Zu jung für dieses Leben.

Der Bäcker

Wenn man morgens um drei Uhr anfängt zu arbeiten, ist man nie richtig wach, aber man schläft auch nie wirklich. Die Straßen dieser Stadt bäumen sich um halb drei noch ein letztes Mal auf, um dann in den Tiefschlaf zu fallen. Die letzten Betrunkenen taumeln aus Kneipen, versuchen verzweifelt die letzte Straßenbahn zu erwischen oder winken einem Taxi. Ich sitze auf meinem alten Fahrrad und trete wie bescheuert gegen den Dynamo an. Im Neonlicht der Straßenlaternen schleicht eine Katze durch eine dunkle Gasse. Alle Gestalten sehen gleich aus im dunklen Schimmerlicht der Hoffnungslosigkeit.

Ich habe längst aufgehört, mein Rad an den Fahrradständer zu ketten. Niemand würde es klauen. Sogar die Anti-Alles-Hipster haben noch so viel Kapitalismus in sich. Ich ziehe mich um und gehe Brezen falten. Mit 15 habe ich eine Ausbildung zum Bäcker begonnen und sie drei Jahre später auch beendet. Elf Jahre ist das jetzt her. Elf Jahre, in denen sich die Welt verändert hat. Niemand kauft mehr Brötchen beim Bäcker, Wurst beim Metzger, Milch beim Bauern und Gemüse beim Gemüsehändler. Alles ist auf Sparen ausgelegt. Spar dir Geld, spar dir Zeit und spar persönliche Kontakte. Alles, was du brauchst, ist ein Euro Pfand für den Einkaufswagen und eine Karte zum Punkte sammeln, damit du in drei Monaten ein völlig unnötiges Messerset bekommst. Jeder Mensch ist nur noch Teil einer Supermarktkette, ein Zahnrad des »Geiz ist geil«-Kapitalismus.
»Hallo«, »Sammeln Sie Punkte?«, »23,53€«, »Geheimzahl eingeben«, »Schönes Wochenende«.
Abgestumpfte Phrasen als Pseudohöflichkeit. Der Anschein von menschlichen Kontakten lässt uns alle verfacebooken. Kalle Schröderhausen gefällt Aldi. Kalle Schröderhausen ist jetzt mit Wut auf die Gesellschaft befreundet.

Siebeneinhalb Stunden lang lege ich Brezen so präzise wie ein Uhrwerk zusammen. Eine halbe Stunde bin ich rauchen. Sechs Tage die Woche Brezen für eine ausgehungerte Stadt, die immer im Stress ist. Schnell eine Breze und einen Kaffee zum Mitnehmen, bevor die U-Bahn sich vor einem schließt. Wieder fünf Minuten verloren, die man unnötig am Bahnsteig steht. Wieder fünf Minuten seines wertvollen Lebens verplempert. Fünf Minuten, in denen man nicht an der Börse mit Lebensmitteln handeln kann. Wann zieht endlich irgendjemand die Notbremse? Einmal auf die Fresse fallen und die Welt entschleunigen.

Es ist der letzte Tag des Monats Mai und endlich Geld auf meinem Konto. Was waren es noch für Zeiten, als der Kontostand auch mal vierstellig wurde. Ich hebe 20€ ab und werde morgen gespannt schauen, wie viel der 1. Juni noch übrig gelassen hat. Unterhalt für zwei Kinder und eine Exfrau, Miete für eine Wohnung mit Klo und immer noch ein Restkredit für ein Haus, das längst wieder verkauft ist. Kalle Schröderhausen gefallen gescheiterte Existenzen.

Zuhause angekommen versuche ich, meine Exfrau und die Kinder zu erreichen. Sie musste ja unbedingt wieder in das Dorf ihrer Eltern ziehen. In das Haus ihrer Eltern. In das Leben ihrer Eltern. Vielleicht ist das Leben für die Kinder auf dem Land schöner. Vielleicht sollten Kinder aber auch ihren Vater öfter als zwei Mal im Jahr sehen. Vielleicht. Was weiß denn ich? Ich frage mich auch, warum ich nie jemanden erreiche. Entnervt lasse ich das Telefon in die Hosentasche gleiten. Die Wohnung ist trist und leer. Mit jedem Umzug wurden es weniger Gegenstände; mit der Scheidung nur noch ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Laptop. Es gibt Menschen, die absichtlich auf Besitz verzichten, die glauben glücklicher zu werden, wenn sie für jeden neuen Gegenstand zwei alte verkaufen, bis sie nur noch hundert Gestände besitzen oder irgendwann für ein neues iPhone erst mal eine Niere spenden müssen. Solche Probleme möchte ich gern haben.
»Ruf mich halt mal an. Ich würde gerne die Kinder sprechen«, tippe ich in mein Handy und weiß, dass sich doch nie jemand melden wird. Wie immer.

Der Monatserste hat mir noch 250€ übrig gelassen. Ich hebe 100€ davon ab, gehe zum Einkaufen in einen Supermarkt und steigere meinen Selbsthass damit ins Unermessliche. Wenn die eigenen Werte unerreichbar sind, muss man sich in Galgenhumor flüchten. Als Zeichen meines Hasses auf das Establishment zahle ich bar, sammle keine Punkte und nehme keinen Wagen. Ich habe 100€ im Monat für Lebensmittel. Wenn ich jetzt für 50€ einkaufe, muss es für zwei Wochen reichen. Fertigpizza, Nudeln, Instantsoße und Mineralwasser. Das Wasser und Brot des modernen Sklaven. Fertigprodukte für fertige Menschen. Wir sind alle nur noch Aufbackhumanoiden, verzweifelte Wegwerfmenschen. Ein paar Vitamine brauche ich ja auch, denke ich, als ich zu einem Sechserpack Äpfel greife. Früher hat man Äpfel im Winter im Keller gelagert, heute fährt man sie mit Lastwagen durch ganz Europa. Lager auf der Straße für eine Welt, die niemand mehr versteht.

Ich habe nur für 40€ eingekauft. Das Essen sollte für zwei Wochen reichen. Ich kaufe meinen beiden Kindern von den verblieben 10€ je ein Matchboxauto und schicke es mit der Post zu ihnen aufs Land. Keine Ahnung, ob ihre Mutter ihnen die Autos gibt, aber ich habe mein Gewissen beruhigt, für einen Moment das schlechte Gefühl in Geschenken ertränkt. Kalle Schröderhausen gefällt die Illusion von Glück.

Ich stopfe mich mit altem Brot und zwei Paar Wienern voll, bis ich keinen Hunger mehr habe, stecke mir 30€ in die Hosentasche und gehe aus der Wohnung. Jeden Tag fällt einem die Decke auf den Kopf. Jeden Tag will man einfach nur raus. Jeden Tag reicht es nur für einmal Joggen durch den Park oder Spaziergänge durch Elektronikläden, die einem vermitteln, was man braucht, um ein kompletter Mensch zu sein. 80-Zoll-Fernseher, die nicht mal mehr flach sind, sondern die Ränder nach außen biegen wie ein Bumerang. Dein Fenster zu einer besseren Welt, schärfer als die Realität. Verkauf deine Seele, gib uns ein Monatsgehalt und werd endlich ein ganzer Mensch. Mach dein Wohnzimmer zum Heimkino mit Rundum-Sound, der dir vermittelt, dass du von einem explodierenden Auto überfahren wirst. Träume für ein kleines Glück. Aber heute nicht. Heute habe ich 30€ in der Tasche für ein paar Bier, für ein paar Kontakte, für ein bisschen menschlich fühlen.

Die Kneipe ist dunkel und leise, aber perfekt für ein erstes Bier. Der Tresen ist schäbig und schlecht gewischt, aber er hat dieses gewisse Etwas. Ein Tresen, an dem man versacken, sich selbst verlieren, aufgeben oder neu anfangen kann.
»Ein Bier und einen Jägermeister«, bestelle ich.
Als ich den Jägermeister kippe, proste ich dem Wirt freundlich zu. Er wirft sein Geschirrtuch über die Schulter und hält ebenfalls sein Wasserglas in die Luft.
»Trinkst du auch einen mit?«, frage ich.
Der Wirt kommt langsam auf mich zu und schüttelt den Kopf.
»Alkohol und ich sind keine Freunde.«
Der Jägermeister lässt mich erschaudern und ich spüle den ekelhaften Geschmack mit Bier weg. »Hast du mal zu viel getrunken?«, frage ich weiter, um das Gespräch am Laufen zu halten.
Mit Ausnahme meiner Kollegen ist der Barkeeper der erste Mensch seit Wochen, mit dem ich spreche.
»Weißt du«, beginnt er, »mein Vater stand sechs Tage in der Woche genau hier«, und deutet dabei auf den Boden. »Hinter diesem Tresen hat er mit jedem der Kunden einen mitgetrunken. Den ganzen Abend lang. Die Gäste haben einen getrunken oder zwei, er zwanzig oder dreißig. Jeden Abend ist er dann die Treppe nach oben gelaufen«, erzählt der Wirt und deutet mit der Hand in Richtung einer Tür und dann nach oben zur Decke.
»Da oben lag ich in meinem Bett und habe gelauscht. An guten Tagen hat er meine Mutter nur angeschrien, an schlechten hat man die Schläge im ganzen Haus gehört ›Ich bin der Mann, ich hab das Recht dich zu ficken, wann immer ich will‹, hat er oft geschrien. Als ich 18 war, ist er gestorben. Genau hier hinter diesem Tresen.«
Wieder deutet er mit seinem Zeigefinger auf den Boden.
»Seitdem stehe ich hier, sechs Tage in der Woche, und schenke aus. Weißt du, was dann passiert ist?«
Er lehnt sich über den Tresen und sieht mich fragend an, während ich mit den Schultern zucke.
»Keine Ahnung.«

»Ich hatte die ganze Nacht gesoffen, hier einen Kurzen, da einen Schnaps und dazwischen nur Bier. Nach ein paar Stunden war ich komplett blau. Dann steht da drüben eine hübsche Frau.«
Jetzt deutet er mit seinem Finger auf einen Tisch im Eck.
»Ich rotzbesoffen hin. ›Hey, fick mich‹, rufe ich. ›Das ist meine Kneipe, da fick ich, wen ich will‹. Ich laufe auf sie zu und hole schon mal meinen Schwanz raus. Dann stolpere ich, falle um und schlafe einfach ein.«
Er zuckt mit den Schultern.
»Ich war ein widerliches Arschloch wie mein Vater. Seit diesem Tag trinke ich nichts mehr. Alkohol und ich sind keine Freunde.«
»Aber verkaufen tust du das Zeug noch?«
»Ich muss ja leben.«
»Ich muss ja leben.«, wiederhole ich leise.
»Bekomme ich noch einen Jägermeister?«, frage ich laut.
Kalle Schröderhausen ist in einer Beziehung mit Jägermeister.

Wieder auf der Straße drehe ich mir eine Zigarette und laufe langsam in Richtung Kneipenstraße. Ich habe noch 23€ in der Tasche, die mich durch diese Nacht bringen und mich betrunken machen sollen. Mir kommt eine Horde Teenager entgegen, die zu McDonalds abbiegt. Wie geil das noch war mit 17, als man 400€ Lehrlingsgehalt überwiesen bekommen hat und die auch versaufen, verfressen und verrauchen konnte. Ich denke an meine 23€ und ziehe weiter. Gegenüber dem Busbahnhof ist ein kleiner Imbiss. Es gibt Bier aus der Flasche und kleine Jägermeisterflaschen für den heimlichen Durchschnittsalkoholiker. Ich kaufe jeweils eine. Der Imbiss ist ein Pommeswagen mit einer Art Wintergarten davor. Zwei Stehtische laden zum ungemütlichen, schnellen Currywurstessen ein. Nahrungsaufnahme im Takt der sich immer schneller drehenden Welt. Essen als notwendiges Übel. Mittags treffen sich hier Banker, Investmentberater und Journalisten auf zehn Minuten Mittagspause, für einmal extrascharf und eine Cola. Etwas später kommen die Schüler vorbei. Die jüngeren kaufen Kaugummis, die älteren Mentholzigaretten und abends vermischt sich dann das Publikum: Partygänger und Penner, Helden und Diebe.

Ein alter Mann betritt den Imbiss. Die rechte Hand stützt er auf einer Krücke ab, die die besten Zeiten auch schon hinter sich hat. Das rechte Bein ist offenbar steif und das Gesicht seit Wochen unrasiert.
»Ist nichts da, Martin.« ruft der Imbisswagenmensch sofort.
Die Tasche in Martins linker Hand klirrt verräterisch und ich sage:
»Wenn du ein bisschen wartest, kannst du meine Flasche haben.«
»Mache ich doch glatt«, antwortet Martin auf seine Krücke gestützt und kommt auf mich zu.
»So geht das aber nicht. Du musst schon was kaufen, wenn du hierbleiben willst.« ruft der Imbisswagenmann aus dem Hintergrund.
»Ein Bier für Martin!« sage jetzt ich und lege zwei Euro auf den Tresen.
Martin prostet mir zu.
»Danke. Habe lange nichts mehr geschenkt bekommen.«
»Kein Ding.«
»Hast du mal ne Zigarette?«
»Kannst du drehen?«
»Ja. Klar.«
Ich lege ihm den Tabak auf den Tisch und beobachte, wie seine langen, gelben Fingernägel geschickt genau die richtige Menge an Tabak auf das Papier legen und dann zusammendrehen.
»Früher auf dem Bau haben wir alle selbst gedreht«, erzählt er, während er sich die fertige Kippe in den Mundwinkel schiebt und anzündet.
»Da das große Gebäude von der Sparkasse«, sagt er und deutet dabei vage in eine Richtung.
»Da habe ich mit dran gebaut. Und an dem großen Edeka auch und Häuser hab ich gebaut. Ich kann dir sagen: riesige Villen und alles mit diesen Händen.«
»Maurer?«
»Ja. 45 Jahre lang habe ich als Maurer geschuftet und dann? Soll ich dir sagen, was dann war?«
Ich nicke und halte ihm meine Jägermeisterflaschen entgegen.
»Nichts war dann. Nichts. Ich war 61. Dann haben die mich entlassen, weil die 20-Jährigen schneller waren als ich. Jeden Winter musste ich stempeln und dann mit 61 haben die mich einfach nicht mehr genommen. Zack, gehörtest du plötzlich zum alten Eisen.«
»Und was hast du mit deinem Bein gemacht?«
Er setzt meinen Jägermeister an, nimmt einen tiefen Schluck und erzählt weiter.
»Ach. Da wollten sie mich operieren. Weil es gebrochen ist. Aber das halte ich schon so aus, die paar Jahre, die ich noch leben muss.«
»Aber Martin, das kannst du doch nicht machen. Du musst das doch operieren…«
Plötzlich geht Martin voll in die Luft.
»SAG MIR NICHT, WAS ICH ZU TUN HABE! JEDER GLAUBT IMMER MIR SAGEN ZU MÜSSEN, WAS ICH ZU TUN HABE!«
Er trinkt sein Bier aus, lässt die Flasche stehen und geht. Erst als die Tür hinter ihm zufällt, beginne ich mich zu fragen, was da eigentlich gerade passiert ist.
»Ist ganz normal bei dem«, antwortet der Mann im Wagen.
»Der geht immer so ab. Kommt wohl mit seinem Leben nicht klar.«
Er deutet dabei einen Scheibenwischer vor seiner Stirn an.
»Wer tut das schon?«, erwidere ich und leere meinen Jägermeister.

Draußen ist die Partynacht schon im Gange. Tiefer gelegte Autos fahren mit lauter Musik durch die Stadt. Picklige Jungs mit blonden Mädchen auf dem Beifahrersitz beschleunigen laut und lassen Gummi ihrer Vorderreifen auf dem Asphalt zurück. Das letzte Auto, das ich hatte, war ein 14 Jahre alter Polo. Man braucht in dieser Stadt kein Auto, wenn man nicht Freitagabend mit Püppis als Beifahrer seinen Penis heraushängen lassen will. Die Clubs sind leer; noch tummelt sich das Partyvolk in WGs, Bars und Kneipen. Die Türsteher stellen schon mal den Kragen auf und polieren ihre Goldkettchen. Auch der traurigste Typ kann sich stark fühlen, wenn er Jugendlichen mit einem einfachen Kopfschütteln den Abend versauen kann. Ich mag keine Clubs. Die Musik ist zu laut, der Alkohol zu teuer und die Menschen zu schön. Außerdem würden die 17€ in meiner Hosentasche gerade mal für den Eintritt reichen. Die ganze Stadt glitzert. Im grellen Licht der Reklametafeln zählen nur Äußerlichkeiten. Hässliche Charaktere verschwinden hinter Make-up und in engen Skinnyjeans. Kalle Schröderhausen ist befreundet mit Hass auf das Nachtleben.

Ich hole mir an einer Tanke noch ein Bier und verschwinde in die Seitengassen, in denen sich die Menschen treffen, die nicht in diese Glitzerwelt passen. Am Bordstein parken dicke Mercedes, deren Besitzer still und heimlich in die Bordelle verschwinden. In den Schaufenstern hat sich schon die menschliche Ware der Nacht platziert. Tiefe Ausschnitte und aufgesetzte Lächeln. Die Türsteher sind älter als vor den Clubs, die Mädchen dafür freizügiger. Wer BMW fährt, parkt direkt im roten Licht; wer unauffällig sein will, kommt mit dem Bus. Ich schleiche durch die Gassen und einige Mädchen versuchen ihr Glück. Für die meisten bin ich wohl ein hoffnungsloser Fall.
»Hey Kalle!«, ruft eine Stimme. Ich drehe mich im Kreis und versuche sie zu orten.
»Hier«, ruft die Stimme wieder, während ich wie eine Fledermaus die Signale orte. In einer engen Gasse vor einer kleinen Tür steht Marina.
»Marina«, sage ich, während ich die Arme ausbreite und auf sie zulaufe.
»Kalle!«
»Alles klar? Wie geht’s dir? Was machst du hier?«
Ich drehe mir eine Kippe, während sie an ihrer dünnen, langen, französischen Zigarette zieht.
Nuttenstängel haben wir die früher genannt, denke ich und erst jetzt wird mir klar, was es bedeutet, dass Marina am Hintereingang eines Puffs steht. Sie antwortet nicht auf meine Fragen, also erzähle ich von mir. Von den Kindern, die ich zuletzt an Weihnachten gesehen habe, und vom Job, der mich immer dann schlafen oder arbeiten lässt, wenn andere Menschen soziale Kontakte pflegen.
»Wir müssen eben alle schauen, wie wir überleben«, sagt Marina nur.
Plötzlich öffnet sich die Tür.
»Jessie, du bist dran!«, brüllt ein junger Kerl, dem man das Arschlochsein schon von weitem ansieht.
Die Länge seiner abrasierten Haare spiegeln die Größe seiner Intelligenz wider. Trotzdem darf er die Puppen tanzen lassen – oder vielleicht genau deswegen. Er mustert mich von unten nach oben und sagt:
»Verpiss dich, du Penner.«
»Ciao«, sagt Marina zu mir und flüchtet ins Innere.
Ciao, Marina aus der 6c, die immer davon geträumt hat Ballet in Paris zu tanzen und jetzt Jessie heißt und als nächstes dran ist. Ciao, du schöne Welt, von der wir alle mal geträumt haben, als wir 12 waren. Ciao, du Traum vom Fußballprofi, Hubschrauberpilot und Privatdetektiv. Kalle Schröderhausen ist mit zerplatzten Träumen hier: Seitengasse eines Puffs.

Ich habe noch 15€ in der Tasche, die ich in Bier, Jägermeister und eine neue Packung Tabak investiere. Ich habe kein Geld mehr, bevor es 24 Uhr ist, dabei beginnt doch die Nacht da erst richtig. Die Schlangen vor den Clubs sind jetzt am längsten. Die Tanzflächen füllen sich langsam und Blicke zweier Fremder treffen sich. Noch heute Nacht werden sie eins werden, Körperflüssigkeiten austauschen und sich dann nie wieder sehen. Koks wird von Klodeckeln gezogen, Bier wird bestellt und die Bedienungen reichen einem dreist ein Beck’s für 4€. Was soll denn das für eine Welt sein?

Ich kämpfe mich an Schlangen und kreischenden Mädchen vorbei, vorbei an »Alter, ich habe meinen Ausweis wirklich verloren« und »sollen wir Telefonnummern tauschen?«. Ich betrete die Tiefgarage unter einem Einkaufszentrum und fahre mit dem Aufzug nach ganz oben. Ich weiß nicht mehr, wer mir den Tipp gab, aber schon vor mehr als einem Jahrzehnt konnte man nachts hier hoch auf das Dach. Jeden Samstag war ich damals mit einem anderen Mädchen hier. Der coolste Typ der Stadt. Der größte Aufreißer im Umkreis. Der Erste, der ein paar Kröten verdient hat, während die Gymnasiasten noch für 20€ am Tag Zeitungen austragen mussten. Wer die Kohle hat, hat auch die Diskobräute. Würde ich immer noch jedes Wochenende hier sitzen, wäre damals nicht eine schwanger geworden? Kalle Schröderhausen hat jetzt schlechte Gedanken.

Ich liebe meine Kinder und trotzdem haben sie mein Leben gespalten wie ein Stück Holz. Hier der Partyboy mit zwei Mädchen im Arm, dort der Mittzwanziger, der sich ein Haus kauft und immer nach acht Stunden Arbeit noch acht Stunden lang das Haus repariert. Ein Mittzwanziger, der versucht eine Familie aufzubauen und dabei mit Anlauf auf die Fresse fällt. Ich war zu jung für dieses Leben. An schlechten Tagen erwische ich mich dabei, wie ich ausrechne, wann meine Tochter und mein Sohn nicht mehr unterhaltspflichtig sind. An schlechten Tagen denke ich mir, dass ein Sprung vom Dach dieses Hauses das ganze Elend beenden könnte. An guten Tagen denke ich an das Lächeln meiner Kinder und stelle mir vor, wie sie mit ihren Matchboxautos spielen, die ich ihnen gestern geschickt habe. Ich wünschte, ich könnte nur noch gute Tage haben.

Ein Schrei von der anderen Seite des Gebäudes reißt mich aus meinen Gedanken. Ich laufe über das Dach und blicke nach unten. Zwei Männer zerren an einer Frau. Einer hält sie fest, während der andere an ihrem T-Shirt zerrt. Ich trinke mein Bier aus und feuere die Flasche nach unten. Sie schlägt einen halben Meter entfernt ein. Ich halte mein Handy in die Luft und rufe:
»Hey ihr Arschlöcher, ich filme das. Lasst die Dame gehen oder morgen kann jeder auf YouTube sehen, was für Wichser ihr seid.«
»Scheiße, Mann«, höre ich, bevor die beiden Männer von der Frau ablassen und in die Dunkelheit der Nacht verschwinden.
Ich weiß gar nicht, ob dieses Handy überhaupt filmen kann. Was soll’s? Es hat funktioniert.
Langsam gehe wieder zurück auf die andere Seite. Von unten dröhnt manchmal der Bass nach oben, wenn sich die Tür des Clubs kurz öffnet. Wann wurde Musik eigentlich unrhythmisches Bassgebumse und wann wurden Gitarren out? Wieso starb mit Kurt Cobain auch der Rock?

Ich setze mich auf die Kante und lasse meine Füße baumeln. Ich warte darauf, dass die Kirchturmglocke am Horizont endlich 12 schlägt. Dann ist diese ganze Scheiße einfach vorbei. Plötzlich fährt der Aufzug nach oben. Ich blicke irritiert nach hinten. Die Aufzugtüren öffnen sich und die Frau, die gerade in der Gasse von den zwei Typen belästigt wurde, steigt aus.
»Du willst aber nicht da runterspringen?«, fragt sie. Ich zucke mit den Schultern.
»Ne, ich warte nur.«
»Ich wollte mich nur kurz bedanken. Du hast mir echt geholfen.«
»Gerne«, sage ich und versuche zu lächeln.
Sie stellt sich hinter mich.
»Worauf wartest du?«
In diesem Moment läuten in der Dunkelheit die Kirchenglocken.
»Darauf«, sage ich. Sie blickt mich fragend an.
»Jetzt bin ich 30.«

Jedes Jahr mit einer 2 vorne dran wurde immer schlechter, immer mühsamer, bis ich schließlich ein einsamer, verarmter Bäcker wurde. Jetzt steht da eine 3. Jetzt geht es aufwärts. Mein Handy klingelt. Ich gehe ran.
»Alles Gute zum Geburtstag, Papa!«, hallt es mir ins Ohr.
Ich habe Tränen in den Augen.

Nachdem meine Kinder wieder ins Bett gegangen sind, öffne ich den Jägermeister und frage die fremde Frau, wie sie heißt. »Anna«, sagt sie. Ich umarme sie und frage leise: »Heute Abend noch was vor?«
Kalle Schröderhausen ist jetzt mit Anna befreundet. Kalle Schröderhausen gefällt jetzt das Leben.

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Ein Gedanke zu „Zu jung für dieses Leben.

  1. Wunderbar geschrieben, tragisch und lustig und traurig und herzerwärmend zugleich, wie das leben halt so ist.
    Hatte ein paar mal n kloss im hals und n paar mal laut gelacht.
    Danke für diesen tollen text;
    Lg fritze

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