeug. Sie steckte sich eine selbstgedrehte Zigarette in den Mund und Josef gab ihr Feuer. Dabei fielen ihm ihre großen, braunen Augen und die ebenso braune Haut auf. Wer ist diese hübsche Frau?, dachte Josef bei sich, während er sich selbst eine Zigarette nahm und sie anzündete. »Ich muss in diese Richtung«, sagte er und deutete die Straße entlang. »Und Sie?« –
»In dieselbe«, erwiderte sie und schlenderte neben ihm her. Josef hatte keine Probleme damit, mit wildfremden Menschen kleine Gespräche zu führen, und so entlockte er ihr, dass sie Leni hieß und ihre Eltern aus Vietnam nach Berlin gekommen waren. Obwohl sie hier geboren wurde, kämpfte sie mit Vorurteilen und Rassismus. »Nur weil mein Haut etwas dunkler ist und mein Nachname asiatisch«, sagt sie und wirkte betrübt.
Josef musste dagegen ankämpfen, nicht sofort und automatisch in die die Rolle des Politikers zurückzufallen und mit leeren Floskeln oder verlogenen Worthülsen Träume in Lenis Kopf zu pflanzen, welche die Partei dann nicht halten kann und wieder nichts weiter zurücklässt als enttäuschte Bürger. Stattdessen erzählte Josef ihr davon, dass sich die Menschheit immer weiterentwickelt hat. »Aus Höhlenmenschen, die sich gegenseitig erschlugen, wurden Siedler, die sich gegenseitig versorgten. Aus Kontinenten voller Bauern wurden Länder voller Industrie und aus kriegerischen Völkern wurden gute Nachbarn und am Ende dieser Entwicklung«, sagte Josef weiter, »wird, und davon bin ich fest überzeugt, eine tolerante Gesellschaft, ohne Vorbehalte, Rassismus und Ausgrenzung stehen.«
Leni lächelte ihn an, während Josef feststellen musste, dass er trotz des guten Vorsatzes, es nicht zu tun, in die Rolle des Parteipolitikers gefallen war. Verdammt. Gerade hatte sie die S-Bahnstation erreicht, als eine S-Bahn einfuhr, die aber, wie Josef feststellen musste, für ihn in die falsche Richtung fuhr. Für Leni scheinbar nicht. Sie umarmte ihn, sagte: »Tschüss«, stieg in die Bahn und war verschwunden. Schon wieder. Leni, du mysteriöse Frau. Ob er sie wohl wieder sehen wird? Fast rechnete Josef damit, dass sie plötzlich neben ihm stehen würde, doch als er seinen Kopf drehte, war er nach wie vor allein an der Haltestelle. Er griff in seine Jackentasche, um sich eine weitere Zigarette zu nehmen, als er er ein Stück Papier fühlte. Er holte es aus der Tasche und musste grinsen. Darauf stand nur eine Telefonnummer und in kleiner, verschnörkelter Schrift hatte sie »Leni« darunter geschrieben.

In den folgenden Wochen trafen sich Josef und Leni immer wieder. Josef nahm sie mit zu den Veranstaltungen am Freitagabend in der Uni. Die Teilnehmerzahl war inzwischen so groß, dass die Veranstalter überlegten auf die Straße auszuweichen, aber bei dem bürokratischen Aufwand in der Hauptstadt und der Angst der Behörden vor Demonstrationen könnte man genauso gut versuchen, die Genehmigung für einen Mondraketenstart zu bekommen. Hinter vorgehaltener Hand wurde über Josefs Verhalten getuschelt. In der Partei sprachen sie über ihn und schimpften darüber, dass jemand aus den eigenen Reihen es wagte, die Regierung so zu kritisieren, wo sie doch nur das Beste für das Land, das Volk und die Heimat wollte.

Es war der erste richtige Sommertag, als Leni und Josef unweit der Mauer an der Spree saßen und die Schiffe beobachteten. Leni trug ein weißes Sommerkleid mit bunten Blumen, das einen wunderbaren Kontrast zu ihrer Haut bildeten. Jetzt, da der Sommer mit voller Wucht Mitteleuropa erreicht hatte, war sie geradezu unverschämt braun geworden und ihr Lächeln wirkte dadurch nur noch weißer. Josef legte sich in das Gras, zündete sich mit seinem Benzinfeuerzeug eine dieser selbstgedrehten Zigarette an, die Leni immer rauchte, und schloss die Augen. Schließlich fragte er: »Warum rauchst du eigentlich immer diese gedrehten?«
Sie antwortete mit einer Gegenfrage: Ob er schon mal in den Behausungen der Flüchtlinge aus Vietnam war? Er musste verneinen und dann erzählte sie davon, wie ganze Familien in Lastwägen aus Asien bis nach Osteuropa transportiert werden.
»Ich habe eine Freundin«, erzählte Leni. »Thao. Sie wurde von ihrem Vater nach Europa geschickt um dort ›Geld zu verdienen‹. Sie war damals noch sehr jung, gerade 13, und dachte sie solle vielleicht bei reichen Familien in Prag, Warschau oder Berlin als Haushälterin arbeiten. Die Wirklichkeit sah natürlich komplett anders aus.«
Josef schluckte bei ihren Erzählungen. Dreizehnjährige Mädchen, die zur Begrüßung von ihrem Zuhälter vergewaltigt und schließlich auf den Straßenstrich geschickt wurden. Später wurde Thao in eine asiatische Drogenhölle an der deutschen Grenze gebracht, wo sie Drogen herstellte, die von deutschen Jugendlichen konsumiert wurde. Nackt, damit sie nichts klauen konnte und in der ständigen Gefahr zu explodieren, kochte Thao Rauschmittel, bis ihr irgendwann die Flucht gelang. Heute lebt sie in Berlin, bekommt so gut wie keine Unterstützung und hofft, eines Tages hier einfach nur leben zu können.
»Wenn du Thao und die anderen siehst, dann kaufst du keine teuren Zigaretten; dann rauchst du das Billigste, weil Geld Mangelware ist und sinnvoller verwendet werden kann.«
Josef hatte die Zigaretten längst vergessen und es interessierte ihn auch nicht mehr.
»Thao?«, fragte er. »Wird sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen? Oder die Staatsbürgerschaft?« Traurig schüttelte Leni den Kopf.
»Nein. Obwohl sie alles dafür tun würde. Sie würde sich dafür verkaufen, dafür lügen und dafür morden.«

Leni wurde schnell wieder fröhlich. »Lass uns nicht über diese furchtbare Welt sprechen. Wir müssen dem Grauen ins Gesicht spucken, indem wir fröhlich sind.«
Sie begann sich an Josef zu kuscheln und seinen Oberkörper wieder umzustoßen, als er sich aufrichten wollte, sodass Josef auf der Wiese lag und in die Sonne schaute. Obwohl er eine dieser großen Sonnenbrillen trug, die gerade angesagt waren, brannte die Sonne in seinen Augen. Leni legte sich auf ihn, nahm ihm die Zigarette aus dem Mund zog daran. Als sie den blauen Rauch wieder ausgeatmet hatte, küsste sie Josef auf den Mund und lachte, als er sich dagegen wehren wollte. Josef wusste sehr genau, dass ein Mann in seiner Postion auch gerne einmal beobachtet wird, und Fotos davon, wie er am Spreeufer eine deutlich jüngere Frau küsste, nicht unbedingt förderlich für seine Karriere sein könnten. Also hievte er Leni in einem Zug nach oben und trug sie einfach in Richtung der Hauptstraße. Leni lachte laut, fröhlich und glücklich. Ein Lachen, in das man sich verlieben kann, dachte Josef, während Leni ihre Beine um ihn schlang und ihre Fingernägel in seinen Rücken krallte. Kaum hundert Meter entfernt war ein Taxistand und Josef trug Leni bis in das Taxi, wo er nur eine Adresse murmelte und sofort begann auf der Rücksitzbank wild mit ihr zu knutschen. Ihre Lippen waren weich und unschuldig, ihre Zunge genau das Gegenteil. Hart forderte sie seine Zunge zum wilden Knutschen auf und mit der gleichen Bestimmtheit dirigierte Lenis Hand die von Josef unter ihr Kleid und an ihre festen Brüste. Josef konnte fühlen wie ihre Brustwarzen unter seinen Berührungen hart wurden und schließlich öffnete Leni ihre Beine und Josefs andere Hand fühlte ihre Feuchtigkeit, die nur auf ihn wartete. Für einen ganz kurzen Moment dachte Josef: Und das alles in einem Taxi.

Die Nacht war lang gewesen und der Morgen stand zu schnell in Form des unermüdlichen Weckers vor der Tür. Während Josef sich noch einmal umdrehte, um weitere fünf Minuten Schlaf zu bekommen, stand Leni auf und ging in die Küche. Es war das Geräusch von heißem Wasser, das durch einen Kaffeefilter strömt, der Geruch von frischem Kaffee und die Aussicht auf eine nackte Leni in seiner Küche, die Josef doch aufstehen lassen wollte, als Leni gerade »Kann ich kurz dein Telefon benutzen, Sef?« ins Schlafzimmer rief.
Josef wusste nicht mehr, wann genau sie dazu übergegangen war, ihn ›Sef‹ zu nennen, antworte aber trotzdem: »Ja klar. Im Flur.«
Da Leni nun mit seinem Telefon beschäftigt war, drehte er sich doch noch einmal um, bis seine Bettgenossin kam und ihn lachend aus dem Bett zog. »Steh auf, du Schlafmütze«, brüllte sie und zog ihn lachend aus dem Bett.
Nach dem Frühstück wollte sich Josef gerade zu ihr unter die Dusche stellen, als sie sagte: »Mein Kollege kommt gleich vorbei. Er braucht wichtige Dokumente, die da in dem Umschlag beim Telefon sind. Falls er klingelt, während ich duschen bin, kannst du sie ihm geben?« Josef blickte sie etwas verdutzt an, bevor er »Ja klar, kein Problem« sagte.
Er hätte nicht gedacht, dass sie beide schon in der Phase sind, in der man die Adresse des Partners an Kollegen weiter gibt, aber mit Leni geht einfach alles ein bisschen schneller, redete er sich ein. Und tatsächlich klingelte es kurz darauf an der Tür. Josef öffnete und trat in Jeans und Hemd, welche er in aller Eile überworfen hatte, in den Flur. Ein Mann, der Lenis Kollege sein musste, kam lächelnd die Treppe raufgehetzt und bedankte sich freundlich, als Josef ihm den Umschlag aushändigte. »Jetzt aber nichts wie unter die Dusche«, dachte sich Josef, als er das Hemd vom Körper riss und an Lenis flachen Bauch und ihre Brüste denken musste.

Knapp eine Woche später wurde er in die Parteizentrale gerufen. Der Parteifunktionär wolle ihn sprechen, hieß es. Eben jener Parteifunktionär, welcher ihn schon vor einigen Wochen ermahnt hatte, es mit den Veranstaltungen an der Universität nicht zu übertreiben. Nun also mochte genau dieser ihn sprechen. Kein gutes Zeichen, aber sicher auch kein katastrophales, redete Josef sich ein und betrat die Parteizentrale. Vorbei an der Statue, die ihn mit herrschaftlicher Geste, ausdrucksstarker Mimik und glänzender Weisheit auf der goldenen Haut begrüßte und einen dunklen Schatten vor den Empfang warf. Josef kannte die Empfangsdame vom Sehen und begrüßte sie freundlich lächelnd, doch das Lächeln wurde zu seiner Verwunderung nicht erwidert. »Herr K.«, sagte sie, »Sie werden im dritten Stock erwartet. Zimmer ähm…« Die Empfangsdame durchsuchte ihre Daten und sagte dann nickend: »Zimmer 33.«
»Dritter Stock?«, fragte Josef verwundert.
»Ja, dritter Stock«, bestätigt sie nun wild nickend und wies Josef mit einer Hand in Richtung Treppenhaus.

Josef trat aus dem Schatten der Statue und lief in Gedanken, die wie ein Wasserfall über seine Gehirnwindungen kamen, in das Treppenhaus hinein. Josef hatte vom dritten Stock der Parteizentrale gehört, ihn aber nie persönlich betreten. Wer ihn betritt, kommt als andere Person heraus, hieß es. Wahrscheinlich nur Gerüchte, versuchte Josef sich selbst zu beschwichtigen. Inzwischen hatte Josef den zweiten Stock erreicht und nahm die letzte Treppe zum dritten Stock in Angriff. Das Treppenhaus roch nach Plastik und Putzmittel. Josefs Hand glitt über einen mit schwarzem Plastik überzogenen Handlauf und seine Füße klatschen auf die harten Stufen, die die Schritte durch das ganze Treppenhaus hallen ließen und Josefs Ankunft, so kam es ihm zumindest vor, durch die ganze Parteizentrale verkündeten. Der linke Fuß traf auf den Boden. »K.«, hallte durch die weiten Räume. Der rechte Fuß berührte die nächste Treppenstufe. »Ist da«, tönte das sozialdemokratische Treppenhausecho. »K. Ist da! K. Ist da!«, tönte es mit jedem Schritt. Josef merkte, wie er zu schwitzen begann und ein einzelner Schweißtropen ihm seitlich am Bauch hinunterlief. Ruhig bleiben, schärfte Josef sich ein, während er um die nächste Kurve lief und sich wunderte, dass es hier nicht weg geht in Richtung drittem Stock. Er blickte nach rechts und sah dort eine Wand. Er blickte nach links, wo sich das Treppenhaus nach oben schlängelte wie ein Trampelpfad von Ziegen irgendwo im Himalaya. Josef blickte über die Brüstung nach unten und sah drei Stockwerke abwärts. Dann wendete er seinen Kopf und sah wie sich über ihm die Treppen zu einer riesigen Spirale formten und sich ganz am Ende im Nirgendwo verloren. Josef kniff seine Augen zusammen und versuchte die Decke zu erkennen, doch er sah nichts außer Handläufe und Treppenstufen, die scheinbar von Stockwerk zu Stockwerk immer kleiner wurden und sich unermüdlich nach oben wanden, bis sie sich irgendwann im Nichts verloren. »Was wohl ganz da oben ist?«, fragte sich Josef als er die letzten Stufen nahm und nach rechts in den Gang abbog.

›41‹ stand da in unbarmherzigen schwarzen Buchstaben an der grünlich schimmerten Tür rechts von Josef. »41«, murmelte Josef irritiert und ging trotzdem weiter. Zu seiner linken erschien nun Zimmer 42 und wieder rechts eine weitere Tür, die erbarmungslos verkündete Raum Nummer 43 zu sein. Josef lief weiter den Gang entlang, wohl wissend, dass er, obwohl er nicht wusste wie das passieren konnte, das dritte Stockwerk übersehen haben musste. Josef ging den Gang entlang, der mit rotem Teppich ausgelegt war und der langsam durch viele Schritte von aufstrebenden jungen Politikern und desillusionierten alten Hasen seine Farbe verlor und im Dreck der Berliner Politikwelt begann schwarz zu werden. Josef ging den ganzen Gang entlang, bis er schließlich bei Zimmer 49 angekommen war und vor einer Wand stand, die ihn zu verhöhnen schien. »Falsches Stockwerk, du nichtsnutziger Querulant!«, schien der Putz ihm entgegen zu rufen.
Obwohl Josef Lust gehabt hätte, mit seinem Fuß gegen die Wand zu treten, bis die Farbe von ihr abfällt, wendete er nur und schritt im monotonen Gang alle Zimmer wieder ab. Als er erneut das Treppenhaus betrat, wandte er sich nach links und folgte der Schwerkraft nach unten geradewegs auf einen Gang zu, den man, wie es Josef sofort klar wurde, nur sehen konnte, wenn man von oben kommt. Links kann man ganz normal dem Treppenhaus folgen, während man geradeaus in den dritten Stock einbiegen konnte. Schmale Stufen, die unterschiedlich hoch waren, wirkten als wären sie vor vielen Jahren in den Stein gehauen worden. Als Josef den Gang betrat, wurde es sofort einige Grad kälter und das Licht düsterer. Josef folgte den Stufen nach unten, welche schließlich in einen Gang mündeten, der dunkel und schmutzig vor ihm lag. Auf der linken Seite hingen Bilder. Josef trat an das erste heran und erkannte an seinem langen weißem Bart Karl Marx; das nächste Bild zeigte mit strengem Bart und hoher Stirn Lenin. Es folgten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und dann schließlich eine schwarze Tür, auf der mit roten Buchstaben die 31 prangte. Josef war dankbar, nun endlich auf der richtigen Spur zu sein, und betrachtete weiter die Bilder. Kurt Schuhmacher war da zu sehen, gefolgt von einem Mann den Josef nicht kannte und der Tür mit der Nummer 32. Kurz blickte Josef auf den Gang rechts von ihm, der einfach dunkel war und weder von Türen noch von Bildern verziert wurde, bis links ein Bild von Willy Brandt auftauchte und schließlich Che Guevara ihn kritisch beobachtete. Der Gang machte eine Biegung und Josef lief direkt auf das Bild von Helmut Schmidt zu, der mit einer Zigarette in der Hand in der Mitte der Wand milde lächelnd Josef von oben herab ansah.
Als Josef dem Gang nach rechts folgte, sah er, dass nun die linke Seite der Wand leer war und dafür rechts ein Bild hing. Der letzte sozialdemokratische Kanzler, Gerhard Schröder, erkannte Josef, und dann rechts schließlich das Zimmer mit der Nummer 33. Josef bemerkte erst jetzt wie nervös er war und wie stark ihm der Schweiß über den Körper rannte, wie feucht seine Handflächen waren und wie trocken seine Kehle. Trotzdem öffnete er die Tür, trat ein und verlor das Gleichgewicht. Seine Füße zogen es vor, vor dem Körper waagrecht auf den Boden zu knallen und Josef erkannte in diesem Moment, dass Zimmer 33 ein Rutschbahn ist. Der absteigende Ast, das Ende aller Ambitionen und die Kreuzung zwischen Realpolitiker und versifftem linken Träumer. Im Halbdunkel sah Josef eine Abzweigung vorbeihuschen, über der in großen, fetten Buchstaben »Karriere« stand und dann plötzlich eine Wand auf ihn zukommen. Josef versuchte zu bremsen. Er knallte die Hände auf den Boden und stemmte die Fußsohlen gegen den glatten Untergrund, doch nichts half. Dann prallte er auf.

Ein Schlag durchfuhr Josef und er zuckte einmal von unten nach oben. Von seinen Füßen bis zu seinen Haarspitzen durchfuhr ihn ein Blitz wie ein Stromschlag.
»Herr K. Der Parteifunktionär ist nun bereit, Sie zu empfangen.«
Josefs saß unter dem goldenen Willy Brandt und musste in der Wartehalle eingeschlafen sein. Er schwitzte am ganzen Körper und zitterte wie ein Baum, der mitten in einem Unwetters steht und sich dagegen wehrt, entwurzelt zu werden.
»Ah. Danke.« Josef fing sich langsam wieder und lächelte die Empfangsdame an.
»Zimmer 33«, erwiderte diese und wies Josef lächelnd mit dem ausgestreckten Arm zu den Aufzügen. Als Josef die ›3‹ drückte, wurde ihm peinlich bewusst, dass er eingeschlafen sein musste. In der Öffentlichkeit, während er auf einen wichtigen Termin wartete. »Hoffentlich hat das niemand bemerkt«, dachte er und betrachtete sich im Spiegel des Aufzuges. Seine Augen waren rot unterlaufen und die Ringe drumherum tief schwarz. Er und Leni hatten die ganze letzte Nacht mit Sex verbracht und gerade kurz vor dem Termin erst eine letzte Zigarette danach geraucht. Nach einer Nacht ohne Schlaf ist der Tag wie ein Rausch. Josef strich sich kurz durch das Haar, zog die Krawatte fest, verließ den Aufzug und ging eiligen Schrittes auf Raum Nummer 33 zu.

Der Parteifunktionär kam ohne Umschweife zur Sache.
»Wir sind derzeit der kleine Partner in einer großen Koalitionen und was betreiben Sie?«, fragte er und gab die Antwort sofort selbst. »Oppositionsarbeit. Sie stärken niemanden außer die Konkurrenz und schaden Ihrer – unserer – Partei.«
Josef wollte zu einer Antwort ausholen, doch der Parteifunktionär stach ihn sofort verbal nieder. »Machen wir es kurz. Wir haben Sie in der Hand. Bereits vor zehn Wochen haben wir Ihre Anrufe kontrolliert und Ihre Schwachstelle gefunden: Frauen.«
Der Parteifunktionär lächelte Josef süffisant an.
»Aber das dürfen Sie nicht«, entfuhr es Josef.
»Aber das dürfen Sie nicht«, äffte ihn der Parteifunktionär nach. »Ich darf, was gut ist für dieses Land. Sie stehen im Verdacht, Drogen zu konsumieren und damit zu handeln und somit darf der Innenminister Ihre gespeicherten Telefonate studieren. Gedankt sei der Vorratsdatenspeicherung.«
»Das dürfen Sie nicht!«, entfuhr es Josef wieder.
»Ich darf innerorts auch nicht 70 km/h fahren und mache es trotzdem. Die Daten werden gespeichert, also nutzen wir sie.«
Josef wusste nicht, wie ihm geschah. Das Büro des Parteifunktionärs war mit einem großen Tisch und mächtigen Stühlen vollgestopft. Der Raum war eigentlich zu klein für so viel Prunk und trotzdem konnte der Parteifunktionär sich scheinbar diesem Spiel um Macht mit großen Tischen und mächtigen Sesseln nicht entziehen. Sie hatten ein Spiel gespielt, dessen Regeln er nicht kannte, musste Josef einsehen: Noch schlimmer: Er wusste nicht mal, dass er es spielte.
»Kommen wir zu den Fakten. Wir haben dieses Mädchen.«
»Leni?«
»In Wirklichkeit heißt sie Thao und hat nun auch endlich die deutsche Staatsbürgerschaft, die sie sich schon so lange gewünscht hat.«
Josef sank in seinem Stuhl zusammen.
»Sie würde sich dafür verkaufen, dafür lügen und dafür morden«, waren Lenis Worte. Thaos Wahrheit. Wahrscheinlich das einzig Wahre, was sie je zu ihm gesagt hatte.

Der Parteifunktionär ließ einen Füller mit goldenem Deckel durch seine Finger kreisen. In silbernen Buchstaben stand ›Gasprom‹ auf dem Stift, den er dann neben seine Tastatur legte, um seinen Standpunkt weiter auszuführen.
»Wir haben außerdem ein Telefonat von Ihrem Telefon aus zu Berlins größtem Dealer. Zusätzlich dazu Fotos, wie Sie eben jenem jungen Mann vor Ihrer Wohnung einen Umschlag zustecken. Thao alias Leni hat dafür gesorgt, dass sie mit jeder selbstgedrehten Zigarette ein bisschen Gras rauchten, und Ihnen im Schlaf eine Haarprobe entnommen, die eindeutig beweist, dass sie gerne mal einen rauchen. Nun werden Sie sagen: Ein bisschen Gras reicht nicht, um meine Karriere zu zerstören. Nein. Wir haben aber auch noch Thao, die, nachdem sie mit Ihnen das Bett teilte, plötzlich und grundlos deutsche Staatsbürgerin wurde. Die Leute sind zurzeit sehr empfindlich, wenn es um Asylbewerber geht. Denken Sie doch einmal daran, was der bayerische Ministerpräsident dazu sagen würde.«
Der Parteifunktionär machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Drei Möglichkeiten, Herr K. Sie unterstellen sich wieder der Partei und unterlassen Ihre unsäglichen Auftritte vor diesem Pöbel, oder Sie lassen die Politik bleiben oder alle Daten, die wir gegen Sie gesammelt haben, einschließlich einer jungen Dame, die erzählen wird, wie Sie ihr für Sex die Staatsbürgschaft besorgt haben, landen bei der Bild, beim Spiegel und der Süddeutschen.« Josef sank komplett in sich zusammen. »Wer hat mich verraten?«, dachte er und kannte die Antwort.

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